I Can Only Imagine

Im Musiker-Biopic I CAN ONLY IMAGINE geht es lange Zeit einfach nur um die Entstehung eines Songs. Doch je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto stärker bemerkt man auch den Drang der Filmemacher, den Gottglauben des Protagonisten zu betonen. Bis es schief geht. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Bart Millard wächst auf einer Farm in Texas auf. Sein cholerischer Vater Arthur (Dennis Quaid) hat nichts für den sensiblen Sohn übrig. Als die Mutter die Familie verlässt, bleibt Bart allein mit seinem gewalttätigen Vater zurück. Nach einem schweren Unfall beim Football muss er sich ein neues Wahlfach suchen und landet im Schulchor. Die Lehrerin fördert sein Talent, doch von seinem Vater erntet Bart (J. Michael Finley) nur Spott. Gleich nach dem Schulabschluss ergreift er die Flucht und tingelt mit der Band MercyMe durch die Staaten. Er hofft auf einen Plattenvertrag, doch der Durchbruch lässt auf sich warten. Erst als Bart sich endlich der Vergangenheit stellt und seinen Vater wiedersieht, kann er den Song schreiben, der zur Sensation wird: „I Can Only Imagine“.

Kritik

Die auch als „MercyMe Song“ bekannte Ballade „I Can Only Imagine“ ist der erfolgreichste christliche Popsong aller Zeiten. In den USA erreichte er dreifachen Platin-Status; zum Start der dazugehörigen, filmischen Entstehungsgeschichte sprang das Lied erneut auf die Pole Position der „Billboard Christian Songs“. Nun ist ebenjene aber auch einfach zu schön, um wahr zu sein. Denn der Interpret und Songwriter Bart Millard hat „I Can Only Imagine“ ja nicht einfach nur geschrieben und anschließend performt. In dem Song steckt eine Art Glaubensbekenntnis, denn er richtet sich an Millards Vater und erzählt, weshalb der Glaube an Gott den cholerischen Mann und seinen Sohn auf dessen alte Tage noch einmal zusammengeführt hat. Vergebung ist im christlichen Kino ohnehin ein Thema, mit dem oftmals eine ganze Geschichte – sei sie nun fiktiver, oder wahrer Natur – steht und fällt. Wir erinnern uns nur an das nahezu unerträgliche Drama „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“ an dessen Ende einem Vater so lange die emotionale Pistole auf die Brust gedrückt wurde, bis der sich endlich mit dem Mörder seiner Tochter (!) aussöhnte. Ganz so manipulativ ist „I Can Only Imagine“ nicht, denn denkt man sich den ganzen aufdringlichen Kirchenkitsch einmal weg, ist der Film gerade in der ersten Hälfte noch weitestgehend ansprechend inszeniert; als gefällige „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte über einen Mann, der seiner Bestimmung, Musiker zu werden, folgt. In der zweiten Hälfte und besonders in den letzten zehn Minuten muss man aber nicht bloß beide Augen zudrücken, sondern auch die Zähne ganz fest zusammenbeißen, um die theatralische Christenschose irgendwie noch halbwegs zu ertragen.

text

Sicher ist sicher, deshalb erwähnen wir es an dieser Stelle nochmal: Nichts, aber auch wirklich gar nichts ist dagegen einzuwenden, wenn Filme sämtlichen Genres einen religiösen Bezug aufweisen. Doch schon seit einigen Jahren hat sich vorzugsweise in den USA ein filmischer Trend entwickelt, der sich vor allem an streng gläubige Christen richtet: Produktionen wie „Himmelskind“, besagter „Die Hütte“ oder nun auch „I Can Only Imagine“ positionieren sich nahe an christlicher Propaganda, weshalb es einen auch kaum noch überrascht, dass am Ende des Films auf die Domain einer religiösen Website verwiesen wird, bevor noch einmal der riesige Erfolg des Songs in Zahlen weiß auf schwarz heruntergebetet wird. Nun muss man der überraschend durchschnittlichen Ballade immerhin zugutehalten, dass sie ja wirklich erfolgreich war. Und auch der Weg zu ihrer Entstehung rechtfertigt schon mal die Inszenierung eines hundertminütigen Dramas. Zumal in der Anfangsphase nur derart marginal an das Thema Gott und Glauben herangegangen wird, dass die Hoffnung, das als „Erwin Brothers“ bekannte Regieduo aus Jon und Andrew Erwin hätte es ganz gut raus, das für viele Menschen so zentrale Thema Glauben alles andere als aufdringlich im Film unterzubringen, bis weit in die zweite Hälfte bestehen bleibt. Gegen (ihren Glauben auch gern aktiv auslebende) Christen als Protagonisten spricht ja erst einmal überhaupt nichts.

