Wir Eltern

Eine Familie hat einen Film über eine Familie gedreht, in der sich ein Großteil der Familienmitglieder selbst spielt: Es ist ein interessanter, die Authentizität der Geschichte fördernder Ansatz, mit dem WIR ELTERN an seine Zuschauer herantritt. Aber er ist so gar nicht für ein unterhaltsames Kinoerlebnis tauglich. Mehr dazu verraten wir unserer Kritik. 

OT: Wir Eltern (CH 2019)

Der Plot

Die Eltern Vero (Elisabeth Niederer) und Michi (Eric Bergkraut) glauben, alles richtig gemacht zu haben. Doch Zug um Zug lassen sie ihr Leben von den spätpubertären Zwillingssöhnen lahmlegen. Weder Punktelisten noch Strafen helfen. Romeo (Ruben Bergkraut) und Anton (Elia Bergkraut) sind kaum aus dem Bett zu kriegen und gehen nur selten zur Schule. Lässig spielen sie die überforderten Eltern gegeneinander aus, kiffen oder zocken stundenlang am Computer. Als sie vom Großvater (Peter Schweiger) einen generösen Erbvorschuss als Geburtstagsgeschenk erhalten, der die Kinder noch weniger dazu animiert, sich endlich um ihre Zukunft zu kümmern, verschärft sich das Zusammenleben weiter. Bis die Eltern auf unkonventionelle Weise die Notbremse ziehen…

Kritik

Da wir alle in mal mehr, mal weniger intakten Beziehungen und Familienverhältnissen leben, sind das auch die Themen, über die in Komödien besonders gern gewitzelt wird. Schließlich kann man sich früher oder später immer mit irgendeiner der gemachten Beobachtungen identifizieren, selbst wenn die beschriebene Situation noch so absurd erscheint. Die Schweizer Komödie „Wir Eltern“ erzählt nun ebenfalls auf vermeintlich humoristische Weise von den aus dem Ruder laufenden Geschehnissen innerhalb einer fünfköpfigen Familie (man schaue sich nur mal das an Filme wie „Willkommen bei den Hartmanns“ erinnernde Filmplakat an!), sie wurde sogar von der Familie Bergkraut, deren Mitglieder sich hier mit Ausnahme der von Elisabeth Niederer verkörperten Mutter Vero allesamt selbst spielen, im Film allerdings auf den Nachnamen Kamber-Gruber hören, konzipiert und inszeniert. Man möchte also meinen, dass es in „Wir Eltern“ ganz besonders authentisch zugeht. Und Authentizität lässt sich dem Film auch noch am ehesten zugestehen. Doch dieses Attribut allein reicht eben nicht für ein gelungenes Kinoerlebnis. Davon ist das Projekt nämlich so weit entfernt wie Pubertierende von einem steten Gefühlsleben.

Romeo und Anton (Ruben & Elia Bergkraut) wachsen den Eltern Michi und Vero (Eric Bergkraut & Elisabeth Niederer) über den Kopf.

Es dauert nicht lange und die angespannte Lage innerhalb der Kamber-Gruber-Familie breitet sich genüsslich auf der Leinwand aus. Die Kids sind permanent desinteressiert gegenüber ihrem Umfeld, insbesondere ihren Eltern. Und ebendiese Eltern sind umgekehrt genauso genervt von ihren faulen Sprösslingen. Dass man jedoch nie – nicht einmal am Anfang, zum Beispiel in Form einer Bildmontage – ein Gefühl dafür bekommt, wie es innerhalb der Familie zugehen könnte (oder mal zugegangen ist!), sofern sich nur alle an die Absprachen halten würden, legt allerdings einen völlig falschen Grundstein für die nun folgenden eineinhalb Stunden. Da wir nie wissen, ob sich die Kamber-Grubers überhaupt mögen (die Eltern wirken zwar vertraut, haben aber eigentlich eh nur die Kinderprobleme als Dauerthema, die Kids dagegen verhalten sich einer typischen Teenie-Attitüde entsprechend einfach nur ätzend), weiß man gar nicht so recht, weshalb man dem illustren Treiben eigentlich so lange zuschauen soll. Schließlich verpasst auch die lebensechte, auf jedwede stilistische Überhöhung verzichtende Wackelkamera (Stéphane Kuthy) „Wir Eltern“ eher einen Dokumentar- denn Spielfilmanstrich, was die zwischendurch eingeblendeten echten Statements und Analysen von Familienpädagogen und -Forschern unterstreichen.

