Die rote Schildkröte

Michael Dudok de Wit beweist mit seinem Zeichentrickabenteuer DIE ROTE SCHILDKRÖTE, dass weniger manchmal mehr ist. Als „Robinson Crusoe“-Interpretation beginnend, wird die Geschichte eines auf einer einsamen Insel gestrandeten Mannes schnell zu etwas Magischem. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Ein Schiffbrüchiger strandet auf einer einsamen Insel. Zum Überleben gibt es dort genug, Gefahren lauern jedoch überall. Er baut sich ein Floss, um von der Insel fortzukommen, wird jedoch jedes Mal von einer roten Schildkröte, die sein Holzgefährt zerstört, daran gehindert. Als die Schildkröte eines Tages an Land kommt, versucht der Mann, sie zu überwältigen, so dass seine Flucht endlich gelingen möge. Doch das Tier entpuppt sich als eine magische Kreatur…

Kritik

In einigen Regionen dieser Welt hat die Schildkröte eine mythologisch stark aufgeladene Bedeutung. Ihr Dasein ist hier eng mit der Entstehung der Welt verbunden. Vor allem in asiatischen Ländern nimmt sie in der Ursprungsvorstellung von der auf dem Urmeer treibenden Erdfläche eine entscheidende Rolle ein, indem sie diese auf ihrem Rücken trägt und so für Stabilität und Halt sorgt. Dadurch gelten die Tiere in Indien bis heute als Symbol für das gesamte Universum. Doch die sympathischen Panzerträger können noch viel mehr: Sie gelten als besonders klug, haben durch ihr langes Leben den Ruf, für die Wahrsagerei geeignet zu sein und werden im Buddhismus als heilige Tiere verehrt. So vielfältig die mythologische Bedeutung der nach Überlieferung bis zu 200 Jahre alt werdenden Reptilien, so mannigfaltig gerät auch die Auslegung des Inhalts von „Die rote Schildkröte“. Der niederländische Regisseur und Autor Michael Dudok de Wit, für den dieser Film nicht bloß die aller erste, eigene Inszenierung eines Langspielfilms, sondern auch die erste Zusammenarbeit mit dem weltberühmten japanischen Zeichentrickstudio Ghibli bedeutet, hält sich mit „Die rote Schildkröte“ viele Interpretationstüren offen. Sein vollständig ohne einen gesprochenen Satz auskommendes Animationsabenteuer ist die knapp eineinhalbstündige Beobachtung eines Mannes, die als minimalistische Abwandlung einer klassischen „Robinson Crusoe“-Geschichte beginnt und nach etwa der Hälfte zu einem melancholisch-romantischen Märchen wird. Das erfordert Aufgeschlossenheit, doch als Belohnung winkt das Gefühl, Zeuge von etwas Magischem gewesen zu sein.

„Die rote Schildkröte“ besticht in erster Linie durch die atemberaubend schöne Animation.

Wie ein Großteil der Trickproduktionen aus dem Hause Ghibli hat auch „Die rote Schildkröte“ kaum etwas mit dem modernen Animationskino aus Hollywood gemein. Insofern ist auch Dudok de Wits Film einmal mehr der Beweis dafür, dass die gezeichnete oder am Computer animierte Herkunft einer Produktion nichts über die Zielgruppe aussagt. Das in diesem Jahr für den Oscar als „Bester Animationsfilm“ nominierte Insel-Abenteuer unterliegt keiner klassischen Dramaturgie und läuft bis zum Schluss nicht unbedingt auf ein klar definiertes Ziel hinaus; eine Tatsache, die manch einen Besucher schnell langweilen könnte. Stattdessen breiten die Macher eine visuelle Schönheit auf der Leinwand aus, die selbst in der ohne Fantasy-Elemente auskommenden, ersten halben Stunde eine kaum zu bändigende Magie versprüht. Im Anbetracht der Detailgetreue und Präzision bei der Darstellung von Mensch, Tier und Natur macht „Die rote Schildkröte“ schon ziemlich früh fast vergessen, dass das Gezeigte nicht echt ist. Die Hintergründe erwecken mitunter gar den Eindruck einer fotorealistischen Animation. Wurde das Disney-Meisterwerk „Bambi“ 1942 zum Meilenstein lebensechter Zeichenkunst,  gelingt es den Machern, ebenjene Tricktechnik hier noch zu perfektionieren. Kleinste Bewegungen von Krebsen, die Bewegungen von Wasser und Wolken und natürlich auch die Darstellung der menschlichen Hauptfigur verschmelzen zu einer naturalistischen Einheit. Und es ist umso erstaunlicher, dass dieser lebensnahe Eindruck selbst dann bestehen bleibt, als fantastische Elemente Einzug in die Geschichte erhalten.

