Glass

M. Night Shyamalan führt 19 Jahre nach „Unbreakable“ und zwei Jahre nach „Split“ beide Filme zusammen – ganz so, wie es ursprünglich geplant war. Doch der GLASS betitelte Abschluss der „Easttrain 177“-Trilogie enttäuscht. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Die Psychiaterin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) hat sich auf Menschen spezialisiert, die vermeintlich im Besitz übernatürlicher Kräfte sind oder sich sogar für Comicheroen halten. Nun bekommt sie es mit drei fantastisch-verstörenden Patienten zu tun: dem abgründigen Comicliebhaber Mr. Glass (Samuel L. Jackson), der schon seit vielen Jahren davon überzeugt ist, dass es auf der Erde Superhelden gibt, dem buchstäblich unzerbrechlichen David Dunn (Bruce Willis), der schon mehrere eigentlich todbringende Unfälle wie durch ein Wunder unverletzt überlebt hat, und dem unscheinbaren Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), der nicht bloß knapp zwei Dutzend verschiedene Persönlichkeiten in sich trägt, sondern hinter dessen Fassade zudem eine blutrünstige Bestie tobt…

Kritik

Es war einer dieser ganz seltenen „What the Fuck!?“-Momente, als in der aller letzten Szene von M. Night Shyamalans Psychothriller „Split“ auf einmal David Dunn zu sehen war – jene Figur, um die sich im ebenfalls von Shyamalan inszenierten und bereits im Jahr 2000 veröffentlichten Superheldendrama „Unbreakable“ alles drehte, für das der gebürtig aus Indien stammende Regisseur damals etwas über sich ergehen lassen musste, was man heute wohl als „Shitstorm“ bezeichnen würde. Nach seinem Kritiker- und Publikumsliebling „The Sixth Sense“ erntete sein ohnehin unter großem Druck entstandenes Nachfolgewerk vorwiegend Verrisse. Erst über die Jahre und im Kontext zu Shyamalans anschließendem Schaffen entwickelte sich „Unbreakable“ rückwirkend zu einem seiner heute meistgeachteten Filme. Doch die Idee, Shyamalans neuen Film „Split“ nachträglich mit „Unbreakable“ zusammenzuführen, war kein Schnellschuss der Marke „Cloverfield“, getreu dem Motto: „Was wir nicht vermarkten können, dem drücken wir eben einen x-beliebigen Stempel auf!“ Vielmehr erfüllte sich Shyamalan einen von Anfang an gehegten Traum, denn bereits in „Unbreakable“ sollte die knapp zwei Dutzend Persönlichkeiten in sich bergende Figur des Kevin Wendell Crumb eine tragende Rolle spielen. Es hat ganze 19 Jahre gedauert, um diese Wunschvorstellung in die Tat umzusetzen. In „Glass“ treffen die in „Unbreakable“ eingeführten David Dunn und Mr. Glass sowie der „Split“-Hauptcharakter Kevin aufeinander. An diesem von Anfang an groß gedachten Projekt scheitert letztlich weniger der Regisseur M. Night Shyamalan, als vielmehr der Drehbuchautor.

Elija (Samuel L. Jackson) und sein Mitgefangener (James McAvoy) lernen sich in der Psychiatrie langsam kennen.

