2017 – Die Plätze 20 bis 11

Vor einigen Tagen eröffnete ich an dieser Stelle meine Jahrescharts 2017. Was sich auf den Plätzen 40 bis 31 sowie 30 bis 21 findet, könnt ihr in den jeweiligen Blog-Beiträgen nachlesen. Um Euch nicht weiter auf die Folter zu spannen, geht es nun mit den nächsten zehn Platzierungen weiter. Vorab jedoch ein bisschen Statistik: Ich habe vom 01. Januar bis zum 31. 12. 2017 exakt 269 Kinovorstellungen besucht. 23 mal besuchte ich reguläre Vorführungen, 246 mal waren diese ausschließlich für die Presse. Dabei habe ich insgesamt 249 unterschiedliche Filme gesehen. 58 Filme habe ich im Kino verpasst und mussten von mir auf DVD oder via Pressestream/-screener nachgeholt werden. Hinzu kommen 11 Filme, die direkt im Heimkino erschienen sind und keine reguläre Kinoauswertung erhalten haben. Für meine Top 40 zur Auswahl standen insgesamt also 318 verschiedene Kinofilme.

Bevor Ihr Euch nun meinen nächsten zehn Platzierungen widmet, kommen an dieser Stelle weitere ehrenwerte Nennungen. Nachdem ich das letzte Mal den Schwerpunkt auf das deutsche Kino gelegt habe, kommt hier eine Auswahl eher im Programmkino anzutreffender Produktionen, denen der Sprung in meine Tops nur knapp verwehrt blieb. Dazu zählen die direkt im Heimkino erschienene Coming-of-Age-Tragikomödie  EDGE OF SEVENTEEN (Platz 44), das im Stile eins Horrorfilms inszenierte Drama-Biopic JACKIE (Platz 45), das charmante Geschichtsdrama IHRE BESTE STUNDE (Platz 46), genauso wie der brachiale Horroractioner DAS BELKO EXPERIMENT (Platz 48). Nicht zu vergessen Yorgos Lanthimos schwarze Horrorkomödie THE KILLING OF A SACRED DEER (Platz 50) sowie das vollständig untergegangene Tennisdrama BORG/McENROE (Platz 57).

20

Das provokante Liebesdrama UNA UND RAY gehört ganz gewiss zu den intensivsten und beklemmendsten Kinoerfahrungen, die ich in diesem Jahr machen durfte. Das liegt vor allem an den spektakulären Performances von Rooney Mara und Ben Mendelssohn. Die beiden spielen ein Paar, das vor vielen Jahren miteinander intim war – nur war sie damals minderjährig und er ist anschließend ohne eine Nachricht abgehauen und musste sich dafür vor Gericht verantworten. Harter Tobak, der in diesem zermürbenden Drama alles andere als unterhaltsam aufbereitet wird. Doch die Schauspielleistungen der beiden Darsteller sind derart intensiv und die Schilderung des emotionalen Konflikts so komplex, dass man unweigerlich an den Lippen des Paares hängt, das sich viele Jahre später unter dramatischen Umständen wieder trifft. „Una und Ray“ konfrontiert einen mit moralischen Fragen und lässt uns über Dinge nachdenken, die auf den ersten Blick völlig selbstverständlich erscheinen, es auf den zweiten Blick allerdings nicht sind. So gehörte auch ich zu denjenigen, die nach dem Film noch lange über ihn nachdenken mussten.

19

Dieses Jahr beweist einmal mehr, dass an dem verallgemeinernden Ausruf, der deutsche Film stecke in der Krise, nur bedingt etwas dran ist. Denn mit Fatih Akins AUS DEM NICHTS liefert der „Tschick“-Regisseur ein Herzensprojekt ab, das eine Sprache spricht, die alle verstehen: Auf Basis der NSU-Prozesse erzählt er darin das fiktive Schicksal einer jungen Frau, die bei einem Anschlag Mann und Kind verliert und im Zuge dessen Rache schwört. Aus jeder Pore von „Aus dem Nichts“ quillt nichts als Wut, die den Zuschauer am Ende des Films fassungslos und traurig darüber zurücklässt, wie sehr sinnlose Gewalt und Fremdenhass unseren Alltag mittlerweile bestimmen. Zum Leben erweckt wird diese erschütternde Geschichte von einer Diane Kruger, die hier nicht bloß das erste Mal seit einer halben Ewigkeit auf deutsch agiert, sondern direkt die beste Leistung ihrer Karriere abliefert. „Aus dem Nichts“ ist ein Film, den man nach dem Anschauen so schnell nicht nochmal sehen will. Aber dessen Verpassen man gleichzeitig sehr bereut hätte. Der Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ wäre mehr als verdient.

