Alpha

Für das Abenteuerdrama ALPHA werben die Trailer mit großen Bildern und einer niedlichen Geschichte über die Domestikation des Wolfes zum Haushund. Doch das Ergebnis ist aus vielerlei Sicht enttäuschend. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Die erste Jagd mit der Elite seines Stammes nimmt für den jungen Keda (Kodi Smit-McPhee) ein schlimmes Ende: Er stürzt eine Schlucht hinunter und wird von seinen Männern als tot geglaubt zurückgelassen. Verwundet und allein kommt er wieder zu Bewusstsein und muss sich augenblicklich der erbarmungslosen Wildnis stellen um zu überleben. Auf seinem Weg begegnet er einem einsamen Wolf, den er unter größtem Widerstand versucht zu zähmen. Langsam nähert sich das ungleiche Paar an und fasst Vertrauen, bis sie sich schließlich gemeinsam den zahlreichen Gefahren und Herausforderungen der Natur stellen, um nach Hause zu finden, bevor der Wintereinbruch naht.

Kritik

Wie kam der Mensch zum Hund? Dass des Deutschen liebstes Haustier vom Wolf abstammt, gehört zur Allgemeinbildung, doch in der Regel hört der biologische Fachverstand dann auch schon wieder auf. Für Regisseur Albert Huges, zu dessen bekanntesten Arbeiten der Johnny-Depp-Horrorfilm „From Hell“ sowie das mittelprächtige Actiondrama „The Book of Eli“ gehören, bildete diese evolutionsbiologische Frage nach der Domestikation des Hundes den Anreiz für ein spannendes Filmexperiment. Sein Steinzeitabenteuer „Alpha“ kommt in großen Bildern und mit wenig (und noch dazu für unsereins unverständlicher) Sprache daher. Darüber hinaus konnte er für die Verkörperung der Hauptfigur Nachwuchsdarsteller Kodi Smit-McPhee („X-Men: Apocalypse“) und als Erzähler (in einer zugegebenermaßen winzigen Rolle) niemand Geringeren als Morgan Freeman („Das ist erst der Anfang“) gewinnen. Das alles sind erst einmal keine schlechten Zeichen und deuten zum Teil sogar auf ein Filmerlebnis abseits des herkömmlichen Blockbuster-Einheitsbreis hin. Doch irgendeinen Grund muss es ja haben, dass „Alpha“ in seinem Produktionsland den USA noch nach seiner Fertigstellung um ein ganzes Jahr nach hinten verschoben wurde (das ist oftmals generell kein gutes Zeichen). Und tatsächlich macht es Albert Huges einem schwer, an „Alpha“ abseits einiger zum Staunen einladender Naturpanoramen so richtig Gefallen zu finden. Spannend ist er nicht, die Figuren bleiben über 90 Minuten lang vollkommen uninteressant, und wer in den vergangenen Jahren auch nur irgendeine Dokumentation geschaut hat, bekam visuell schon deutlich Spektakuläreres zu sehen.

Keda (Kodi Smit-McPhee) und der Wolf freunden sich langsam an…

Inszenatorisch ist „Alpha“ durch und durch fiktional. Die agierenden Charaktere werden von Schauspielerinnen und Schauspielern dargestellt, es gibt ein Drehbuch (eine Debütarbeit von Dan Wiedenhaupt) und letztlich erzählt der Film ja schon irgendwie eine Geschichte: Es geht um den von seiner Sippe abgeschnittenen Keda, der sich auf seiner Odyssee zurück zu seiner Familie mit einem verletzten Wolf anfreundet. Gleichzeitig wird man den Eindruck nicht los, „Alpha“ würde als Dokumentation weitaus besser funktionieren. Der sich ohnehin vorzugsweise auf seine mitunter durchaus imposanten Panoramen konzentrierende Bilderreigen ist in Rhythmus und Tempo nämlich derart unkoordiniert, dass der Eindruck, hier einer zumindest ansatzweise einer Dramaturgie unterliegenden Geschichte zuzusehen, gar nicht erst entsteht. Bisweilen hanebüchene Anschlussfehler und der inflationäre Gebrauch von Schwarzblenden verstärken den Eindruck, dass die Einzelszenen in „Alpha“ in der Regel für sich stehen sollen. Ein zusammenhängendes Ganzes entsteht nicht und mit ein wenig mehr Konzentration auf die Lebensweise der hier im Mittelpunkt stehenden Menschen sowie einem durchgehend erklärenden Voice-Over wäre aus „Alpha“ vielleicht nicht unbedingt eine starke, wohl aber eine solide Dokumentation geworden, dessen erzählerischer roter Faden nur marginal interessant ist – auch wenn die ganz starken Dokus das natürlich trotzdem (und eben weitaus besser als „Alpha“) hinbekommen; erinnern wir uns nur einmal an das dem Tag-Nacht-Rhythmus folgende Sequel zu „Unsere Erde“.

