Für immer hier

Der Oscar-Preisträger der Kategorie „Bester internationaler Film“ kommt in diesem Jahr aus Brasilien – und in Deutschland nun auch ins Kino. In dem Drama FÜR IMMER HIER triumphiert Fernanda Torres in einer grandiosen Hauptrolle, in der sie der übermächtigen Militärdiktatur ihres Landes die kalte Schulter zeigt. 

OT: I’m Still Here (BRA/FR 2024)

Darum geht’s

Brasilien, 1971: Die Paivas leben in der Nähe der Copacabana. Hier bewohnen sie ein großes, schönes Haus und genießen ein ganz normales Familienleben. Davon, dass sich ihr Land mitten in einer Militärdiktatur befindet, bekommt sie kaum etwas mit. Das ändert sich jedoch schlagartig. Zunächst gerät die Älteste der vier Kinder in eine unangenehme Polizeikontrolle und schließlich steht die Militärpolizei vor der Tür der Familie Paiva. Sie nimmt Rubens (Selton Mello), den Vater der Familie mit auf die Wache – und weder seine Frau Eunice (Fernanda Torres) noch seine Kinder werden ihn je wiedersehen. Doch anstatt zu verzweifeln, versucht Eunice voller Kraft und Tatendrang, hinter das Verschwinden ihres Mannes zu kommen. Selbst eine zwölftätige Haft kann die Frau nicht davon abbringen, eine Stärke zu zeigen, die ihresgleichen sucht – und die ihren Kindern für immer ein Vorbild sein wird.

Kritik

Sie galt als Demi Moores schärfste Konkurrentin beim diesjährigen Oscar-Rennen: Fernanda Torres („Normal People“). In der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ lagen nach diversen Indikator-Preisen beide als Favoritinnen vorn. Dabei sind ihre Rollen so gegensätzlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Während Moores Figur in „The Substance“ über ihre verlorene Jugend verzweifelt, ist Zweifeln das Letzte, was Torres‘ Eunice in „Für immer hier“ in den Sinn kommt. Während der brasilianischen Militär-Diktatur 1971 muss sie nach dem Verschwinden ihres Mannes die Familie zusammenhalten und gibt bis zuletzt nicht auf. Erst als sie den Tod ihres Gatten viele, viele Jahre später Schwarz auf Weiß hat, findet sie ihren Frieden. Die dazugehörige Performance ist schier atemberaubend – und umso überraschender, dass am Ende weder sie noch Demi Moore die begehrte Goldtrophäe mit nach Hause nehmen durfte. Stattdessen mussten beide der Newcomerin Mikey Madison für ihre Rolle in „Anora“ den Vortritt lassen. Trotzdem ist klar: Sowohl Moore als auch Torres werden mit ihren Darbietungen in die Filmgeschichte eingehen. Und für „Für immer hier“ gab es immerhin den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Eunice (Fernanda Torres) und ihr Mann Rubens (Selton Mello).

Einen Eindruck davon, wie sehr Torres hier den Inbegriff einer „starken Frau“ verkörpert (wenngleich der Verfasserin dieser Zeilen bewusst ist, wie abgegriffen, klischeehaft und altbacken dieser Begriff ist!), bekommt man durch folgendes Detail: Regisseur Walter Salles („Central Station“) ließ im Nachhinein alle Szenen aus „Für immer hier“ herausschneiden, in denen Fernanda Torres‘ Figur weint. Der Grund: Marcela Rubens Paiva, Autor des dem Film zugrundeliegenden Buches „Ich bin immer noch hier“ und Sohn der echten Eunice Paiva, betonte, seine Mutter während der vielen Jahre Ungewissheit nicht einmal weinen gesehen zu haben. Für Salles, der seit seinem 13. Lebensjahr mit der Familie befreundet ist, eine Selbstverständlichkeit. „Für immer hier“ gestaltete sich von Anfang an als seine persönliche Mission, für das er so eng wie möglich mit den Paivas zusammenarbeitete und dadurch ein größtmögliches Maß an Authentizität erreichte. Das beginnt schon beim erzählerischen Fokus. Zwar steht zweifelsohne Eunice Paiva im Zentrum der Handlung. Gleichzeitig nimmt sich das Skript (Murilo Hauser, Heitor Lorega) enorm viel Zeit, um die Familie im Gesamten einzuführen. Sogar der nach rund einer halben Stunde plötzlich verschwindende Ehemann Rubens Paiva erhält eine ausführliche, runde Charakterisierung. Andere Autoren hätten darin vermutlich keinen Grund gesehen, wenn er sowieso nur eine kurze Zeit im Film zu sehen ist.

