2019 – Die Plätze 10 bis 1

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge werde ich mit den Top 10 meiner Lieblingsfilme 2019 nun endgültig mit dem vergangenen Jahr abschließen. Ein kurzes Abschlussfazit: Erneut habe ich – vor allem berufsbedingt – die Anzahl der von mir in einem Jahr gesehenen Filme noch einmal gesteigert. Dabei hatte ich im Großen und Ganzen das Gefühl, dass das Jahr eher durchschnittlich war. Meine Lieblingsfilme habe ich daher lieber einmal mehr geschaut (mit „Avengers: Endgame“ einen sogar ganze sechsmal im Kino), als mich ein zweites Mal durch Filme zu quälen, die (wie die meisten) noch eine zweite Chance bekommen, wenn ich unsicher bin. Ich war dieses Jahr erneut beim Fantasy Filmfest anwesend, wenn auch nicht ganz so oft wie eigentlich geplant. Außerdem waren es vor allem die Filme, die ich vorab nicht auf dem Schirm hatte, die bei mir den positivsten Eindruck hinterlassen haben. Vieles hat mich schlicht kalt erwischt.

Nachdem ich vor den Plätzen 20 bis 11 auf die Arthouse-Filme einging, die den Sprung in die Tops knapp verpassten, hier nochmal die Mainstream-Produktionen, die ich aus unterschiedlichen Gründen in mein Herz geschlossen habe: Der Abschluss der „Drachenzähmen“-Saga, DRACHENZÄHMEN LEICHT GEMACHT 3 (Platz 41) hat das Franchise auf einer sehr schönen Note zu Ende geführt, auch die nächste Fortsetzung JUMANJI 2 – THE NEXT LEVEL (Platz 42) hat viel von dem richtig gemacht, wofür ich auch den Vorgänger schon in mein Herz geschlossen habe. Trotz massig Kritik am Film selbst und unschönen Nachrichten im Umfeld der Veröffentlichung (das Produktionsstudio im Zuge des Filmstarts pleite) war das Kinoerlebnis bei KÖNIG DER LÖWEN (Platz 47) durchaus spektakulär. CREED II (Platz 48) hat die „Rocky“-Saga einmal mehr sehr unterhaltsam weitererzählt, und THE LEGO MOVIE 2 (Platz 55) überzeugte nicht nur einmal mehr mit seinen Bildgewalten, sondern vor allem aufgrund des süffisanten Humors. Kommen wir nun aber zu meinen absoluten Lieblingsfilmen der vergangenen 365 Tage und freuen und auf ein neues, aufregendes Kinojahr 2019!

10

Bereits mit seinem letzten Film „Der Wein und der Wind“ war der französische Regisseur Cédric Klapisch in meinen Jahrescharts vertreten. In diesem Jahr rückt er mit seinem antiromantischen Liebesfilm EINSAM ZWEISAM nochmal ein ganzes Stück weiter nach oben in meiner Gunst, denn das, was er hier macht, zeigt uns die Liebe im Film einmal von einer Seite, wie man sie in klassischen Romanzen sonst eher ausspart. Klapisch verrät seinem Publikum, was passieren muss, bevor Mann und Frau in einem Film zusammenkommen. In diesem Fall sind das Rémy und Mélanie, die Balkon an Balkon wohnen und eigentlich wie füreinander gemacht wären. Doch sie nehmen sich gegenseitig nicht wahr, weil sie noch viel zu viele Probleme mit sich herumtragen und überhaupt nicht bereit dafür sind, sich auf jemand Neuen einzulassen. „Einsam zweisam“ ist keine klassische Romanze, sondern zwei parallel erzählte Charakterporträts über Menschen, die sich so nah und doch so fern sind. Und wie man es von Klapisch kennt, funktioniert das vorwiegend über die ganz leisen Töne.

