Schloss aus Glas

In den USA wird SCHLOSS AUS GLAS bereits als Oscaranwärter gehandelt. Das liegt im Anbetracht des Staraufgebot sowie der behandelten Thematik nah und der Filmemacher verschleiert seine Ambitionen auch nicht. Weshalb das anstrengend ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Für Jeannette (Brie Larson) ist das Leben ein großes Abenteuer. Ihr Vater Rex (Woody Harrelson) holt ihr die Sterne vom Himmel und verjagt die Dämonen, die sie nachts im Traum verfolgen. Was macht es da schon, mit leerem Magen ins Bett zu gehen, eine eigensinnige Künstlermutter (Naomi Watts) ertragen zu müssen oder in Nacht-und-Nebel-Aktionen den Wohnort zu wechseln. Sie ist ein glückliches Kind. Doch mit der Zeit können auch die hoffnungsvollen Geschichten des alkoholkranken Vaters nicht mehr von der bitteren Armut ablenken, in der Jeannette und ihre Familie leben, und das Lügengebäude der Eltern erweist sich als ebenso zerbrechlich wie das Schloss aus Glas, das Rex seiner Tochter jahrelang verspricht zu bauen…

Kritik

Die US-Amerikaner lieben wahre Geschichten. Ein Gros verfilmter Schicksale dominiert jährlich die Nominiertenlisten bei den großen Filmpreisen und „Schloss aus Glas“ reiht sich hier seit den ersten Vorführungen in Übersee mit ein. Darin geht es um die Familie Walls, deren Tochter Jeannette vor Jahren einen autobiografischen Roman über das Leben mit ihren Eltern und den gemeinsamen Geschwistern geschrieben hat. Erst einmal nichts Besonderes, bis auf den Fakt, dass es sich beim Walls-Clan um eine freigeistige, umherziehende und die meiste Zeit über mittellose Sippschaft handelt, der das Glück der Kinder mehr am Herzen liegt, als solche Dinge wie eine konventionelle Bildung oder ein fester Wohnsitz. Wallis schildert ihre Kindheit als Paradies auf Erden und so wundert es auch nicht, dass aus sämtlichen Walls-Sprösslingen etwas geworden ist. Trotzdem gab es im Leben der Kinder einen entscheidenden Perspektivwechsel, der vom Buch-, respektive Filmtitel direkt aufgegriffen wird: Das Schloss aus Glas existiert nämlich nicht wirklich. Stattdessen steht es stellvertretend für die vielen Versprechungen von Familienoberhaupt Rex Wallis an seine Kinder, der zeitgleich versuchte, die schützende Hand über seine Familie zu halten und doch immer wieder von seinen eigenen Dämonen übermannt wurde. Das diese Ereignisse schildernde Buch ist, genauso wie der Film, keine Abrechnung, sondern ein resümierender Rückblick. Und leider wird man das Gefühl nicht los, dass Jeanette Wallis hier sehr oft ganz schön verklärend zu Werke getreten ist – ein Wunder ist das nicht. Schließlich schreibt sie hier immerhin über ihre eigene Familie.

Rex Walls (Woody Harrelson) mit Frau (Naomi Watts) und Kindern.

Der Roman von Jeannette Walls dominierte in den Vereinigten Staaten monatelang die Bestsellerlisten. Ein großes Wunder ist das nicht, denn schon das Buch bestach weniger aufgrund seiner literarischen Qualität als vielmehr durch das, was die Autorin darin schilderte. Der Weg vom glücklichen kleinen Mädchen, hin zur reifen und moralisch ständig hin- und hergerissenen Frau ist zweifellos spannend und interessant, steckt aber auch voller universeller Botschaften. Um die Kontraste der verschiedenen Empfindungen aus Kindertagen und nun rückblickend aus Sicht einer Erwachsenen noch stärker herauszuarbeiten, greift das Drehbuchautorenduo aus Andrew Lanham („Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“) und Regisseur Destin Daniel Cretton („Short Term 12“) auf eine zwischen zwei verschiedenen Lebensphasen hin- und herspringenden Erzählweise zurück. Die Klammer bildet ein Blick auf die Jeannette Walls von heute (also im Alter von etwa Anfang 30), die als erfolgreiche Geschäftsfrau und Verlobte eines gutaussehenden jungen Mannes ihr privates und berufliches Glück gefunden hat. In regelmäßigen und ausgiebigen Rückblenden erfahren wir indes von den prägendsten Momenten aus Jeannettes Kindheit und Teenagerzeit, bis die junge Frau – soviel kann an dieser Stelle verraten werden – schließlich im Hier und Heute auf ihre Eltern trifft. Damit stellt Cretton nicht bloß immer wieder Bezüge zwischen Gegenwart und Vergangenheit her, er macht aus seiner Geschichte eine Art Puzzlespiel, bei dem sich ganz langsam die Teile an ihre vorgesehene Stelle fügen. So etwas wie Leerlauf oder Langeweile kann so gar nicht aufkommen; nicht zuletzt, weil das Leben der Walls-Familie offenbar voll von Katastrophen war.

