Black Bag – Doppeltes Spiel
Wer die Verfilmungen früherer John-le-Carrée-Bücher im Kino vermisst, dem spendiert Steven Soderbergh mit BLACK BAG – DOPPELTES SPIEL den perfekten Ersatz. Sein Film ist ein hochkarätig besetzter, stark inszenierter Thriller, in dessen Zentrum weniger spektakuläre Shootouts stehen als vielmehr die intensiven Katz-und-Maus-Spiele zahlreicher Figuren, deren Undurchsichtigkeit durch und durch reizvoll ist.
Darum geht’s
Der britische Geheimdienstmitarbeiter George (Michael Fassbender) erhält von seinem Chef Meacham (Gustaf Skarsgård) den Auftrag, innerhalb einer Woche einen Verrat aufzudecken. Es geht um Severus, ein streng geheimes Softwareprogramm, dessen Sicherheit kompromittiert wurde. Fünf Personen stehen unter Verdacht – darunter auch Georges eigene Ehefrau Kathryn (Cate Blanchett). Um den Verräter zu entlarven, lädt George die vier anderen Verdächtigen – allesamt Kollegen aus dem Geheimdienst – zu einem Abendessen ein. In dieser angespannten Atmosphäre beginnt ein subtiles Spiel aus Andeutungen, psychologischen Manövern und verdeckten Verhören. Während der Abend voranschreitet, offenbaren sich verborgene Motive, alte Rivalitäten und brisante Wahrheiten. Doch mit dem Abendessen ist das doppelte Spiel noch lange nicht vorbei…
Kritik
Das Midbudget-Spionagekino, wie man es vor Jahren etwa von den John-le-Carrée-Verfilmungen kannte, hat sich über die Zeit mehr und mehr aus dem Mainstream verabschiedet. Fast scheint es so, als wäre ein Mehrere-Hundert-Millionen-Dollar-Budget die Voraussetzung dafür, Filme dieser Gattung überhaupt noch für die Leinwand zu produzieren. Und für all jene, die nicht James Bond oder Ethan Hunt heißen, bleibt nur der Streamingdienst übrig. Doch ausgerechnet dort zeigt sich auch, dass durchaus Bedarf am Genre besteht. So gehört etwa die Serie „Slow Horses“ zu den erfolgreichsten und vor allem langlebigsten auf Apple TV+. Auch TV-Shows wie „The Night Agent“, „Jack Ryan“ und „The Americans“ befriedigen die Lust auf Spy-Thriller und ihnen ähnliche Formate. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb nun innerhalb weniger Wochen gleich zwei solcher verloren geglaubter Genrebeiträge in die Kinos kommen. Nach dem sehr gelungenen „The Amateur“ mit Rami Malek in der Hauptrolle legt Regie-Tausendsassa Steven Soderbergh nach. Gerade erst versorgte er die Genrefeste dieser Welt mit seinem experimentellen Gruselfilm „Presence“, nun lässt er Michael Fassbender („Steve Jobs“) und Cate Blanchett („Don’t Look Up“) zum Psychoduell aufmarschieren – und erinnert mit „Black Bag – Doppeltes Spiel“ an das nüchtern-redselige Thrillerkino ebenjenes John le Carrée, das sich hier auf beste Weise altmodisch, jedoch alles andere als altbacken anfühlt.

George (Michael Fassbender) und Kathryn Woodhouse (Cate Blanchett) arbeiten nicht nur zusammen, sondern sind auch miteinander verheiratet.
Zwar steigt „Black Bag“ direkt vor der wummernden Kulisse eines belebten Nachtclubs ins Geschehen ein, wo die von Michael Fassbender gespielte Hauptfigur auf einen Informanten trifft. Doch mit dem musikalischen Dröhnen aus dem Inneren des Etablissements ist vorerst das Optimum an inszenatorischer Intensität erreicht. Steven Soderbergh macht von Anfang an deutlich, dass er hier in Gänze auf filmische Kinkerlitzchen verzichten wird. Stattdessen wird in seinem Thriller vor allem taktiert und philosophiert. Es benötigt keine elektrisierende Musik oder allzu außergewöhnliche Kamerafahrten, um das Wesentliche aus „Black Bag“ herauszuarbeiten. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen ganz klar die Figuren, die sich ein erbittertes Katz-und-Maus-Spiel liefern. Zwar kehrt Drehbuchautor David Koepp („Indiana Jones und das Rad des Schicksals“) vor allem die undurchsichtige Beziehung des sich liebenden Ehepaares George und Kathryn Woodhouse als zentrales Erzählmotiv hervor, aus dessen Perspektive wir die Ent- und Verwicklungen des Films verfolgen. Doch im Großen und Ganzen ist „Black Bag“ eine saustarke Ensembleleistung. Diese lebt nicht ausschließlich vom starken Schauspiel aller Beteiligter, sondern auch von der stilsicheren Art, die vorab auf dem Erzähl-Schachbrett platzierten Figuren immer wieder um Nuancen zu verschieben, bis man über die vorherrschenden Machtverhältnisse kaum noch einen Überblick hat.
„Zwar kehrt Drehbuchautor David Koepp vor allem die undurchsichtige Beziehung des sich liebenden Ehepaares George und Kathryn Woodhouse als zentrales Erzählmotiv hervor. Doch im Großen und Ganzen ist ‚Black Bag‘ eine saustarke Ensembleleistung.“
Da man sich als Zuschauer:in selbst nie sicher darin sein kann, ob überhaupt das Protagonist:innen-Pärchen mit offenen Karten spielt, umgibt „Black Bag“ ein durchgehender Schleier des Geheimnisvollen. Was wir mitkriegen, sind die im Geheimen geschmiedeten Pläne, wie man möglichst effektiv in den eigenen Reihen ermittelt. Dass George und Kathryn dabei möglicherweise vor allem ihre eigene Haut zu retten versuchen, wirkt genauso plausibel wie eine vollständige Loyalität gegenüber ihrem Auftraggeber. Genau hieraus zieht der Film seinen Reiz. Im Publikum fühlen wir uns nie einen Schritt voraus, stattdessen rätselt man mit, wägt ab, kombiniert und – ja, auch das – schweift hin und wieder mal ab. „Black Bag“ ist in seiner Redseligkeit konsequent, macht dabei aber auch so viele Fässer auf, dass man aufpassen muss, bloß jede relevante Information mitzubekommen. Oder einmal besonders realitätsnah ausgedrückt: Als Second Screen-Streamingfilm würde „Black Bag“ auf ganzer Linie versagen. Steven Soderbergh und David Koepp verlangen von ihrem Publikum die volle Aufmerksamkeit. Und diese Herangehensweise wirkt angesichts des von Exposition Dump verseuchten Durchschnittskinos ungemein selbstbewusst. Getreu dem Motto: Wer nicht mitkommt, hat eben Pech gehabt!

