Ich bin dann mal weg

Hape Kerkelings Pilger-Reisebericht wurde zu einem Bestseller. Nun kommt ICH BIN DANN MAL WEG in die deutschen Kinos – ohne Kerkeling, dafür mit Devid Striesow, der jedoch hervorragend in die Rolle passt. Welche Vorzüge und Nachteile die Produktion neben dieser sehenswerten Darstellerleistung hat, das verrate ich in meiner Kritik.
Ich bin dann mal weg

Der Plot

Nach einem Hörsturz, einer Gallenblasen-Operation und einem eingebildeten Herzinfarkt wird dem Entertainer Hape Kerkeling (Devid Striesow) unmissverständlich klar, dass es so nicht weiter geht. Er teilt seiner Agentin (Annette Frier) mit, ein halbes Jahr Auszeit nehmen zu wollen und macht sich auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela und auf die Suche nach … ja, nach was eigentlich? Nach Gott? Der Wahrheit? Sich selbst? Auf seiner Reise lernt er fremde Menschen kennen, kommt zu ganz unterschiedlichen Erkenntnissen und wird schließlich als immer noch derselbe, aber sichtlich gereifter Mensch nach Deutschland zurückkehren. Eine interessante Reise eines noch viel interessanteren Menschen.

Kritik

Mit mehr als vier Millionen verkauften Exemplaren gehört Hape Kerkelings Pilger-Erfahrungsbericht „Ich bin dann mal weg“ zu den erfolgreichsten Sachbüchern, die hierzulande je über die Ladentheke gegangen sind. Nach der Veröffentlichung stieg die Anzahl der Pilgerer, die sich auf die 769 Kilometer lange Wanderung vom französischen Städtchen Saint-Jean-Pied-de-Port ins spanische Santiago de Compostela begaben, um etwa 9 % an, was trotz fehlender wissenschaftlicher Belege, die dieses Phänomen auf das Buch zurückführen konnten, gemeinhin als Kerkeling-Effekt bezeichnet wurde. Neun Jahre nach seiner 41-tägigen Wanderschaft kommt nun die Verfilmung des Romans in die Kinos, den der Anfang Dezember 51 Jahre alt gewordene Entertainer koproduzierte, der jedoch auch darauf bestand, nicht selbst die Hauptrolle zu spielen. Diese Aufgabe übertrug er Devid Striesow („Schuld“ nach Ferdinand von Schirach), der dieser Aufgabe sichtlich gewachsen ist. Schon in den Trailern deutete sich an, dass hier beim Casting mit einem enormen Fingerspitzengefühl vorgegangen wurde. Die anfängliche Angst, ausgerechnet die Besetzung von Hape Kerkeling durch einen anderen Schauspieler könnte der Geschichte ihre Authentizität rauben, erweist sich als vollends unbegründet. Probleme hat „Ich bin dann mal weg“ dennoch, nur liegen die allen voran darin, dass ein Reisebericht als Grundlage für einen Kinofilm nicht unbedingt die nächstliegende Wahl ist.

Ich bin dann mal weg

Hape Kerkeling ist beileibe kein reiner Comedian, dessen Unterhaltungsspektrum sich ausschließlich auf das Abreißen von Kalauern verlässt. Kerkeling ist ein Meister des subtilen Humors, er schlüpft in fremde Rollen, nimmt sich selbst nicht zu ernst und betrachtet das Alltägliche aus für andere unerreichbaren Blickwinkeln. Sein eigenes Leben dient dabei nur selten als Vorlage für die vielen Anekdoten seiner unzähligen Alter Egos. Erst mit dem Buch „Ich bin dann mal weg“ und der späteren Biographie „Der Junge muss an die frische Luft“ ließ Kerkeling seine Fans erstmals auch an sich selbst und seinem Leben teilhaben. Diese Nähe, die sich im Buch sukzessive zum Zuschauer aufbaut, ist auch die größte Stärke der Verfilmung, denn die Person Hape Kerkeling einmal ganz als sich selbst entdecken zu können, ist für viele sicherlich eines der Hauptargumente, um sich den Film von Julia von Heinz („Hannas Reise“) auch tatsächlich im Kino anzusehen. Das Handeln der Hauptfigur wirkt nie gestellt oder aufgesetzt, seine Erlebnisse nahbar und glaubwürdig. Ja, man bekommt tatsächlich den Eindruck, dass sich all die (teils äußerst skurrilen) Dinge, die Hape Kerkeling auf seiner Reise erlebt hat, so tatsächlich zugetragen haben. Doch wie das eben auch im normalen Leben so ist, sind einige der Erlebnisse mehr, andere weniger spannend.