18

Ich hielt es schon für absolut unmöglich, dass ein Film die Generation der jungen Erwachsenen von heute – die sogenannten Millenials – einfangen kann, ohne daraus direkt eine Rebellionsgeschichte zu machen, oder im selben Atemzug zur Schau zu stellen, wie toll die deutsche Hauptstadt Berlin ist. Helena Hufnagel hingegen hat mich eines Besseren belehrt und mit EINMAL BITTE ALLES genau jenen Film gedreht, den ich mir schon lange über dieses Thema gewünscht habe. Nicht nur, dass die Regisseurin ihre Figuren so sehr liebt, dass sie ihre vielen Probleme mit äußerstem Fingerspitzengefühl beleuchtet. Auch die Charaktere selbst fühlen sich wahrhaftig an. Und mit der famosen Neuentdeckung Luise Heyer in der Hauptrolle – die eigentlich schon wesentlich länger auf der Leinwand zu sehen, mir allerdings erst dieses Jahr so richtig aufgefallen ist – hat Hufnagel eine Schauspielerin gefunden, die die Probleme des von ihr verkörperten Menschentyps verinnerlicht hat. An „Einmal bitte alles“ stimmt eben einfach alles!

17

Ganz nüchtern betrachtet, ist TULPENFIEBER eigentlich „nur“ eine (zugegebenermaßen hammermäßig besetzte) Dreiecks-Liebesgeschichte. Doch ab und an reicht es aus, diese in ein exotisches Setting zu kleiden und mit einem visuellen Bombast auszustatten, so wie hier geschehen. Angesiedelt im Amsterdam zur Hochzeit des Tulpenhandels, geht die schönste Frau der Welt – Alicia Vikander – die Ehe mit einem älteren Mann ein, entdeckt allerdings bald ihre Leidenschaft für einen ebenso sympathischen wie geheimnisumwitterten Maler. Daraus entwickelt sich nicht bloß ein gefährliches Versteckspiel, sondern auch ein halsbrecherisches Betrugsmanöver rund um ein Baby, das mit überraschend viel Humor daherkommt. Das Besondere an „Tulpenfieber“ sind allerdings die schwelgerischen Bilder, die von so faszinierender Schönheit sind, wie die Tulpenblume an sich. In diesem Film kann man sich so richtig schön verlieren, sofern man dem Thema Romantik und einer kleinen Prise Erotik nicht völlig abgeneigt ist. Für alle anderen bietet vielleicht schon die nächste Platzierung ein willkommenes Kontrastprogramm…

16

Es gibt Platzierungen, die verstehe ich nicht. Und ein Platz 16 an einen Fantasy-Action-Film gehört dazu, denn KING ARTHUR: LEGEND OF THE SWORD ist eigentlich dafür prädestiniert, von mir abgrundtief gehasst zu werden. Denn ich mag nun mal keine Fantasyfilme. Aber offenbar reicht es, wenn Charlie Hunnam die Hauptrolle spielt, Guy Ritchie inszeniert und Daniel Pemberton den dazugehörigen Soundtrack komponiert, denn unter der Aufsicht dieses Teams funktioniert die Neuauflage der King-Arthus-Saga für mich ganz ausgezeichnet. Ich hatte ganz einfach jede Menge Spaß an dem Film, der es geschafft hat, mich mit viel Dynamik, Humor, tollen Effekten und einer ausgewogenen Mischung aus Dramatik und Augenzwinkern schlichtweg zu begeistern. Und das muss man am Ende vielleicht nicht verstehen (ich tu es am wenigsten!), aber wenn ich einen Film toll finde und ich mir das noch nicht einmal so richtig erklären kann, dann muss er ja trotzdem etwas richtig gemacht haben. Und in Kombination mit einem tollen Interview, das ich mit Hunnam zu diesem Film führen durfte, macht mich das einfach glücklich!

15

THE BIG SICK ist eine Mischung aus handelsüblicher RomCom und unkonventionellem Biopic – aus dieser Mischung heraus entsteht die Liebesgeschichte des Jahres, auskommend ohne jedwede Form von Kitsch und Rührseligkeit. Das Leben des Komikers Kumail Nanjiani war einfach tatsächlich so absurd, wie es hier unaufgeregt von Michael Showalter aufbereitet wird. Der Indie-Geheimtipp erzählt ohne Zuhilfenahme von Überstilisierung oder einer gekünstelten Dramaturgie vom Kennenlernen eines Paares, das plötzlich mit einem schweren Schicksalsschlag konfrontiert wird – und behält dabei trotzdem seinen lebensbejahenden Grundton bei. Dabei punktet „The Big Sick“ außerdem mit subtilen Pointen, die man teilweise mehrmals hören muss, um ihre Komik zu begreifen und mit einem Hauptdarstellerduo, dem man die Leidenschaft füreinander jederzeit abnimmt. Glaubt man Insidern, hat das lebensechte Skript außerdem beste Chancen auf einen Oscar für das beste Drehbuch. Und tatsächlich hätten es die aus dem Leben gegriffenen Dialoge mehr als verdient.