„Authentizität lässt sich „Wir Eltern“ noch am ehesten zugestehen. Doch dieses Attribut allein reicht eben nicht für ein gelungenes Kinoerlebnis.“

Doch die bisweilen sogar sehr interessanten Beobachtungen der Interviewgeber – mit einer kurzen Ausnahme übrigens allesamt männlich – stehen symptomatisch dafür, weshalb „Wir Eltern“ zwar sein Werbeversprechen „unverschämt-realistisch“ einhält, aber weit davon entfernt ist, eine Komödie zu sein. Komödien zeichnen sich ja bekanntermaßen dadurch aus, dass Situationskomik, Wortwitz oder Absurdität in zwischenmenschlicher Interaktion wenigstens zum Schmunzeln anregen. All das ist hier allerdings nicht gegeben. Der bisher im Dokumentarfilmsegment tätige Eric Bergkraut und seine Regie- und Drehbuchkollegin Ruth Schweikert verfolgen stoisch eine Familie beim Familiesein – die Kommentare der Experten verleihen den Schilderungen schließlich endgültig eine Allgemeingültigkeit. Doch wozu sich eine immer und immer wieder als „ganz normal“ beschriebene Familie beim sich einander Ankeifen beobachten, wenn das für viele Zuschauer vielleicht gar nicht so weit weg ist von der Realität (vielleicht ist das einer der Punkte, über den sich die Macher Witz erhoffen!?) – und von dem der andere Teil froh ist, sich mit so etwas nicht herumschlagen zu müssen? Und wenn das Publikum kein Gespür dafür hat, wie diese Familie zueinander steht, wenn sie sich nicht gerade permanent auf den Senkel geht, woher soll es dann wissen, dass es sich lohnt, eine Spielfilmlänge mit ihr zu verbringen?

Die Zwillingssöhne der Kamber-Grubers sind ohne Perspektive.

Wenn man nun argumentieren möchte, „Wir Eltern“ sei ja gerade dadurch ganz besonders authentisch, mag man damit zwar nicht Unrecht haben. Allerdings bietet sich für einen Film dieses Kalibers das Genre der Dokumentation deutlich besser an als der Spielfilm, der in diesem Fall gehörig an der fehlenden Dramaturgie krankt. In der Figurenzeichnung offenbart „Wir Eltern“ derweil einen weiteren großen Schwachpunkt.  So wie hier geschrieben, verlässt man sich auf größtmögliche Simplifizierung innerhalb der Charaktere. So etwas wie ein Gut und Böse gibt es zwar nicht, worauf sich die Figuren herunterbrechen ließen. Das ist schon aufgrund der Handlung gar nicht gegeben. Auch den Eltern gesteht das Skript entsprechend Fehler zu, genauso dürfen die schon eher in eine einseitige Störenfriedrolle gedrängten Teens ihre eigenen, nachvollziehbaren Probleme und Ängste haben. Trotzdem bleiben beide Parteien völlig eindimensional, was insbesondere der ja vermeintlich allgemeingültigen Elternperspektive nicht guttut: Vero und Michi suhlen sich nämlich regelrecht in Selbstmitleid, wodurch sie auch den letzten Rest des Mitgefühls von Seiten des Publikums verlieren – und so gar kein gutes Licht auf Eltern an sich werfen.

„Doch wozu sich eine immer und immer wieder als „ganz normal“ beschriebene Familie beim sich einander Ankeifen beobachten, wenn das für viele Zuschauer vielleicht gar nicht so weit weg ist von der Realität – und von dem der andere Teil froh ist, sich mit so etwas nicht herumschlagen zu müssen?“

Dass das wiederum auch daran liegt, dass sowohl Eric Bergkraut, Elisabeth Niederer („Die Wolke“) als auch die Darsteller der Jungs ihre Sache so machen, als würden sie hier tatsächlich einfach nur bei ihrem persönlichen Familienleben gefilmt, ist immerhin einer der großen Pluspunkte von „Wir Eltern“. Trotzdem bleibt letztlich die Frage, was der Film bezwecken will. Denn um sich kluge Ratschläge von Familienforschern abzuholen und sich anzuschauen, wie das normale Leben einer durch und durch anstrengenden Familie ausschaut, muss man nun wahrlich nicht ins Kino gehen.

Fazit: So authentisch „Wir Eltern“ auch das Leben einer Schweizer Familie abbilden mag, so wenig cineastisch präsentieren Eric Bergkraut und Ruth Schweikert ihre Geschichte. Der Film könnte auch eine Doku sein. Allerdings eine über wahrlich unausstehliche Personen – und das trifft beileibe nicht nur auf die faulen Kinder zu.

„Wir Eltern“ ist ab dem 16. Juli in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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