Eden
Nach einer wahren Geschichte erzählt EDEN von einem viele Jahrzehnte zurückliegenden Kriminalfall, der sich in der Dreißigerjahren auf den Galápagos-Inseln zutrug. Ron Howard macht daraus allerdings keinen handelsüblichen Krimi, sondern ein soapesk überspitztes Dreiecksgeflecht, in dem vor allem Ana de Armas brilliert.
Darum geht’s
Die Galápagos-Insel Floreana: Hierhin haben sich Anfang der Dreißigerjahre der Arzt Dr. Friedrich Ritter (Jude Law) und seine Geliebte Dore Strauch (Vanessa Kirby) zurückgezogen. Hier in der Einsamkeit will der Philosoph seinen schriftstellerischen Tätigkeiten nachgehen, während Dore vor allem in ihrer Tierliebe aufgeht. Eines Tages steht die Familie Wittmer vor der Tür: Weltkriegsveteran Heinz (Daniel Brühl), seine junge Ehefrau Margret (Sydney Sweeney) und ihr Sohn Harry (Jonathan Tittel) erhoffen sich von der Insel ebenfalls Zuflucht. Während die Ritters von dem unerwarteten Besuch alles andere als begeistert sind, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Wittmers nur das geringste Problem sind. Denn kurze Zeit später erscheint noch eine weitere Person auf der Insel: die kapriziöse Baroness Eloise Wehrborn de Wagner-Bosquet (Ana de Armas), die sofort das gesamte Territorium für sich beansprucht. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis die ganze Situation hier draußen völlig eskalieren wird…
Kritik
Ron Howard ist etwas, was man gemeinhin als „Regiehandwerker“ bezeichnet. Schaut man sich seine letzten Filme an, dann erkennt man: Eine eigene Handschrift findet sich da eher nicht. Blockbuster wie „Solo: A Star Wars Story“ oder „Inferno“ dreht er ebenso fachkundig sicher herunter wie Dokumentationen („The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years“, „Pavarotti“) oder gefällig-seichte Romanverfilmungen für Netflix („Hillbilly-Elegie“). Vielleicht ist Howard auch deshalb die richtige Wahl für die Verfilmung der sogenannten Galápagos-Affäre. Einem Ereignis, das sich heutzutage eigentlich perfekt eignen würde, um einmal quer durch den True-Crime-Zirkus getrieben zu werden. Schließlich handelt es sich dabei um einen bis heute nicht komplett aufgeklärten Kriminalfall, der sich zwischen März und November 1934 auf den Galápagos-Inseln ereignete. Die Geschichte ist in ihrer Verworrenheit so undurchsichtig und dadurch spannend, dass es gar keine überhöhende Inszenierung benötigt, um das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Die mit der Zeit jedoch immer soapeskere Züge annehmenden Vorkommnisse lassen dabei jedweden Anspruch an dokumentarische Korrektheit außenvor und machen aus „Eden“ einen über weite Strecken überraschend vergnüglichen, aber auch kitschigen und nie ganz ernstzunehmenden Thriller.
Die sich sukzessive zu einem über drei Ecken abspielenden Machtkampf entwickelnde Geschichte beginnt mit der Ankunft von Heinz Wittmer, seiner frisch angetrauten Ehefrau Margret und ihrem Sohn Harry auf der Insel Floreana, von der sie sich Freiheit und Unabhängigkeit erhoffen. Die Chemie zwischen Daniel Brühl („The King’s Man – The Beginning“) und Sydney Sweeney („Wo die Lüge hinfällt“) ist von Anfang an schwer zu durchschauen. Zuneigung ist da schon irgendwo. Die vor allem dann durchschimmert, als Margret ihrem Gatten eröffnet, schwanger zu sein und später in einer grandios gespielten Szene ganz allein ein Kind zur Welt bringt. Die Wittmers führen augenscheinlich keine Zweckehe, die – inmitten der Dreißigerjahre in einem sich im Umbruch befindenden Deutschland – durchaus naheliegend gewesen wäre. Trotzdem fühlt man die ganz große Liebe einfach nicht. Wie ein Versäumnis des Drehbuchautoren Noah Pink („Tetris“) fühlt sich das allerdings nicht an. Stattdessen ist das Verhältnis zwischen den beiden ein komplexes, durchaus widersprüchliches, dabei jedoch nie unsympathisches Unterfangen. Und etwas, was noch mehr Sprengkraft besitzt, wenn es auf seinesgleichen trifft.
