Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

Mit 1,2 Millionen Besuchern wurde die Verfilmung des Bestsellers „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ vor drei Jahren zu einem Überraschungserfolg an den deutschen Kinokassen. Nun wird die Geschichte um den rüstigen Rentner Allan Karlsson in DER HUNDERTEINJÄHRIGE, DER DIE RECHNUNG NICHT BEZAHLTE UND VERSCHWAND fortgesetzt. Ob das eine gute Idee ist, verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Allan Karlsson (Robert Gustafsson) und sein Kumpel Julius Jonsson (Iwar Wiklander) haben sich gut in ihrem Leben auf Bali eingerichtet. Inzwischen bringt Allan es auf stattliche 101 Lebensjahre. Das Entspannen und Schlürfen der einheimischen Erfrischungsgetränke auf der traumhaften Insel kann aber auf Dauer selbst der größte Faulenzer nicht lange aushalten. So begibt sich der rastlose Rentner auf ein neues Abenteuer, bei dem er auf rachsüchtige Gangster, die CIA und alte Bekannte aus Russland trifft.

Kritik

Schon als Buch war der 2009 veröffentlichte Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson ein echter Überraschungserfolg. Von Januar 2012 bis April 2013 erklomm er immer mal wieder die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. 2014 wurde das Buch schließlich vom Schweden Felix Herngren verfilmt, für den dieses Projekt hierzulande zugleich auch den Durchbruch bedeutete. „Der Hundertjährige“ wurde zu einem Sleeperhit in den Programmkinos; etwas mehr als 200.000 Zuschauer wollten den Film in seiner Startwoche sehen. Am Ende lockte er satte 1,2 Millionen Besucher in die deutschen Lichtspielhäuser. Damit gehört er hierzulande zu den erfolgreichsten schwedischen Filmen aller Zeiten und wurde sogar für einen Oscar in der Kategorie „Bestes Make-Up und beste Frisuren“ nominiert. Inhaltlich ist „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ derweil so etwas wie eine europäische Variante von „Forrest Gump“, die das Prinzip vom Niemand, der durch Zufall einer Reihe geschichtlicher Großereignisse beiwohnt, aufgreift und auf das Leben eines mittlerweile hundertjährigen Ruheständlers überträgt. Der Unterschied: Obwohl „Forrest Gump“ zu einer Handvoll zeitloser und eben auch an der Kinokasse sehr erfolgreicher Filmklassiker gehört, wurde Robert Zemeckis‘ Tragikomödie nie fortgesetzt. Heutzutage unmöglich, denn wo etwas Erfolg hat, ist das Sequel nicht weit. So wurde ganz ohne entsprechende Romanvorlage extra ein eigenes Skript für „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ verfasst, das zwar den albern-klamaukigen Tonfall des ersten Teils trifft, inhaltlich jedoch noch banaler ist.

Allan Karlsson (Robert Gustafsson) entdeckt durch Zufall eine alte Flasche Volkssoda und ahnt nicht, was das für ein Schatz ist…

Zugegeben: So richtig überzeugend fiel schon der erste Teil der Allan-Karlsson-Reihe nicht aus; „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ gefiel zwar mit einem kreativen und vor allem ausgefallenen Skript, das seinen Charme in erster Linie aus der sehr hanebüchenen Murphys-Law-Dramaturgie bezog. Doch während man der Geschichte die Defizite innerhalb der Glaubwürdigkeit noch gern verzieh, wurde die emotionale Beziehung zur so wichtigen Hauptfigur immer wieder auf die Probe gestellt. Die Einen mochten sich mit der eigenbrötlerischen Attitüde des ein Jahrhundert alten Greises gern arrangieren, während es den Anderen nicht zu verdenken war, sich an dem egomanischen Verhalten Allans zu stören. Auch der Humor wurde mit fortschreitender Laufzeit immer alberner, entlud sich in einer Szene, in welcher Allan von einem Elefanten – pardon – vollgekackt wurde und hievte den im Hollywoodkino so verpönten Fäkal-Humor damit in Programmkinogefilde. Den Fein- und Hintersinn eines „Forrest Gump“ erreichte „Der Hundertjährige“ also nur; lediglich das Konzept ließ den Vergleich zu. Doch immerhin sorgte Felix Herngren respektive Debütautor Jonas Jonasson für frischen Wind im von Sequels, Reboots und diversen anderen Adaptionen geprägten Weltkino. Die allzu zotig-kindischen Albernheiten wurden für „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ nun immerhin weggelassen, die im ersten Teil etablierte Handschrift scheint trotzdem noch durch; wohl auch, weil Jonas Jonasson für dieses Sequel immerhin als Co-Autor wieder mit von der Partie ist. Doch genau hier beginnt das Problem: Man mochte sich an den derben Kalauern stören, doch immerhin sorgten sie vereinzelt für Tempo und Dynamik. „Der Hunderteinjährige“ muss jetzt ganz über seine Geschichte funktionieren.

