On the Milky Road

Die serbische Koproduktion ON THE MILKY ROAD mutet wie ein entfernter Verwandter von Michael Gondrys Leinwandfabeln an, doch Regisseur Emir Kusturica wird dem verspielten Charme seines Films nicht vollends Herr. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Milchmann Kosta (Emir Kusturica) ist vom Glück gesegnet: Er passiert nicht nur Tag für Tag auf seinem Esel unversehrt die Frontlinie, sondern wird auch noch von der Dorfschönheit Milena (Sloboda Micalovic) als Bräutigam auserwählt. Doch dann verliebt sich Kosta Hals über Kopf in eine geheimnisvolle Italienerin (Monica Bellucci), die allerdings schon dem Kriegshelden Žaga (Predrag Manojlovic) versprochen ist und zudem von ihrem rachsüchtigen Ex-Mann gejagt wird. Ohne nachzudenken brennen die beiden Liebenden durch und geraten in einen Strudel fantastischer Abenteuer.

Kritik

Deutschland, die USA und vielleicht noch Frankreich – das dürften hierzulande die drei Länder sein, denen auch Nicht-Fachleute grob eine eigene Handschrift zuordnen können. Filme aus Serbien sind indes Mangelware und wenn sie einmal das Licht hiesiger Kinosäle erblicken, dann häufig in limitierter Auflage. Auch Emir Kusturicas neuestes Werk „On the Milky Road“ ist so ein Fall, wenngleich der gebürtige Bosnier unter den wenigen Landsmännern seines Fachs noch zu den bekanntesten gehört – gewann er doch gleich zweimal die auf Cannes verliehene Goldene Palme. Nach einer mehrjährigen Schaffenspause kreiert er mit seinem nunmehr zwölften Spielfilm eine Art Hybrid aus einem verspielten Michael-Gondry-Märchen sowie einer großen, tragischen Romanze und bettet all das schließlich auch noch ins Setting des Bosnienkrieges ein. Das Problem: So sehr sich schon diese Grundprämisse nach Flickenteppich anhört, so präsentiert sich der Film am Ende auch. Zwischen diversen kreativen Ideen verstecken sich dröge Minuten der Resignation, wenn Emir Kusturica („Versprich es mir!“) die kecke Attitüde seines Films über manche Strecken einfach vergisst; und außerdem nicht ganz zu wissen scheint, ob er nun zum Lachen, Weinen, oder vielleicht sogar zum Nachdenken anregen will.

Unter jedem Mann (Emir Kusturica) steht eine starke Frau (Monica Bellucci).

Dass es ihm nicht darum geht, mit seinem neuesten Werk wieder einmal von politischen (Kriegs-)Themen zu erzählen, zeigt schon die Beiläufigkeit, mit denen die Schießereien und Bombenschläge hier eingefangen werden: Letztere spielen in erster Linie nur dann eine Rolle, wenn sie sich für einen (leider viel zu langen) Gag aufwenden lassen, während Hauptfigur Kosta den Waffenhülsen des Militärs schon mittels aufgespanntem Regenschirm Herr wird. Der Krieg tobt zwar an jeder Ecke, doch dient er nicht dazu, das Gezeigte dramatisch zu unterfüttern. Stattdessen ist er eine von vielen beiläufigen Beobachtungen, genauso wie diverse Details im Hinblick auf die Fauna des serbischen Hinterlandes. Der beste Freund von Kosta ist ein zahmer Greifvogel („Mein Bruderherz!“) mit übernatürlichen Kräften, Würgeschlangen trinken nicht nur Milch, sondern retten den Menschen in entscheidenden Momenten immer wieder das Leben und das hier ansässige Federvieh springt entweder eitel vor einem Spiegel auf und ab, oder badet in Schweineblut, um Futterfliegen anzulocken. Das ist alles ziemlich absurd und bereichert den Kontext nur selten mit Mehrwert. Stattdessen reichert es „On the Milky Road“ als eine Art Kaleidoskop von Absonderlichkeiten um diverse feine Akzente an, wodurch die Ereignisse von Anfang an entrückt wirken. Dieser Eindruck setzt sich bei den menschlichen Figuren fort.