Als ihre Psychotherapeutin wäre Dr. Zoe Vaughn (Naomie Harris) in der Lage, die Informationen über Kathryn für ihre eigenen Zwecke zu verwenden.
Die in der zweiten Hälfte eingestreuten Momente, in denen das Adrenalin – etwa infolge einer Autoexplosion – dann doch mal kurz nach oben schnellt, wirken da fast wie eine Belohnung. Wer bis hierhin gefolgt ist, der soll auch was dafür bekommen. Derartige Szenen sind solide inszeniert, wenngleich an der schlichten visuellen Ausgestaltung vor allem irritiert, dass der auch für die Kameraarbeit verantwortliche Soderbergh bisweilen auf einen merkwürdigen „Milchglas-Filter“ setzt. Immer wieder wirken die Bilder merkwürdig verschwommen. Eine inhaltliche Erklärung gibt es dafür nicht, immerhin betont es ein Stückweit die allgegenwärtige Undurchsichtigkeit der Ereignisse. Trotzdem sieht „Black Bag“ ungemein stylisch aus. Vor allem unter der Berücksichtigung dessen, dass die Handlung des Films zu Großteilen in geschlossenen Räumen stattfindet. Doch Soderbergh beweist einmal mehr ein hervorragendes Gespür für seine Bildaufteilung und das Ausnutzen der dreidimensionalen Sets. Je nachdem, wie die Figuren gerade zueinander stehen, ändert sich ihre Position im Raum. Wer genau darauf achtet, der kann hieraus Rückschlüsse darauf ziehen, wer sich gerade in einer agierenden und wer sich in einer reagierenden Rolle befindet. Doch auch wenn wir am Ende von „Black Bag“ ungefähr wissen, wer hier eigentlich gut und wer böse ist, lässt sich das Rätsel rund um jeden und jede Einzelne von ihnen nie so ganz entschlüsseln. Nicht ohne Grund steht in einer Szene plötzlich die Frage im Raum, weshalb man überhaupt noch die Wahrheit sagen müsse, wenn man seinen Kopf ohnehin jederzeit aus der Schlinge ziehen kann.
„Soderbergh beweist einmal mehr ein hervorragendes Gespür für seine Bildaufteilung und das Ausnutzen der dreidimensionalen Sets. Je nachdem, wie die Figuren gerade zueinander stehen, ändert sich ihre Position im Raum.“
Neben Cate Blanchett und Michael Fassbender als sich gleichermaßen liebendes wie subtil duellierendes Liebespaar, geht auch der Rest des Casts mit sichtbarer Spielfreude ans Werk. Bereits in den ersten zwanzig Minuten bekommen Marisa Abela („Back to Black“), Tom Burke („Furiosa: A Mad Max Saga“), Rege-Jean Page („Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“) und Naomie Harris („James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“) richtig was zu tun. Als Publikum klebt man an den Lippen der ahnungslosen Dinner-Gäste, die infolge eines Wahrheitsserums ihre intimsten Geheimnisse preisgeben. Immer vor dem Hintergrund, als Geheimdienstmitarbeiter:innen wohlmöglich längst auf so eine Situation vorbereitet worden zu sein. Es ist also wirklich schwierig, die Ereignisse in „Black Bag“ zu durchschauen – und zwar bis ganz zum Schluss, wenn der Film einen zwar befriedigt aus dem Kinosaal entlässt, ohne dabei jedes noch so kleine Detail zu hinterfragen und aufzulösen.

Col. James Stokes (Regé-Jean Page) unternimmt mit seinem Kollegen George nicht einfach nur einen Angelausflug…
Fazit: Wer seine Spionage-Thriller gern redselig und weniger spektakulär mag, der kommt mit „Black Bag – Doppeltes Spiel“ voll auf seine Kosten. Steven Soderberghs Film wirkt wie aus der Zeit gefallen. Ein hochengagiertes Ensemble bekriegt sich verbal, bis die Situation immer undurchsichtiger wird. Der Reiz liegt darin, dass man das Mysterium ohnehin nie wirklich entschlüsseln können wird. Dafür sind sämtliche auf der Leinwand agierenden Personen einfach viel zu gut in ihrem Job.
„Black Bag – Doppeltes Spiel“ ist ab dem 15. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.
