Das kalte Herz

Regisseur Johannes Naber wagt sich mit seiner Interpretation von DAS KALTE HERZ als einer von wenigen deutschen Filmemachern endlich mal wieder an nationales Märchengut und bekommt den Spagat zwischen melancholischer Liebesgeschichte und abenteuerlicher Fantasy ganz gut auf die Reihe. Mehr dazu in meiner Kritik.Das kalte Herz

Der Plot

Der mittellose Peter (Frederick Lau) sucht aus Liebe zu der schönen Lisbeth (Henriette Confurius), die aus gutem Hause stammt, einen Weg um reich zu werden. In seiner Verzweiflung lässt er sich auf einen Pakt mit dem diabolischen Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu) ein, der ihm anstelle seines Herzens einen Stein in die Brust setzt. Befreit von jeglichem Mitgefühl gelangt Peter schnell zu Reichtum und Ansehen. Doch Lisbeth erkennt ihren einst so gutmütigen Peter in dem skrupellosen Geschäftsmann nicht mehr wieder und stellt sich gegen ihn. Um Lisbeth zurück zu gewinnen, muss Peter um sein Herz kämpfen.

Kritik

Eigentlich ist der Trend der modernen Märchenverfilmung schon wieder vorbei. Deutsche Filmemacher haben ihn einfach verschlafen, als in den Jahren 2012 und 2013 Filme wie „Spieglein, Spieglein“, „Snow White and the Huntsman“ oder „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ erfolgreich auf den Weg gebracht wurden. Dabei ist nichts deutscher als das gute, alte Volksmärchen. Eines solchen nimmt sich nun Johannes Naber an. Der „Zeit der Kannibalen“-Regisseur macht aus der Fantasygeschichte über einen verarmten Mann, der für Reichtum und Ehre sein Herz gegen einen Stein austauscht, ein modernes Kostümfilmepos, das vor allem aufgrund seiner technischen Aufmachung sowie den intensiven Darstellerleistungen besticht. Erzählerisch wirkt „Das kalte Herz“ dagegen ein wenig ungeordnet. Auf eine äußerst lange Exposition folgt die überraschend schnell abgehandelte Zuspitzung des Hauptkonflikts, dessen anschließende Auflösung fast schon ein wenig lieblos wirkt. Doch hätten Naber und seine Drehbuchautoren Christian Zipperle, Steffen Reuter und Andreas Marschall („German Angst“) das Tempo der ersten Stunde konsequent beibehalten, würde ihre „Das kalte Herz“-Interpretation wohl nicht bloß zwei, sondern vier oder mehr Stunden gehen. So ist die düstere Märchen-Parabel, deren Thematik heutzutage aktueller kaum sein sollte, ein immer noch absolut solider Genrefilm, dem es zu gönnen wäre, dass er seinen Teil dazu beiträgt, dass Fantasy aus deutschen Landen in Zukunft nicht mehr ganz so stiefmütterlich behandelt wird.

Das kalte Herz

Die Ausstattung von „Das kalte Herz“ kann sich mit internationalen Standards messen.

„Das kalte Herz“ nimmt sich viel Zeit, um sich mit seiner mit der Zeit immer ambivalenter werdenden Hauptfigur Peter auseinanderzusetzen. Frederick Lau („Victoria“) legt von Anfang an viele Emotionen in die Verkörperung seiner Rolle, der man den unbedingten Willen, aus seiner naturgegebenen Position am unteren Ende der Gesellschaft auszubrechen, ebenso abnimmt, wie die aufkeimenden Gefühle für die charmant-zurückhaltende Lisbeth und die anschließende spröde Abkehr von moralischen Selbstverständlichkeiten. Lau gelingt es hervorragend, seinen Peter auch nach dem Wandel vom sympathischen Handwerker hin zum widerlich-berechnenden Geschäftsmann immer noch zu einer Figur zu machen, der man nur das Beste wünscht. Der tragischen Kern seines Charakters bleibt während der Inszenierung von „Das kalte Herz“ stets im Fokus und der Entschluss, sein Herz gegen einen Stein austauschen zu lassen, um mithilfe der dadurch aufbrechenden Skrupel endlich zu jenem Geld zu kommen, mit dem Peter seine Angebetete heiraten und anschließend ernähren kann, erhält genügend erzählerischen Unterbau, um dem Film auch in erzählerisch langatmigen Phasen zu einer gewissen Grundspannung zu verhelfen. Der hohe Produktionsstandard und die detailverliebte Ausstattung tun ihr Übriges, um das Optimum an Atmosphäre aus „Das kalte Herz“ heraus zu holen.

