Monsieur Claude 2

„Monsieur Claude und seine Töchter“ hat in seinem Heimatland Frankreich Kultstatus erreicht. Auch hierzulande lockte der Film über vier Millionen Besucher in die Kinos, weshalb eine Fortsetzung des Stoffes nicht wirklich verwundert. Bemerkenswert ist lediglich, wie offensichtlich die Macher in MONSIEUR CLAUDE 2 den zuvor noch halbwegs versteckten Rassismus nun ganz selbstbewusst an die Oberfläche kehren. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Was mussten Monsieur Claude Verneuil und seine Frau Marie nicht alles über sich ergehen lassen?! Beschneidungsrituale, Hühnchen halal, koscheres Dim Sum und nicht zuletzt die Koffis von der Elfenbeinküste. Doch seit den vier maximal multikulturellen Hochzeiten ihrer Töchter sind die beiden im Integrieren unübertroffen. Und so freuen sich Claude und Marie auf ihr Großeltern-Dasein in heimatlicher Gemütlichkeit. Abermals haben sie die Rechnung ohne ihre Töchter gemacht. Als die ihnen erklären, dass mit diesen Ehemännern im konservativen Frankreich auf keinen grünen Zweig zu kommen ist und sie deshalb mit Kind und Kegel im Ausland ihr Glück suchen werden, sind die Gesichter der Großbürger plötzlich sehr lang. Die ganze schöne Toleranz war für die Katz? Die so hart erarbeitete Anpassungsfähigkeit – perdü? Bei Claude Verneuil droht ein weiterer unversöhnlicher Familien-Infarkt. Er und Marie setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um ihre Schwiegersöhne zum Bleiben zu bewegen. Und werden plötzlich zu schlitzohrigen Patrioten in völkerfreundschaftlicher Mission.

Kritik

Der 2014er-Komödienhit „Monsieur Claude und seine Töchter“ lässt sich guten Gewissens als Phänomen bezeichnen. Nicht nur, weil die alles andere als politisch korrekte Integrationskomödie aus dem Stehgreif (nämlich ohne Franchise-Zugehörigkeit, bekannte Vorlage oder so etwas wie Starpower) knapp vier Millionen Zuschauer in die deutschen Kinos locken konnte – und damit mehr als im damaligen Jahr Kassenmagneten wie Matthias Schweighöfer („Vaterfreuden“) oder Leonardo DiCaprio („The Wolf of Wall Street“). Sondern auch, weil er die fragwürdige „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“-Mentalität der ewig Gestrigen wieder salonfähig gemacht hat. Oder einfach sehr gut veranschaulicht hat, weshalb sogenannte „besorgte Bürger“ mehr Gehör finden, als es ab einer gewissen Grenze erlaubt sein sollte. Mit viel gutem Willen geht Philippe de Chauverons Film aber auch noch als Gratwanderung durch: Mit einigen Gags unterwandert der Film die Ansichten des rückständig-patriotischen Monsieur Claude auch. Trotzdem animiert der erste Teil der Filmreihe vielerorts zur falschen Art von Amüsement; zum Echauffieren über „die Anderen“ und zum Respekt für Monsieur Claude, der endlich mal all die vermeintlichen Wahrheiten ausspricht, die man ja sonst nicht mehr laut von sich geben darf. Noch weitaus schlimmer gemacht hat es Philippe de Chauveron mit seinem Folgewerk „Hereinspaziert!“, zu dem ihm glühende Marine-Le-Pen-Anhänger beglückwünscht haben dürften. Dass „Monsieur Claude 2“ nun tatsächlich näher am hundsmiserablen „Hereinspaziert!“ ist, als am gerade noch akzeptablen „Monsieur Claude und seine Töchter“ lässt tief blicken.

Die lieben Schwiegersöhne: Charles (Noom Diawara), David (Ary Abittan), Rachid (Medi Sadoun) und Chao (Frédéric Chau).

An der Prämisse von „Monsieur Claude und seine Töchter“ ist ja per se erstmal nichts Verwerfliches zu erkennen. Und leider ist es im Anbetracht aktueller weltpolitischer Trends auch leider ziemlich realistisch, dass sich ein Mann im Rentenalter, der zuvor noch nie Kontakt zu fremden Kulturen hatte, im Anbetracht ausländischer Schwiegersöhne erst einmal in rassistische Gedanken flüchtet. Immerhin: Es gehörte zum Happy End des Erstlings, dass sich der titelgebende Monsieur Claude tatsächlich halbwegs mit den vielen verschiedenen, allesamt nicht-christlich-französischen Ehemännern seiner Töchter arrangierte (oder es zumindest vorgab). Wie ernst es ihm mit dieser Angelegenheit ist, zeigt die Fortsetzung „Monsieur Claude 2“ direkt am Anfang. Gemeinsam mit seiner Ehefrau macht der vierfache Vater nämlich Urlaub in den Herkunftsländern all seiner Schwiegersöhne; eigentlich ein Akt der Aufopferungsbereitschaft und Zeichen, mit fremden Kulturen in Kontakt treten zu wollen. Dass es die Drehbuchautoren Philippe de Chauveron und Guy Laurent (schrieben nicht nur den Vorgänger zusammen, sondern eben auch „Hereinspaziert!“) mit dieser Ausgangslage jedoch gar nicht darauf abgesehen haben, so etwas wie einen fortschreitenden Charakterwandel Monsieur Claudes anzudeuten, wird schon wenig später anhand mehrerer Punkte deutlich: Zum Einen lassen sie ihre beiden Hauptfiguren lediglich die Standardtouristenziele der einzelnen Städte und Länder abgreifen, zum Anderen ist all das nur die Grundlage für Monsieur Claudes ersten großen Rundumschlag – und hier wird’s dann für all diejenigen, die sich schon im ersten Teil am unterschwelligen Rassismus störten, so richtig unangenehm.

