Lost River

Ryan Gosling hat sich wie viele seiner Schauspielkollegen unter die Regisseure gewagt und orientiert sich mit seinem surrealistischen Werk LOST RIVER klar an seinen Vorbildern Nicholas Winding Refn und Derek Cianfrance. Seine Geschichte ist keine – vielmehr ist sein Thrillerdrama eine Szenenkollage, aus der ein nicht enden wollender Albtraum wird. Mehr zum Film lest Ihr in meiner Kritik.

Lost River

Der Plot

Jeder sucht woanders nach einem besseren Leben: Das einst blühende Lost River ist zu einer gefährlichen Geisterstadt geworden – wer kann, zieht weg. Billy (Christina Hendricks) liebt ihre beiden Söhne und will noch bleiben. Bones (Iain De Caestecker), der ältere, gerät ins Visier einer gewalttätigen Gang. Seine Mutter muss dringend Geld auftreiben, um das Haus der Familie behalten zu können. In ihrer Not nimmt sie das Angebot eines zwielichtigen Nachtclubs an, in dem sie auf die geheimnisvolle Cat (Eva Mendes) trifft. Doch Billy ahnt nicht, dass sie mit diesem Job ihr Leben aufs Spiel setzt. Für die Familie ist die Zeit gekommen, sich zu wehren. Eine mysteriöse Straße, die mitten in den See und in eine geheimnisvolle Unterwasserwelt führt, könnte der Schlüssel zu einem neuen Aufbruch sein…

Kritik

Müssen Filme zwingend eine Geschichte erzählen? Ein Großteil der Gelegenheitskinogänger wird diese Frage aller Voraussicht nach mit einem lauten und entschiedenen „Ja!“ beantworten, denn bei den horrenden Ticketpreisen des 21. Jahrhunderts wird die Hemmschwelle, einen Film jenseits der völligen Unterhaltung aufzusuchen, immer höher. Doch zum Glück gibt es das Arthouse-Kino, dass uns in konstanter Regelmäßigkeit davon überzeugt, dass Filme nicht zwingend aus Story bestehen müssen, um als Gesamtkunstwerk zu funktionieren. Filmemacher wie Terrence Malick sind Meister auf dem Gebiet des nicht linearen Arrangements von Szenenfragmenten, die zusammengenommen zwar als Erzählmotiv funktionieren, allerdings in Gänze auf so etwas wie Spannungsbögen, klar definierbare Höhepunkte, Pro- oder Epiloge verzichten. Was zählt, ist weniger das Nachverfolgen eines fiktionalen Schicksals, als vielmehr das auf alle Sinne des Zuschauers abgestimmte Endergebnis. Zwischen diesen beiden Extremen der Filmkunst siedelt sich bisweilen wenig an. Doch dem Skandinavier Nicholas Winding Refn („Drive“) vermochte als einem der ersten das Kunststück zu gelingen, den Anspruch eines kinematografischen Sinneseindrucks mit einem weitestgehend „normalen“ Plots zu kombinieren. Und weil Hollywood-Beau Ryan Gosling („Only God Forgives“) nicht nur Refns Lieblings-Besetzungscoup darstellt, sondern obendrein auch noch ein großer Fan des Filmemachers ist, orientiert sich Gosling bei seinem Regiedebüt in Gänze an der Art seines großen Vorbilds; auch um diesem, eigenen Angaben zufolge, einen längst überfälligen Tribut zu zollen. Dafür erntete er bei der Weltpremiere in Cannes 2014 Buhrufe, denn einen Sinn vermag man in der bedrückenden Gesellschaftsstudie „Lost River“ auch bei näherem Hinsehen kaum zu erkennen. Als visueller Sinneseindruck in Spielfilmlänge funktioniert der surrealistische Albtraum hingegen ganz ausgezeichnet.

