Little Women

Nach ihrem semi-autobiografischen Regiedebüt „Lady Bird“ nähert sich Greta Gerwig der Kunst der Literaturverfilmung. Ob ihre Adaption des oft verfilmten Romans LITTLE WOMEN überzeugt, verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Vier junge Schwestern im Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts versuchen ihr Leben selbstbestimmt und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, was bedeutet, das einige von ihnen große gesellschaftliche Hindernisse überwinden müssen: Diese Verfilmung eines US-amerikanischen Literaturklassikers folgt den unterschiedlichen Lebenswegen der sich allen Differenzen zum Trotz innig liebenden March-Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) zu einer Zeit, in der die Möglichkeiten für Frauen begrenzt waren.

Kritik

Im deutschsprachigen Raum ist Louisa May Alcotts autobiografisch angehauchter Roman „Little Women“ eher wenig bekannt und wird in der hiesigen Wikipedia gar kopflos in die Sparte „Mädchenliteratur“ gezwängt, in die dort sonst vornehmlich betont seichte Werke wie „Die drei !!!“ und „Magic Girls“ einsortiert werden. Im englischsprachigen Raum dagegen ist „Little Women“ Teil des (noch immer von Männern dominierten) literarischen Kanons und ein Generationen überdauernder, beliebter und einflussreicher Klassiker, der als Paradebeispiel für amerikanische Bildungsromane gefeiert wird. Diese Popularität dürfte auch Grund dafür sein, dass „Little Women“ bereits mehrmals verfilmt wurde, darunter 1918 als Stummfilm, 1933 als Tonfilm mit Katharine Hepburn und 1994 mit Winona Ryder und Kirsten Dunst. Doch obwohl „Little Women“ ein Klassiker der US-Literaturgeschichte ist, wird die Entstehungsgeschichte dieser Erzählung über ein Schwesternquartett stellenweise unter den Teppich gekehrt: Der 1869 veröffentlichte Verkaufsschlager (der Verlag Roberts Brothers kam mit dem Druck gar nicht hinterher, so groß war die Nachfrage) war nämlich ein Kompromiss zwischen Alcott und ihrem Verlag, der den ursprünglichen Entwurf der feministischen Autorin als unsittlich empfand, eine ihrer Hauptfiguren weder zu verheirateten, noch für ihren Unwillen, sich zu binden und Kinder zu kriegen, „moralisch“ zu bestrafen und ableben zu lassen.

Amy (Florence Pugh) ist sich ihrer Gefühle unschlüssig.

Kurioserweise (oder doch eher bezeichnenderweise?) hat der Verleger ein anderes „Problem“ des Romans nicht erkannt: Alcott entwirft in „Little Women“ einen verworrenen Beziehungsteppich zwischen den vier March-Schwestern, dem betörend hübschen Reichensöhnchen Laurie Laurence und etwaigen weiteren Herzensbuben. Und dadurch, dass Alcott die Höhen, Tiefen, Streitigkeiten, Versöhnungen und Verschiebungen von Herzensangelegenheiten zwar lebensnah, aber strukturell eigenwillig abwickelt, provozierte sie Jahrhunderte an hitzigen Debatten zwischen Leserinnen (und Lesern), die „Little Women“ mit dem Hauptaugenmerk auf den romantischen Verwicklungen verschlungen haben: Ist es löblich aus dem Leben gerissen und auf Papier gebracht, dass diese Beziehungen so ablaufen, wie sie ablaufen? Oder soll sich Alcott gefälligst was für ihre Twists schämen, diese und jene Person zusammenzubringen, statt die da und die dort? Während sich bisherige „Little Women“-Adaptionen wenig bis gar nicht darum geschert haben, den innigen bis hitzigen „Shipper Talk“ zu berücksichtigen, den der Bildungsroman verursacht hat, schmeißt sich Gerwig in ihrer Verfilmung mit Passion für Problemlösung, doch auch mit herzlicher Verehrung für die Vorlage, in diese Thematik: Die „Lady Bird“-Filmerin arrangiert „Little Women“ in der von ihr verfassten Adaption um, und das gleichermaßen mit Herzblut wie mit intellektuellem Blick für narrative Parallelen und für dramaturgische Ellipsen. Das ist sogleich auf mehreren Ebenen reizvoll:

Da wäre der banale Aspekt, dass Gerwigs neu strukturierte Fassung von „Little Women“ einen frischen Wind gestattet: Nachdem Alcotts Literaturklassiker schon mehrmals verfilmt wurde, ist es für Kenner der anderen Versionen aufregend, eine neue, unverbrauchte Aufreihung der Geschichte zu erleben. Dann wäre da der romantische Aspekt: Gerwig beweist in ihrer „Little Women“-Interpretation eine fabelhafte Intuition dafür, wie sich das Publikum beim Geschichtenerzählen lenken lässt, so dass es die Liebeleien befürwortet, die auch schlussendlich als glücklicher Ausgang der Geschichte empfunden werden sollen. Und dann wäre da schlussendlich der wichtigste Aspekt: Dadurch, dass Gerwig „Little Women“ unchronologisch erzählt, gibt sie diesem Kostümdrama über das Leben an der Heimatfront, während in weiter Ferne der Sezessionskrieg gekämpft und später seine Folgen verdaut werden, eine moderne Dynamik – obwohl sie nicht im Leisesten mit der Vorlage bricht. Gerwigs „Little Women“ ist keine klassische Bildungsgeschichte mehr, die stringent nachzeichnet, wie drei dickköpfige und künstlerisch begabte Schwestern (eine schreibt, eine malt, eine beherrscht das Klavier) und die ein klassisches Familienbild auslebende, vierte Schwester im Bunde im Laufe der Jahre 1861 bis 1868 in ihre gesellschaftliche Rolle hineinwachsen.

