Archive

Ein Mann versucht, in Abgeschiedenheit eine menschenähnliche Androidin zu kreieren, doch es kommt Unvorhersehbares dazwischen. Ob ARCHIVE sich so in spannende Gefilde begibt – das verraten wir in unserer Kritik.

OT: Archive (UK/HUN/USA 2020)

Der Plot

Es ist das Jahr 2038: In einer abgelegenen Forschungseinrichtung werkelt der wortkarge George Almore (Theo James) heimlich an einem lebensechten, menschenähnlichen Androiden. Oder genauer: An einer Androidin. Sein neuester Prototyp ist fast fertig und hat Ähnlichkeit zu seiner toten Frau Jules (Stacy Martin), was aber das roboterhafte Vorgängermodell J2 eifersüchtig macht. Solchen Stress kann George aktuell gar nicht gebrauchen, denn nicht nur seine Chefin Simone (Rhona Mitra), sondern auch der fiese Vincent Sinclair (Toby Jones) erahnen allmählich, dass George in seiner Station nicht einfach seine Arbeit macht, sondern bestehende Technologien nach eigenem Gutdünken benutzt …

Kritik

Mit „Archive“ absolviert Gavin Rothery sein Langfilm-Regiedebüt. Rothery ist Gaming-Fans für seine Design-Mitarbeit an „Grand Theft Auto III“, „Fable“, „Battalion Wars 1 & 2“ und „Der Herr der Ringe: Die Abenteuer von Aragorn“ bekannt, während er im Filmsektor als Konzeptkünstler an Duncan Jones‘ wunderschönem Sci-Fi-Drama „Moon“ mitwirkte. Ästhetisch darf man vor diesem Hintergrund durchaus gewisse Erwartungen an „Archive“ setzen, und denen wird dieses Sci-Fi-Drama gerecht: Rothery kreiert eine sehr reduzierte Sci-Fi-Welt, die Protagonist George Almore in frostiger Abgeschiedenheit zeigt, zurückgezogen in sein Labor, das sehr minimalistisch eingerichtet ist und die gräulich-klobige Zukunftsvision wieder aufleben lässt, die aus einer Filmära stammt, als ferne (Zukunfts-)Welten noch aus zweckentfremdeten Revell-Modellbausätzen geformt wurden.

Theo James spielt den wortkargen George Almore.

Georges rare Abstecher in die nahegelegene Stadt weckt dagegen Erinnerungen an die verwinkelte, verregnete „Film noir trifft Asia-Futurismus“-Ästhetik aus „Blade Runner“. Doch auch wenn sich Rothery unmissverständlich an Vorbildern abarbeitet, so ist die Visualität von „Archive“ kein tolldreistes Kopieren. Selbst wenn „Archive“ ein komplett eigener, innovativer Dreh auf visueller Ebene fehlt, hat die Bildwelt dieses Films ihren eigenen Charme und glänzt vor allem mit zwei großen Pluspunkten: Da wäre die greifbare Haptik dessen, wie Georges Arbeitsumfeld umgesetzt wird. Seien es die tapsig-klobigen Roboter oder das Effekt-Make-up, das sein neuestes Experiment zum Leben erweckt. Und dann wäre da Rotherys distanzierte, unaufgeregte Inszenierung: Der Regisseur und sein Kameramann Laurie Rose („Friedhof der Kuscheltiere“ von 2019) lassen das Publikum das Geschehen aus mittlerer Ferne miterleben, drücken die Einsamkeit und innere Leere Georges durch große, karge Freiräume aus und erzeugen so eine frostige, nicht aber entrückte Grundatmosphäre, in der „Archive“ für weite Strecken der Erzählung schwelgt.

„Selbst wenn „Archive“ ein komplett eigener, innovativer Dreh auf visueller Ebene fehlt, hat die Bildwelt dieses Films ihren eigenen Charme.“

Dadurch, dass sich Rotherys Inszenierung zunächst nicht völlig von George löst, und die Szenen öfters in Augenblicken der Nachdenklichkeit auf ihm oder seinen Roboterfreundinnen/seiner neuesten Androidin verweilen, wird der erzählerische Schwerpunkt eingangs auf den Aspekt der Empathie gelenkt: Obwohl auf Skriptebene früh klar gemacht wird, dass Georges Experimente im verschneiten Nirgendwo widerrechtlich sind, sind ihm zunächst Sympathiepunkte sicher – ebenso wie seinen Schöpfungen, die im Falle der ersten beiden durch minimalistische, aber prägnante Bewegungen und im Falle von Projekt zwei und drei zudem durch beseelte Stimmperformances an Charakter gewinnen. Diese sich an menschenähnlich denkende, handelnde und aussehende künstliche Intelligenz herantastenden Pionierleistungen Georges werden nicht nur durch nachvollziehbare, aber nicht minder potenzielle Gefahr bedeutende Meinungsverschiedenheiten innerhalb des ungewöhnlichen Quartetts bedroht. Darüber hinaus ist die hinter seiner Einrichtung und deren Gerätschaften stehende Firma George allmählich auf der Schliche – und seine eigene Motivation ist dadurch bedroht, dass eine neuartige Technologie, die ihm Kontakt zu seiner verstorbenen Frau (eindrucksvoll: Stacy Martin) gestattet, bald an ihre Grenzen des Machbaren stößt.

