Wonder Wheel

Woody Allens romantische Tragikomödie WONDER WHEEL erhielt in den USA vernichtende Kritiken, denen auch wir uns anschließend möchten. Warum, das erfahrt Ihr in der Besprechung zu einem Film, der bereits unter schlechten Vorzeichen startet.

Der Plot

Die emotional instabile Ex-Schauspielerin Ginny (Kate Winslet) jobbt in einem Meeresfrüchte-Imbiss und ist unglücklich mit Humpty (Jim Belushi) verheiratet, der auf Coney Island ein Karussell betreibt. Der attraktive junge Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) träumt derweil von einer Karriere als Bühnenautor, während sich Humptys seit Langem getrennt lebende Tochter Carolina (Juno Temple) bei ihm vor einer Gangsterbande versteckt. Ginnys und Mickeys Wege kreuzen sich eines Tages, als die traurige Frau am Strand die Aufmerksamkeit des smarten Verführers auf sich zieht. Doch während er leidenschaftlich für Ginny schwärmt und die beiden sogar eine Affäre beginnen, hat Carolina ein Auge auf Mickey geworfen, der sich dem Charme der jungen Frau nur schwer entziehen kann…

Kritik

Woody Allens neuer Film könnte kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen. Schon lange vor der von Harvey Weinsteins erschütterndem Fehlverhalten losgetretenen #MeeToo-Kampagne und dem damit einhergehenden Bekanntwerden von immer mehr Missbrauchsfällen hinter den Kulissen der Traumfabrik, stand der heute 82-jährige Autorenfilmer („Café Society“) im Zentrum eines Missbrauchsskandals. Anfang der Neunzigerjahre wurde ihm vorgeworfen, seine siebenjährige Adoptivtochter missbraucht zu haben, während er außerdem ein Verhältnis mit der damals minderjährigen Adoptivtochter seiner ehemaligen Freundin Mia Farrow hatte. Zu einer Anklage kam es in beiden Fällen nie, doch die Vorwürfe begleiten Allen wie ein über ihm hängendes Damoklesschwert, das von Zeit zu Zeit auf ihn hinuntersaust. So eben auch im Rahmen der #MeeToo-Berichterstattung und erst kürzlich, als bekannt wurde, wovon sein derzeit in Produktion befindlicher Film „A Rainy Day in New York“ handeln solle – nämlich unter Anderem von einem Verhältnis zwischen einer Fünfzehnjährigen, gespielt von Elle Fanning, und einem Mittvierziger, verkörpert von Jude Law. Im Zuge dessen musste sich sogar Kate Winslet Kritik anhören, die in Allens aktueller Tragikomödie „Wonder Wheel“ die Hauptrolle spielt. Mit seiner schmuck ausgestatteten Dreiecksromanze läuft der Regisseur zwar nicht Gefahr, den Zuschauer aufgrund von Geschmacksentgleisungen zu verärgern, aber ihn zu Tode zu langweilen.

Das Setting Coney Island stiehlt den Darstellern (u.A. Juno Temple) die Show.

Woody Allen ist nicht bloß immer in Personalunion für Drehbuch und Regie verantwortlich, er bleibt sich auch bis heute einem bestimmten Inszenierungsstil treu. Den mögen die Einen altbacken, die Anderen klassisch nennen – und je nach Endprodukt treffen auch beide Dinge zu. Doch letztlich ist für den Film gar nicht entscheidend, wie spektakulär die Kamerafahrten sind, ob der Abspann nun aus Lauftext oder einzelnen Tafeln besteht, oder ob es sich bei der Hintergrundmusik mal wieder um das ewig gleiche Jazzgedudel handelt. So lange es zum Gesamtkonzept passt, können auch sich mehrfach wiederholende Motive wunderbar funktionieren (letztlich haben sich Allens Werke in den vergangenen Jahren immer schon frappierend geähnelt), doch im Falle von „Wonder Wheel“ überspannt der Autorenfilmer seinen bewährten Bogen. In seiner Geschichte seziert er die Gefühlslagen verzweifelter Menschen, wendet sich jedoch endlich einmal von den oberen Zehntausend ab und blickt verständnisvoll auf die seelischen Probleme „ganz normaler Menschen“. Dieser Umstand lässt sich „Wonder Wheel“ allerdings nur so lange zugute halten, bis sich offenbart, dass die Probleme an sich hier genau dieselben sind. Die von einer kaum als sie selbst wiederzuerkennenden Kate Winslet („Zwischen zwei Leben – The Mountain Between Us“) verkörperte Ginny ist letztlich eine von vielen ihrer Vergangenheit hinterher trauernden Frauen, wie Allen ihnen eigentlich mit „Blue Jasmine“ bereits das perfekte Denkmal gesetzt hatte.