„Schloss aus Glas“ ist so etwas wie eine Vorzeige-Familientragödie: Im Laufe der kurzweilig inszenierten 127 Minuten grasen die Macher einmal das gesamte Potpourri von Schicksalsschlägen ab. Egal ob Alkoholismus, Kindesmissbrauch oder Armut – die Familie Wallis hat im Laufe ihres Lebens äußerst viel mitgemacht; So viel, dass der Regisseur ein Gros der abgehandelten Themen lediglich anreißen kann. Als besonders schlimm stellt sich das nicht heraus, denn irgendwann richtet sich der Fokus des Skripts ganz auf das gespaltene Verhältnis zwischen den Kindern und ihren Eltern (wobei hier noch einmal zusätzlich vor allem der Vater Rex im Mittelpunkt steht). Dabei schafft Cretton auf der einen Seite harte und doch wahrhaftig-authentische Momente, etwa wenn Rex Wallis seine Nichtschwimmer-Tochter Jeannette so lange immer und immer wieder ins Wasser schmeißt, bis diese entkräftet und schockiert den Pool verlässt. Auf der anderen Seite bemüht der Filmemacher den Vorschlaghammer: Einer Szene, in der Rex seine Jeannette auf einen bevorstehenden Alkoholentzug vorbereitet, hängt Cretton schließlich auch noch genau diesen Entzug hintenan und verlässt sich nicht einfach auf die subtile Tragik, die bereits dem Dialog innewohnt. So ergeht es „Schloss aus Glas“ wie vielen Filmen, denen sich am Ende eine gewisse Form des Oscar-Baitings vorwerfen lässt: Um das größtmögliche Drama aus ihrer Geschichte herauszuholen, zeigen die Verantwortlichen viel mehr, als eigentlich nötig, was im Finale sogar darin gipfelt, dass auch die echte Familie Walls noch einmal gezeigt wird – als Beweis, dass diese emotionale Achterbahnfahrt auch tatsächlich von dieser Familie durchlebt wurde.

v.l.n.r: Die Geschwister Jeannette Walls (Brie Larson) Brian Walls (Josh Caras) und Lori Walls (Sarah Snook)

Dass das Schicksal der Walls-Familie bei aller Plakativität immer noch zu Herzen geht, ist in erster Linie den Schauspielern zu verdanken: Brie Larson („Raum“) steuert mit „Schloss auf Glas“ auf ihre zweite Oscar-Nominierung zu und auch Woody Harrelson („Planet der Affen: Survival“) dürfte aufgrund seiner komplexen Darbietung Chancen auf diverse Filmpreise haben, sollte er sich die Berücksichtigung nicht durch seine nicht minder spektakuläre Leistung in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ selbst streitig machen. Seine Figur des zwischen liebenswürdig, egoistisch, jähzornig und unbedarft handelnden Rex ist wie geschaffen dafür, um bei Awardjurys auf Stimmenfang zu gehen, denn gleichzeitig scheint es für Harrelson ein Leichtes, mit den Sympathien und Antipathien des Publikums zu hantieren. Seine Figur spielt mit dem Feuer; dabei zuzusehen, ist auch für den Zuschauer eine echte Herausforderung. Dass das Skript auf den letzten Metern sämtliche noch so fahrlässigen Aktionen des schwierigen Zeitgenossen verklärt, hinterlässt allerdings einen bitteren Beigeschmack, denn eines war sein Charakter ganz bestimmt nicht: ein Held – nicht einmal ein tragischer. Dankbarer, wenngleich nicht minder fordernd, sind die Rollen der Jungdarsteller: Ella Anderson („Mother’s Day – Liebe ist kein Kinderspiel“), Charlie Shotwell („Captain Fantastic“), Sadie Sink („Stranger Things“) und Shree Crooks („Captain Fantastic“) funktionieren hervorragend als Familie und verkörpern glaubwürdig die langsam hinter die bröckelnde Fassade ihres Lebens steigenden Heranwachsenden. Dagegen wirkt Naomi Watts („The Book of Henry“) fast zurückhaltend. Ihre Figur der melancholischen, jedoch gleichsam am eigenen Leid Schulden tragenden Mutter verlangt ihr insgesamt nicht ganz so viel ab, wie dem Rest des Ensembles.

Fazit: Die große Kunst von Regisseur Daniel Cretton besteht darin, das tragische Schicksal der Walls-Familie nicht zu überdramatisieren und auf eine leichtfüßig-flüssige Erzählung zu bauen, sodass sich die 127 nicht wie solche anfühlen. Gleichzeitig bleibt er dadurch an vielen Stellen an der Oberfläche und hätte er seinen starken Cast nicht, würde „Schloss aus Glas“ noch viel häufiger in unangenehmen Kitsch abdriften, als er es so ohnehin schon tut.

„Schloss aus Glas“ ist ab dem 21. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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