The Good Neighbor

Im direkt fürs Heimkino erscheinenden Thrillerdrama THE GOOD NEIGHBOR wird das Prinzip des Found-Footage-Schockers „Paranormal Activity“ umgekehrt und ein alter Mann gezielt in den Wahnsinn getrieben. Weshalb das Endergebnis sehenswert ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die beiden Teenager Ethan (Logan Miller) und Sean (Keir Gilchrist) haben sich ein perfides Experiment ausgedacht: Sie wollen ihren mürrischen alten Nachbarn Harold Grainey (James Caan) glauben machen, dass es in seinem Haus spukt. Mittels der heimlichen Installation moderner Technik können sie Harold nicht nur rund um die Uhr überwachen, sondern überdies verschiedene Vorfälle wie sich öffnende Türen oder flackernde Lampen auslösen. Die Streiche zeigen zwar allmählich ihre Wirkung, doch reagiert Harold anders als erhofft. Sind die beiden Jungs auf ein dunkles Geheimnis gestoßen, das nicht nur ihr Experiment, sondern auch ihre eigene Sicherheit gefährdet?

Kritik

Filme, die auf einen einzelnen Storytwist ausgelegt sind, laufen oft Gefahr, bei Nichtfunktionieren ebenjener Wendung in sich zusammenzufallen. Und auch, wenn ein erzählerischer Turnaround beim ersten Mal seine volle Wirkung entfaltet, geschieht es nicht selten, dass das Seherlebnis mit seiner Kenntnis nur noch halb so groß ist. Gleichermaßen gibt es aber auch einige Gegenbeispiele: M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“ ist mit dem Wissen darum, was es mit der Geschichte auf sich hat, sogar nochmal eine Spur intensiver; auch „Sieben“ büßt nicht einmal annähernd etwas von seiner Intensität ein, selbst wenn man weiß, wer sich hinter dem Killer-Pseudonym John Doe verbirgt. Die hierzulande direkt ins Heimkino wandernde Thrillerentdeckung „The Good Neighbor“ gehört ebenfalls zu letztgenannten Beispielen, auch wenn sie längst nicht so intensiv-schockierend ist, wie etwa David Finchers Meisterwerk. Nichtsdestotrotz ist Regisseur Kasra Farahani („Tilt“) in der Lage, die Spannung bis zum Finale aufrecht zu erhalten, obwohl man gerade als das Genre kennender Zuschauer recht schnell durchschaut, wohin der Hase läuft. Die endgültige Auflösung kommt dann allerdings doch noch ein gutes Stück brachialer daher, als man es sich vorab vorgestellt hätte.

Besitzt der Nachbar Harold Grainey (James Caan) ein düsteres Geheimnis, oder ist er das Opfer eines perfiden Spiels?

Die erste smarte Spielerei mit der Erwartungshaltung ist die Prämisse an sich: Dass es in einem Hause spukt und sich der Geist mithilfe von klappernden Türen, flackernden Lampen und unheimlichen Geräuschen ankündigt, ist spätestens seit „Poltergeist“ ein altbewährtes Muster – und die übernatürlichen Phänomene mithilfe eines Kamerasystems festzuhalten, seit „Paranormal Activity“. Doch während es in letztgenanntem Kandidaten vornehmlich darum ging, den Vorkommnissen gemeinsam mit den heimgesuchten Opfern auf den Grund zu gehen, ist man dem Heimgesuchten in „The Good Neighbor“ einen großen Wissensschritt voraus. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen nämlich eigentlich die beiden Freunde Ethan und Sean, die im Rahmen eines sozialen Experiments und mithilfe von viel Technik in das Leben ihres schrulligen Nachbarn Harold eingreifen wollen. Um die Ergebnisse dieser Forschungsanordnung festzuhalten, wurden sowohl beim Nachbarn selbst, als auch in der Versuchszentrale, wo sich die beiden Jungs vor ihren Bildschirmen befinden, diverse Kameras angebaut. Darüber hinaus wird das Geschehen von einer sich erst nach und nach erklärenden Erzählklammer umrahmt, die eine Gerichtsverhandlung zeigt. Einen Teil des Ausgangs der Story weiß der Zuschauer also von vornherein, doch die genauen Umstände offenbaren sich erst im Schlussakt.

