Schneewittchen

Das nächste Realfilmremake eines Disney-Zeichentrickklassikers steht in den Startlöchern: SCHNEEWITTCHEN kommt mit einer schwierigen Produktionsgeschichte daher, hat aber ganz andere Probleme als die, die sich während dieser angekündigt hatten. Am Ende ist der Film vor allem egal.

OT: Snow White (USA 2025)

Darum geht’s

Wohlbehütet wächst Schneewittchen (Emilia Faucher/Rachel Zegler) als Tochter des gutherzigen Königs (Hadley Fraser) und ihrer Mutter, der Königin (Lorena Andrea) auf. Doch nachdem sich die junge Prinzessin innerhalb kürzester Zeit von beiden Elternteilen verabschieden muss, regiert plötzlich eine böse Königin (Gal Gadot) über das Königreich. Neidisch auf Schneewittchens Schönheit und Güte engagiert sie den Jäger (Ansu Kabia), sich ihrer zu entledigen. Doch dieser bringt es nicht übers Herz und schickt Schneewittchen in den Wald, wo sie auf ein geheimnisvolles Haus und dessen sieben magische Bewohner trifft. Diese nehmen die junge Frau sofort in ihre Mitte, doch sie weiß: Um sich ihr Königreich zurückzuerobern und die Bevölkerung aus der Herrschaft der bösen Königin zu befreien, benötigt es Mut und Stärke. Am anderen Ende des Waldes erfährt die Evil Queen derweil davon, dass Schneewittchen gar nicht tot ist und schmiedet einen finsteren Plan…

Kritik

Wenn in den letzten Jahren ein Hollywoodprojekt unter einem schlechten Stern stand, dann ganz klar das Realfilm-Remake von „Schneewittchen“. Nach der gewohnten Frage nach der Notwendigkeit, einen weiteren Disney-Zeichentrickklassiker neu aufzulegen, folgte alsbald Kritik am Casting der sieben Zwerge. Sogar der selbst kleinwüchsige „Game of Thrones“-Schauspieler Peter Dinklage äußerte sich lautstark kritisch gegen eine befürchtet stereotype Darstellung der Seven Dwarfs, sodass die Idee, kleinwüchsige Darsteller als ebendiese zu besetzen, kurzerhand verworfen wurde und man sie stattdessen durch animierte Fantasiewesen (keine Zwerge!) ersetzte. Außerdem wurde die Besetzung durch die lateinamerikanische Wurzeln besitzende Rachel Zegler („West Side Story“) kritisiert, da ihre Haut eben nicht wie in der Vorlage „weiß wie Schnee“ sei. Der erste Trailer des Films erhielt daraufhin vorwiegend negatives Feedback, es wurde sogar eine Petition ins Leben gerufen, die den Kinostart von „Schneewittchen“ zu verhindern versuchte. Und zu guter Letzt sorgten kontroverse Aussagen von Zegler und ihrem Co-Star Gal Gadot („Wonder Woman“) über den Nahost-Konflikt für Aufsehen. Man möchte dieser Tage also nicht in der Haut des „Schneewittchen“-Marketingteams stecken.

Gal Gadots Performance als böse Königin ist einer der größten Schwachpunkte am „Schneewittchen“-Remake.

Doch am Ende zählt ja eigentlich nur eines: Wie ist denn der Film nun geworden? Und hier ist die Aufregung mal wieder völlig unbegründet, denn auch wenn „Schneewittchen“ nicht als Sternstunde in die Geschichte der Disney-Realfilmremakes eingehen wird (wobei erste Stimmen von der Premiere nahezu euphorisch ausgefallen sind – vielleicht ist das Publikum hier ja doch anderer Meinung!?), merkt man dem Film zumindest seine anstrengende Produktionshistorie nicht zwingend an. Er krankt dafür an anderen Ecken, von denen man in der ersten halben Stunde allerdings noch gar nicht so viel mitbekommt. „Schneewittchen“ beginnt nämlich überraschend mitreißend und längst nicht so getragen wie das Zeichentrick-Original. Das muss der Film aber auch, wenn er, im Gegensatz zur Dreißigerjahre-Vorlage, über die 82 Minuten hinauskommen will. Also lernen wir das von gutherziger Hand von Schneewittchens Vater regierte Königreich als Ort des Frohsinns und der Heiterkeit kennen. Schon in den ersten fünf Minuten wird in den hübschen, handgemachten Kulissen gesungen und getanzt. Und da es natürlich ganz gleich ist, wie hell der Hautton der Hauptfigur ist (ihren Namen Snow White trägt sie hier, weil sie in einer schneeverwehten Nacht geboren wurde), erweist sich die Wahl von Rachel Zegler als absoluter Glücksgriff.

„Schon in den ersten fünf Minuten wird in den hübschen, handgemachten Kulissen gesungen und getanzt. Und da es natürlich ganz gleich ist, wie hell der Hautton der Hauptfigur ist, erweist sich die Wahl von Rachel Zegler als absoluter Glücksgriff.“