„Das Skript nimmt sich enorm viel Zeit, um die Familie im Gesamten einzuführen. Sogar der nach rund einer halben Stunde plötzlich verschwindende Ehemann Rubens Paiva erhält eine ausführliche, runde Charakterisierung.“

Dabei ist all das so wichtig, um die Paivas ausgiebig kennenzulernen und so später den Schmerz der Familie zu greifen, aber eben auch, um mitzuerleben, mit welchem Elan Eunice ihre Kinder zusammenhält. „Für immer hier“ hätte genauso gut ein Film über Verzweiflung werden können. Doch selbst nachdem Eunice nach ihrer zwölftägigen Haft 10 Kilo abgenommen hat (Fernanda Torres verlor für ihre Rolle exakt so viel Gewicht wie ihr Vorbild in der Realität), ist ihr Willen ungebrochen, ihr Ehrgeiz, den Verbleib ihres Mannes aufzuklären, größer denn je. Während sie zuhause Kinder großzieht, sich plötzlich um Alltäglichkeiten kümmern muss, für die bis dato ihr Mann zuständig war – zum Beispiel Geldangelegenheiten – mobilisiert sie nebenher all ihre Kräfte, um das politisch motivierte Verschwinden ihres Mannes aufzudecken. Zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur Anfang der Siebzigerjahre ist das nämlich kein Zufall, sondern ein Auswuchs der staatlichen Willkür, der auch die Paiva-Familie unterliegt.

Die Familie Paiva muss nach dem Verschwinden des Vaters zusammenhalten.

Trotzdem fühlt sich „Für immer hier“ nicht zwingend wie ein politischer Film an. Und das ist auch ganz richtig so, denn Walter Salles geht es in seinem Film nicht um die Täter, sondern um die Opfer. Und RegimegegnerInnen einfach „verschwinden“ zu lassen, war zum damaligen Zeitpunkt eine gängige Methode der Militärpolizei. Zu Beginn des Films sehen wir eine Strandszenerie an der Copacabana. Kinder spielen, Tourist:innen schwimmen, alle genießen ihr Leben. Nur ein entfernt am Himmel erkennbarer Hubschrauber ist ein Indiz dafür, zu welcher Zeit „Für immer hier“ spielt. Die Familie schenkt derartigen Dingen schon lange keine Beachtung mehr, lässt sich nicht unterkriegen von der potenziellen Gefahr. Schon lange vor der Festnahme ihres Mannes stehen die Paivas geschlossen zusammen. Und so ironisch es im Anbetracht von Prämisse und Tonalität des Films klingen mag, so sehr macht es – besonders zu Beginn – Spaß, der Familie einfach nur dabei zuzuschauen, wie sie ihren Alltag meistert. Der jüngste Sohn will einen Hund von der Straße zuhause aufnehmen, die älteste Tochter Vero steht kurz davor, das Land zu verlassen und sich in London ein neues Leben aufzubauen. Rührend sind die kleinen Momente. Zum Beispiel wenn sich Vero von ihrer Mutter eine Jacke leiht, auf die sie schon lange scharf war. Die Interaktion innerhalb der Familie ist liebevoll und zärtlich. Eine wichtige Grundlage für die schwere Zeit später.

„Rührend sind die kleinen Momente. Zum Beispiel wenn sich Vero von ihrer Mutter eine Jacke leiht, auf die sie schon lange scharf war. Die Interaktion innerhalb der Familie ist liebevoll und zärtlich. Eine wichtige Grundlage für die schwere Zeit später.“

Schleichend bricht die Ungewissheit über die Paivas herein, aus der trotzdem nie eine Panik oder Hysterie erwächst. Selbst als die Familie gezwungen wird, Militärangehörige zwecks Überwachung bei sich zu beherbergen, lassen sie dies stoisch über sich ergehen. Eunice und ihre Kinder bieten nie eine Angriffsfläche, was bisweilen fast schon frustrierend sein könnte, würden nicht alle hier im Ensemble so großartige Schauspielleistungen zeigen. Es liegt auch an der dokumentarischen, streng chronologischen Inszenierung, dass sich jeder und jede von ihnen wie ein durch und durch authentischer Charakter, weniger wie eine (fiktionale) Filmfigur anfühlt. Dadurch ist „Für immer hier“ auch ohne allzu ausladende, dramaturgische Schwankungen fesselnd und mitreißend – mit einem Understatement als Ende, das Eunices Persönlichkeit noch einmal deutlich unterstreicht.

Fernanda Torres brilliert.

Fazit: Fernanda Torres in der Rolle ihres Lebens: Das trotz seiner dokumentarischen Inszenierung mitreißende Drama „Für immer hier“ ist trotz seiner Thematik kein rein politischer Film, sondern die Studie einer Frau, die sich nie unterkriegen lässt, ihre Familie zusammenhält und damit der Bedrohung durch das Militärregime die kalte Schulter zeigt.

„Für immer hier“ ist ab dem 13. März 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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