Das Hauptproblem von „Ich bin dann mal weg“ ist nicht unbedingt die Inszenierung selbst. Wenngleich der Look nicht zwingend Leinwandausmaße besitzt, sondern durchaus auch als bessergestellte Fernsehoptik durchgehen würde, ist die im Film aufgebaute Atmosphäre in ihrer Zurückhaltung sehr angenehm und löst beim Zuschauer stellenweise so etwas wie Urlaubsfeeling aus. Die Kameraarbeit von Felix Poplawsky („Hanni und Nanni 3“) holt viel aus den spektakulären Bergpanoramen heraus, sorgt mit einem guten Blick für Details für Einstellungen, welche die Vielfältigkeit der Pilgerstrecke einfangen und macht das Setting somit zu einer zweiten Hauptfigur. Die Geschichte, insbesondere die Dialoge wirken im Vergleich dazu wie ein Kontrast, der dem Ganzen eine Oberflächlichkeit verleiht, die der Film so nicht verdient hätte. Gleichzeitig ist aber genau das der Beweis, dass sich nicht jedes Buch als Vorlage für einen Film eignet. „Ich bin dann mal weg“ orientiert sich nicht nur an der Erzählform des Romans in Tagebucheinträgen, sondern auch an den vielen Gedankengängen, die Hape Kerkeling auf seinem Trip zu Papier brachte. Der Film greift viele davon auf, um sie in Form eines Off-Kommentars von Kerkeling respektive Striesow selbst auf das Publikum loszulassen. Was das Geschehen anfangs noch interessant einordnet, wird mit fortschreitender Spieldauer allerdings immer penetranter. Es gibt kaum einen Moment, in welchem der Zuschauer die Gelegenheit bekommt, das Geschehen in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Stattdessen muss er sich mit den (sich später auch im Kreis drehenden) Gedanken der Hauptfigur auseinandersetzen, die gewiss nicht unspannend sind, die sich jedoch auch mit halb so viel Text an den Zuschauer herantragen ließen.

Ich bin dann mal weg

Auch die Substanz des Inhalts lässt bisweilen zu wünschen übrig. Es ist selbstverständlich, dass Hape Kerkeling auf seiner Reise sicherlich nicht das Bestreben hatte, seine Tagebucheinträge so zu verfassen, dass sich bereits hier für den Zuschauer amüsante Anekdoten ergeben. Trotzdem hätte sich spätestens bei der Übertragung auf das Medium Film die Möglichkeit ergeben, den Dialogen deutlich mehr Tiefgründigkeit zu geben, als sie sich schlussendlich in „Ich bin dann mal weg“ präsentieren. Wenngleich das Pilgern eine religiöse Angelegenheit ist, hätte es dem Off-Kommentar gut getan, die Konzentration auf dieses Thema ein wenig hintenanzustellen; erst recht, da Hape Kerkeling in Buch und Film immer wieder betont, selbst kein religiöser Mensch zu sein. Auszugleichen vermögen diesen Schwachpunkt immerhin die sehr amüsant geschriebenen Rückblenden in Kerkelings Leben, die einen kleinen Einblick darin zu geben versuchen, wie aus Hape Kerkeling jener Unterhaltungskünstler wurde, der er heute ist. So erweist sich „Ich bin dann mal weg“ als leider recht aufdringlicher Erlebnisbericht einer Person, die sich erstmals so richtig mit Gott auseinandersetzt, bei dem diese Thematik bisweilen derart in den Vordergrund gerückt wird, dass für eigentlich so spannende Begegnungen wie das Aufeinandertreffen mit der vom Schicksal gebeutelten Mutter Stella (Martina Gedeck) oder der unbedarften Journalistin Lena (Karoline Schuch) nur der Platz einer Randnotiz bleibt. Immerhin: „Ich bin dann mal weg“ erweckt nie den Eindruck, den Zuschauer bekehren zu wollen. Der Film schreibt nichts vor, bietet allenfalls Denkanstöße, ersetzt allerdings auch keine Reise auf dem berühmten Jakobsweg.

Fazit: „Ich bin dann mal weg“ ist ein ambivalentes Unterfangen: Julia von Heinz‘ Regiearbeit erschließt sich sicher am ehesten denjenigen, die das Buch gelesen haben. Für alle anderen ist die Tragikomödie vermutlich einen Tick zu seicht, besticht aber immerhin durch gute bis sehr gute Schauspielleistungen sowie wunderschöne Landschaftsaufnahmen.

„Ich bin dann mal weg“ ist ab dem 24. Dezember bundesweit in den Kinos zu sehen.

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