Der wilde Roboter

Das Mastermind hinter der „Drachenzähmen leicht gemacht“-Reihe erzählt in seinem neuesten Animationsfilmabenteuer DER WILDE ROBOTER davon, was passiert, wenn eine künstliche Intelligenz ihre wahre Bestimmung in der Natur findet. Gekleidet in grandiose Bilder, wird aus der Liebe zwischen Roboter und Gänseküken ein Rausch durch die Flora und Fauna einer verwilderten Insel.

OT: The Wild Robot (USA 2024)

Darum geht’s

Nach einem Unglück landet der hochintelligente Roboter Roz (Judith Rakers/Lupita N’yongo) auf einer Insel inmitten der ihr gegenüber zunächst skeptisch gesinnten Wildnis. Die Tiere um sie herum halten sie für einen Feind. Schließlich haben sie so eine Geräusche machende, blinkende Kiste noch nie zuvor gesehen. Da Roz auf der Insel keine Aufgabe findet – eigentlich wurde sie dazu entwickelt, Menschen alle erdenklichen Aufgaben abzunehmen – eignet sie sich zunächst die Sprache der Tiere an und findet schließlich ein verwaistes Gänseküken, das sie Brightbill (Kit Connor) tauft. Gemeinsam mit dem verschlagenen aber liebenswerten Fuchs Fink (Pedro Pascal) macht sie es sich zur Aufgabe, dem gefiederten Gesellen alles beizubringen, was er wissen muss, um im Winter mit der Gänseschar gen Süden zu fliegen. Als die für Roz und ihre Roboterkumpanen zuständige Firma davon Wind bekommt, das eine ihrer Erfindungen immer mehr Emotionen und menschliche Züge entwickelt, beschließt sie, Roz gegen ihren Willen zu sich zurückzuholen…

Kritik

Mit „Drachenzähmen leicht gemacht“ hat Regisseur und Autor Chris Sanders 2010 einen modernen Animationsfilmklassiker geschaffen. Der Abenteuergeschichte rund um den jungen Wikinger Hicks und seinen zahmen Drachen Ohnezahn folgten nicht nur zwei Fortsetzungen. Aktuell befindet sich sogar ein Realfilmremake in der Mache, das bereits im kommenden Jahr erscheinen soll. Die Wartezeit verkürzt uns Sanders – der nach aktuellem Kenntnisstand übrigens nicht am „Drachenzähmen“-Remake mitwirken wird – mit einem neuen Instant-Helden des aktuellen Trickkinos. Roz heißt er – oder besser: sie. Wobei das eigentlich völlig gleich ist, denn bei Roz handelt es sich um einen hochintelligenten Roboter (der sowohl im Original als auch in der deutschen Synchro von einer Frau synchronisiert wird), der in Ermangelung an Aufgaben für eventuelle menschliche Kund:innen einfach ein Gänseküken unter seine Fittiche nimmt. Basierend auf der simplen Pitch-Idee „Was würde ein intelligenter Roboter in der Wildnis tun?“, worauf schon der Buchautor Peter Brown sein Konzept für „Der wilde Roboter“ stützte, folgen wir gut eineinhalb Stunden lang einer künstlichen Intelligenz, die nach und nach ihre Menschlichkeit entdeckt – wenn man davon überhaupt reden kann. Schließlich ist Roz ja die ganze Zeit von Tieren umgeben…

Als Roz das verwaiste Gänseküken Brightbill entdeckt, hat die Roboterdame endlich eine Aufgabe.

… und die machen die Wildnis in „Der wilde Roboter“ erst so richtig aufregend. Schon in „Wall-E“ wurde schließlich die Idee eines einsamen Roboters fernab der menschlichen Zivilisation durchexerziert. In dem Pixar-Meisterwerk von 2008 knüpft die titelgebende Maschine irgendwann zarte Bande zu einem weiteren Roboterwesen. Aber so richtig in der Welt zurechtfinden musste sich Wall-E nie; Das, wofür er gemacht war – Müll in kleine Pakete zu pressen – konnte Wall-E auch ohne jedwede soziale Kontakte ausführen. In „Der wilde Roboter“ mangelt es Roz indes an genau dem: Was soll ein Roboter, der darauf programmiert ist, Menschen die Wünsche von den Augen abzulesen und bei allen nur erdenklichen Arbeiten zu unterstützen, nur mit seiner Zeit anfangen, wenn kein Mensch in der Nähe ist? Roz dabei zuzuschauen, wie sie sich in der Wildnis auf die Suche nach einer Aufgabe begibt und dabei einen Streifzug durch die riesige Flora und Fauna unternimmt, ist dabei nicht nur unheimlich niedlich, sondern in seiner simplen Idee und der atemberauenden Detailverliebtheit wunderschön anzusehen. Bereits die aller erste Einstellung im Film zeigt eine Otter-Familie in einem Fluss baden – und diese wahnsinnig knuffigen Gesellen bilden nur den Auftakt für ein gutes Dutzend Tierarten, die in „Der wilde Roboter“ mal größere, mal kleinere Rollen spielen. Besonders spannend: Obwohl die zwei- und vierbeinigen Nebenfiguren allesamt reden und sich untereinander verständigen können, verzichtet Chris Sanders auf eine allzu kindliche Vermenschlichung. Im Gegenteil: Manche der zahllosen Gags geraten sogar richtig bissig. Etwa wenn die alleinerziehende Opossumsmutter auf ihre ganz eigene Art und Weise mit elterlicher Überforderung umgeht.