9

Es ist vielleicht ein klein wenig gemogelt, Laure de Clermont-Tonnerres Gefängnisdrama THE MUSTANG in dieser Topliste aufzuführen, denn der Film mit Matthias Schoenaerts in der Hauptrolle eines gewalttätigen Häftlings, der eines Tages mithilfe eines Wildpferdes lernt, sich und seine Gewaltausbrüche zu kontrollieren, hat in Deutschland bis heute keinen Kinostart erhalten. Da es leider auch nicht so aussieht, als würde es jemals so weit kommen, habe ich mich entschieden, seinen US-Start zu berücksichtigen und euch darauf hinzuweisen, diesem Film eine Chance zu geben, solltet ihr jemals die Gelegenheit bekommen. In „The Mustang“ treffen harte Männerfäuste und der Kampf um Rangordnung und Anerkennung hinter schwedischen Gardinen auf die Gutmütigkeit einer zerschundenen Pferdeseele. Und wie sich der raubeinige Schoenaerts und das ihm anvertraute Wildpferd im Laufe des Films nach und nach anfreunden, bis schließlich kein Blatt Papier mehr dazwischen passt, bereitet die Debüt-Filmregisseurin derart kitschfrei und unplakativ auf, dass man keinen Zweifel daran hegt, dass all das hier auf wahren Ereignissen basiert.

8

Es ist ein wenig schade, dass ROCKETMAN im Schatten des Mega-Überraschungserfolgs „Bohemian Rhapsody“ im vergangenen Jahr ein wenig untergegangen ist. Doch was dem Film im Kino an Zuschauern verwährt blieb, hat er bei mir selbst doppelt und dreifach eingespielt, denn ich habe das Elton-John-Musical sehr tief in mein Herz geschlossen. „Kingsman“-Star Taron Egerton spielt und singt sich in der Rolle des Popstars die Seele aus dem Leib und um ihn herum kreiert „Bohemian Rhapsody“-Aushilfsregisseur Dexter Fletcher ein knallig-schillerndes Musical mit den größten Hits von Elton John, eingebettet in die bisweilen sehr tragische Lebensgeschichte rund um den erfolgreichen Künstler. „Rocketman“ ist bis oben hin vollgestopft mit Ohrwürmern, die einen noch einmal daran erinnern, was Elton John für ein begnadeter Musiker ist. Und die Inszenierung wiederum könnte den exzentrischen Charakter des Künstlers kaum besser einfangen. „Rocketman“ ist ein Film mit mehrfachem Wiederguck-Wert, der einen bei jeder Sichtung aufs Neue zurück in himmlische Sphären katapultiert, während er formidabel die Waage hält zwischen tragischer Vita und optimistischem Silberstreif.

7

In den USA war Lorene Scafarias auf wahren Ereignissen beruhende Thrillercomedy HUSTLERS ein Überraschungshit. Hierzulande haben kaum Zuschauer davon Notiz genommen, dass die „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“-Regisseurin mit ihrem schillernden Genremix im Grunde den besten Adam-McKay-Film vorgelegt hat, den Adam McKay selbst nie drehte. „Hustlers“ erzählt von einer Handvoll Stripperinnen, die im Zuge der US-amerikanischen Finanzkrise anfingen, ihre Kunden auszurauben. So weit, so eindeutig. Doch wie es Scafaria gelingt, ihren Film von der eintönigen Verbrechensnacherzählung zum Wirtschaftskommentar zu machen, dabei ihre Figuren all ihrer Schandtaten zum Trotz vielfältig-tiefgründig als Opfer der Umstände (aber eben auch Täterinnen!) zu zeichnen, ist ganz großes Kino, das sich zu Unrecht immer wieder darauf beschränken lassen muss, eine oberflächliche, möglicherweise gar männerfeindliche Komödie zu sein. Das hier ist sowas wie die Kehrseite der Medaille von „The Big Short“ – und das Feedback zum Film sagt genauso viel über die Gesellschaft aus wie der Film selbst.

6

Wie man es an meinen Jahrescharts sehen kann: 2019 war ein wirklich feines Komödienjahr. Im Zuge dieser Aussage darf natürlich auch Jonathan Levines LONG SHOT – UNWAHRSCHEINLICH, ABER NICHT UNMÖGLICH nicht fehlen. Eine Art „Rollentausch-‚Pretty Woman'“, in dem sich ein optisch unauffälliger aber durch und durch charismatischer Journalist unverhofft in eine erfolgreiche, wunderschöne Politikerin verliebt. Aller augenscheinlicher Widersprüche zum Trotz beginnen die beiden eine Beziehung – und da sie von niemand Geringerem als Seth Rogen und Charlize Theron verkörpert werden, ergibt sich hieraus einer der lustigsten, herzlichsten und charmantesten Filme des Kinojahres. Die beiden harmonieren hervorragend miteinander und verkaufen die Thematik zu einhundert Prozent aufrichtig, sodass die ganze Komik nicht aus der vermeintlich unpassenden Liebe der beiden resultiert, sondern aus der Situationskomik heraus, die sich im Laufe des im Hintergrund der Lovestory ausgeführten Wahlkampfes abspielt. „Long Shot“ hat richtig viel Spaß gemacht und verdient seinen filmischen Siegeszug – wenigstens im Heimkino.

