Like a Complete Unknown
„Stört nicht“ fasst das Bob-Dylan-Biopic LIKE A COMPLETE UNKNOWN am besten zusammen – und vielleicht gewinnt es gerade deswegen auch den Oscar als Bester Film. Da kann Timothée Chalamet sein Image als eigenbrötlerischer Träumer noch so überzeugend widerkäuen. Am Ende ist der Film zwar routiniert aber bleibt kaum im Gedächtnis.
Darum geht’s
Die New Yorker Musikszene in den frühen Sechzigerjahren: Der 19-jährige Bob Dylan (Timothée Chalamet) wird durch Zufall von dem Folkmusiker Pete Seeger (Edward Norton) entdeckt, der ihn mit dem professionellen Singer-Songwriter-Business vertraut macht. Was folgt ist ein kometenhafter Aufstieg: Zunächst noch in kleinen Clubs auftretend, füllt Dylan mit seiner Gitarre schon bald große Konzertsäle und katapultiert sich an die Spitze der Charts. Doch unter seiner steigenden Popularität und seinem Hang zum Perfektionismus leidet seine Beziehung mit der smarten Sophie (Elle Fanning) und schon bald legt er sich auf dem Newport Folk Festival sogar mit seinen eigenen Fans an…
Kritik
Die Oscars werden dieses Jahr von vielen Skandalen überschattet. Allen voran natürlich von der riesigen Hasswelle, die über den „Bester Film“-Kandidaten „Emilia Pérez“ hereinbricht. Aber auch „Der Brutalist“ hat eine K.I.-Diskussion eröffnet, die dem einstigen Frontrunner das Genick gebrochen haben könnte. Auch im Entstehungsprozess von James Mangolds Bob-Dylan-Biopic „Like a Complete Unknown“ kam Künstliche Intelligenz zum Einsatz. Allerdings nicht für die Optimierung von Schauspielleistungen wie im Falle von Adrian Brody. Stattdessen nutzte das Team die Technik in der Postproduktion, um bei einer aufwändigen Motorradsequenz die Ähnlichkeit zwischen Stuntdouble und Schauspieler zu gewährleisten – im Fachjargon „Stunt Face Replacement Shoot“ genannt. Eine Technik, die bei VFX-Artists schon seit vielen Jahren zum Einsatz kommt. Und zu wenig, um eine ähnlich hochkochende Debatte über die Anwendung von K.I. auszulösen, wie noch bei „Der Brutalist“ geschehen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb „Like a Complete Unknown“ aktuell eine Mitfavoritenrolle auf den Preis für den „Besten Film“ innehat – es gibt einfach nichts, was an ihm stört, was Filmen wie „Coda“ ja auch schon zum Sieg in der Königskategorie verholfen hat.
James Mangold hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Hybriden aus kompetentem Regie-Handwerker und Filmemacher mit eigener Handschrift entwickelt. Es ist zwar schwer zu sagen, was denn genau einen „klassischen James-Mangold-Film“ ausmacht, aber wenn man dann einen vor sich hat, ist die Assoziation mit dem Verantwortlichen auf dem Regiestuhl nie allzu weit weg. Mangolds Filme haben Gravitas, vor allem das Auflebenlassen unterschiedlicher Dekaden, das Einfangen von Kulturen und das Kreieren einer flirrenden Atmosphäre liegen ihm im Blut. „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“ zelebrierte einen authentischen Sechzigerjahrestil, in „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ überzeugte immerhin das Set Piece Hopping. Und mit „Logan“ wilderte Mangold im (Anti-)Westernkino, was ihm ebenfalls einen eigenen Style einbrachte. Die Filme des Regisseurs entstehen offensichtlich immer unter einem riesigen Aufwand – und das gilt auch für seinen neuesten „Like a Complete Unknown“, der weder großgedachtes Franchisekino noch teures Actionspektakel ist. Trotzdem sprechen die 50 bis 70 Millionen US-Dollar Budget für sich; Das Bob-Dylan-Porträt ist kein mal eben heruntergekurbeltes Biopic, sondern Big Budget Arthaus.
