Drei Zinnen

Alles deutet auf eine Eskalation hin, doch wie diese aussieht, erfährt der Zuschauer des unkonventionellen Familiendramas DREI ZINNEN erst ganz zum Schluss. Wie der Weg dorthin verläuft, das verrate ich in meiner Kritik zum Film.

Der Plot

Aaron (Alexander Fehling) möchte, dass er, seine Freundin Lea (Bérénice Bejo) und deren achtjähriger Sohn Tristan (Arian Montgomery) eine Familie werden. Zu diesem Zweck macht die Patchwork-Familie Urlaub in einer einsamen Waldhütte in den italienischen Dolomiten. Zunächst scheint es so, als würden sich Aaron und Tristan endlich annähern. Er bringt ihm Schwimmen bei, die beiden spielen gemeinsam Klavier und als Tristan seinen Stiefvater aus heiterem Himmel „Papa“ nennt, scheint die gemeinsame Zeit endlich Früchte zu tragen. Doch Lea betont immer wieder, dass Tristan nur einen Vater hat und nicht verwirrt werden soll. Das ist allerdings nicht das einzig Ungewöhnliche an der Dreierbeziehung: Ist Tristan in dem einen Moment noch zugänglich und freundlich, straft er Aaron im nächsten mit Ablehnung und Ignoranz. Es entwickelt sich ein gefährliches Machtspiel, an dessen Ende es nur Verlierer geben kann.

Kritik

Ihren Namen erhielt Jan Zabeils zweite Langfilmarbeit nach „Der Fluss war einst ein Mensch“ von einem markanten Gebirgsstock in den Dolomiten. Er hat die Form von drei emporragenden Felstürmen, die alle jeweils eine Höhe on 2700 bis knapp 3000 Metern haben. Sie stehen frei und sind daher schon von Weitem klar als die „Drei Zinnen“ zu identifizieren; oder, wie der Sohn in Zabeils gleichnamigem Drama sie nennt, als „Papa, Mama und Kind“. Doch beim Titel und der Familienkonstellation aus Sohn, Mutter und ihrem neuen Freund hat sich die Dreiersymbolik noch nicht erschöpft. Zabeil, der auch das Drehbuch zu seinem Film schrieb, greift immer wieder auf die Zahl drei zurück. Sei es nun beim Klavierspielen, das Aaron und sein Stiefsohn Tristan dreihändig vollziehen, bei der merkwürdigen Mischung aus deutscher, englischer und französischer Sprache, in der die Patchworkfamilie miteinander kommuniziert oder bei der Betrachtung von Tristans Erziehungsberechtigten, wenn sowohl seine Mutter, als auch seine beiden „Väter“ versuchen, ihm alles Wichtige fürs Leben mit auf den Weg zu geben. Doch in „Drei Zinnen“ läuft von Anfang an klar alles auf „Drei ist einer zu viel“ hinaus, denn für Tristan steht nicht nur fest, dass er keine drei, sondern nur zwei Elternteile haben will und Aaron fühlt sich in diesem Patchwork-Konstrukt schon bald überflüssig. Doch das ist erst der Auftakt zu einem schaurig-schönen Psychoduell, dass bis zuletzt absolut unberechenbar bleibt.

Aaron (Alexander Fehling) und Tristan (Arian Montgomery) versuchen, die gemeinsame Zeit zu genießen.

Gerade in Horrorfilmen haben sich Kinder immer schon hervorragend als das unscheinbare Böse bewiesen. Je jünger, desto bedrohlicher. Auch Tristan aus „Drei Zinnen“ hat es faustdick hinter den Ohren, doch der achtjährige Junge muss sich dazu weder bewaffnen, noch unheimlich Dreinschauen. Stattdessen ist es vorwiegend der riesige emotionale Kontrast, der ihm innewohnt, wenn er sich zunächst ganz auf seinen neuen Stiefvater Aaron einlässt und ihn im nächsten Moment versucht, gegen seine Mutter Lea auszuspielen. Was genau dahintersteckt, verschleiert Jan Zabeil nicht; schon früh lassen einzelne Gesprächsfetzen die innere Zerrissenheit des dreisprachig aufwachsenden Jungen erahnen, der es eigentlich viel lieber sehen würde, wenn seine Mutter wieder mit seinem Vater zusammenkäme und der trotzdem immer mal wieder den Anschein erweckt, das Beste aus seiner Situation zu machen. Wie unberechenbar der unterschwellige Groll in Tristan ist, kommt immer wieder in beiläufigen Suspense-Spitzen zum Vorschein, wenn er etwa mit einer Säge andeutet, Aaron den Arm abzusägen oder beim Spielen bewusst riskiert, dass dessen Hand in einer gespannten Mausefalle landet. Dass Tristan erst acht Jahre alt sein soll, glaubt man indes nur bedingt; so oder so geht von dem Jungen eine Bedrohung aus, die vor allem deshalb so beklemmend wirkt, da ihm der gut trainierte Aaron sowohl körperlich, als auch geistig jederzeit überlegen sein müsste. Stattdessen scheint er gefangen in diesem undurchsichtigen Machtspiel.

