The Gunman

Der Regisseur, der einst die „96 Hours“-Reihe ins Leben rief, wagt sich mit seinem Actionthriller THE GUNMAN nun auf ähnliches Genre-Terrain. Leider verpasst der Filmemacher dabei den Sprung vom einmaligen Seherlebnis zu kultpotenziell und serviert dem Publikum einen allenfalls lauen Actionthriller von der Stange. Mehr zu Film erfahrt Ihr in meiner Kritik.

The Gunman

Der Plot

Acht Jahre ist es her, dass der mittlerweile untergetauchte Ex-Söldner Jim Terrier (Sean Penn) Teil einer Spezialeinheit in der Demokratischen Republik Kongo war, wo der zielsichere Schütze mit der Ermordung des ortsansässigen Bergbauministers beauftragt wurde. Nach dem geglückten Attentat musste Jim seine geliebte Frau Annie (Jasmine Trinca) und seine Heimat verlassen, um sich in der sicheren Ferne eine neue Existenz aufzubauen. Mittlerweile ist der einsame Ruheständler wieder in den Kongo zurückgekehrt, um im Rahmen einer Hilfsorganisation sein schlechtes Gewissen zu besänftigen. Als er eines Tages von bewaffneten Männern angegriffen wird und nur knapp dem Tod entkommt, wird ihm klar: Seine Vergangenheit holt ihn mit großen Schritten ein. Er wendet sich an seinen ehemaligen Kollegen Felix (Javier Bardem), um von ihm zu erfahren, wer es auf ihn abgesehen haben könnte. Doch schon wieder fallen Schüsse und Jim ist fortan auf der Flucht…

Kritik

Es gibt etwas, was alle modernen Actionhelden gemeinsam haben. Egal ob Liam Neeson, Bruce Willis oder Jason Statham: Ihre Figuren eint in den meisten Fällen stets ein und dieselbe Charakterzeichnung. Da ist der längst aus dem aktiven Polizei- oder wahlweise auch Killer-, oder Kriegsgeschäft ausgestiegene Haudegen, da sind diverse persönliche Verwicklungen und da ist schließlich irgendein Ereignis, das ebenjene Hauptfigur dazu bringt, die Waffe zu laden und erneut – vielleicht ein letztes Mal – in den Dienst von Land, Gerechtigkeit und/oder Liebe zu treten. Die Zutaten eines Ballerfilms von heute sind denkbar simpel, doch erweisen sich schon seit Jahren als effektive Zuschauermagneten. Auch „96 Hours“-Mastermind Pierre Morel denkt gar nicht daran, ebenjene Erfolgsmechanismen für seine europäische Ko-Produktion „The Gunman“ abzuändern. Für seine Erzählung über einen Ex-Soldaten, der nach einem tödlichen Anschlag auf einen hochrangigen Politiker im Kongo abtauchen muss, holt der Regisseur extra Sean Penn („Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) aus dem Ruhestand und lässt ihn mit entsicherter Knarre einmal mehr gegen eine ganze Horde Widersacher antreten. Dabei bemüht sich Morel besonders in der ersten Hälfte um Variation im festgefahrenen Genre-Ablauf und gibt sich nicht damit zufrieden, seinem Publikum einen bereits vorgeformten Antihelden zu präsentieren. Stattdessen lässt er den Zuschauer hautnah an der emotionalen Veränderung von Hauptfigur Jim teilhaben. Doch nach einem eindringlichen Prolog wird aus „The Gunman“ ein weiterer, nur allzu beliebiger Actionfilm von der Stange, dessen Fallhöhe aufgrund einer vermeintlich tiefgründigen Ausganglage umso größer ist.

The Gunman

„The Gunman“ eröffnet mit Momentaufnahmen der Demokratischen Republik Kongo und lässt unbequeme, teils kaum erträgliche Bilder von Verwahrlosung und Leid auf den Zuschauer einprasseln. Dass aus dieser Ausgangslage ein brachialer Actionfilm entstehen soll, lassen die wirtschaftsdramatischen Storyfragmente an dieser Stelle noch kaum erahnen, doch spätestens wenn Jim Terrier den Auftrag zur Ermordung des einheimischen Bergbauministers zwecks Hebung der ortsansässigen Bodenschätze erhält, wendet sich das inszenatorische Blatt. Denn obwohl der Zuschauer den Leidensweg des kantigen Söldners hautnah miterleben darf und es Jim dadurch nicht bloß als austauschbares Raubein präsentiert bekommt, liegt der Fokus nach dem tödlichen Anschlag, der Flucht und der Bedrohung durch Männer aus den eigenen Reihen eben doch nur auf der Hatz rund um den Globus. Die vorab erhoffte Innovation innerhalb des Erzählstils weicht den üblichen Storyfragmenten eines beliebigen Hollywoodactioners – und als solcher funktioniert „The Gunman“ mal besser und mal schlechter.