Besagte Atmosphäre darf man dann auch geschlagene zwei Stunden genießen, die sich vor allem deshalb so üppig anfühlen, weil Johannes Naber beim dramaturgischen Aufbau seines Films ein wenig willkürlich vorgeht. Der ausführliche Einstieg bis hin zur Zuspitzung des Hauptkonflikts nimmt über die Hälfte der Laufzeit in Anspruch, während der Vorgang des Herz-Austausches, der anschließende Weggang Peters, um nun als emotionsloser Geschäftsmann sein Geld zu machen und die Konfrontation seiner Person mit der schockierten Lisbeth anschließend wie im Eilverfahren abgehandelt wird. Während es durchaus Sinn macht, nicht allzu viel Zeit für jene Zeit aufzubringen, in denen die Hauptfigur gar nicht im Lande ist, erhält vor allem der Zwist zwischen Peter und Lisbeth viel zu wenig Zeit, um seine volle Wucht zu entfalten. Dass Peter später sogar handgreiflich wird, ist dem Skript lediglich eine Randnotiz wird, dabei wird an dieser Stelle das ganze Ausmaß der Entscheidung deutlich, die der ehemalige Köhlerjunge doch eigentlich für sich und seine Zukünftige getroffen hat. Johannes Naber ermöglicht es dem Zuschauer so zwar, seine ganz eigene Parabel auf sukzessive abhanden kommende Moral und Anstand zu basteln (in Sachen Aussage lässt „Das Bildnis des Dorian Gray“ hier grüßen), doch „Das kalte Herz“ wandert hier zu schwammig zwischen subtil und holzhammeresque hin und her, als dass hier am Ende ein stimmiges Gesamtbild herauskäme. Worin der Fantasyfilm dann allerdings doch sehr gefällt, ist die grimmige Attitüde, die auch unbequeme Erzählstränge nicht scheut und die dreckige Message von „Das kalte Herz“ ein ums andere Mal hervorhebt.

Lisbeths Vater Löbl (Sebastian Blomberg) will die Hochzeit zwischen Peter und seiner Tochter verhinden.

Lisbeths Vater Löbl (Sebastian Blomberg) will die Hochzeit zwischen Peter und seiner Tochter verhinden.

Besonders in der Darstellung des Holländer-Michels, der verbannt von der Gesellschaft die Herzen tauschwilliger Männer und Frauen einsammelt, gefällt der Film in seiner fast schon horrorfilmadäquaten Aufmachung. Nicht nur Moritz Bleibtreu („Die dunkle Seite des Mondes“) reißt mit seiner einnehmenden Physis und seinem grimmig-verstohlen dreinblickenden Antlitz sämtliche Szenen an sich, auch in Sachen Szenenbild und Effekte stechen die Aufeinandertreffen zwischen dem Holländer-Michel und Peter hervor. Für allzu junge Zuschauer ist „Das kalte Herz“ an dieser Stelle definitiv zu brutal, sodass der Film hier einmal mehr die Frage nach einer Altersfreigabe zwischen 12 und 16 aufkommen lässt. Dagegen wirken die Szenen mit Milan Peschel („Männertag“) als Glasmännchen fast schon unauffällig, wenngleich die Kostümierung und Maskerade seiner Figur eine echte Augenweide darstellt. Das Glasmännchen gefällt als moralische Instanz, die das Geschehen von Weitem beobachtet und immer wieder versucht ist, Peter auf den richtigen Weg zu führen. Die kurzen Szenen zwischen den beiden sind in ihrer Inszenierung nicht ganz so prägnant, wenn sich aber die daraus entstehenden Folgen nach und nach entschlüsseln, orientiert sich das Skript nah genug an der cleveren Vorlage, um zu beweisen, wie treffend der Schriftsteller Wilhelm Hauff die sinkende Moral der Menschen schon im 19. Jahrhundert zusammengefasst hat.

Fazit: Johannes Naber gelingt mit seiner modernen Interpretation von „Das kalte Herz“ ein grundsolides Fantasyabenteuer, das mit einer hochwertigen Ausstattung und tollen Schauspielern punktet, aufgrund dramaturgischer Holprigkeiten aber auch an Spannung einbüßt.

„Das kalte Herz“ ist ab dem 20. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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