Trotz eines recht bedeutungsschwangeren Eröffnungsmonologs über die Wichtigkeit dieses Experiments, gelingt es Regisseur Farahani nicht so recht, den Versuch mit Fakten über menschliche Verhaltensweisen zu unterfüttern. Trotzdem veranschaulicht „The Good Neighbor“ glaubhaft, wie einzelne Ereignisse die darauf folgenden beeinflussen. Das reicht aus, um die eineinhalb Stunden in ihrem Kontext ernst zu nehmen, auch wenn die beiden jugendlichen Hauptfiguren nie einen Hehl daraus machen, den Versuch lediglich als Vorwand zu benutzen, um ihrem Nachbarn einen bitterbösen Streich zu spielen. Dieser wiederum funktioniert als Opfer lange Zeit nur bedingt. James Caan („Misery“) besitzt lange Zeit eine Ausstrahlung wie Stephen Langs  blinder Mann in „Don’t Breathe“ und funktioniert somit weder als Sympathieträger, noch als bemitleidenswertes Opfer. Wenn er seine vermeintliche Ex-Frau von seinem Haus verjagt, mit der Axt auf Einrichtungsgegenstände losgeht oder sich immer wieder für Stunden im Keller einschließt, kommt man als Betrachter nicht umher, einem solch merkwürdig-unheimlichen Zeitgenossen die ja per se eher harmlosen Scherze der noch viel harmloseren Teenager auch ein wenig zu gönnen. Erst mit zunehmender Dreistigkeit von Ethan und Sean verschieben sich die Sympathiewerte und plötzlich nimmt man Harold Grainey zwangsläufig ein wenig in Schutz.

Für Ethan (Logan Miller) und Sean (Keir Gilchrist) endet das Experiment vor Gericht. Doch warum?

Worauf „The Good Neighbor“ schließlich hinaus will, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten, gleichwohl die beiden Autoren Mark Bianculli und Jeff Richard wenig unternehmen, um einen entscheidenden Plottwist zu verschleiern. Mithilfe von Rückblenden in das Privatleben des Nachbarn lässt sich sein zunächst so unangebracht wirkendes Verhalten schnell mit Ereignissen aus Graineys Vergangenheit in Erinnerung bringen. Das ist schade, denn so können sich zwar die tragischen Aspekte der nur oberflächlich auf Thriller- und Horrorreize beschränkenden Geschichte weitaus besser entfalten, doch ein Überraschungsmoment können die Macher somit nicht ausnutzen. Das überaus konsequente Finale reißt den Zuschauer dann allerdings besonders aus dem Trott des insgesamt ein wenig an Dynamik und Tempo mangelnden Films, der etwas weniger Füllmaterial der herumalbernden Teens vertragen hätte. Keir Gilchrist („It Follows“) und Logan Miller („Scouts vs. Zombies – Handbuch zur Zombie-Apokalypse“) spielen ihre Rollen der vollpubertierenden, gleichermaßen engagierten und immer mal wieder erstaunlich cleveren Jungs dafür sehr souverän. Inszenatorisch fehlt es „The Good Neighbor“ dagegen an Stringenz. Kasra Farahani entscheidet sich für eine Mischung aus Found-Footage-Szenen und klassischen Filmsequenzen, was im Kontext zwar passt, doch das Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Bildformaten könnte nicht Jedermanns Sache sein. Auch manch einen konstruierten Jumpscare hätte es in dem ansonsten betont ruhigen Film gar nicht benötigt.

Fazit: Die Grundidee von „The Good Neighbor“ funktioniert sehr gut und präsentiert ein auf links gedrehtes „Paranormal Activity“-Szenario. Für Abzüge sorgen die recht offensichtliche Durchschaubarkeit einzelner Plottwists und kleiner Effekthaschereien, was allerdings nichts daran ändert, dass Umsetzung und Story für äußerst kurzweilige Unterhaltung sorgen.

„The Good Neighbor“ ist ab dem 23. November auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich.

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