Dabei wirkt „Drei Zinnen“ nie gezielt überhöht. Sogar eine Einordung in ein Genre fällt schwer, denn ohne eine geläufige Dramaturgie (der Film läuft zwar auf einen Showdown hinaus, doch Zabeil setzt auf einen ganz eigenen Rhythmus, der es umso schwerer macht, vorauszuahnen, worauf die Geschichte eigentlich hinauswill) oder besondere inszenatorische Stilmittel wirkt er in seiner Nüchternheit fast dokumentarisch-beobachtend. Umso mehr verstärkt sich der Eindruck, dass hier letztlich alles möglich wäre; zeitweise wohnt der Zuschauer in „Drei Zinnen“ Minuten harmlosen Familienidylls bei und muss die subtilen Andeutungen des bevorstehenden Grauens mit der Lupe suchen. Dann wiederum gehen die Macher in die Vollen und gehen in Siebenmeilenschritten in Richtung Eskalation, von der man weiß, dass sie kommen wird, nur nicht in welchem Ausmaß. Das hat gleichermaßen Längen zufolge, wie auch den Eindruck übereilter Entscheidungen. Doch letztlich liegt genau hierin die Stärke von „Drei Zinnen“; selbst an Jan Zabeil gen Ende noch ordentlich Symbolik mit ins Spiel bringt (was der Film in der Form gar nicht unbedingt gebraucht hätte), hat man stets den Eindruck, eine solche Tragödie könnte sich tatsächlich zutragen. Gerade im Hinblick auf Aaron ist diese Erkenntnis Gold wert.

Lea (Bérénice Bejo) erhofft sich von dem gemeinsamen Urlaub, dass ihr Sohn und ihr Freund enger zusammenwachsen.

Alexander Fehling („Buddy“) spielt passend dazu so natürlich wie möglich und macht es dem Zuschauer nicht schwer, mit ihm zu sympathisieren und später mitzuleiden. Bisweilen scheint der von ihm zurückhaltend verkörperte Aaron sogar ein klein wenig zu perfekt; die Aufopferungsbereitschaft für seine Freundin und ihren Sohn entspricht dem eines perfekten Boyfriends, doch die Szenerie wird schnell genug als Fassade enttarnt. Aaron kommt über das bloße Bemühen, ein perfekter Stiefdad zu sein, nämlich nicht hinaus, was Fehling – vor allem im letzten Drittel – leidenschaftlich und mit viel Herzblut zum Ausdruck bringt. „The Artist“-Star Bérénice Bejo hat in „Drei Zinnen“ dagegen eher eine passive Rolle inne und überlässt ihrem Filmsohn Arian Montgomery gern die Bühne. Der in München geborene Nachwuchsdarsteller spielt in seinem Leinwanddebüt letztlich auch Fehling an die Wand, denn erinnernd an die beiden Söhne in dem österreichischen Psychothriller „Ich seh, ich seh“, spielt der Newcomer seine Rolle des ebenso undurchsichtigen wie bedrohlichen Tristan von beeindruckender Strenge. Dieser Dreierkonstellation beim sukzessiven Auseinanderreißen zuzuschauen, ist – erst recht vor der imposanten Kulisse der mächtigen Dolomiten – ein hochspannendes Vergnügen, an dessen Ende der eine oder andere die Familienform „Patchwork“ sicher nochmal in ihrer Funktionalität überdenken wird.

Fazit: Die deutsch-italienische Koproduktion „Drei Zinnen“ besticht nicht bloß durch herausragende Darsteller, sondern entwickelt sich über seine insgesamt kurzweiligen 94 Minuten zu einem perfiden Psychospiel auf Leben und Tod.

„Drei Zinnen“ ist ab dem 21. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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