Hell or High Water

Mit drei Nominierungen geht David Mackenzies pechschwarzes Westerndrama HELL OR HIGH WATER ins diesjährige Rennen um die Golden Globe Awards. Weshalb das eine echte Überraschung ist und warum die Qualität damit nichts zu tun hat, das verrate ich in meiner Kritik.Hell or High Water

Der Plot

Zwei Brüder – der rechtschaffene, geschiedene Toby (Chris Pine), Vater zweier Kinder, und der jähzornige Tanner (Ben Foster), frisch entlassener Häftling – begehen gemeinsam mehrere Banküberfälle, um zu verhindern, dass die hochverschuldete Farm ihrer Familie an die Bank zurückfällt. Dies ist ihr letzter, verzweifelter Kampf um eine Zukunft, die ihnen unter den Füßen weggezogen wurde. Ihr Plan scheint aufzugehen, bis sie ins Visier des unerbittlichen Texas Rangers Marcus Hamilton (Jeff Bridges) geraten, der kurz vor seinem Ruhestand noch einen großen Triumph feiern will. Als die beiden Brüder einen letzten Bankraub planen, kommt es zum alles entscheidenden Showdown zwischen einem wahrhaft aufrichtigen Gesetzeshüter und einem Brüderpaar, das nichts zu verlieren hat – außer der Familie!

Kritik

Der ganz große Durchbruch ist Regisseur David Mackenzie noch nicht gelungen, doch mit kleineren Indie-Perlen wie „Perfect Sense“ oder „Mauern der Gewalt“ brachte es der 50-jährige Brite immerhin zu Achtungserfolgen unter Feuilletonisten. Sein Drama „Hell or High Water“, das optisch wie inhaltlich viel Westernflair birgt und in entscheidenden Momenten auch eine gehörige Portion schwarzen Humors in sich trägt, könnte Mackenzie nun seinen längst fälligen Durchbruch bescheren. Sein 12 Millionen US-Dollar teures Projekt spielte in den USA bisher knapp das Dreifache seiner Kosten ein und darf nach Dutzenden von Nominierungen bei diversen anderen Filmpreisen auch auf drei Golden Globes hoffen. Darunter in den Kategorien „Bestes Drama“ und „Bestes Drehbuch“. Doch schon die Genreeinordnung von „Hell or High Water“ ist schwierig – wie im vergangenen Jahr über Ridley Scotts „Der Marsianer“ diskutiert wurde, ob dieser in der Kategorie „Beste Komödie“ überhaupt richtig aufgehoben sei, ließe sich diese Frage auch im Falle von Mackenzies Film stellen, denn obwohl die Ereignisse in „Hell or High Water“ von einer durchgehend pessimistischen Grundstimmung geprägt sind, tragen ausgerechnet die nicht weniger pessimistischen Hauptdarsteller dazu bei, dass die Geschichte nie schwermütig wird – im Gegenteil. Mit einem Hang zu Galgenhumor und morbider Situationskomik Wird „Hell of High Water“ in seinen Höhepunkten fast schon zu einer finsteren Komödie.

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Hinter Tobys und Tanners Beutezügen steckt ein ehrenwertes Vorhaben…

Obwohl die Geschehnisse in „Hell or High Water“ in der Gegenwart angesiedelt sind, erwecken Setting, Ausstattung und Kulisse den Eindruck, es hier mit einem echten Western zu tun zu haben. Auch der Konflikt um zwei Brüder, die sich als Bankräuber an der Bank rächen wollen, die einst ihre Mutter um ihr Hab und Gut brachte, ließe sich in seiner Simplizität ebenfalls gut in derartige Genregefilde einfügen. Nur, dass in „Hell or High Water“ eben auf moderne Technik zurückgegriffen und das Auto allenfalls in Ausnahmefällen gegen ein Pferd getauscht wird. Doch gerade dadurch entwickelt der Film auch das angenehm nostalgische Flair eines solchen, der einerseits hervorragend in die Sechzigerjahre gepasst hätte, dessen Erscheinen im Hier und Jetzt dennoch authentisch ist. So wirkt „Hell or High Water“ nicht betont auf altmodisch getrimmt. Stattdessen verschafft er sich gerade durch diesen experimentellen Genreclash als Neo-Western einen hohen Wiedererkennungswert. Mit seinen angerissenen Thematiken zu übermächtigen Banken und dem sich sukzessive verlagernden Empfinden von Gerechtigkeit und Moral könnte das Drehbuch von Taylor Sheridan („Sicario“) obendrein kaum aktueller sein. „Hell or High Water“ ist zeitlos – und genau diese Zeitlosigkeit ist es, die ihn erst recht im Nachgang so richtig stark macht. Unter der Oberfläche bloßen Entertainments verpackt der Regisseur eine kompromisslose Weltanschauung, in der die Kleinen von den Großen gefressen werden.