14

Martin Koolhovens Thrillerwestern BRIMSTONE erwischte mich ohne jede Vorwarnung, denn nur selten komme ich dazu, Filme ohne irgendein Vorwissen zu sehen. In diesem Fall hat sich das allerdings als doppelt effektiv erwiesen, denn so konnten nicht bloß die vielen erzählerischen Wendungen ihre volle Wirksamkeit entfalten, auch zur Unberechenbarkeit der Geschichte trug dieses völlige Unwissen bei. So wurde ich Zeuge einer zweieinhalbstündigen Tour de Force, die die in diesem Film stumme Dakota Fenning über sich ergehen lassen musste, um endlich zu einer eigenständigen Person zu werden. Ihr Widersacher: Ein bis aufs Blut böser Guy Pearce in der vermutlich finstersten Rolle seiner Karriere. Koolhoven geht rabiat und kompromisslos vor, lässt Figuren unvermittelt über die Klinge springen und findet selbst im Finale nicht einen Hauch von Optimismus – und trotzdem ist ausgerechnet dieser tief pessimistische Film der Einzige, der in diesem Jahr in irgendeiner Form einen emanzipatorischen Mehrwert hatte. Chapeau!

13

Holy Shit, was hat dieser Film Bock gemacht! Edgar Wrights musikalische Actionkomödie BABY DRIVER war so etwas wie „Mad Max: Fury Road“ für die Akustik; eine spektakulär geschnittene Achterbahnfahrt zu musikalischen Evergreens, die Ansel Elgort nun sogar ganz überraschend eine Nominierung bei den Golden Globes einbrachte – und das, wo er doch eigentlich „nur“ ziemlich genial mit dem Auto durch die Gegend cruist. Aber „Baby Driver“ kann eben noch mehr, als nur spektakuläre Stunts aufzufahren und zeigen, was ein gekonnter Tonschnitt alles bewirken kann. Auch die Geschichte rund um den Außenseiter Baby, die von ihm angehimmelte Deborah und der Clan aus zwielichtigen Gangstern, angeführt von Kevin Spacey, macht in ihrer Kurzweil einfach Laune und bis zuletzt keine Gefangenen. „Baby Driver“ ist so in der Form schlichtweg einzigartig und beweist, dass auch eine inhaltlich weitgehend austauschbare Geschichte einen enormen Innovationswert besitzt, wenn sie einfach mal ganz anders aufgezogen wird. Ich freue mich auf das bereits angekündigte Sequel!

12

Es ist nicht selbstverständlich, dass mir die Realfilm-Neueuflage eines Disney-Zeichentrickklassikers gefällt. „The Jungle Book“ habe ich sehr gemocht, „Cinderella“ hingegen war mir egal und „Maleficent“ fand ich regelrecht furchtbar. DIE SCHÖNE UND DAS BIEST hat mich dann allerdings doch einmal mehr verzaubert, denn diese – im wahrsten Sinne des Wortes – märchenhafte Geschichte punktet mit allem, was ich mir von so einem Film wünsche: Spektakuläre Kostüme, eine glaubhafte Chemie zwischen Belle und dem Biest, tolle Musik und eine genaue Orientierung an der Vorlage (auch wenn man bei letzterem gewiss geteilter Meinung sein kann). Herausgekommen ist ein fast schon zu perfekt inszeniertes, zeitloses Fantasyabenteuer mit romantischem Beiklang, bei dem mir spätestens bei den Klängen von „The Beauty and the Beast“ ganz warm ums Herz wurde. So darf Disney in Zukunft gern noch mehr bekannte Stoffe zeitgemäß adaptieren. Der zwölfte Platz für „Die Schöne und das Biest“ ist also mehr als verdient und wird damit zu meinem liebsten Disney-Film aus dem vergangenen Jahr.

11

Den Einzug in die Top Ten knapp verpasst hat ein Film, an dem sich in diesem Jahr die Geister geschieden haben. Und im Anbetracht der pikant-provokanten Episodentragikomödie EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID kann ich das schon irgendwie verstehen, obwohl ich hier und da gern ein wenig mehr Respekt für Lars Montags Film erwartet hätte. Sei es drum: So ist diese bitter böse Satire eben ein Geheimtipp – und wer sich auf diesen einlässt, kann sich sicher sein, dass am Ende kein Auge trocken bleibt. Ich mag nicht bloß das emotionale Potpourri, das Lars Monat hier auffährt – nicht weniger als die finstersten, tragischsten Abgründe der menschlichen Seele. Vor allem gefällt mir an der Inszenierung die Tatsache, dass „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ das deutsche Arthouse-Kino in seiner teilweise nicht zu leugnenden, prätentiösen Idiotie vorführt. In diesem Film steckt so viel mehr, als es viele erkant haben. Und da er beim deutschen Filmpreis schon so frech übergangen wurde, wird ihm wenigstens hier die Ehre einer hohen Platzierung zuteil.

 

In den nächsten Tagen geht es hier weiter mit den Plätzen 30 bis 21…

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