Gedacht war die „Easttrail 177“-Trilogie als die ultimative Liebeserklärung an die Welt der Comicbücher und Superhelden. Das werden vor allem die Figuren selbst nie müde zu betonen; seit seiner Selbstbeweihräucherungstour in „Das Mädchen aus dem Wasser“ war kein Shymalan-Film so meta wie „Glass“. Doch damit bleibt sich der Auteur ja erst einmal treu, schließlich fußte „Unbreakable“ vor allem auf der Idee, dass uns gerade eine Figur (Mr. Glass) die Struktur eines Superheldenfilms erklärt, während so einer ganz nebenbei auch noch eins zu eins vor unseren Augen abläuft, ohne dass wir es in diesem Moment merken. Wenn man es so will, war der Shyamalan-typische Twist auf den letzten Metern von „Unbreakable“ die Enthüllung des Genres; und genau so theoretisierend geht es mit „Glass“ weiter. Es wird sogar rückwirkend dafür gesorgt, dass sich der augenscheinlich dieser Struktur entsagende „Split“ im Nachhinein nachvollziehbar in diese Meta-Tonalität fügt, auch wenn man es hier auf den ersten Blick „nur“ mit einem banalen Psychothriller zu tun hat, von dem ja sogar einige sagen, dass einzig und allein David Dunns Kurzauftritt dafür gesorgt hat, dass er keine absolute Vollkatastrophe geworden ist. So aber wird „Glass“ zum Finale einer Drei-Akt-Blaupause für Comicbook-Originstorys: „Unbreakable“ steht für den ersten Akt, „Split“ bildet den zweiten und „Glass“ soll nun das spektakuläre Finale sein, das der formidablen Vorausplanung zum Trotz jedoch überhaupt nicht daraus schöpfen kann, was die beiden bisherigen Filme an Qualität vorgelegt haben.

Genau genommen klaubt sich M. Night Shyamalan für „Glass“ die wichtigsten Aspekte von „Unbreakable“ und „Split“ zusammen, um sie hier schließlich aufeinanderprallen zu lassen. So soll es sein. Eigentlich. Das sehr behutsame Tempo aus „Unbreakable“, die Bedeutungsschwere in den Dialogen und die inszenatorische Tristesse finden sich auch hier wieder. Genauso prägt der auch diesmal so richtig aufdrehende James McAvoy („Grenzenlos“) das Geschehen maßgeblich mit seiner Präsenz. Obwohl Bruce Willis („Death Wish“) nach zahllosen Ausflügen ins Heimkino, wofür er irgendwann nur noch engagiert zu werden schien, um desinteressiert dreinzuschauen, hier endlich mal wieder mitreißend und emotional bewegend aufspielt, lebt „Glass“ vor allem von McAvoys Aktion; So sehr und lang rückt das Skript die Figur des David Dunn in die eines passiven Beobachters. Die größte Unbekannte ist lange Zeit Mr. Glass, den Samuel L. Jackson („The Hateful 8“), mehr noch als im Ursprungsfilm, als uneinschätzbaren (Vielleicht-)Strippenzieher etabliert, hinter dessen Pläne man erst so richtig steigt, wenn er sie im letzten Drittel selbst offenlegt. Doch hier beginnt „Glass“ bereits, direkte Auswirkungen auf „Unbreakable“ und „Split“ zu haben: Wussten diese beiden Filme doch oft vor allem mitzureißen, weil sie in entscheidenden Momenten erzählerische Leerstellen ließen, entmystifiziert M. Night Shyamalan nun jede noch so kleine Möglichkeit der offenen Interpretation. „Glass“ führt strikt zu einem Ziel. Und so kommen wir zum nächsten Problem, denn weder das Ziel selbst, noch der Weg dorthin gestalten sich ansatzweise so reizvoll wie die dem Film zugrunde liegende und zu Beginn ausgeführte Entstehungsgeschichte.

Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) geht den Wahnvorstellungen ihrer Patienten auf den Grund.