Saoirse Ronan

Irgendwo zwischen Bildkollage und poetischem Klagelied lässt Ryan Gosling Szenen von Feuer, von Schmerz und psychischer Qual auf sein Publikum los, die in ihrem nackten Minimalismus bisweilen nur schwer zu ertragen sind. Momente, in welchen aus dem Nichts ein flammendes Fahrrad von rechts nach links über die Leinwand fährt oder der undurchsichtige Bully mit einer Schere Nagetiere tötet, haben nie die brachial-offensive Wucht eines Slasher-Movies, doch brennen sie sich in Ermangelung von Netz und doppeltem Boden nur umso tiefer unter die Haut. „Lost River“ ist eine beklemmende Geisterbahnfahrt, für die sich Gosling von seinen vielen Besuchen in der Arbeiterstadt Detroit inspirieren ließ. Auch das Schaffen von Regisseur Derek Cianfrance, mit dem der Schauspieler bereits mehrmals drehte („Blue Valentine“, „The Place Beyond the Pines“),  formte die Produktion in ihrem von zaghaft bis bestialisch reichenden Gefühlsspektrum sichtlich. Worum es genau geht, ist letztlich egal, denn die rudimentär gezeichnete Geschichte ist für die aufkeimenden Publikumsreaktionen und –Emotionen kaum von Relevanz. Der vage Plot erzählt von den Irrungen und Wirrungen innerhalb einer Familie, die am Rande des Existenzminimums vor sich hin vegetiert. Die einzelnen Szenen bauen dabei nur grob aufeinander auf und für den Verlauf der Geschichte selbst scheint das Geschehen einzelner Szenen nie Auswirkungen zu haben. Gosling inszeniert die Bruchstücke seines Films ganz für sich und blickt dabei stur gerade aus, um bloß zu verhindern, dass das stete Fragezeichen über den Köpfen des Publikums verschwindet.

„Lost River“ ist ein Film der Auslegung und Interpretation. Hintergründe zu Figuren, geschweige denn eine sinnige Entwicklung einzelner Charakterzüge gibt es nicht. Taten haben keine Folgen und Szenen – allen voran die in einem äußerst ominösen und stark symbolisch aufgeladenen Nachtclub – finden zu keinem Ende. Dabei ist das Drehbuch nicht inkonsistent. Gosling, der ebenjenes auch schrieb, weiß um sein unübersichtliches Tohuwabohu und hat sichtlich Spaß an der visuell berauschenden Aufbereitung seiner Momentaufnahmen, die Noir-Experte Benoit Debie („Spring Breakers“) ganz hervorragend einzufangen weiß. Ob sich der Regiedebütant eine genaue Analyse seiner Story überhaupt wünscht, ist fraglich, denn letztlich geht es in „Lost River“ vor allem um eines: Zerstörung und damit geht nun mal unweigerlich auch eine gewisse Vergänglichkeit einher. Was in einem Moment wie der ultimative Interpretationsschlüssel des Filmes erscheint, macht die nächste Szene mit Anlauf zunichte. So funktioniert „Lost River“ möglicherweise als der Versuch, die Bruchstücke eines Traumes wieder zusammenzubauen. Und Träume sind dann am schönsten, wenn man sich im Moment des Erlebnisses einfach fallen lässt.

Bilder von brennenden Häusern werden zu Symbole einer vergessenen Gesellschaft.

Bilder von brennenden Häusern werden zu Symbole einer vergessenen Gesellschaft.

Trotz des eher untergeordneten Faktors des Geschichtenerzählens fällt den Hauptdarstellern das unwichtige Los zu, das Publikum durch den Wust an Sinneseindrücken zu führen und es mit Nachdruck bei der Stange zu halten.  Trotz fehlender Charakterisierung ist die magische Ausstrahlung von Protagonist Bones dank Newcomer Iain De Caestecker („Drecksau“) stark. Er entführt das Publikum auf eine magische Reise, der er mit seiner kantigen Art seinen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Auch Serien-Star Christina Hendricks („Mad Men“) überzeugt als verzweifelte Mutter mit dem unbändigen Willen, für ihre Kinder da zu sein, wohingegen Saoirse Ronan („Grand Budapest Hotel“) schon stärkere Rollen hatte. Dennoch gelingt es ihr, zwischen den Attributen Verführung und (Selbst-)Mitleid zu variieren. Ihre Figur der Rat ist komplex, doch das Drehbuch legt wenig Wert auf ihre Entfaltung. In Gänze verschenkt ist dagegen Eva Mendes („The Place Beyond the Pines“) als vermeintlich undurchsichtige Cat, die vielmehr das Abziehbild einer Femme Fatale ausfüllt und diesen Part zwar sorgsam erfüllt, die interessanten Facetten ihrer Figuren mimisch jedoch nur anreißt.

Fazit: Verkopftes Kunstkino als Erlebnis für die Sinne: Ryan Goslings Regiedebüt ist kein Film für die Masse und widersetzt sich in Gänze den Prinzipien des modernen Geschichtenerzählens. „Lost River“ ist ein visuell herausragendes Klagelied auf die Einsamkeit – und ein Kinorausch, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

 „Lost River“ ist ab dem 28. Mai in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen. 

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