Wo sich „Die rote Schildkröte“ visuell an Details ergötzt, bleibt die Geschichte rudimentär. Im Grunde gibt es nämlich keine. Stattdessen beschränkt sich Michael Dudok de Wit darauf, zu zeigen, was dem namenlos bleibenden Gestrandeten auf der einsamen Insel alles widerfährt. Das Publikum beobachtet ihm beim Entdecken der an eine Mischung aus der Insel aus „Life of Pi“ und den Wäldern aus „Swiss Army Man“ erinnernden Vegetation, amüsiert sich über die vielen Fehlversuche, mithilfe eines Flosses endlich von der Insel zu gelangen und wird schließlich Zeuge, wie der junge Mann kurz davor ist, den Verstand zu verlieren. Was dann passiert, sei aus Spoilergründen an dieser Stelle nicht verraten. Doch die bis dahin äußerst realitätsnah verlaufende Handlung erhält plötzlich einen Dreh ins Übernatürlich-Magische. Dieser Wechsel vom zunächst fast schon dokumentarisch anmutenden Erzählverlauf, hin in eine ebenso märchenhafte wie symbolisch stark aufgeladene zweite Hälfte, könnte manch einen Zuschauer vor den Kopf stoßen, doch letztlich geht das Eine nicht ohne das Andere. „Die rote Schildkröte“ entwickelt sich gerade durch diese sehr unterschiedlichen Ideen zu einem Gesamtkunstwerk, das auf ganz unterschiedliche Art und Weise gelesen werden kann. Am Ende nimmt wohl jeder das aus diesem Film mit, was für ihn wichtig erscheint. Genau diese alles andere als starrsinnige, dem Zuschauer die Interpretation eben nicht aufdrängende Inszenierung, erweist sich Michael Dudok de Wit schon mit seinem Spielfilmdebüt als einer der letzten großen Kinopoeten.

Mit dem Floss versucht der Gestrandete, von der Insel wegzukommen…

Ein wenig konträr dazu mutet hin und wieder die musikalische Untermalung an. Aufgrund des Verzichts auf Sprache (die wenigen „gesprochenen“ Worte beschränken sich auf vereinzelte Hilferufe) überträgt sich ein Großteil der Emotionen auch über die Orchestralkompositionen von Laurent Perez Del Mar („Die Abenteuer der kleinen Giraffe Zarafa“). Hier tragen die Macher vereinzelt ein wenig zu dick auf. Die subtile Poesie des Gezeigten bedürfte nicht zwingend der sehr eindeutigen Choräle und mitunter hätten die Macher die Bilder auch stumm stehen lassen dürfen, um die ohnehin und im wahrsten Sinne des Wortes berauschende Klangkulisse für sich sprechen zu lassen. So aber erwächst „Die rote Schildkröte“ ab und an zu einer Art Instrumental-Musical – einer ziemlich einzigartigen Kunstform. Was sich der Regisseur am Ende genau bei der Inszenierung gedacht hat, lässt er übrigens tatsächlich offen. Ob Darstellung eines Tagtraumes oder klassische Fabel über das Zusammenleben zwischen Mensch und Natur – man weiß es nicht und das ist auch ganz gut so. Denn nur so kann sich am Ende jedes Detail in „Die rote Schildkröte“ völlig entfalten. Von den wohl lustigsten Sidekick-Krebsen der Filmgeschichte über die titelgebende, stumme und doch so viel aussagende Schildkröte bis hin zum Menschen, bei dem nie ganz klar ist, wie lang er nun eigentlich schon auf der Insel verweilt, greifen die einzelnen Elemente wie Zahnräder ineinander, die eine filmische Kunstinstallation kontinuierlich am Laufen halten. Faszinierend!

Fazit: „Die rote Schildkröte“ ist die sanfte, feinfühlige Erzählung über einen Schiffbrüchigen, der sich mit dem Leben auf einer einsamen Insel arrangieren muss. Ohne ein gesprochenes Wort lässt diese Studio-Ghibli-Produktion die lebensecht gezeichneten Bilder ganz für sich allein sprechen und lässt aus ihnen etwas Märchenhaftes emporsteigen. Ein minimalistisch, aber absolut atemberaubendes Konzept.

„Die rote Schildkröte“ ist ab dem 16. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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