Joker: Folie à Deux

Die Fortsetzung zu einem der erfolgreichsten R-Rated-Filme aller Zeiten gerät zu einer Antithese zu exakt diesem Film: Todd Phillips traut sich mit JOKER: FOLIE À DEUX, seinem Publikum mit aller Kraft den Boden unter den Füßen wegzuziehen – und ihnen all das vorzuenthalten, wonach sie sich nach dem ersten Teil sehnen.

OT: Joker: Folie à Deux (USA 2024)

Darum geht’s

Nachdem er insgesamt sechs Menschen ermordete – einen davon vor laufender Kamera – sitzt Arthur Fleck alias „der Joker“ (Joaquin Phoenix) hinter den Gittern des Arkham State Hospitals. Zwischen anderen Irren und Gewaltverbrecher:innen wartet er hier auf seinen Mordprozess, auf den ihn seine Anwältin Maryanne Stewart (Catherine Keener) akribisch vorzubereiten versucht. Ihre Strategie: den Geisteszustand ihres Mandanten anzuzweifeln, um so auf „nicht schuldig“ plädieren zu können. Doch Arthur Fleck zeigt sich desinteressiert, bis er eines Tages auf seine geheimnisvolle Mitinsassin Lee Quinzel (Lady Gaga) trifft. Zwischen ihnen entsteht eine außergewöhnliche Anziehungskraft, die Arthur zu neuem Mut verhilft, die Anstalt schon ganz bald als freier Mann verlassen zu können…

Kritik

200 Millionen US-Dollar soll „Joker: Folie à Deux“ gekostet haben. Das ist rund das Vierfache, was sein Vorgänger verschlungen, aber auch nur ein Fünftel dessen, was „Joker“ 2019 an den Kinokassen eingespielt hat. Im Anbetracht dieses immensen Erfolges fällt die Verwunderung über diese horrende Geldsumme direkt ein wenig geringfügiger aus. Wenngleich man sich im Anbetracht des fertigen Films zwei Fragen stellt. Erstens: Wohin zum Teufel ist das ganze Geld geflossen, wo der Film doch fast ausschließlich im Gerichtssaal oder in Gefängniszellen spielt? Und, viel interessanter, zweitens: Hat das Studio Regisseur Todd Phillips das Go gegeben und die damit verbundenen 200 Millionen zur Verfügung gestellt, bevor oder nachdem ihm das finale Konzept von „Folie à Deux“ bekannt war? Sollte Ersteres der Fall sein, gebührt Warner Bros eine gehörige Portion Anerkennung für den Mut, ein solches Projekt mit einer derart hohen Geldsumme auszustatten. Falls Letzteres: Nun… man möchte nicht unbedingt in Todd Phillips‘ Haut stecken, wenn der das nächste Mal zum Besuch bei den Studiobossen antreten muss. Denn „Joker: Folie à Deux“ ist genau das Gegenteil davon, was man von einem Sequel zum bis vor Kurzem noch erfolgreichsten R-Rated-(Superhelden-)Film aller Zeiten erwarten würde. Statt Höher, schneller, weiter! – das insbesondere im Superheldenkino geltende Credo für Fortsetzungen – gibt es diesmal weniger von allem. Das, was es gibt, ist größtmöglich emotionsentsättigt und das von Anfang an mit der Öffentlichkeit kommunizierte Musical-Gimmick ist doch glatt eine falsche Fährte. Wenn überhaupt, dann erfindet Todd Phillips hier ein ganz neues Genre: das Anti-Musical.

Maryanne Stewart (Catherine Keener) wacht mit Argusaugen über ihren Mandanten Arthur Fleck (Joaquin Phoenix).

Zunächst einmal muss aber gesagt sein: Das, was das gemeine Kinopublikum unter einem Musical versteht, ist „Joker: Folie à Deux“ tatsächlich. Im Laufe der 135 Filmminuten stimmen Joaquin Phoenix („Beau is Afraid“) als Arthur Fleck und Lady Gaga („A Star is Born“) als Lee Quinzel immer wieder jahrzehntealte Oldies wie „That’s Life“ oder „Get Happy“ an. Doch wie das bei einem Jukebox-Musical häufiger so ist als bei Original-Musicalkompositionen, treiben die gesanglichen Performances nur selten die Story voran. Stattdessen tänzelt „Folie à Deux“ oft auf der Stelle – was in guten Jukebox-Musicals aber nicht weiter stören muss. Wir erinnern uns alle daran, was für einen Spaß ein Film wie „Mamma Mia!“ zu bereiten imstande ist. Doch hier kommt nun der Terminus des Anti-Musicals ins Spiel. Todd Phillips unternimmt nämlich alles, um die zahlreichen Gesangsdarbietungen so unglamourös wie möglich aussehen zu lassen. Zwar flüchten sich Arthur und Lee hin und wieder auch mal in ein an Achtzigerjahre-Talkformate erinnerndes TV-Show-Set. Aber in der Regel dienen die Musicalszenen vor allem dazu, die beiden Hauptfiguren aus der Verantwortung für ihr Handeln herauszuziehen. Wenn das Paar – wieder einmal – zum gemeinsamen Duett anstimmt, dann fühlt sich das regelrecht frustrierend an. Geschieht das doch zumeist dann, wenn es eigentlich total wichtig wäre, dass die beiden das zuvor angerissene Thema im Dialog weiterverfolgen. Stattdessen haut Phillips bewusst die Bremse rein…