In diesem kleinen bosnischen Gebirgsdörfchen scheint ein mit Esel und Falke sinnierender Milchmann noch das Normalste der Welt zu sein; kein Wunder, dass der sich Tag für Tag durch das Kriegsgebiet kämpfende Kosta sofort der unbekannten italienischen Schönheit verfällt – anders als etwa die vollkommen exzentrische Milena, die tagein, tagaus zu „Flashdance“-Musik tanzt, schon mal zur Waffe greift und sich „ihrem“ Kosta so selbstverständlich anbiedert, dass dieser überhaupt nicht dazu kommt, Zweifel an der bevorstehenden Hochzeit anzumelden. Auch der Rest des Dorfes scheint viele Absurditäten für absolut normal zu halten; ob nun eine regelmäßig um sich beißende (!) Turmuhr oder die außer Rand und Band geratenen Vierbeiner – das von Emir Kusturica (hier auch als Autor tätig) auf den Weg gebrachte Kuriositätenkabinett ist zweifelsfrei einzigartig, doch nach der anfänglichen Inszenierungsfreude flaut der (laut Eröffnungstafel auf drei Geschichten und viel Fantasie basierende) Film im Mittelteil merklich ab. Das Kennenlernen zwischen Kosta und der Italienerin verläuft für die exzentrische Grundlage in viel zu unaufgeregten Bahnen und tendiert fast schon ins Generische, während die Flucht des Pärchens im letzten Drittel wieder an Fahrt aufnimmt.

Die Braut und Kosta auf ihrer Flucht beim Baden im Fluss

Leider präsentieren sich hier auch die eklatantesten Mängel darin, Komisches mit Tragischem zu verbinden. Symptomatisch für ein Problem, das den gesamten Film durchzieht, ist eine Sequenz, in welcher Schafe erst als Versteck für das fliehende Pärchen herhalten müssen, später Opfer von Tretminen werden und das lediglich die Ankündigung für eine weitaus dramatischere Entwicklung des weiteren Filmes ist. Weder die Spannung ob der Flucht von Kosta und der Italienerin bleibt lange aufrecht erhalten, noch kann der Gag über die in die Luft fliegenden Schafe so richtig zünden, da er allzu lang aufrecht erhalten wird. Und während man den Slapstick ob der explodierenden Vierbeiner gerade noch verdaut hat, entwickelt sich das Drama anschließend viel zu zügig, um tatsächlich zu Herzen zu gehen. Darüber hinaus rächt sich hier auch der schwammige Einbezug übernatürlicher Elemente: Weshalb etwa können die Tiere ihren Menschen nur in einer wichtigen Szene helfen, während sie sie in anderen Momenten wiederum allein ihrem Schicksal überlassen? Auch die mitunter vollkommen missratenen Computereffekte lassen das Gezeigte zum Teil unfreiwillig komisch wirken – erst recht, da man nie genau weiß, wie gewollt der Eindruck des Künstlichen ist. Und die radikalen Gewaltmomente wie etwa ein von einem Vogel herausgestochenes Auge oder ein Mensch, der bei lebendigem Leibe verbrennt, schlagen zusätzlich aufs Gemüt. Alles eine sehr skurrile, wenn auch zugegebenermaßen einzigartige Angelegenheit.

Fazit: „On the Milky Road“ erinnert in den besten Momenten an die verspielten Kinofabeln von Michael Gondry, doch Regisseur Emir Kusturica gelingt es nicht, die visuelle Kreativität auch auf den Inhalt zu übertragen. Am Ende ergibt dies einen unausgegorenen Mix aus einem durchschnittlichen Romantikdrama, überraschend expliziten Gewalteskapaden und sensibel-komischen Spitzen, wobei man bis zuletzt nicht weiß, ob man über die verworrene Geschichte eigentlich lachen, oder doch lieber weinen soll.

„On the Milky Road“ ist ab dem 7. September in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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