Auch Meryl Streep spielt in „Little Women“ eine kleine Rolle.

Stattdessen arrangiert Gerwig die Vorlage so, dass sie durch Dopplungen, Gegenüberstellungen und Verschränkungen verschiedenster Szenen aus diesem Handlungsbogen emotionale Momentaufnahmen betont. Das braucht etwas Anlauf: Nach dem gewitzt geschriebenen Einstieg mit Saoirse Ronans belesener Jo, die in New York versucht, ihre Leidenschaft als Geschichtenerzählerin auszuleben, verbringt Gerwig weite Teile des ersten Aktes damit, Weichen zu stellen. Die Geschichte springt scheinbar kopflos vor und zurück, und so manche Szene scheint einen Takt länger zu gehen, als nötig wäre, um ihre Emotion oder ihre Aussage über den Stand der Frau im 19. Jahrhundert griffig zu vermitteln. Aber sobald die Geschichte in der erzählerischen Vergangenheit und Gegenwart ins Rollen gekommen ist, offenbart sich die Brillanz von Gerwigs Plan: Wir dürfen in einer stillen Beobachtungsposition daran teilhaben, wer die vier March-Schwestern waren, wer sie sind und wozu sie werden, was mehrmals trockenen Witz mit sich bringt (etwa, wenn Florence Pughs quirlige, impulsive Amy über Vergeltung schimpft, obwohl sie wenige Filmminuten vorher/mehrere erzählte Jahre zuvor die Nachtragendste aller Figuren war). Nach und nach lädt diese Parallelerzählung zudem emotionale Gewalt auf, die zu einem wuchtigen Gänsehautmoment führt, wenn sich ein Ereignis wiederholt, nicht aber sein Ausgang. Gerwig filmt diese einschneidende Situation auch nahezu gleich, mit sich wiederholenden Kameraeinstellungen und Schwenks – nur Gefühl- und Farbtemperatur ändern sich drastisch.

Die Neustrukturierung der Vorlage stärkt aber nicht nur die situative Emotionalität des Stoffes, sondern rückt zudem Ronans Figur stärker ins Zentrum, was Gerwig für metafiktionale Kommentare über die Position der Frau nutzt und die Bedeutung der Erzählkunst für den Prozess der Emanzipation. Da Ronan Jo March hervorragend spielt, mit einer sympathischen Balance zwischen verkopfter Zurückhaltung und umgänglicher Freundlichkeit, ist das eine willkommene Entscheidung. Und dennoch schafft es Florence Pugh („Midsommar“), Ronan mehrmals das Rampenlicht zu stehlen, da sie die launenhafte, aber gewinnend-muntere Amy mit einer unvergleichlichen Strahlkraft zum Leben erweckt. Da fallen Emma Watson als angepasste Meg March und Eliza Scanlen als stille Beth March fast schon vom Tisch, während Timothée Chalamet seinen freundlichen, gewitzten Gentleman-Buben noch immer erfolgreich ins Rampenlicht lächelt, sobald es die Erzählung verlangt – und auch seine plötzliche Wende ins Dramatische meistert der „Beautiful Boy“-Mime. Formidabel ausgestattet und von Kameramann Yorick Le Saux („Only Lovers Left Alive“) in sanftes Licht getaucht, das die ruhigen, stimmungsvollen Bildkompisitionen für sich sprechen lässt, ist „Little Women“ aller moderner Umstrukturierung des Stoffes zum Trotz ein im besten Sinne altmodisches Kostümdrama, das mit detaillierter Handwerkskunst punktet. Und Komponist Alexandre Desplat untermalt das Geschehen mit zarten, variantenreichen Melodien, die die Gefühlslage des Gezeigten verstärkt, ohne sich in den Fokus zu drängen.

Ob Jo (Saoirse Ronan) und Laurie (Timothée Chalamet) das nächste Traumpaar sind?

Fazit: „Little Women“ ist eine toll gespielte, smarte sowie gefühlvolle Literaturadaption, die ihre Vorlage voller Bedacht umarrangiert.

„Little Women“ ist ab dem 30. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Bernd Anselm Zurch

    Ich würde ja nicht sagen, daß der Roman ist hierzulande „eher wenig bekannt“ Ist. Vielleicht ist es nur eine Generationssache und er geriet zuletzt etwas in Vergessenheit? Mir jedenfalls ist er seit meiner Jugend wohlbekannt Ebenso wieder alte Film mit Katharine Hepburn. Aber wie erfreulich, daß der neue Film nun offenbar tatsächlich so schön geworden ist, wie man es aus den USA hören durfte. Das verhilft sicher der Buchvorlage wieder zu etwas mehr Popularität. Florence Pugh und Saoirse Ronan zählen zu meinen bevorzugten jungen Schauspielerinnen der Gegenwart und auch Frau Gerwig’s „Lady Bird“ war schon vorzüglich. Die Tickets für eine Vorführung im Cinema am Rossmarkt habe ich eben gebucht.

    Danke und herzliche Grüße

    Bernd Anselm Zurch aus Frankfurt a. M.

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