Wir wollen an dieser Stelle nicht päpstlicher sein als der Papst und gerade wenn vor allem derbere Gags gut und pointiert geschrieben sind, lässt sich mit politischer Korrektheit schön kokettieren. Das Skript zu „Monsieur Claude 2“ hingegen ist in erster Linie eines: plump. So oft, so laut und so derb (und eben alles andere als gewitzt) sich Monsieur Claude hier über die Eigenheiten verschiedener Länder und deren Bewohner echauffiert (sei es nun über besonders gründliche Flughafenkontrollen oder Essgewohnheiten), kommen seine drum herumsitzenden Töchter und Schwiegersöhne gar nicht hinterher, ihn auch nur einmal halbwegs amüsant zu entwaffnen. Immer wieder lässt Monsieur Claude regelrechte Sperrfeuer an Vorurteilen los und hält mit seiner wenig aufgeschlossenen Meinung nicht hinterm Berg. Das wundert gerade im Anbetracht dessen, dass seine Figur im ersten Teil ja eigentlich schon einen gewissen Sinneswandel durchlebt haben soll. So aber zieht der Film seinen vermeintlichen Witz aus solch hanebüchenen Szenen wie dieser, dass Monsieur Claude einem Flüchtling (natürlich muss das Thema Flüchtling hier irgendwo im Rahmen einer irrelevanten Nebenstory auch noch kurz Erwähnung finden) mit einer Schaufel vor den Schädel haut, weil er ihn für einen Terroristen hält, oder dass sich der bereits aus Teil eins bekannte André Koffi (Pascal N’Zonzi), Vater eines von Schwiegersohn Charles, plötzlich damit konfrontiert sieht, dass seine Tochter eine Frau heiraten möchte – für diesen „Monsieur Claude in schwarz“ natürlich eine Katastrophe sondergleichen.

Klarer Auftrag für Marie (Chantal Lauby) und Claude Verneuil (Christian Clavier): Bei feinsten kulinarischen Genüssen lassen sich Frankreichs Vorzüge

Ohnehin legen die Autoren in „Monsieur Claude 2“ alles auf die größtmögliche Katastrophe aus. Im ersten Teil erstreckte sich das nur auf die Herkunft von Monsieur Claudes Schwiegersöhnen. In Teil zwei macht nun einfach jeder, was er will – und das soll offenbar das Problem sein. Natürlich ist das auch ein Stück weit das Konzept. „Murphy’s Law – Der Film“ quasi. Doch damit diese Idee aufgeht, verlangen die Macher vom Zuschauer, dass sie sich voll und ganz auf die Sichtweise ihres Protagonisten einlassen. Und vergessen dabei, sich selbst von ihr zu distanzieren. Am Ende wird das Erreichen der Minimalanforderung für Toleranz (André akzeptiert schmollend, dass seine Tochter eine Frau ehelicht) zum absoluten Happy End hochstilisiert. Die Auseinandersetzung mit der Idiotie dieses Themas fehlt „Monsieur Claude 2“ damit genauso wie halbwegs glaubhafte Dialoge. Es gibt kaum einen Satz, in dem sich die solide von ihren Darstellern verkörperten Figuren nicht über die Eigenheiten ihrer Mitmenschen, mit Verweis auf deren Herkunft, oder verschiedene Länder austauschen. Alles, was in „Monsieur Claude 2“ passiert, hat im näheren oder weiteren Sinne immer etwas mit Herkunft zu tun. Das ist ermüdend und ärgerlich zugleich, denn wie schon im Falle von „Hereinspaziert!“ bekräftigten die Macher mit ihrem Film Vorurteile viel eher, als sie aus dem Weg zu schaffen. Gerade in der heutigen Zeit ist das verdammt gefährlich.

Fazit: Beim ersten Teil konnte man noch darüber streiten, ob die Macher nicht einfach nur zu unbeholfen darin waren, die offen ausgelebten Vorurteile und Klischees auch angemessen zu entkräften. Im zweiten Teil versuchen sie es gar nicht erst – witzig ist das natürlich erst recht nicht mehr.

„Monsieur Claude 2“ ist ab dem 4. April bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Ich halte nicht viel von politischer Korrektheit. Das ist für mich kein Kritikpunkt. Ich denke, ich werde Spaß mit dem Film haben.

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