Ähnlich klassischer Heist-Movie-Schemata begibt sich das Skript an die Seite ebenjener Kleinen – und tut dabei etwas, womit „Hell or High Water“ sein Dasein als schwarze Komödie im Stil des nicht weniger böse-humoristischen „No Country For Old Men“ unterstreicht: Wer behauptet denn, dass die Ganoven bei ihren Beutezügen keinen Spaß haben dürfen? Wenngleich immer wieder offen diskutiert wird, wie moralisch vertretbar die Angelegenheiten der Brüder sind (nicht umsonst prangt auf dem Plakat die provokative Tagline „Gerechtigkeit ist kein Verbrechen“), legt Mackenzie den Fokus auf die Interaktion der Räuber und eben darauf, dass diese trotz ihres Wissens um Illegalität auch eine Menge diebische Freude an dem haben, was sie tun. Mehr noch: „Hell or High Water“ bringt uns das Seelenleben zweier Menschen näher, die sich selbst permanent an emotionalen Scheidewegen befinden; steckt in beiden doch ein mit der Zeit immer klarer hervorstechender, guter Kern. Verherrlicht oder gar verklärt wird all das indes nicht. Dafür lassen der Regisseur und der Drehbuchautor die Ereignisse zu konsequent enden und verlagern ihren erzählerischen Standpunkt zu oft auch an die Seite der Cops. Dass er das Ermittlerduo, dem unter anderem auch der für seine Rolle mehrfach für Awards nominierte Jeff Bridges („Seventh Son“) angehört, ein wenig zu einseitig als Beinahe-Antagonisten zeichnet, ist streitbar. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass die Motivation hinter der Gaunerjagd eine ehrenwerte ist, womit das Drehbuch ebenso wenig hinterm Berg hält wie mit der Tatsache, dass sich die Brüder trotz ihres Bad-Boy-Charmes nicht zu fein sind, Brutalität anzuwenden.

Hell or High Water

Zwei Cops machen Jagd auf die Brüder…

Chris Pine („Star Trek: Beyond“) und Ben Foster („Inferno“) verstehen es, das Publikum trotz diverser fragwürdigen Aktionen um den Finger zu wickeln. Beide sind keine Kinder von Traurigkeit und doch gelingt es ihnen, die ehrenwerte Idee hinter den Raubzügen zu jeder Sekunde herauszuarbeiten. Auch die stets ersichtliche, gegenseitige Bruderliebe macht aus Toby und Tanner anspruchsvolle, komplexe Charaktere, mit denen man sich als Zuschauer gern arrangiert. Gemeinsam mit Jeff Bridges prägen die beiden „Hell or High Water“ auf ihre ganz eigene, markante Weise. Akustisch und visuell bleibt der Film hingegen eher unauffällig. Musikalisch von Warren Ellis und Altmeister Nick Cave („Lawless – Die gesetzlosen“) begleitet, präsentiert sich der Film akustisch zurückhaltend und fast schon minimalistisch, während auch Kameramann Giles Nuttgens („Dom Hemingway“) auf Schnickschnack und Effekthascherei verzichtet. In „Hell or High Water“ stehen ganz klar die Figuren, das Leinwandgeschehen und die Geschichte im Mittelpunkt. Davon abzulenken, indem man all diese Dinge in den inszenatorischen Hintergrund rückt, würde dem Film an sich sowie seiner Botschaft nur im Wege stehen. Damit ist Dave Mackenzie der filmische Beweis gelungen, dass oftmals gerade das im Kopf bleibt, was auf der Leinwand auf den ersten Blick gar nicht unbedingt sichtbar ist.

Fazit: Man könnte kaum pessimistischer ins neue (Kino-)Jahr starten! David Mackenzies Westerndrama „Hell or High Water“ dekonstruiert den American Dream vom sorglosen Leben und sorgt mit aller Konsequenz und viel pechschwarzem Humor für ein, trotz allem Pessimismus, doch überraschend vielschichtiges Abbild der modernen Gesellschaft – die darin innewohnenden, menschlichen Abgründe inklusive.

„Hell or High Water“ ist ab dem 12. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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