Auch mit dem hoffnungsvollen Starlet (hier verkörpert von Juno Temple) und dem kühnen Frauenversteher (Justin Timberlake) kommen in „Wonder Wheel“ bewährte Figurentypen unter der Leitung von Woody Allen zusammen, deren Interaktion auf eine klassische Dreiecksgeschichte zuläuft. Leider mangelt es dem Skript an eigenen Impulsen; die Tragikomödie hängt einfach nur einzelne, genretypische Szenerien aneinander und versucht aus der Situation heraus Spannung und Emotion zu erzeugen, verliert dabei allerdings die Figuren aus den Augen. Für die lässt es sich in „Wonder Wheel“ nämlich kaum Interesse aufbringen. Sie alle scheinen jeweils einem völlig anderen Film entsprungen: Kate Winslet kratzt immer wieder gefährlich nah am Overacting zur (im wahrsten Sinne des Wortes!) theatralischen Furie, Timberlake („Freunde mit gewissen Vorzügen“) versieht seine Figur mit einem derart übergroßen Augenzwinkern, dass sich fast schon von einer Parodie sprechen lässt und dazwischen versuchen sich Juno Temple („Maleficent – Die dunkle Fee“) und Jim Belushi („Twin Peaks“) an aufbrausendem Spiel, das immer dann mitreißt, wenn beide zusammen in einer Szene zu sehen sind. Unabhängig voneinander funktionieren beide dagegen kaum – auch weil sämtliche Figuren in „Wonder Wheel“ mit Dialogen vorlieb nehmen müssen, an denen sich Woody Allen ohne jedwede Rücksichtnahme auf Authentizität ausgetobt hat.

Ginny (Kate Winslet) und Mickey (Justin Timberlake) genießen die geheime Zweisamkeit.

Wie Woody Allen im Laufe der zähen 100 Minuten sämtliche Subplots verdichtet und auf ein durchaus stimmiges Finale zusteuert, hat hier und da einige charmante Ansätze. Vor allem Teile der Lovestory zwischen Ginny und Mickey sind so charmant inszeniert, dass sie über die anstrengenden Dialoge hinwegtäuschen können. Dasselbe gilt für das chice Retro-Setdesign, wodurch das Coney Island der Fünfzigerjahre zum gar nicht ganz so geheimen Star von „Wonder Wheel“ wird. Trotzdem stehen einzelne Handlungssegmente wie nicht passend wollende Puzzleteile dem runden Eindruck des Films im Wege. Die zwischendurch eingeschobenen Eskapaden das Feuer legenden Sohnes sind zwar in ihrer Kurzweil lustig, lassen aber den Bezug zur eigentlichen Handlung vermissen. Auch die penetrante Farbsymbolik raubt dem Film ebenso Leben, wie die teils theaterhaft anmutenden Bilder, in denen jede Figur – und sei es nur ein Statist – ganz genaue Vorgaben hat, wie er sich wann von wo nach wo zu bewegen hat. „Wonder Wheel“ will ein Film über die Unberechenbarkeit des Lebens sein und ist dabei so starr, wie Jemand, der ein auswendig gelerntes Skript immer noch abliest. Dem passen sich letztlich auch die Darsteller an, die überhaupt keine Gelegenheit haben, ihre eigene Persönlichkeit in den Film einzubringen.

Fazit: Woody Allen bräuchte nicht einmal den Skandal um seine Person, um negative Resonanz zu seinem neuesten Werk zu erhalten. Die theaterhafte Tragikomödie „Wonder Wheel“ ist trotz der berauschenden Kulisse eine redselige Schlaftablette.

„Wonder Wheel“ ist ab dem 11. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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