Georges Gegenüber ist nicht menschlich.

Als dann auch noch durch eine Rückblende etabliert wird, wie George und seine geliebte Jules früher jeweils über solche Technologien gedacht haben, bahnt sich an, dass dieser in Budapest und Chicago gedrehte Sci-Fi-Film mit einer anderen Story ein ähnliches Dilemma zu erzählen vermag wie einst das Chris-Pratt-und-Jennifer-Lawrence-Vehikel „Passengers“ – nur wesentlich besser: In „Passengers“ geht es um einen Mann, der nicht allein sein will und daher eine Frau aus dem künstlichen Schlaf weckt, damit sie ihm Gesellschaft leisten kann, selbst wenn es bedeutet, dass er ihr somit sämtliche Lebenspläne versaut. Die Hybris des Mannes, der die Frau als Objekt betrachtet, das sein Gefühlsleben zu stützen hat – ein faszinierendes, aus gesellschaftlicher Sicht leider brennendes Thema, das in früheren „Passengers“-Skriptentwürfen thrilleresk und ernst behandelt wurde. Das fertige Projekt ist dagegen eine Sci-Fi-Rom-Com, die sich der moralischen Implikationen ihrer Story nicht bewusst ist. „Archive“ wiederum ist mit einer nachdenklicheren, sonoren Grundstimmung wie geschaffen dafür, die Widerhaken auszuloten, die es hat, dass Protagonist George nicht nur etwas erforscht, das wie früh etabliert, nicht sein darf, sondern wie nur etwas später ausgeführt, auch gar nicht sein soll. Der Storytelling-Fokus teilt sich im Laufe des Films zudem, weg von George allein, hin zu einem narrativen Zwiespalt zwischen Georges emotionalem Leiden, sein Ziel dringend erreichen zu wollen, und dem, was Georges Handeln für seine Schöpfungen bedeutet, in welche Leiden er sie ignoranterweise stürzt. Das fügt sich formidabel mit der empathisch-nachdenklichen Grundstimmung, auf die „Archive“ von Anfang an setzt.

„Obwohl auf Skriptebene früh klar gemacht wird, dass Georges Experimente im verschneiten Nirgendwo widerrechtlich sind, sind ihm zunächst Sympathiepunkte sicher.“

Theo James‘ zurückhaltendes, für manche Filmfans womöglich auch zu stoisches Spiel, lässt Raum für Projektion und/oder Identifikation, während mit weiterem Filmverlauf die Roboterdame J2 und die Androidin J3 immer emotional deutlicher und nahbarer werden. Statt aber diese Dilemmata konsequent im Blick zu halten und das hinter ihnen liegende Sujet „Der Mann macht, was er für sein Wohlsein für nötig hält, egal, was das für sein weibliches Umfeld bedeutet“ vollauf auszuloten, flacht „Archive“ im letzten Viertel rapide ab. Sämtliche ethischen Zwickmühlen, in der George steckt, jeglicher Diskussionsansatz, den „Archive“ präsentiert, wirft Rothery nach gemächlicher, aber gründlicher Auseinandersetzung für einen tumben Plottwist der Marke „Damit hättest du wohl nicht gerechnet!“ hinfort. Also für ein Ende, das uns nicht etwa über die Bedeutung der Geschichte neu nachdenken lässt, sondern nur den Inhalt neu ordnet – auf Kosten des bis dahin mitschwingenden Anspruchs des Films. Ein guter Twist lässt seinen Film in einem neuen Licht dastehen, regt zum noch intensiveren Betrachten der Erzählung an und macht Lust auf eine erneute Sichtung des Films. Der Ende von „Archive“ hingegen sorgte dagegen zumindest im Falle dieses Kritikers nur dafür, dass er den Film einfach zu den Akten legen und dort verstauben lassen will.

Fazit: Stacy Martin spielt sehr gut, das Design des Films ist schlicht, aber schön und die Grundatmosphäre auf passende Weise eisig – aber ein tumber, forcierter Abschluss reißt alles ein, was „Archive“ zu vor intellektuell aufgebaut hat.

„Archive“ ist ab dem 5. November 2020 als DVD, Blu-ray und digital erhältlich.

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