The Party

Die britische Filmregisseurin Sally Potter liefert mit ihrem Kammerspiel THE PARTY nicht bloß packende 71 Minuten spektakuläres Schauspielkino, sondern auch einen bissigen Kommentar zu aktuellen Politik in Großbritannien. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Um ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett zu feiern, lädt die ehrgeizige Politikerin Janet (Kristin Scott Thomas) enge Freunde und Mitstreiter in ihr Londoner Stadthaus. Als ihr Ehemann Bill (Timothy Spall) mit einem brisanten Geständnis herausplatzt, nimmt die Party eine überraschende Wendung. Plötzlich offenbaren auch die anderen Gäste lang gehütete Geheimnisse, woraufhin Beziehungen, Freundschaften, politische Überzeugungen und Lebensentwürfe in Frage gestellt werden. Innerhalb kürzester Zeit kippt die kultivierte Atmosphäre in ein emotionales Chaos aus gegenseitigen Anschuldigungen. Während im Ofen die Häppchen verbrennen, fliegen im Wohnzimmer die Fetzen wie die Whiskeygläser und die Party steuert unaufhaltsam auf den großen Knall zu.

Kritik

Wie es der Titel von Sally Potters („Ginger & Rosa“) neuestem Film „The Party“ bereits ankündigt, handelt ihr gerade mal etwas mehr als eine Stunde andauerndes Kammerspiel von einer aus dem Ruder laufenden Feierlichkeit. Doch was in der deutschen Synchronisation natürlich völlig untergeht, ist die Tatsche, dass der Begriff „Party“ im Englischen eine zweifache Bedeutung hat – und wenn man sich den Anlass der Feier einmal genauer anschaut, dann entdeckt man auch sofort, wo hier eigentlich der Schwerpunkt liegt. In Wirklichkeit nimmt Sally Potter in „The Party“ nämlich nicht weniger als die zynischen Machenschaften des britischen Politapparates auseinander (kleiner Funfact: ausgerechnet der Brexit, eine der schwerwiegendsten, politischen Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte, spielte sich noch während der Dreharbeiten ab), indem sie die persönlichen Differenzen und Entscheidungen ihrer Figuren direkt an jene ihrer Partei (auf englisch: Party) knüpft. Das alleine wäre unter entsprechend fähiger Hand schon so sensationell, wie es Sally Potter hier durchzieht, doch selbst ohne jedwedes politisches Interesse erweist sich ihr Film als herrlich bissige Komödie, die ihre Figuren genüsslich auf dem Zahnfleisch gehen lässt.

Kristin Scott Thomas, Emily Mortimer, Cherry Jones, Patricia Clarkson und Bruno Ganz

„The Party“ beginnt und endet mit derselben Szene: Eine (uns zunächst noch unbekannte) Frau öffnet mit einer Pistole bewaffnet die Tür. Weshalb sie diese Waffe trägt und wer da auf ihrer Schwelle steht, darüber entwickelt die hier auch als Drehbuchautorin fungierende Sally Potter im Laufe ihrer 71 Minuten diverse Theorien. Selbst fünf Minuten vor Schluss ziehen die dramatischen Entwicklungen in der Wohnung der frisch zur Gesundheitsministerin ernannten Janet noch immer skurrilere Kreise, bis „The Party“ schließlich die – im wahrsten Sinne des Wortes – perfekte Sekunde findet, um ins Schwarz zu blenden. Krimizüge entwickelt „The Party“ darüber trotzdem nie; im Mittelpunkt stehen nie allein die Frage nach dem Ausgang der Geschichte, sondern vielmehr die Gründe für die Eskalation. Und diese sucht sich Sally Potter aus sämtlichen Ecken ihres Films zusammen, worunter auf der einen Seite politische Entscheidungen, gesundheitliche Schwierigkeiten aber auch diverse persönliche Verwicklungen, Intrigen und unausgesprochene Fehden führen. „The Party“ ist im Grunde ein Sammelsurium menschlicher Abgründe – nur dass für diese nicht immer Jemand belangt werden kann.

Aus dieser unberechenbaren Ausgangslage zieht nicht zuletzt auch das hohe Tempo seinen Nutzen – dass „The Party“ gerade einmal 71 Minuten dauert und sich darüber trotzdem die vielen verschiedenen Charakterzüge der einzelnen Figuren herauskristallisieren, ist auch dem Fingerspitzengefühl der Regisseurin und Autoren zu verdanken, die vor der Kamera nur Dinge stattfinden lässt, die für das Geschehen wirklich relevant sind. Anstrengender Leerlauf kann somit gar nicht erst entstehen. Auch durch die beschränkte Kulisse der Wohnung können sich die Figuren sowie deren erstklassig geschriebene, bohrende und endlos zynische Dialoge gar nicht erst aus dem Weg gehen. Sind zu Beginn noch alle darum bemüht, einen Anschein von Harmonie aufrecht zu erhalten, entlädt sich das Szenario mit der Zeit in einem wüsten Kräftemessen, wer zu welchem Zeitpunkt den möglichst fiesesten Kommentar abgibt. Hier weiß jeder nur zu gut, mit welcher provokanten These er sein Gegenüber aus der Reserve locken kann und eine Einordnung in Täter und Opfer ist nahezu unmöglich. „The Party“ ist ein offensiv ausgetragener Schlagabtausch, den zum selben Zeitpunkt jeder für sich gewinnt und verliert, während Sally Potter ihre Geschichte so gezielt mit Widerhaken und erzählerischen Wendemanövern versieht, dass zu jeder Sekunde alles passieren kann. Damit gleicht sie dann auch direkt aus, dass bei näherem Hinschauen keiner dieser Zeitgenossen so richtig sympathisch ist – langweilig allerdings erst recht nicht.

Tom (Cillian Murphy) ahnt nicht, was ihn erwartet.

Kinoliebhaber werden beim Anblick des Casts sofort mit der Zunge schnalzen: Timothy Spall („Verleugnung“), der ehemalige „Batman“-Bösewicht Cillian Murphy („Free Fire“), Kristin Scott Thomas („Only God Forgives“), Patricia Clarkson („Maze Runner – Die Auserwählten in der Brandwüste“), Bruno Ganz („In Zeiten des abnehmenden Lichts“), Cherry Jones („Black Mirror“) und Emily Mortimer („Hugo Cabret“) bilden ein namhaftes Ensemble, das jeden von ihnen in mindestens einer prägnanten Einzelszene triumphieren lässt. Trotzdem ist „The Party“ ein Ensemblefilm, der vor allem aufgrund der fantastischen (Anti-)Chemie innerhalb der Figurenkonstellation so hervorragend funktioniert. Inszenatorisch fällt an der bissigen Komödie indes sofort der Verzicht auf Farbe auf; „The Party“ kommt in schwarz-weiß in die Kinos, was Sally Potter damit begründet, dass sich unter anderem auch unter dieser Voraussetzungen sämtliche grundlegenden Aspekte einer Geschichte entblößen: In diesem Fall sind das die Charaktere. Die in den Schatten spähende Kamera starrt somit unerschrocken in die Gesichter der Figuren und legt damit den Moment der Krise noch radikaler frei. Ob sich hieraus schließlich die Wahrheit entwickelt, das darf der Zuschauer ab sofort selbst herausfinden.

Fazit: „The Party“ ist zugleich bitterböses wie hochgradig unterhaltsames Schauspielkino vom Feinsten, das die im Kern so unmenschlichen Machenschaften der (britischen) Politbühne mit den finsteren Abgründen der menschlichen Psyche verbindet. Was für ein Spektakel!

„The Party“ ist ab dem 27. Juli in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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