Heute bin ich Samba

Mit der Tragikomödie HEUTE BIN ICH SAMBA könnte sich der Trend zum französischen Mainstreamfilm fortsetzen. Die Macher von „Ziemlich beste Freunde“ inszenieren einen Film mit ähnlicher Thematik, können jedoch von einer interessanteren Figurenkombination profitieren und verpassen ihrem Streifen somit immerhin ein paar Ecken und Kanten. Mehr zum Film in meiner Kritik.

Heute bin ich Samba

Der Plot

Zehn Jahre ist es her, dass Samba (Omar Sy) – nicht ganz legal – aus Senegal nach Frankreich eingereist ist. Seitdem hält er sich in Paris mit Aushilfsjobs über Wasser und versucht dabei nicht aufzufallen. Zusammen mit seinem heißblütigen brasilianischen Freund Wilson (Tahar Rahim), der aber eigentlich aus Algerien stammt, schlüpft er in die unterschiedlichsten Verkleidungen und wechselt häufig den Job, wenn wieder mal was schief geht. Dennoch hält Samba an seinem großen Traum, eines Tages als Restaurantkoch zu arbeiten, optimistisch fest. Endlich winkt ihm eine unbefristete Stelle und er wird leichtsinnig, weil er glaubt, dass eine Aufenthaltserlaubnis jetzt nur noch reine Formsache ist. Doch dann verweigern ihm die Behörden die ersehnten Papiere und er landet postwendend in Abschiebehaft. Jetzt steckt Samba richtig in der Klemme und braucht dringend Hilfe. Die erhofft er sich von der dünnhäutigen Karrierefrau Alice (Charlotte Gainsbourg), die sich nach einem Burn-Out nun ehrenamtlich im Sozialdienst engagiert. Samba ist ihr erster „Fall“ und sie macht gleich alles falsch: Obwohl ihr die Kolleginnen eingeschärft haben, immer die Distanz zu wahren, gibt sie Samba schon am ersten Tag ihre Telefonnummer.

Kritik

2012 war es, da stellte eine französische Tragikomödie über einen Querschnittsgelähmten und seine Pflegekraft die deutsche Filmwelt auf den Kopf. Bis dato schafften es lange Zeit nur vereinzelte Produktionen unserer europäischen Kollegen in ausgewählte Programmkinos. Doch den beiden Regisseuren Olivier Nakache und Eric Toledano sollte es mit „Ziemlich beste Freunde“ gelingen, das bisweilen als verkopft und schwer zugänglich geltende Franco-Kino in die deutschlandweiten Multiplexe zu transportieren. Im Laufe eines Jahres würden über neun Millionen Zuschauer den Streifen anschauen; im Heimkino sollte sich der Erfolg fortsetzen. Selbst Blockbuster wie „Skyfall“ und „Der Hobbit“ ließ „Ziemlich beste Freunde“ in den Jahreschars 2012 hinter sich und wer hinter dem Erfolg ein One-Hit-Wonder vermutete, den sollte Philippe de Chauveron zwei Jahre später eines Besseren belehren. Denn auch 2014 tummelte sich mit der Integrationssatire „Monsieur Claude und seine Töchter“ ein französischer Film in den Top vier der Jahresbestenliste. Erneut ist es eine Tragikomödie, in der innerkulturelle Kommunikation zu einem wichtigen Bestandteil des daraus resultierenden Entertainmentfaktors wird. Doch ganz gleich, ob ein Film wie „Ziemlich beste Freunde“ Vorurteile feinfühlig abzubauen versucht, oder man es wie im Falle von „Monsieur Claude“ lieber auf die harte Weise angeht, das Publikum zu mehr Toleranz aufzufordern: Die Aktualität des Rassismusthemas ist heute aktueller denn je. Da kommt „Heute bin ich Samba“, der neue Film von Olivier Nakache und Eric Toledano erstaunlich gelegen; in einer Zeit, in der sich 2015 mehr Flüchtlinge denn je ankündigen, in Deutschland Unterschlupf zu finden und in der die AfD mit über 6 Prozent  gerade erst in die Hamburger Regierung gewählt wurde.

Heute bin ich Samba

Neben den Regisseuren, für die „Heute bin ich Samba“ ihr direktes Folgewerk zu „Ziemlich beste Freunde“ darstellt, gibt es in deren neuestem Streifen noch ein weiteres Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Omar Sy, dem als schwer zugänglicher aber gutherziger Driss der internationale Durchbruch gelang, schlüpft in „Heute bin ich Samba“ in eine ziemlich identische Rolle und gibt einmal mehr den charismatischen, wenn auch nicht wirklich organisierten Einwanderer zum Besten. Doch entgegen „Ziemlich beste Freunde“, wo Omar Sy mit François Cluzet einen männlichen Gegenspieler hatte, tritt diesmal die französische Charakterdarstellerin Charlotte Gainsbourg an die Seite ihres dunkelhäutigen Kollegen. Nach ihrer Mammutleistung in Lars von Triers fünfeinhalb Stunden dauernden Psychodrama „Nymph()maniac“ beweist die Aktrice in „Heute bin ich Samba“ nicht nur einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit, sondern legt obendrein eine ansteckende Spielfreude an den Tag, die zu einem Großteil dazu beiträgt, dass die Tragikomödie einen durchgehend optimistischen Tonfall erhält. Gainsbourg ist es auch, die den Film zu mehr macht, als einem solch ecken- und kantenlosen Wohlfühlmovie, wie es einst „Ziemlich beste Freunde“ war, denn per se unterscheiden sich beide Produktionen erstaunlich wenig voneinander. Wenngleich die Prämisse eine gänzlich andere ist, so funktionieren doch beide Filme auf dieselbe Art – eine, die nicht unbedingt darauf setzt, dem Publikum viel Raum für die eigene Gefühlsentfaltung zu lassen. Manch einer mag diese kalkulierende Art des Filmemachens sogar kitschig nennen, doch wir fassen uns kürzer. Kurzum: Die Macher geben sich nicht einmal Mühe, „Heute bin ich Samba“ mit einer weitestgehend neutralen Sichtweise auszustatten. Ihr Film kommt durchaus gefühlsmanipulativ daher, hat jedoch das große Plus, sich dabei immer auf die richtige Seite zu schlagen.