„Tatsächlich wären wohl weder die Ritters noch die Wittmers für sich genommen spannend genug, um sie als Zugpferd vor ‚Eden‘ spannen lassen zu können. Doch die Konfrontation beider Familien bringt sehr schnell Schwung in die Bude.“
Denn auch die sich bereits auf der Insel befindenden Ritters führen eine ähnliche Ehe. Irgendwie auf Augenhöhe, aber dann doch auch mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen an dieses „Leben hier draußen“. Jude Law („The Nest“) mimt seinen Gelehrten Friedrich als egozentrischen Teilzeit-Tyrannen, der neben seiner Arbeit als Möchtegern-Schriftsteller nicht viel Lebenswertes zu besitzen scheint. Während seine Geliebte Dore im Leben in der Natur aufgeht und sich vor allem um die zahlreichen Tiere kümmert, die die beiden auf ihrem kleinen Grundstück beherbergen. Tatsächlich wären wohl weder die Ritters noch die Wittmers für sich genommen spannend genug, um sie als Zugpferd vor „Eden“ spannen lassen zu können. Doch die Konfrontation beider Familien bringt sehr schnell Schwung in die Bude. Während die Ritters die Ankunft der Fremden wie ein Eindringen in „ihren Garten Eden“ wahrnehmen, wollen die Wittmers eigentlich ebenso für sich sein und kommen Friedrich und Dore entgegen, indem sie ihr Haus weit genug weg errichten und nur im Notfall den Kontakt suchen. Doch eine Dreiecksgeschichte benötigt noch eine dritte Partei. Und mit der Ankunft der Baroness und ihren beiden Handlangern entwickelt „Eden“ seinen ganz eigenen, pulpigen Drive.
Geprägt von Ana de Armas‘ exaltiertem, sich immer haarscharf an der Grenze zum theatralischen Overacting befindlichem Spiel prägt die „Keine Zeit zu sterben“-Aktrice die Tonalität von „Eden“ maßgeblich. Es ist bisweilen ganz schön anstrengend, den „Schicki-Micki“-Eskapaden (ein knallharter Euphemismus!) der Baroness zuzuschauen. Wie sie über die Insel geht, alles und jeden für sich beansprucht und mit dem naiven Vorhaben bestückt ist, hier in der Einsamkeit ein Luxushotel zu errichten, ist voller „Ich schlage mir mit der Hand vor die Stirn“-Komik. Aber de Armas schmeißt sich derart leidenschaftlich in ihre Rolle, dass sie sich mit der Zeit zur echten Scene Stealerin entwickelt. Den Rest des Ensembles spielt sie gnadenlos an die Wand. Das ist aber auch kein Wunder, schließlich sind ihre Kolleginnen und Kollegen allesamt deutlich bodenständiger ausgerichtet. Genau dieser Kontrast ist es, aus dem „Eden“ einen Großteil seines Reizes zieht. Ständig fragt man sich: Wie sehr kann die Baroness ihre Ansprüche noch ausreizen? Wie lange wird es dauern, bis sich die Ritters dagegen auflehnen werden? Und welche Rolle spielen die eigentlich so unauffälligen Wittmers in diesem Geflecht, denen man eine aktive, geschweige denn körperliche Konfrontation niemals zutrauen würde?
„Ana de Armas schmeißt sich derart leidenschaftlich in ihre Rolle, dass sie sich mit der Zeit zur echten Scene Stealerin entwickelt. Den Rest des Ensembles spielt sie gnadenlos an die Wand.“
Als Highlight in diesem brodelnden Katz-und-Maus-Spiel erweist sich ein Abendessen am Strand, zu dem die durch und durch berechnende Baroness einlädt. Ganz langsam kristallisiert sich heraus: Jede und jeder von ihnen ist mindestens genauso berechnend wie die Gastgeberin. Kurze, schnippische Bemerkungen und Beobachtungen versetzen der ohnehin aufgeheizten Stimmung zusätzliche Nadelstiche. Dass die Situation irgendwann eskalieren muss, steht außer Frage. Doch anstatt diese sukzessive steigende Anspannung für sich arbeiten zu lassen und damit voll und ganz in Thrillergefilde abzugleiten, lässt Ron Howard das Szenario auf nahezu groteske Weise eskalieren. Die Dialoge werden immer pathetischer, die Streits und Konfrontationen derber, bis das hysterische Ende wie die folgerichtige Entwicklung des Ganzen wirkt. Dass sich in der Realität alles so zugetragen hat, ist fraglich. Vieles wirkt dramaturgisch zurechtgebogen. Wäre „Eden“ eine Serie, hätten sich all diese Zutaten eine Genreeinordnung als Soap verdient. Das bedeutet nicht, dass der Film keinen Spaß machen würde. Vermutlich tut er es durch diese Art der Erzählung erst recht. Aber spätestens ab der zweiten Hälfte entfernen sich die Kreativen dann doch derart von dem zu Beginn so bodenständigen Szenario, dass „Eden“ in zwei Teile zerfällt, von denen jeder seine eigenen Reize hat, die jedoch nie vollständig zusammenfinden.
Fazit: Mit „Eden“ inszeniert Ron Howard einen jahrzehntealten Kriminalfall auf den Galápagos-Inseln als soapeskes Thriller-Abenteuer, das seinen ganz eigenen Charme hat, jedoch aufgrund seiner Theatralik und Absurdität die Ernsthaftigkeit für das Thema vermissen lässt.
„Eden“ ist ab dem 3. April 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