5

Kommen wir nun zu einer Comedy von Paul Feig, womit es dem Regisseur nach „Ghostbusters“ und „Nur ein kleiner Gefallen“ zum dritten Mal gelungen ist, meine Jahrescharts zu entern. In diesem Fall mit der Weihnachtsromanze LAST CHRISTMAS, in der sich eine umwerfende Emilia Clarke in einen noch viel umwerfenderen Henry Golding verguckt. Die beiden verbringen ein paar wundervolle Tage in einem märchenhaften London der Vorweihnachtszeit miteinander und schlagen sich durch ein Skript von Emma Thompson, das sie einst gemeinsam mit „Last Christmas“-Interpret George Michael verfasste. Der Film ist nicht nur eine liebevolle Hommage an den mittlerweile verstorbenen Sänger, sondern über Umwege auch eine filmische Adaption des Songs. Wenngleich man von der blinkenden Zuckerguss-Welt, in der alles wuselt sowie drunter und drüber geht, in der ersten halben Stunde durchaus erschlagen werden kann, war „Last Christmas“ für mich genau die Art Weihnachtskitsch, die ich mir ab sofort jedes Jahr wieder ansehen werde.

4

Wie ich es ja bereits an früherer Stelle erwähnte: 2019 war vor allem das Jahr der Überraschungsfilme, von denen ich zuvor wenig bis gar nichts erwartete und die mich schlussendlich am meisten überzeugten. So ein Kandidat ist auch ENZO UND DIE WUNDERSAME WELT DER MENSCHEN, dessen Originaltitel „The Art of Racing in the Rain“ die poetisch-lebensweise Bandbreite des Films viel besser zum Ausdruck bringt. Es geht darin um einen Hund namens Enzo, der über viele Jahre das Treiben innerhalb seiner Familie beobachtet. Niederschmetternde Schicksalsschläge nimmt der nie allzu sehr vermenschlichte Vierbeiner genauso in sich auf wie große Momente der Glückseligkeit. Doch am Ende geht es tatsächlich weniger um den Hund als um die Menschen, die um ihn herum leben, lieben und leiden. Das ist bisweilen ganz schön tragisch und zugleich doch wunderschön. Wem „Marley & ich“ noch eine Spur zu kitschig war, der könnte sich nun an „Enzo“ wagen, der im Grunde dieselbe „Wir begleiten eine Familie durch ein Leben“-Erzählstruktur besitzt, dabei aber völlig ohne Gefühlsduselei auskommt.

3

Ein Film über eine Late Night Show. Über ihren Host. Über ihre Autorin. Mit Emma Thompson und Mindy Kaling. Wie zum Teufel kann ich denn diesen Film nicht heiß und innig lieben? Als ich von LATE NIGHT das erste Mal Wind bekam, war mir sehr schnell klar, dass dieser Film genau in mein „Filme über Medien“-Beuteschema passen würde. Und genau so ist es dann auch gekommen. Allen voran aufgrund der hervorragenden Chemie der beiden Hauptdarstellerinnen, aber auch dank des bissigen Zeitgeist-Kommentars gegenüber #MeToo und Co. Der Regisseurin Nisha Ganatra gelingt es, ohne erhobenen Zeigefinger auf Missstände, vor allem aber auf das Beheben derselben hinzuweisen. Damit streut sie nicht einfach nur plump weiter Salz in Wunden, sondern scheint mit ihrem Film tatsächlich zu einer Änderung beitragen zu wollen. Und das ist im Zuge so vieler Filme, die es genau andersherum machen, so verdammt angenehm, dass „Late Night“ definitiv aufs Treppchen meiner diesjährigen Jahrescharts gehört. Und wahnsinnig komisch ist der Film natürlich obendrein auch noch.

