Boy 7

Das deutsche Genrekino ist tot. Es lebe das deutsche Genrekino – zumindest in Ansätzen. „Chiko“-Regisseur Özgür Yildirim springt mit dem Science-Fiction-Abenteuer BOY 7 auf den Zug moderner Jugendliteratur-Adaptionen auf und beginnt stark, nur um am Ende in Klischees zu ertrinken. Mehr zum Film in meiner Kritik.

Boy 7

Der Plot

Ohne Erinnerungen daran, was ihn in diese missliche Lage bringen konnte, wacht ein zunächst namenloser Teenager (David Kross) auf einem stillgelegten U-Bahn-Gleis auf. Der smarte Junge weiß weder, wie er heißt, geschweige denn, wohin er gehört. Ähnlich ergeht es einem Mädchen namens Lara (Emilia Schüle), auf das er wenig später trifft und das immerhin schon ein wenig mehr über sich und ihre Herkunft herausgefunden hat. Der Junge findet ein Tagebuch, das offenbar von ihm selbst geschrieben wurde. Darüber erfährt er, dass er Sam heißt und dass er offenbar aus einem Jugendcamp stammt, wo er gerade dabei war, eine Art Ausbildung zu absolvieren. Nach und nach kommen Lara und Sam ihrem früheren Leben auf die Spur, das etwas offenbart, was sich beide niemals hätten erträumen lassen…

Kritik

Özgür Yildirim zeichnete bislang für so unterschiedliche Werke wie den „Tatort“, die Rapper-Komödie „Blutzbrüdaz“ aber auch das hochgelobte Krimdrama „Chiko“ verantwortlich. Es schien also nur noch eine Frage der Zeit, bis die türkisch-stämmige Regie-Wundertüte aus Hamburg sich an einem weiteren Genre versuchen würde. Mit seiner Jugendromanverfilmung „Boy 7“, von der eine zweite Variante zeitgleich von einem niederländischen Regisseur inszeniert wurde, wagt sich der Filmemacher auf ein Terrain, das international gerade Hochkonjunktur hat. Sein namhaft besetzter Teenie-Thriller erinnert an eine Mischung aus Elementen der „Tribute von Panem“, die sich mithlfe eines „Maze Runner“-ähnlichen Konzepts an dem Tonfall von „Who Am I“ bedient. Was wie ein zusammengewürfelter Haufen gängiger Genre-Versatzstücke klingt, erweist sich schlussendlich allerdings als erstaunlich rund geratene Erweiterung des modernen Jugendabenteuer-Kosmos, die zwar weitestgehend ohne Innovation auskommt, den mit vielen Überraschungsmomenten gespickten Plot allerdings äußerst stilsicher aufbereitet. Da ist es schade, dass dem Film gen Ende fast das Genick gebrochen wird, als sich Yildirim dann eben doch ein wenig zu sehr auf das verlässt, was man schon so oft dargeboten bekommen hat.

David Kross

Schon früh zeichnet sich in „Boy 7“ ab, dass Özgür Yildirim sein Publikum genau so über die Plothintergründe im Unklaren lassen möchte, wie die Handlung mit ihren Hauptfiguren wiederfährt. Nicht nur für Sam und Lara muss sich das Konstrukt um ihre Herkunft mit der Zeit erst zusammensetzen, auch der Zuschauer erhält nie so etwas wie einen Wissensvorsprung. Dadurch begibt sich der Filmemacher auf mutiges Terrain, denn durch sein Festhalten an der Erzählweise des Buches läuft er früh Gefahr, sein Publikum zu verärgern, weil er mit wichtigen Infos lange Zeit hinterm Berg hält. Gleichzeitig ist diese Form der häppchenweise dargebotenen Information auch ein idealer Nährboden für das Aufkeimen von ehrlichem Interesse. Regisseur Yildirim geht in seiner Auswahl, welche Infos er wann gibt, sehr genau vor. Dass sich dadurch automatisch riesige Erwartungshaltungen bezüglich der Schlusspointe ergeben, riskiert er und stellt sich damit durchaus ein Bein. Solange sich die Story daran aufhält, die wichtigsten Hintergründe der Figuren zu erläutern, ist „Boy 7“ hochspannendes Kino, das den Zuschauer stets bei Laune hält und dessen Atmosphäre mit der Zeit sukzessive dichter wird. Doch ab dem Moment, in welchem die Grundzüge der Charakter-Umstände bekannt sind und nicht mehr die rückblickenden Erkenntnisse, sondern das sich anbahnende Abenteuer im Mittelpunkt stehen, kippt der Film. Fortan macht sich Yildirim gängige Genreschemata zunutze, die im Rahmen des fast schon hanebüchen-klischeehaften Finales ihren ärgerlichen Höhepunkt finden.

Eines sei hervorgehoben: Nicht nur aufgrund der technisch makellosen Aufmachung machen sämtliche Beteiligte hier einen mehr als soliden Job. Auch die erste Filmhälfte entschädigt zum Großteil für ein eher schwaches Finale, denn so etwas wie Vorhersehbarkeit lässt sich „Boy 7“ bei allen Kritikpunkten nie vorwerfen. Yildirim, der gemeinsam mit Philip Delmaar und Marco van Geffen das Drehbuch verfasste, legt viel Wert auf seine vielschichtigen Charaktere. Das hätte durchaus schiefgehen können, denn aufgrund der sich erst nach und nach schließenden Gedächtnislücken sind Lara und Sam im Ist-Zustand lange Zeit so etwas wie profillos. Doch dank der Rückblenden auf die Zeit in der Internat-ähnlichen Einrichtung ergibt sich auch in den Szenen der Gegenwart ein genaues Bild dafür, was die beiden Protagonisten denn nun eigentlich sind.

Was verbirgt sich auf dem riesigen Gelände der mysteriösen Kooperation X?

Was verbirgt sich auf dem riesigen Gelände der mysteriösen Kooperation X?

Yildirim scheut nicht davor zurück, auf das Formen eines vollkommen fehlerfreien Helden zu verzichten. All seine Figuren haben stets zwei Seiten. Auf welche man sich schlägt, bleibt letztlich auch dem Zuschauer überlassen, denn in „Boy 7“ haben sogar die vermeintlichen Bösewichte ihre Faszination. Allen voran der an einen bösen Zwilling von Büroekel Bernd Stormberg erinnernde Jens Harzer brilliert in seiner Schurkenrolle und sprüht nur so vor perfidem Charme. Das tut dem Spaß auch dann keinen Abbruch, wenn  der Film im letzten Drittel schließlich vollkommen sein Konzept aus den Augen verliert. Emilia Schüle („Besser als Nix“) und vor allem David Kross („Die Vermessung der Welt“) sind ebenso lange in der Lage, den dramaturgisch zeitweise wackelnden Film so lange wie möglich auf ihren Schultern zu stemmen.

Fazit: „Boy 7“ ist vor allem deshalb sehenswert, weil Özgür Yildirim beweist, dass Jugendkino von internationalem Format nicht zwingend aus den USA kommen muss. Seine Romanverfilmung überzeugt mit einem cleveren Konzept und einer technisch hervorragenden Umsetzung. Auch die Darsteller beeindrucken mit ihren Leistungen, was es umso bedauerlicher macht, dass dem Film in der letzten halben Stunde die Puste ausgeht. Sonst wäre aus einem guten Film vielleicht sogar ein sehr guter geworden.

„Boy 7“ ist ab dem 20. August bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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