Nach dem sehr dialoglastigen und nachdenklichen „Unbreakable“ sowie dem wahnwitzig-reißerischen „Split“ kehrt M. Night Shymalan hier zu den Ursprüngen zurück. Auch für „Glass“ fährt er bewusst mit angezogener Handbremse und geht sogar regelmäßig komplett vom Gas, um seine Figuren lange Monologe halten zu lassen. Das Problem: Waren derartige Erzähleskapaden in „Unbreakable“ noch relevant, weil die Figuren auch wirklich was zu sagen hatten, beschränkt man sich für „Glass“ vor allem auf hohles Geschwafel. Neue Erkenntnisse finden sich selten. Stattdessen bestehen die in der ersten Hälfte zum Dreh- und Angelpunkt werdenden Therapiesitzungen mit Dr. Ellie Staple und ihren Patienten aus Floskeln, Theorien und offenen Fragen, deren ständige Wiederholungen alsbald redundant werden. Erst im letzten Drittel zieht Shyamalan das Tempo an, nur um hier ähnliche Fehler zu begehen, wie ein Großteil von Regisseuren des modernen Popcornkinos: Hielt der Filmemacher zuvor immerhin konsequent an seinem reduzierten Szenario fest, gerät sein reißerischer Schlussakt beliebig und austauschbar. Das mag in gewissem Maße vielleicht sogar wieder ein Kommentar sein; schließlich scheint hier erst recht die DNA eines klassischen Superheldenfilms durch. Doch bis zu diesem Zeitpunkt ist „Glass“ immerhin eines: ambitioniert, wenngleich nur leidlich unterhaltsam. Und gerade für Zuschauer, die zuvor weder „Unbreakable“ noch „Split“ gesehen haben, dürfte das Leinwandgeschehen von vorne bis hinten keinen Sinn ergeben.

Apropos Sinn: Auch an seiner inneren (!) Logik hält „Glass“ nur bedingt fest. Wird die Welt der „Easttrail 177“-Trilogie seit zweieinhalb Produktionen explizit als unsere etabliert, schließt der Film gerade deshalb auf einer vollkommen unglaubwürdigen Note. Allzu viel sei an dieser Stille dazu nicht verraten, nur so viel: Würde man das, was dort passiert, eins zu eins auf die Gegenwart übertragen, müssten wir demnächst davon ausgehen, dass Nachrichtensendungen die reihenweise bei Videoplattformen hochgeladenen Fake-Videos von vermeintlichen UFO-Sichtungen und dergleichen als Eilmeldungen in die Nachrichten übernehmen. Doch auch auf der Meta-Ebene von „Glass“ holpert es mit fortlaufender Spieldauer gewaltig, wenn Figuren explizit als (Haupt-)Charaktere etabliert werden, die jedoch weder Tiefe, noch angemessene Spielzeit erhalten, um ihrer zugesprochenen Rolle gerecht zu werden. Anya Taylor-Joy („Vollblüter“) als Casey und Spencer Treat Clark („Viel Lärm um Nichts“) in der Rolle eines überraschenden Rückkehrers sind in „Glass“ vollkommen verschenkt; erst recht im Hinblick darauf, dass M. Night Shyamalan eine Fortsetzung der Ereignisse bereits kategorisch ausgeschlossen hat. Und so bleibt zu guter Letzt nur ein Blick auf die technische Umsetzung, um zu betonen, dass M. Night Shyamalan mitnichten ein schlechter Regisseur ist. Die Art, wie er die bereits in Teil eins und zwei konsequent etablierten Farbkonzepte hier zusammenführt (Kamera: Mike Gioulakis, „Under the Silver Lake“) und sich in jeder Szene den gerade im Mittelpunkt stehenden Figuren anpasst, zeugt davon, wie durchdacht „Glass“ eigentlich ist. Genauso die Finesse, in „Glass“ Originalszenen aus „Unbreakable“ unterzubringen, ohne das Gefühl zu haben, zwischen den einzelnen Filmen sei auch nur eine Sekunde Zeit vergangen.

Spencer Treat Clark kehrt als David Dunns Sohn Joseph Dunn zurück.

Fazit: „Glass“ ist optisch eine Augenweide und stark gespielt. Darüber hinaus hat das eigentliche Konzept der Trilogie, zumindest auf dem Papier, Hand und Fuß. Doch an die Qualitäten der bisherigen Filme reicht dieser hier um Längen nicht heran. Dafür war M. Night Shyamalan offenbar doch zu sehr daran gelegen, einfach nur einen großen Masterplan abzuarbeiten, für den so Dinge wie Entertainment, Logik und Dynamik ins Hintertreffen geraten mussten.

„Glass“ ist ab dem 17. Januar bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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