2

Beim ersten Mal Schauen komplett umgehauen, beim zweiten Mal geplättet, beim dritten Mal überzeugt: JOKER gehört zu den besten Filmen des Jahres aber auch jetzt schon des Jahrzehnts. Sicher lässt sich Todd Phillips ankreiden, dass er sich für sein Superschurken-Psychogramm einmal zu oft an Ästhetiken und Thematiken bereits bekannter Filme wie „Taxi Driver“ oder „King of Comedy“ bedient. Doch im Anbetracht dieses Endergebnisses frage ich ganz offen: Na und? In „Joker“ erzählt der „Hangover“-Regisseur scheinbar vom Aufstieg des Bösen, gleichzeitig seziert er den Niedergang des Guten, den Verfall der Gesellschaft so wie wir sie kennen. Und trifft dabei voll ins Schwarze. Die vorab stattfindenden Diskussionen darum, inwieweit der Film falsche Vorbilder heroisiert, lässt Phillips gekonnt an seinem Protagonisten abprallen, indem er die Charakterstudie rund um Arthur Fleck mit so vielen emotionalen Zwischentönen versieht, dass ein einfaches Berieseln gar nicht möglich ist. „Joker“ erfordert noch beim Sehen die direkte Auseinandersetzung mit der Materie – auch wenn das bedeutet, dass man die Bildgewalten beim ersten Mal gar nicht recht genießen kann.

1

Sieben Jahre nach „Marvels The Avengers“ schafft mit AVENGERS: ENDGAME erneut ein Marvel-Film den Sprung an die Spitze meiner Jahrescharts (Funfact: 2012 befand sich auf Platz 2 übrigens auch ein DC-Film!). Und auch wenn das bei vielen vielleicht Stirnrunzeln auslöst, weil es sich mittlerweile schickt, bei Superheldenuniversen und Bombastkino die Nase zu rümpfen, sage ich: Kein anderer Film hat bei mir in diesem Jahr mehr Emotionen, Glücksgefühle und Freude ausgelöst, als dieser kongeniale Abschluss des Marvel Cinematic Universe wie wir es kennen. Ich habe über ein Jahrzehnt mit Figuren wie Iron Man, Captain America und Co. verbracht. Habe die (auch qualitativen) Höhen und Tiefen innerhalb des MCU mitgemacht und ziehe nun den Hut davor, wie es den Russo-Brothers gelungen ist, alle, aber auch wirklich alle Handlungsstränge und Figurenkonstellationen für „Endgame“ noch einmal zusammen zu führen. An die unzähligen Kinobesuche von „Endgame“ werde ich mich auch noch in vielen Jahren erinnern. Genauso wie an die Gänsehaut, die ich beim Sehen so oft hatte. Danke für diese tolle Zeit!

 

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und ein frohes neues Jahr 2020!

Ein Kommentar

  • Bernd Anselm Zurch

    Danke, liebe Frau Wessels!

    Danke für die vielen, mir bei der Auswahl meiner regelmäßigen Kinobesuche wirklich weiterhelfenden Kritiken. Danke, daß Sie uns dabei so offen und authentisch an ihren Gefühlen teilhaben lassen. Und danke, daß ich sie überhaupt gefunden habe.

    Ich liebe das Kino, gehe mindestens einmal pro Woche und konsumiere dazu schon seit vielen Jahren eifrig Filmkritiken in allen möglichen Publikationen. Dabei habe ich aber erst vor ein paar Monaten, durch Zufall, nun mit ihnen eine (erstaunlicherweise so junge!) Kritikerin gefunden, die Filme nahezu genau auf meiner Wellenlänge sieht und auf deren Meinung ich mich deshalb tatsächlich verlassen kann.

    Herzliche Grüße. Ich wünsche ihnen ein glückliches, gesundes, hoffentlich sehr produktives und erfolgreiches Jahr 2020.

    Bernd Anselm Zurch aus Frankfurt a. M.

    P.S.: Meine zehn Lieblingsfilme 2019 (einige davon habe ich nur aufgrund einer Besprechung auf dieser Website gesehen):
    1. Parasite
    2. Joker
    3. Marriage Story
    4. Mein Ende. Dein Anfang
    5. Beautiful Boy
    6. Le Mans ’66
    7. Leid und Herrlichkeit
    8. Willkommen in Marwen
    9. The Favourite
    10. Capernaum

    Unbedingt im Heimkino nachholen werde ich, dank Ihrer Empfehlungen, nun in den nächsten Wochen/Monaten noch Bernadette, Einsam Zweisam, Enzo und die wundersame Welt der Menschen, Gut gegen Nordwind, Der Leuchtturm und The Mustang

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