„Obwohl die zwei- und vierbeinigen Nebenfiguren in ‚Der wilde Roboter‘ allesamt reden und sich untereinander verständigen können, verzichtet Chris Sanders auf eine allzu kindliche Vermenschlichung.“

An Roz liegt es nun, die verschiedenen Verhaltensweisen der Tiere zu studieren und für ihre Zwecke zu nutzen. Irgendwann ist der Roboter schließlich so weit, dass er sämtliche Sprachen aus seiner Umgebung beherrscht, die Gebaren seiner Gegenüber kopiert und sich so das Vertrauen der Waldbewohner erarbeitet, die in der blinkenden und fremde Geräusche machenden Kiste erst einen Feind vermuten. Neben Roz im Zentrum steht hier der gerissene Fuchs Fink, der in Roz‘ Schützling Brightbill zunächst einen Leckerbissen sieht, sich aber an ihrem Beschützerinstinkt die Zähne ausbeißt und schließlich viel zu neugierig ist, um das außergewöhnliche Mutter-Sohn-Gespann nicht auf seinem gemeinsamen Weg zu begleiten. Die Sache mit dem Fressen und dem Gefressen werden ist in „Der wilde Roboter“ ebenfalls ein omnipräsentes Thema. Bereits im ersten Drittel werden wir immer mal wieder Zeuge, wie ein Tier von einem anderen verspeist wird – das ist sie eben, die Nahrungskette. Fast ein wenig zu romantisch ist dagegen die Idee im finalen Drittel, in ebenjenen Lauf der Natur einzugreifen, um ein friedliches Miteinander in der Wildnis zu gewährleisten. Ein fast schon utopischer „Wir müssen uns nur alle vertragen, dann sind alle Probleme aus der Welt geschafft“-Gedanke, den die einen kitschig, die anderen vielmehr magisch auffassen dürften.

Roz und Fink ziehen das Gänseküken gemeinsam auf.

Geht es im ersten Drittel um Roz‘ Zurechtfinden in der Wildnis und im finalen (und leider auch ein bisschen zu actionreichen) Drittel darum, wie sich die Wildtiere sowie der sie anführende Roboter gegen die Menschheit zur Wehr setzen, konzentriert sich „Der wilde Roboter“ im Mittelteil voll und ganz auf das Bonding zwischen Roz und Brightbill. Es ist nach der umwerfenden, in epische Bilder gekleideten ersten halben Stunde ein bisschen schade, dass „Der wilde Roboter“ nicht weiter derselben schwelgerischen Linie folgt und stattdessen deutlich plotorientierter (und redseliger) wird. Aber auch der Beziehung zwischen Roz und Brightbill zuzuschauen – insbesondere Roz‘ unbeholfenen Versuchen, einem Gänsekind Fliegen und Schwimmen beizubringen – gerät kurzweilig und amüsant. Der stets am Rand mit spitzen Kommentaren um sich werfende Fink fasst die Gedanken des Publikums dabei immer wieder vortrefflich zusammen und erinnert damit – vielleicht auch, weil er im Deutschen dieselbe Synchronstimme hat – an Nick Wilde aus „Zoomania“. Nur in vielleicht nicht ganz so durchtrieben…

„Es ist nach der umwerfenden, in epische Bilder gekleideten ersten halben Stunde ein bisschen schade, dass ‚Der wilde Roboter‘ nicht weiter derselben schwelgerischen Linie folgt und stattdessen deutlich plotorientierter (und redseliger) wird.“

Die insgesamt sehr simpel bleibende und damit gewiss auch ein ganz junges Publikum abholende Story gerät im Anbetracht der Bildgewalten allerdings ohnehin in den Hintergrund. „Der wilde Roboter“ besitzt zwar erzählerisch kein Gramm Fett zu viel, optisch packt er dafür das ganz große Spektakel aus. Die Tiere besitzen allesamt eine menschliche Mimik, sehen dabei aber trotzdem hervorragend lebensecht aus. Auch das Design des Waldes mit all seinen Blumen, Bäumen und Sträuchern lädt mehrmals dazu ein, zu hinterfragen, ob man da gerade wirklich einen Animationsfilm sieht, oder ob die Hintergründe nicht eventuell doch echt sein könnten. Die flüssigen Bewegungen sämtlicher Figuren, die rasanten Kamerafahrten – insbesondere in den Flugszenen – und die schiere Farbenpracht machen aus „Der wilde Roboter“ eine riesige Augenweide. Der wilden Natur gegenüber steht das schlichte, praktische und natürlich durch und durch moderne Design von Roboter Roz, das mit der Zeit immer mehr mit der Natur um sich herum verschmilzt. Komponist Kris Bowers („Geistervilla“) untermalt das Geschehen mit ausladenden, schwelgenden Orchesterklängen, die das Publikum durch diesen Rausch durch die Natur begleiten.

Fazit: „Der wilde Roboter“ präsentiert eine simple, aufs Wesentliche reduzierte Story über die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern in einer grandiosen visuellen wie akustischen Aufmachung. Lediglich der Schlussakt gerät einen Tick zu aufregend dafür, mit welch simplen Mitteln der Film im Vorfeld für Staunen und Begeisterung sorgt.

„Der wilde Roboter“ ist ab dem 3. Oktober 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Ich habe den Film gestern in der Vorpremiere gesehen und bin hellauf begeistert.
    Ich finde die Story gar nicht so simpel.
    Der Film hat bei mir genau die richtigen Knöpfe gedrückt. Und ist für mich der beste Animationsfilm seit Jahren.

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