„Die Charakterstudie eines Irren, der gewissen Internetkreisen zufolge zu einer regelrechten Incel-Ikone wurde, war mit dem Ende des ersten Teils abgeschlossen. Teil zwei befasst sich nun vor allem mit den Konsequenzen, die Arthur Fleck aufgrund seiner Taten zu befürchten hat.“

… die er im Film generell nur sehr selten über eine längere Strecke löst. Schon „Joker“ war nicht unbedingt für sein halsbrecherisches Tempo bekannt, aber in dem Film ist dann doch einfach deutlich mehr passiert als in „Joker: Folie à Deux“. Die Charakterstudie eines Irren, der gewissen Internetkreisen zufolge zu einer regelrechten Incel-Ikone wurde, war mit dem Ende des ersten Teils abgeschlossen. Teil zwei befasst sich nun vor allem mit den Konsequenzen, die Arthur Fleck aufgrund seiner Taten zu befürchten hat. Selbst seine aufkeimende Beziehung zu Lee Quinzel setzt keinerlei ungeahnte Facetten oder dergleichen in ihm frei: Arthur Fleck ist Arthur Fleck – und wir haben uns alle bereits ein Urteil über ihn gebildet. Um Letzteres geht es vor allem in der zweiten Filmhälfte von „Folie à Deux“, die viel vor Gericht spielt. Hier soll verhandelt werden, ob Arthur Fleck tatsächlich eine gespaltene Persönlichkeit hat, er und der Joker also quasi zwei unterschiedliche Figuren sind, oder ob Fleck eine solche Störung zu Verteidigungszwecken nur vortäuscht. Todd Phillips gibt auf diese Frage bis zum Schluss keine Antwort. Ganz so, als wüsste er, dass es ohnehin nichts mehr bringen würde, sich noch weiter in den Geisteszustand seiner Hauptfigur hineinzugraben. Aber auch, um den Personenkult um den Joker respektive Arthur Fleck nicht weiter anzuheizen.

Zwischen Arthur und Lee (Lady Gaga) sprühen die Funken. Irgendwie.

Wenngleich „Joker“ seinerzeit ein großer Erfolg war, war die diskussionswürdige Darstellung Arthur Flecks immer wieder auch Bestandteil kritischer Auseinandersetzungen. Der böse Bube, der von seinem Umfeld erst böse gemacht wurde, aber selbst eigentlich nichts dafür kann: nicht mehr als ein Stereotyp. Und auch einer der Grundpfeiler der – dem True-Crime-Hype sei Dank – anhaltenden Faszination für Serienkiller und ihre Taten. Je nach Auslegung ist es Phillips dato gelungen, dieses ausgelutschte Erzählschema mit spannenden Akzenten zu versehen, oder aber eben nicht. Nun hat es fast schon etwas Trotziges, dass „Joker: Folie à Deux“ in seiner weiteren Betrachtung dieser so zerstörerischen Hauptfigur am ehesten noch an Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ erinnert. Nichts, aber auch wirklich gar nichts an Arthur Fleck versprüht auch nur einen Hauch von Glamour. Ganz gleich, ob er nun in seinem (vermeintlichen) Alter Ego die sprichwörtliche Bühne betritt, oder als er selbst. Ab einem bestimmten Moment im Film bittet Arthur Fleck darum, seine Verteidigung – als Joker! – selbst übernehmen zu dürfen. Wer im Folgenden nun auf die große Joker-Show hofft, wird (wieder einmal) enttäuscht. Denn die gibt es nicht und wird auch nie kommen. Stattdessen liegt der Fokus auf Arthur Flecks fürs Leben traumatisierten Opfern und auch, ganz trocken, auf der Rechtslage. Denn das, was hier verhandelt wird, ist letztlich nichts Anderes als Alltag für die Strafgerichte.