Der sehr routiniert aufspielende J. Michael Finley, für den die Rolle in „I Can Only Imagine“ die aller erste Schauspielrolle überhaupt darstellt, verkörpert Bart Millard als Opfer jener Umstände, in die er hineingeboren wurde. Wenngleich ein wenig klischeebehaftet mit polterndem, gewalttätigem Vater (Dennis Quaid muss aufpassen, dass er nicht langsam nur noch auf diesen einen Figurentypus reduziert wird) und irgendwann flüchtender Mutter, zwischen deren Fronten es Bart irgendwann nicht mehr aushält, durchläuft sämtliche Stufen des Außenseiters, der sich durch ein besonderes Talent – in diesem Fall das Singen – nach und nach Respekt von seiner Umwelt verschafft und dadurch endlich wieder Licht am Horizont erblickt. Das wohl größte Ass im Ärmel der Macher zieht Finley dabei schon nach wenigen Minuten: Dieser Mann hat einfach eine Wahnsinnsstimme! Und dass man diese erst im Finale zusammen mit dem titelgebenden Song hört, baut eine Art von Suspense auf, die von den Erwin-Brüdern sehr geschickt ausgenutzt wird; umso größer ist schließlich die Ernüchterung, wenn allein aus musikalischer Sicht die Gänsehaut ausbleibt, da „I Can Only Imagine“ abgesehen vom Text eben auch nur eine Popschnulze von vielen ist. Weitaus interessanter – auch aus musikalischer Sicht – sind da die Einblicke in vorherige Auftritte der dato noch nicht vom Erfolg gekrönten Band MercyMe. Das ist zwar alles bei Weitem nicht originell, denn die Stationen, die Bart und seine Crew im Laufe des Films durchlaufen müssen, kennt man aus diversen artverwandten Filmen. Funktionieren tut es dennoch – wenn da nicht dieser völlig vermurkste Schlussakt wäre.

Bart und sein Vater (Dennis Quaid) versöhnen sich am Krankenbett.

Das an früher Stelle ausgesprochene Lob im Hinblick auf den fast schon zurückhaltenden Umgang mit dem Thema Glaube und Religion konterkarieren die Erwin Brothers im finalen Drittel mit solch einem Mut zur unfreiwilligen Komik, dass man nur zwei Möglichkeiten hat: Entweder, man springt als ohnehin für die Thematik empfänglicher Christ auf den Zug auf und lässt sich einlullen von den aufgesetzten Worten, die daran appellieren, dass nicht die Verarbeitung schlimmer Dinge das Wichtigste ist, sondern einzig und allein die Aussöhnung. Oder man fühlt sich eben peinlich berührt, denn mit ihrer Botschaft appellieren die Macher eben nicht bloß deeskalierend an ein freundschaftliches Miteinander, sondern hauen dem Zuschauer ebenjene mit der Brechstange in den Schädel, was sie auch auf audiovisueller Ebene unterstützen. Spätestens, wenn Bart Millard nach seiner aller ersten Performance von „I Can Only Imagine“ seinen nunmehr toten Vater im Publikum erspäht, wie dieser dort vom grellen Scheinwerferlicht eine fast schon engelsgleiche Gestalt annimmt, hat das Drama überhaupt nichts mehr mit einem religionsgefärbten Biopic zu tun, sondern dringt in inszenatorische Sphären vor, die in ihrer Penetranz keine andere Meinung mehr zulassen, als den Glauben an Gott und dessen Macht, Menschen zu helfen. Am Ende hat man im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder, man tritt direkt (wieder) in die Kirche ein, oder erst recht aus.

Fazit: Lange Zeit ist „I Can Only Imagine“ eine zwar nicht sonderlich innovative, aber durchaus charmant und gefällig inszenierte „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte über einen Mann, der seinen Traum vom Musikerdasein verwirklicht. Doch in der letzten halben Stunde bricht die hemmungslose Gottesfurcht über den Film herein – und dann wird’s peinlich!

„I Can Only Imagine“ ist ab dem 27. September in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?