Verpiss dich, Schneewittchen!

Der Mannheimer Comedian Bülent Ceylan erhält mit VERPISS DICH, SCHNEEWITTCHEN! seine erste Kinokomödie – und macht, im Gegensatz zum Film selbst, eine ordentliche Figur. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

In seinen Träumen ist Sammy (Bülent Ceylan) ein Rockstar. Doch in der Realität jobbt und schrubbt er im Hamam seines Bruders Momo (Kida Khodr Ramadan). Plötzlich gibt ihm ein Musiklabel die Chance, bei einer Castingshow berühmt zu werden. Unter einer Bedingung: Der Solomusiker muss eine Band gründen. So wird aus Sammy, seiner Schwester Jessi (Josefine Preuß), dem alten Aushilfsmasseur Wolle (Paul Faßnacht) und dem dicken Mahmut (Özgür Karadeniz) kurzerhand die Gruppe „Hamam Hardrock“. Das Publikum feiert die originellen Newcomer, doch Labelchefin Thomaschewsky (Sabrina Setlur) will den Siegeszug der Multikulti-Rocker mit allen Mitteln verhindern.

Kritik

Die Zeit, in der so gut wie jeder erfolgreiche Comedian einen eigenen Kinofilm erhielt, ist zwar vorbei, doch ganz vereinzelt erreichen sie die deutschen Lichtspielhäuser immer noch. So zum Beispiel Ende 2016, als die unsägliche Kalauerparade „Schubert in Love“ Stand-Up-Komiker Olaf Schubert auf die große Leinwand brachte, oder eben auch jetzt, mit Bülent Ceylans „Verpiss dich, Schneewittchen!“. Ceylan steuerte Ideen zum Drehbuch bei und nahm für die Verkörperung der Hauptfigur Sammy extra Unterricht bei einem Schauspielcoach. Letzteres hat sich ausgezahlt: Wir haben hauptberufliche Comedians schon deutlich ungelenker schauspielern sehen. Beim Skript sowie der Inszenierung ist im Falle von „Verpiss dich, Schneewittchen!“ allerdings ein interessantes Phänomen zu beobachten: Alle Beteiligten schienen hier überraschend ambitioniert für einen Film solcher Couleur, was für das Endergebnis gleichermaßen Fluch wie Segen ist. „Verpiss dich, Schneewittchen!“ ist anders als etwa Kaya Yanars „Agent Ranjid rettet die Welt“, Mario Barths „Männersache“ oder besagter Olaf-Schubert-Film keine lahme Aneinanderreihung mehr oder weniger bekannter Gags der bekannten Bühnen(-Kunst-)Figuren, sondern ein richtiger Spielfilm, in dem eben ein Comedian die Hauptrolle spielt. Der Segen daran: Die Macher schaffen es so, sich von ihren schlechten Vorbildern abzugrenzen. Der Fluch: Sieht man „Verpiss dich, Schneewittchen!“ als klassische Kinokomödie an, ist diese leider immer noch weit weg vom Prädikat „gelungen“ – dafür geht sie einem nicht auf die Nerven, und hat den Filmen von Yanar, Barth und Co. viel voraus.

Sammy (Bülent Ceylan) versucht, vor der arroganten Labelchefin Thomaschewsky (Sabrina Setlur) zu überzeugen.

Bülent Ceylan betonte im Vorfeld immer wieder, er wolle mit „Verpiss dich, Schneewittchen!“ einen Film vorlegen, der eben nicht bloß zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken anregt. Einen solchen zu inszenieren, ist Regisseur Cüneyt Kaya („Ummah – Unter Freunden“) auch gelungen, denn in „Verpiss dich, Schneewittchen!“ spielt neben der Frage, ob Sammy erfolgreich aus dem Casting einer Talentshow hervorgehen wird, vor allem das Thema Rassismus und Ausgrenzung eine Rolle. Das ist natürlich erst einmal gut; Niemand, der mit seinem Film aussagt, dass Nazis dumme Vollidioten sind, hat damit Unrecht. Gleichzeitig gelingt es dem vierköpfigen Autorenteam rund um Kaya nur bedingt, die ernste Botschaft mit dem überhöht-albernen Klamauk des restlichen Films zu kombinieren. Dadurch rückt das ernste Anliegen der Macher so stark in den Hintergrund, dass sich per se richtig smart geschriebene Szenen wie jene, in der Bandmitglied Wolle einen Naziclub ausschließlich mit gezielter Rhetorik zerstört, zu Fremdkörpern in einem sich ansonsten eher auf oberflächliche Unterhaltung konzentrierenden Film anfühlen. Einen Vorteil hat das jedoch: So wenig die verschiedenen Fragmente des Films auch zusammenpassen, so konsequent verzichtet Kaya auf völlig verquere Ideen. Selbst das sich jedweder Logik entziehende Castingverfahren der fiktiven Show „Star Battle“ ist für eine Kinokomödie wie „Verpiss dich, Schneewittchen!“ immer noch erträglich, wenn man die Ereignisse auf der Leinwand einfach als „gegeben“ hinnimmt.