Pierre Morels „96 Hours“-Franchise wurde für Liam Neeson zu einem späten Sprungbrett innerhalb seines anvisierten (und hervorragend gelungenen) Imagewandels. Dass sich der französisch-stämmige Filmemacher und Kameramann mit „The Gunman“ jetzt eine ähnlich erfolgreiche Reihe erhofft, steht beim Blick auf die der Produktion zugrunde liegenden Bausteine außer Frage; die Zutaten für eine weitere Actionreihe liegen mit der Verpflichtung Sean Penns und all den Facetten seiner Figur vor, während das Ende einmal mehr nicht endgültig ist, sondern genug Spielraum für eine Fortsetzung offenbart. Sean Penns wenig charismatische Figur besitzt genug Reibungspunkte, um sich noch durch das eine oder andere Abenteuer zu schlagen und beherbergt zugleich einen weichen Kern, der immer dann zum Vorschein kommt, wenn es die Interaktion mit seiner Frau Annie (Jasmin Trinca) verlangt. Zugleich folgt Morel dem Trend zur humorbefreiten Action: Nach „The Equalizer“, „John Wick“ und Co. kommt auch „The Gunman“ ohne die bis dato so beliebten One-Liner des Helden aus und präsentiert bleihaltige Kampfchoreographien ohne viel Gequatsche. Würde die visuelle Aufmachung der Martial-Arts-Szenen diese Reduktion auf das Wesentliche rechtfertigen, stünde dieser Konzentration auf das Hauptelement eines Hollywoodactioners nichts im Wege. Leider kann Kameramann Flavio Martínez Labiano („Non-Stop“) sein gutes Auge für stilvoll inszenierte Kampfkunst hier kaum ausspielen. „The Gunman“ präsentiert sich optisch wenig spektakulär und bleibt in den temporeichen Momenten viel zu unübersichtlich, als dass die Produktion ihren Status als alleiniges Krawumm-Spektakel rechtfertigen könnte. Dafür kommt der Thriller ohne viel Storyballast aus; „The Gunman“ versprüht so, auch dank der Wahl diverser abwechslungsreicher Kulissen, eine enorme Kurzweil.

The Gunman

Neben diversen Schießereien, einer Handvoll Verfolgungsjagden und blutigen Nahkampfaufnahmen, welche die FSK-Freigabe ab 16 durchaus rechtfertigen, verlässt sich das Skript des Autorentrios rund um Sean Penn spätestens ab der zweiten Hälfte auf den durch und durch konventionellen Weg. Als einzig kreativer, jedoch im Keim erstickter Ansatz erweist sich ein Erzählstrang rund um eine neurologische Erkrankung Jims, die ihn dazu zwingt, Stresssituationen zu meiden, jedoch lediglich dann Auswirkungen auf die Handlung hat, wenn es zur Dramaturgie passt. Das ist alles wenig neu und handwerklich allenfalls solide, doch immerhin unter den Nebendarstellern weiß „The Gunman“ Pluspunkte zu sammeln. Insbesondere Javier Bardem („The Counselor“) sticht mit seiner typisch selbstsicher-unnahbaren Attitüde und einem hervorragend überheblichen Gestus hervor und heizt gerade die zu Filmbeginn angedeutete Dreiecksbeziehung zwischen Jim, seiner Frau Annie und Bardems Felix an. Der Kurzauftritt von Idris Elba („Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“) beschränkt sich dagegen auf das Dasein einer Randnotiz und funktioniert über eine ähnlich brachiale Vorschlaghammer-Dramaturgie wie die erwähnte Nervenkrankheit, ist damit also im Grunde in bester Gesellschaft.

Fazit: Pierre Morel beginnt „The Gunman“ als Actiondrama mit Potenzial, das nach und nach den üblichen Versatzstücken eines brachialen Hollywoodactioners Platz macht und damit kaum Neues bietet. Handwerklich okay und mit ordentlichen Darstellerleistungen bestückt ist „The Gunman“ allenfalls nett, jedoch kaum so kultpotenziell wie die „96 Hours“-Reihe geschweige denn „John Wick“.

„The Gunman“ ist ab dem 30. April bundesweit in den Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de

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