Im Grunde verlässt sich diese über exakt dieselben Bausteine, wie es schon „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ tat: Auf seiner Reise von A nach B rekapituliert Allan Karlsson sein Leben als geheimer Doppelagent und deckt dabei allerhand historische Zufallsverwicklungen auf. Diese Rückblenden geraten stets amüsant und auch, wenn das Konzept der Reihe mittlerweile bekannt ist, bleibt ein wiederkehrender Überraschungseffekt nicht aus. Wenngleich man solche Dinge wie Logik oder inhaltliche Stringenz nicht hinterfragen sollte, macht es einfach Spaß, dabei zuzusehen, welche Ideen sich die Drehbuchautoren diesmal für ihren Allan haben einfallen lassen. Was für politische oder popkulturelle Größen der Hunderteinjährige diesmal trifft, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten; Immerhin entsteht ein Großteil des Spaßes aus genau jenen Aha-Effekten. Abseits davon präsentiert sich „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ dagegen weitaus weniger spektakulär als der Vorgänger. Der Grund: Die Beweggründe für Allans Flucht, die sich im ersten Teil noch auf die Langeweile im Altenheim zurückführen ließen, sind nicht mehr so bodenständig. Stolperte Allan im ersten Teil noch ansatzweise glaubhaft von einer Katastrophe in die nächste, wirkt die Szenerie ein Jahr später weitaus konstruierter und der forcierte Witz erstickt den Charme der ungezwungenen Vorlage im Keim.

Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand

Erneut reisen Allan (Robert Gustafsson) und sein Freund Julius (Iwar Wiklander) um die Welt…

Vollgepackt mit diversen (ergo: viel zu vielen) Subplots ist „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ wieder einmal eine Reise rund um den Erdball, doch anders als Teil eins tritt die Geschichte hier mehrmals massiv auf der Stelle. Szenen wiederholen sich, die spleenigen, klischeebehafteten Figuren vom faulen Beamten über die redselige alte Dame bis hin zum Berliner Hipster verkommen zum Selbstzweck und auch Robert Gustafsson („Eine schöne Bescherung“) geht noch mehr in seiner Rolle des grantelnden Greises auf; eigentlich eine sehenswerte Performance, doch die wenigen sympathischen Facetten aus dem ersten Teil scheinen hier plötzlich verschwunden – nicht einmal mehr das späte Liebesglück mit seiner verflossenen Jugendliebe mag man ihm so recht gönnen, wird das gar nicht so geheime Schäferstündchen doch ohnehin wieder nur zum Teil eines Gags degradiert. Die Schlusspointe respektive Auflösung entpuppt sich dann leider auch noch als eine, die ihre Beschreibung als solche gar nicht verdient. So weit im Voraus hat man sie kommen sehen und so abgegriffen präsentiert sie sich in letzter Instanz dem Publikum. Einzigartige Erfolgsgeschichten auf Biegen und Brechen sowie ohne inhaltliche Rechtfertigung wiederholen zu wollen, bleibt auch im Jahr 2017 eine Sünde, die sich in der Regel in einem Verlust der Qualität äußert – „Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ bildet da das perfekte Beispiel.

Fazit: Felix Herngrens Fortsetzung zu „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ versucht mit aller Gewalt das (fast) einzigartige Konzept des Vorgängers zu wiederholen, doch sein „Hunderteinjähriger“ mag zwar denselben Tonfall treffen, doch so ganz ohne inhaltliche Substanz geht dieses Projekt ziemlich baden.

„Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand“ ist ab dem 16. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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