Nun hat es fast schon etwas Trotziges, dass ‚Joker: Folie à Deux‘ in seiner weiteren Betrachtung dieser so zerstörerischen Hauptfigur am ehesten noch an Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ erinnert. Nichts, aber auch wirklich gar nichts an Arthur Fleck versprüht auch nur einen Hauch von Glamour.“

Mit all diesen inszenatorischen Ansätzen stößt „Joker: Folie à Deux“ unweigerlich vor den Kopf. Zumal der Film auch sonst nur wenig unternimmt, um das Publikum auf herkömmliche Weise mitzureißen. Der Alltag hinter den Gefängnismauern gerät dröge, trist, gewalttätig – und ja, damit auch recht klischeehaft. Die Szenen vor Gericht fallen erwartungsgemäß dialoglastig aus, nehmen aber auch keinerlei überraschende Wendung oder dergleichen. Nicht einmal dem Auftreten des Jokers ist es schließlich vergönnt, die trockene Paragraphenreiterei zu durchbrechen. Die ganz große Liebe zwischen Arthur und Lee findet die meiste Zeit über auf Distanz statt; Lediglich in den imaginierten Shownummern auf der großen Bühne darf das Paar seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Und über allem schwebt permanent die Erkenntnis, dass eine Person wie Arthur Fleck eigentlich überhaupt nicht porträtierwürdig, sondern einfach nur – ja, was eigentlich ist? Böse? Geisteskrank? Auch wer sich eine Antwort auf diese Frage erhofft, wird maximal unbefriedigt den Kinosaal verlassen. Phillips macht es sich nämlich nicht zur Aufgabe, diese zu beantworten. „Joker: Folie à Deux“ ist vielmehr ein Kommentar auf die Rezeption, die „Joker“ einst auslöste und die sich unweigerlich auf jedwede Art der medienwirksamen Auseinandersetzung mit Schwerverbrechern übertragen lässt. Für Phillips wäre es nicht das erste Mal, dass er mit einer Fortsetzung einen seiner vorherigen Filme kommentiert. Fußt doch die gesamte „Hangover“-Trilogie auf genau diesem Konzept.

Hinter Gittern wird Arthur immer wieder Opfer roher Gewalt – vor allem durch die Wärter.

Doch anstatt dieses Antitainment auch inszenatorisch mit größtmöglich reduzierten Mitteln zu begleiten, bleiben sich die Kreativen in ihrer Handschrift absolut treu. „Joker: Folie à Deux“ folgt demselben Farbschema wie der erste Teil, setzt auf einen klaren, von mannigfaltigen Blautönen dominierten Look und lässt Phillips‘ Stamm-Kameramann Lawrence Sher („Hangover“) ausladend in den riesigen Gesichtern seiner Hauptdarsteller:innen schwelgen. Auf der Tonspur erklingen dazu zahlreiche Varianten des für Teil eins von Hildur Guðnadóttir komponierten Joker-Themas, eingebettet in treibende Orchesterklänge, die sich mit den Gesangsperformances der Hauptdarsteller:innen abwechseln. Das unterkühlte Anschmachten von Arthur und Lee haben Joaquin Phoenix und Lady Gaga voll drauf. Es ist nicht einmal so, als würden zwischen den beiden tatsächlich amouröse Funken sprühen. Doch eine außergewöhnliche Anziehungskraft zwischen den beiden spürt man zu jeder Sekunde. Vor allem Phoenix geht einmal mehr voll in seiner Rolle auf und wirkt so, als hätte er den Geisteszustand des Joker seit Teil eins nie verlassen. Lady Gaga setzt gesanglich einige starke Akzente, bleibt aber – erst recht für eine Interpretation der berühmten Harley-Quinn-Figur – überraschend blass. Aber letztlich passt das ja auch wieder zum Rest des Films, der einem alles, woran man Spaß und (diebische) Freude entwickeln könnte, gnadenlos vorenthält.

„Das unterkühlte Anschmachten von Arthur und Lee haben Joaquin Phoenix und Lady Gaga voll drauf. Es ist nicht einmal so, als würden zwischen den beiden tatsächlich amouröse Funken sprühen. Doch eine außergewöhnliche Anziehungskraft zwischen den beiden spürt man zu jeder Sekunde.“

Fazit: „Joker: Folie à Deux“ kann sich als klassische Fortsetzung des Eine-Milliarde-Dollar-Hits „Joker“ ungemein frustrierend anfühlen – aber er ist gleichzeitig auch eines der spannendsten, mutigsten und undurchdringbarsten Filmprojekte des Jahres.

„Joker: Folie à Deux“ ist ab dem 3. Oktober 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Jetzt bin ich noch gespannter drauf als vorher. Zumindest wird es nicht die übliche Fortsetzung, das ist ja schon mal positiv 🙂

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