Im Gegensatz zum zwar auch mit vereinzelten Gesangseinlagen bestückten, allerdings nicht unbedingt als Musical durchgehenden Originals, ist „Schneewittchen“ von 2025 ganz klar ein solches. Und Zegler hat nun mal eine Stimme, die für derartige Rollen gemacht ist. Anders als zuletzt in „Mufasa“ oder „Vaiana 2“ kristallisieren sich hier auch schnell zwei, drei Ohrwürmer heraus. Und bekannte Nummern wie der Disney-Evergreen „Heiho“ bekommen neue Strophen spendiert, so um auch zu einer formvollendeten Musicalnummer zu werden. Überraschend lahm kommen ausgerechnet die beiden Schurkensongs der bösen Königin daher. Das liegt allerdings nicht nur in den wenig mitreißenden Liedern selbst begründet, sondern vor allem in der Performance durch Gal Gadot. Ihre Darbietung changiert zwischen hölzern und theatralisch, wirkt mehr wie Theaterspiel denn ein solches für die Leinwand. Das nimmt ihr – ihres tollen Kostüms zum Trotz – jedwede Bedrohlichkeit. Zumal sie hier vor allem im Hintergrund die Fäden zieht und sich ihre Handlanger oft bemerkenswert dumm anstellen. Trotzdem funktioniert die erste Hälfte als hübsche, den aktuellen Sehgewohnheiten angepasste Neuinterpretation des bekannten Stoffes. Auch wenn man schwer davon sprechen kann, dass „Schneewittchen“ eine eigene Identität besäße. Regisseur Marc Webb („The Amazing Spider-Man“) stützt sich ganz auf den Charme der Vorlage.

Ganz ohne die Liebe geht’s dann doch nicht: Auch im Remake verliebt sich Schneewittchen (Rachel Zegler) in einen jungen Mann (Andrew Burnap). Nur ist der hier ein Dieb und kein Prinz.

Das gilt spätestens ab der zweiten Hälfte vor allem für die Visualität. „Schneewittchen“ wohnt zwar optisch durch und durch etwas Märchenhaftes inne. Die Bildgestaltung, die vielen (solide animierten) Tiere und die altbekannte, hier jedoch deutlich kürzer ausfallende „Horrorszene“, in der Schneewittchen durch den düsteren Wald gejagt wird, orientieren sich überdeutlich an der Vorlage. Das sieht manchmal ganz hübsch aus, doch ganz so, als wollte Webb den zweidimensionalen Look des Zeichentrickfilms imitieren, wirken die Bilder seltsam flach und die Setpieces eher animiert als echt. Mit ihrem ebenfalls ans Original angelehnten Kostüm sticht Rachel Zegler teilweise so sehr heraus, dass sie weniger wie ein Mensch und mehr wie ein Fabelwesen durch die Szenerie schwebt. Das wirkt fast schon zu perfekt, was deutlich weniger zur Identifikation mit ihr einlädt als die wesentlich kindlicher wirkende Schneewittchen 1937 was allerdings auf die Änderungen einzahlt, die die Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson („Girl on a Train“) hier im Vergleich zur Vorlage vorgenommen hat. Denn nicht nur mit der Wahl der Hauptdarstellerin will sich der Disney-Konzern betont progressiv zeigen. Auch vom längst veralteten „Prinz rettet Mädchen“-Motiv entfernt sich „Schneewittchen“ und führt stattdessen neue Figuren wie etwa eine Gaunertruppe ein, in deren blassen Anführer sich Snow White schließlich verliebt. So ganz ohne die Liebe kommt also auch dieser Film nicht aus, wenngleich die Story hier nicht auf Hochzeit und amouröse Glückseligkeit hinarbeitet, sondern auf Schneewittchens Emanzipation von der duckmäuserischen Prinzessin hin zur strahlenden Königin.

„Generell ist das mit der Sympathie für ‚Schneewittchen‘ so eine Sache. Als wäre die Originalgeschichte die Seele des Films, kann sich das Remake nie eine eigene Identität erarbeiten.“

Leider fügt sich die an „Die drei Musketiere“ erinnernde Diebesbande nicht homogen in den Film, wirkt überflüssig und wie eine Verlegenheitslösung, um irgendwie über die 100-Minuten-Marke zu kommen. Ebenfalls irritierend wirken die Anklänge an das White Saviour-Erzählmotiv. Die aus adeligem Hause stammende Schneewittchen krempelt ungefragt das Leben der sieben magischen Wesen um, wodurch sie sich in eine Retterinnenposition begibt, nach der eigentlich niemand verlangt hat. Das lässt sie viele Sympathiepunkte einbüßen. Generell ist das mit der Sympathie für „Schneewittchen“ so eine Sache. Als wäre die Originalgeschichte die Seele des Films, kann sich das Remake nie eine eigene Identität erarbeiten. Das fällt so sehr ins Gewicht, dass sich die Änderungen nicht wie frischer Wind, sondern wie bemüht edgy anfühlen, um am Ende sagen zu können, etwas geändert und ihm damit Relevanz verschafft zu haben. Ja, im Gegensatz zu etwa „Cinderella“ von 2015 geht „Schneewittchen“ einige neue Wege. Allerdings löst er sich tonal oder inhaltlich nie so weit von der Vorlage wie etwa ein „Dumbo“ oder „The Jungle Book“ – und gerade die Disney-Realfilmremakes, die sich trauten, neue (wenngleich oft nie allzu mutige) Wege zu bestreiten, gehören zu den besten ihrer Kategorie. „Schneewittchen“ ist nun nichts Halbes und nichts Ganzes. Damit auch weder gut noch schlecht. Egal, aber nicht ärgerlich. Uninteressant, aber nicht langweilig. Alles und nichts eben.

Der Look orientiert sich deutlich am Zeichentrickfilm. Wirkt dadurch allerdings immer flach und künstlich.

Fazit: Nach einem schmissigen Einstieg geht „Schneewittchen“ ab dem Moment die Puste aus, in dem Regisseur Marc Webb und seine Autorin neue Wege zu bestreiten versuchen. Die Änderungen an der Vorlage wirken nicht homogen. Visuell dominiert ein künstlicher, oft sehr flach wirkender Look. Als Stärke erweisen sich die vielen neuen Musicalszenen, die dem Film noch am ehesten zu einer eigenen Identität verhelfen. Aber gerade weil „Schneewittchen“ diese fast vollständig vermissen lässt, bleibt der Film am Ende egal.

„Schneewittchen“ ist ab dem 20. März 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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