„‚Like a Complete Unknown‘ ist weder großgedachtes Franchisekino noch teures Actionspektakel. Trotzdem sprechen die 50 bis 70 Millionen US-Dollar Budget für sich; Das Bob-Dylan-Porträt ist kein mal eben heruntergekurbeltes Biopic, sondern Big Budget Arthaus.“
Auch wenn ihm die durch und durch authentisch wieder zum Leben erweckten Sechzigerjahre mit ihrer Opulenz mitunter die Show zu stehlen drohen, bleibt „Like a Complete Unknown“ immer ganz nah an seinem Hauptdarsteller. Und dass der in seinem Film nicht sympathischer gemacht wird, als er es in den hier porträtierten Zeiten vermutlich war, geschweige denn sich theatralisch zum Helden aufschwingt, ist der vermutlich größte Widerhaken, den man sich bei einem Film dieser Couleur erlauben kann. Timothée Chalamet („Dune“) bleibt als Bob Dylan seinem Image treu. Einmal mehr mimt er den grüblerischen Einsiedler mit durchgehend nachdenklicher Miene. Selbst auf der Bühne scheint Bob nie so richtig aus sich herauszukommen. Er macht eben sein eigenes Ding, irgendwo zwischen naiv verträumt und vorsichtig rebellisch. Ist das – abseits von den verhältnismäßig energetisch inszenierten, als erzählerische Klammer dienenden Szenen auf dem Newport Folk Festival – im klassischen Sinne „mitreißend“? Eigentlich nicht. Kommt es der Persona Bob Dylan in irgendeiner Form näher? Nur bedingt. Macht sich der auch für das Drehbuch mitverantwortliche James Mangold (neben „Silence“-Autor Jay Cocks) genau diesen Umstand zunutze? Nur zum Teil. Dylan bleibt auch nach dem Kinobesuch von „Like a Complete Unknown“ ein Mysterium. Und zwar nicht um die unnahbare Aura des Musikers nicht nachhaltig zu beschädigen. Sondern weil der Film in seinen knapp zweieinhalb Stunden kaum etwas zu erzählen hat, was auf den „Mythos Bob Dylan“ einzahlt. Stattdessen wirkt der fehlende Erkenntnisgewinn ob seiner Person vielmehr wie ein Versäumnis anstatt wie gezieltes Offenlassen von Leerstellen, um einen Charakter spannender zu gestalten.

Die Szenen zwischen Bob und seiner Freundin Sophie (Elle Fanning) gehören zu den stärksten des Films.
Wenn der Film im Jahr 1961 beginnt, ist Bob Dylan bereits ein eifriger Musiker. Die Kinderjahre spart „Like a Complete Unknown“ komplett aus, widmet sich stattdessen direkt dem musikalischen Werdegang des gebürtig aus Minnesota stammenden Singer-Songwriters. Was ihn mit Anfang 20 zu solch einem Ausnahmekünstler hat werden lassen, thematisiert der Film nicht. Es wird noch nicht einmal richtig klar, woher eigentlich Dylans Liebe zur Musik herrührt. Und das, obwohl Timothée Chalamet in die Gesangsszenen auch tatsächlich selbst gesungen hat. Daher funktioniert „Like a Complete Unknown“ auch am besten, wenn man ihn als Veranschaulichung der damaligen Verhältnisse im US-amerikanischen Musik-Business betrachtet. Neben Dylan spielt der von Edward Norton („Asteroid City“) verkörperte Folksänger Pete Seeger eine gewichtige Rolle in seiner Karriere. Er macht ihn mit Produzenten bekannt, erarbeitet ein Image für Bob und verhilft ihm zu ersten Auftritten. Durch die bekommt man am Rande auch etwas über den sich sukzessive entwickelnden Fankult mit. Allerdings auch nicht in einem Ausmaß, das Bob Dylan wie jenen Superstar erscheinen lässt, der er irgendwann – und auch schon während der Zeit im Film – war.
„Gerade im Vergleich mit diversen Musikerbiopics der letzten Jahre – von ‚Rocketman‘ über ‚Piece by Piece‘ bis ‚Better Man‘ – mangelt es ‚Like a Complete Unknown‘ an Alleinstellungsmerkmalen.“
In „Like a Complete Unknown“ geht alles drei Nummern bedächtiger zu. Sicher lässt es sich auch in einer solch eher konventionellen Erzählung schwelgen. Erst recht, wenn man mit Bob Dylan respektive seiner Musik vertraut ist, im besten Fall ohnehin großes Interesse an seiner Person verspürt. Doch gerade im Vergleich mit diversen Musikerbiopics der letzten Jahre – von „Rocketman“ über „Piece by Piece“ bis „Better Man“ – mangelt es „Like a Complete Unknown“ an Alleinstellungsmerkmalen. Die wenigen Szenen, in denen man augenscheinlich nicht bloß einem Mythos hinterherjagt, sondern sich tatsächlich mit einem echten Menschen zu beschäftigen scheint, sind jene zwischen Dylan und seiner Freundin Sylvie Russo. Das Zusammenspiel zwischen Timothée Chalament und Elle Fanning („A Rainy Day in New York“) überzeugt dank seiner Gegensätzlichkeit und lässt Einblicke in Dylans (Privat-)Leben zu, die nicht direkt an der Oberfläche abprallen. Es zahlt sich schließlich immer aus, wenn in Filmen porträtierte Persönlichkeiten Schwächen haben dürfen, die sie nicht (nur) noch geheimnisvoller, sondern in erster Linie menschlicher machen.
Fazit: Das Bob-Dylan-Biopic „Like a Complete Unknown“ ist ein solide-kompetentes Musikerbiopic, das durch und durch auf Nummer sicher geht. Handwerklich weiß Regisseur James Mangold gewohnt zu überzeugen. Trotz eines seine Songs selbst eingesungenen Timothée Chalament in der Hauptrolle, hinterlässt der Film allerdings keinerlei emotionale Spuren.
„Like a Complete Unknown“ ist ab dem 27. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