So stört diese Befangenheit vor allem deshalb nicht, weil auch „Heute bin ich Samba“ die ernsthaften Töne in der Inszenierung nicht ausspart und im Vergleich zu „Ziemlich beste Freunde“ auch nicht davor zurückschreckt, einen starken Kontrast zwischen der so unbefangenen Liebelei von Samba und Alice auf der einen, sowie der Bürokratie der europäischen Einwanderungspolitik auf der anderen Seite aufzubauen. Stark geraten dabei vor allem die Momente, in welchen sowohl Hauptdarsteller als auch Publikum die teilweise irren Staatsauflagen vor Augen bekommen und aktiv dazu auffordern, über den Sinn derartiger politischer Entscheidungen nachzudenken. Das ist zwar nicht sonderlich subtil, ist in der Aussage jedoch fokussierter als die weichgespülten Toleranzappelle in „Ziemlich beste Freunde“ und feinfühliger als die stereotypisierten Macho-Attitüde aus „Monsieur Claude und seine Töchter“. Gleichzeitig macht „Heute bin ich Samba“ jedoch auch viele Schauplätze auf, die sich allesamt nicht vollends schlüssig in die Handlung integrieren. Trotz seiner zweistündigen Laufzeit versuchen Olivier Nakache und Eric Toledano versiert, eine von bedrohlicher Dynamik getriebene Charakterstudie zu erzählen, in der Samba nicht nur von Alice verzaubert, sondern auch von einem Nebenbuhler gejagt, den Behörden ins Visier genommen und seinem Onkel verachtet wird. Reichlich viel Stoff für eine inhaltlich einfach gestrickte (Tragik-)Komödie, durch welche die Ambitionen der Filmemacher mehrmals fast im Keim erstickt werden.

Heute bin ich Samba

Als das große Los erweisen sich dafür die Darsteller. Charlotte Gainsbourg vermag auch ihrer einfach gestrickten Rolle der Alice eine enorme Tiefe zu verleihen und ihr Facetten zu geben, die zu der Rolle passen, obwohl es tatsächlich fraglich ist, wie viele Züge ihr das Drehbuch (Nakache und Toledano) eigentlich zugestehen wollte. Im Kern erinnert ihre Figur gar ein wenig an das verhuschte Ich der jungen Joe aus „Nymph()maniac“; in einem Gespräch zwischen Alice und Samba wird sogar augenzwinkernd auf die lustvollen Züge ihrer Darstellung Bezug genommen. Alice ist zurückhaltend, stark und klug – und damit wesentlich facettenreicher, als es in die doch recht konventionell gezeichnete Komödie passt. Zwar lässt ihr von Beginn an passioniertes Spiel keine allzu deutliche Wandlung erkennen, doch an Intensität mangelt es Gainsbourg vor allem dann nicht, wenn es darum geht, sich emotional zu entblößen. Omar Sy lässt sich dabei voll auf seine Kollegin ein und ergänzt die Schauspielerin, indem sich seine Figur als steter Gegenpol zu Alice erweist. Unter den Nebendarstellern entpuppt sich die für ihre Rolle von Alices Arbeitkollegin Manu für einen César nominierte Izïa Higelin als Glücksgriff, die als zunächst toughe Sozialarbeiterin nicht weniger davor gefeit ist, ihr Herz an den vermeintlich Falschen zu verlieren.

Fazit: Mit „Heute bin ich Samba“ gelingt den Machern von „Ziemlich beste Freunde“ eine Tragikomödie desselben Schlages mit positiver Grundeinstellung und einem lobenswerten Toleranzgedanken. Dabei statten die Macher ihr Werk jedoch ähnlich berechenbar aus wie den Vorgänger, was dem Aufkommen eines ernsthaften Interesses am Schicksal der Leinwandfiguren immer wieder einen Strich durch die kalkulierende Rechnung macht. Doch insbesondere die ungezwungene Chemie zwischen Omar Sy und Charlotte Gainsbourg verhilft „Heute bin ich Samba“ zu dem Schlussfazit, der bislang beste, da insgesamt doch mutigste und darüber hinaus facettenreichste Film zu sein, den der moderne Franzosen-Hype in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Da scheint die nächste Besuchermillion gar nicht so weit entfernt…

„Heute bin ich Samba“ ist ab dem 26. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de

3 Kommentare

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s