Das Argument der fehlenden Logik zieht sich letztlich so konsequent durch den Film, dass man ihn als Negativaspekt gar nicht nennen kann; in „Verpiss dich, Schneewittchen!“ wurde zusammengewürfelt, was am Ende den möglichst besten Gag liefert. Die bis zuletzt unkommentiert bleibende Zusammenstellung der Familie (Josefine Preuß lebt mit Bülent Ceylan und Kida Khodr Ramadan unter einem Dach), die mit Hauptfigur Sammy sprechende Schildkröte und eine offensichtlich rechtsgesinnte Band unter Sammys Konkurrenten, die vom Publikum mal eben 96 Prozent (!!) der Votingergebnisse erhält, sind nur drei Beispiele für filmische Details, die man jedem anderen Drehbuchautor in anderem Kontext um die Ohren hauen würde. In „Verpiss dich, Schneewittchen!“ sind sie lediglich Teile eines ohnehin voller absurder Ideen steckenden Potpourris an Skurrilitäten, die mal mehr, mal weniger funktionieren. Denn eines ist letztlich nicht von der Hand zu weisen: An „Verpiss dich, Schneewittchen!“ ist trotz allem Bemühen der Macher überraschend wenig Lustiges auszumachen. Während sich Ceylan ganz auf seine Performance als Schauspieler konzentriert und zur Überraschung der Fans so gut wie keine bekannten Gags vom Stapel lässt, sind es in erster Linie die vielen Gastauftritte bekannter Komiker, die sich im Film der schwierigen Aufgabe annehmen, immerhin ein paar der angedachten Pointen zum Zünden zu bringen.

Starkes Team: Sammy, seine Schwester Jessi (Josefine Preuß) und der dicke Mahmut (Özgür Karadeniz).

Am besten gelingt das dem zuletzt in „Männertag“ als Schauspieler tätigen Chris Tall in einer Nebenrolle als viel zu jungem Oberboss. Der gebürtige Hamburger hat seit der unterschätzten Teeniekomödie „Abschussfahrt“ sichtbar dazu gelernt und agiert fortan nicht mehr im Monolog-Modus, sondern agiert gefestigt mit seinem Ensemble. Die Rolle des Plattenchefs, der nur darauf wartet, sich endlich von der ähnlich solide agierenden Sabrina Setlur zu trennen, verkörpert Tall sichtbar genießend und dürfte dafür die lautesten Lacher ernten. Andere Kurzauftritte von Olaf Schubert oder Tom Gerhardt in seiner Paraderolle als Hausmeisterkrause setzen mal mehr, mal wenige markante Highlights, während Josefine Preuß („Vorwärts immer!“) als gleichermaßen sympathische wie herrlich überdrehte Jessi mal eben sämtliche Szenen an sich reißt. Nilam Farooq („Heilstätten“) und Kida Khodr Ramadan („Nur Gott kann mich richten“) sind in weiteren kleinen Rollen zu sehen und Paul Faßnacht („Zwischen den Jahren“) legt seine Figur des grantigen Wolle bei aller Ernsthaftigkeit so sympathisch an, dass der konsequente Wandel vom fremdenfeindlichen Eigenbrötler zum weltoffenen Bandmitglied glaubhaft gerät. Dem Cast ist also kaum ein Vorwurf dafür zu machen, dass in „Verpiss dich, Schneewittchen!“ am Ende so wenig funktioniert. Man hat sich wohl einfach nicht getraut, sich beim ersten Film mit Bülent Ceylan direkt völlig vom Segment der Blödelcomedy loszusagen.

Fazit: „Verpiss dich, Schneewittchen!“ ist nicht die Vollkatastrophe, die sich anhand der Trailer erahnen ließ. Sie liegt in ihrem Anspruch, eine richtige Geschichte zu erzählen, sogar weit über diversen Filmen von Bülent Ceylans Comedykollegen. Doch als solcher ist die mit Nazikritik angereicherte Castingodysse leider weder Fisch noch Fleisch – nicht wirklich lustig und erst recht nicht ernsthaft dramatisch.

„Verpiss dich, Schneewittchen!“ ist ab dem 29. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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