Nun präsentiert uns Albert Hughes sein Werk eben als Spielfilm; und an dieser Stelle schwankt „Alpha“ unentschlossen zwischen märchenhafter Überhöhung und rüder Echtlebensdarstellung. Wenn das Skript in wenigen Szenen abarbeitet, wie aus dem Wolf ein Haustier wurde – etwa indem Hauptfigur Keda als Abwehrversuch einen Stock auf den Wolf schmeißt, den dieser anschließend voller Elan zu ihm zurück trägt – dann ist das, gerade in Kombination mit weiteren vergleichbaren Szenen, so simpel gedacht, dass „Alpha“ sich vorwiegend an ein jüngeres Publikum zu richten scheint. Einige durchaus brutale Szenen wie zum Beispiel wiederholte Angriffe durch wilde Tiere, oder generell die eher minimalistische Erzählung und Inszenierung sprechen allerdings dagegen. Und so ist „Alpha“ an dieser Stelle weder Fisch noch Fleisch. Ebenfalls irritiert eine Geschichte aus den Dreharbeiten: Dass der Film nicht den üblichen „No Animals Were Harmed“-Verweis trägt, hat den Grund, dass für die Produktion von „Alpha“ vier Bisons geschlachtet wurden, um ihre Kadaver anschließend im Film zu verwenden. Das verleiht „Alpha“ im Gesamten zusätzlich einen unangenehmen Beigeschmack, auch wenn es keine allzu direkten Auswirkungen auf die Inszenierung an sich hat.  Im Gesamten kann das Produktionsdesign nämlich durchaus überzeugen. Doch ausgerechnet bei den vermeintlich so spektakulären und auch von dem Film groß angekündigten Bildern ist in „Alpha“ nicht viel zu sehen; obwohl zum Großteil an Originalschauplätzen in Kanada gedreht wurde, wirken die Sets seltsam steril und sehen sogar zum Großteil eher nach Studiokulisse aus. Für einige optische Augenschmäuse – einmal stößt ein Bison Keda in Superzeitlupe einen Abhang hinunter, eine weitere herausragende Szenen spielt sich auf einem zugefrorenen Eis ab – reicht es zwar immer noch, doch Kameramann Martin Gschlacht („Stille Reserven“) liefert vorwiegend Natur-Einheitsbrei, der dem groß gedachten Projekt nicht gerecht wird.

Werden es die beiden rechtzeitig vor dem Winter nach Hause schaffen?

So muss es am Ende die weitestgehend wortlose Interaktion zwischen Kodi Smit-McPhee und dem Wolf selbst richten. Und zumindest auf dieser Eben kann „Alpha“ dann doch weitestgehend überzeugen. Dass hier mit einem echten Tier gedreht wurde, kann verschleiern, dass einige Trickeffekte wiederum nicht ganz so gut geraten sind. Wenn etwa der Wolf mit einer überdeutlich aus dem Computer stammenden Wildkatze kämpft, umgehen Albert Hughes und sein Kameramann die das niedrige Budget mit sich bringenden Probleme der optischen Defizite, indem sie den Kampf zum einen im Dunkeln stattfinden lassen und den visuellen Fokus zum anderen ganz auf den Wolf richten. Dieser, der während des gesamten Films nur von einem einzigen Vierbeiner dargestellt wird (normalerweise greift man beim Dreh mit Filmtieren gern auf mehrere von ihnen zurück, um ein und dieselbe Figur zu verkörpern), erweist sich mit der Zeit zum einzigen großen Highlight des Films. Nicht bloß das stetig enger werdende Band zwischen Mensch und Wolf wird glaubhaft durch das höchst telegene Tier und den engagierten Schauspieler verkörpert. Darüber hinaus betont Hughes immer auch die Wildheit, die trotz der Domestikation zum „Haustier“ in ihm schlummert. Dass „Alpha“ dann ausgerechnet auf einer sehr zuckrigen Note endet, steht dann wiederum im krassen Kontrast zur zuvor schon fast anarchischen Inszenierung. In „Alpha“ passt also bis zur allerletzten Sekunde nichts so richtig zusammen.

Fazit: „Alpha“ wurde zu weiten Teilen in der echten Wildnis gedreht, sieht dafür aber überraschend stark nach Filmstudio aus. Die Story mäandert profillos zwischen kindlich und nichtig. Nur die authentische Interaktion zwischen Mensch und Wolf kann immerhin Einiges rausreißen – mit Ausnahme des bitteren Nachgeschmacks, da für die Produktion Tiere zu Tode kamen.

„Alpha“ startet ab dem 6. September in den deutschen Kinos.

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