Betonrausch

Millionenschwerer Betrug und der Rausch des großen Geldes: Regisseur und Autor Cüneyt Kaya lässt im Netflix-Film BETONRAUSCH David Kross, Frederick Lau und Janina Uhse Leute abzocken. Ob das unterhält, verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Es beginnt mit dem Fall eines ebenso großen wie ergaunerten Immobilen-Imperiums: Polizistensohn und Gierschlund Viktor (David Kross) wird am Morgen nach einer rauschenden Feier von der Polizei verhaftet. Jahre später gibt er erstmals einer Journalistin ein Interview darüber, was ihn dorthin geführt hat. Wie schon sein Vater Steuerhinterziehung betrieb. Wie das dank Viktor erst verspätet geahndet wurde. Wie Viktor nach Berlin ging, und sich dort mit Urkundenfälschung bessere Aufstiegschancen erschummelte. Und vor allem, wie er den gutherzigen, aber leicht zu Übeltaten zu verführenden Schmalspurganoven Gerry Falkland (Frederick Lau) kennenlernte. Der wiederum hat Viktor mit der profitgeilen Bankkauffrau Nicole Kleber (Janina Uhse) bekannt gemacht. Zu Dritt erschwindelten sie sich innerhalb kürzester Zeit extremen Reichtum. Doch wo schlagartiger Erfolg ist, dort werden Charakterzüge getestet. Und diese Drei gerieten rasch in einen Strudel aus Intrigen, Korruption, Drogen und schädlicher Anflüge der Arroganz. Wer schaffte rechtzeitig den Absprung und wer oder was hat Viktor in den Knast gebracht?

 

Kritik

Schon mehrfach wurde die neue Regie- und Drehbucharbeit von Cüneyt Kaya („Verpiss dich, Schneewittchen“) als „Deutsches Wolf of Wall Street“ bezeichnet – sei es scherzhaft gemeint oder ernsthaft. Diesen Vergleich sollte man aber nicht zum Anlass nehmen, um einen weiteren Film zu erwarten, der sich inszenatorisch, erzählerisch und tonal derart mit Exzess auseinandersetzt wie Martin Scorseses böse, dramatische Mammut-Komödie. Man sollte nicht einmal einen Film erwarten, der so lustig ist wie „Wolf of Wall Street“, denn auch wenn die emotionalen Tiefen in Scorseses Kassenschlager deutlich harscher und aufwühlender sind als jene in „Betonrausch“, so frönt Cüneyt Kayas Netflix-Film zugleich weitaus weniger in komödiantischem Treiben. Trotzdem hat die Dramödie über Betrug im Immobiliengewerbe den Vergleich zu „Wolf of Wall Street“ durchaus verdient – auf inhaltlicher Ebene: Denn genau so, wie (der reale und der von Leonardo DiCaprio gespielte) Jordan Belfort Gesetzeslücken und nicht durchdachte Klauseln in den Regeln bezüglich des Aktienhandels ausnutzte, steckt „Betonrausch“-Protagonist seine Langfinger in jedes erdenkliche Schlupfloch in der Welt der Immobilienspekulation. Und ähnlich wie bei Jordan Belfort geht es für Viktor allein deshalb so lange gut, weil er zusätzlich zu ein paar raffinierten Ideen, willigen Helfern und fähigen Connections auch noch jede Menge unverschämtes Glück hat.

Erst die Arbeit…

Denn Cüneyt Kaya erzählt in „Betonrausch“ nicht etwa die faszinierende Geschichte eines extrem cleveren Mannes, der das System nutzt, um es verdientermaßen auszutricksen, sondern die satirische, erzürnend-amüsante Geschichte, wie man mit ein bisschen Raffinesse und mächtig Raffgier Millionen erbeuten kann, die einem niemals guten Gewissens zustehen dürften. Und sicherlich werden sich irgendwelche Wirtschaftslibertäre finden lassen, die „Betonrausch“ gucken und sagen: „Na, wenn die Kundschaft sich übers Ohr hauen lassen will, dann ist das so. BEFREIT DEN MARKT!“. Schließlich gibt es auch Idioten, die die sehr deutliche Botschaft von „Wolf of Wall Street“ nicht verstehen. In beiden Fällen ist den Filmschaffenden aber kein Vorwurf zu machen. „Betonrausch“ erhebt nie voller Pathos den moralischen Zeigefinger, sondern zählt auf gesunden Menschenverstand, dass man trotz der anfangs menschelnd-charmanten Performance des nach und nach gieriger und herzloser werdenden David Kross als Viktor erkennt, welche abgezockten Methoden er nutzt und wie besorgniserregend die Kollateralschäden sind, die Kaya am Rande der Kerngeschichte ständig, ohne Nachdruck und dennoch spürbar, skizziert. Generell wirkt die Art und Weise, wie Kaya die Rauschhaftigkeit des amoralisch ergatterten Erfolges von Viktor und Co. mit der Dramatik ihres fortwährenden ethischen und zwischenmenschlichen Verfalls ausbalanciert, sehr mühelos – obwohl „Betonrausch“ nie große, bewusste tonale Brüche aufweist, bleibt der Film in tonaler Bewegung.

Die zwar nicht sehr einprägsamen, dennoch durchaus schmissigen Dialoge dürften dazu viel Beitrag leisten – auch wenn gerade die Dialoge paradoxerweise auch ein großer Schwachpunkt von „Betonrausch“ sein können. Nämlich immer dann, wenn wir die Welt von Betrug, Gier und Überheblichkeit verlassen, um Allerweltsmomente abzubilden. Wenn beispielsweise eine Mutter ihre Tochter ermahnt „Du machst aber deine Hausaufgaben, bevor du den Zeichentrickfilm guckst“, wirkt das eher wie eine Platzhalter-Dialogzeile, die noch mit Lebensechtheit gefüllt werden muss, aber ins fertige Skript gerutscht ist. Solche Passagen kommen mehrmals vor, und selbst der tolle Cast kann sie nicht dauernd aufpolieren. Während Frederick Lau genau für den Rollentypus gecastet wurde, den der „Victoria“-Nebendarsteller so stark beherrscht, und seine Figur in „Betonrausch“ in routiniert-guter Form ausfüllt, nutzt Uhse die Chance, sich hier facettenreich als oberflächlich-vertrauenserweckend, aber sehr wohl ausgebufft zu präsentieren. Diese glänzenden Darbietungen werden zumeist in einer Betongrau-in-Aschfahl-Ästhetik eingefangen, was Kaya sporadisch in Party- und Bordellszenen aufbricht und mit einem kühl-atmosphärischen Score untermalt, der ebenfalls gelegentlich in Lebendigkeit aufbricht. Diese Akzente setzt Kaya sehr souverän. Zwar bleibt er hinsichtlich filmischer Spielereien weit „Die Geldwäscherei“, dem anderen großen Netflix-Betrugsfilm, hinterher – doch sowohl die Figuren als auch die thematischen Elemente lotet Kaya besser aus als sein namhafterer Kollege Steven Soderbergh.

… dann das Vergnügen!

Fazit: „Betonrausch“ könnte zwar noch bissiger, noch geschliffener und noch aufklärerischer sein – doch das, was Cüneyt Kaya liefert, kann sich trotzdem schon mehr als nur sehen lassen: Angetrieben von einem guten Cast und spürbarer Erschütterung über Immobilien-Betrugsmaschen ist dieser deutsche Netflix-Film trotz mancher Schönheitsfehler empfehlenswertes Streaming-Kino.

„Betonrausch“ ist ab sofort bei Netflix streambar.

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