Tigermilch

In der Romanadaption TIGERMILCH schlagen sich einmal mehr Heranwachsende durch den Großstadtdschungel Berlins und bekommen es dabei mit allerlei handfesten Problem zu tun. Ob sich diese Idee nicht längst totgelaufen hat, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche), 14 Jahre alt und Freundinnen seit ihrer Kindheit, sind auf dem Sprung ins Leben und doch eigentlich schon mittendrin. Nini, die Deutsche, und Jameelah mit dem irakischen Pass und dem brennenden Wunsch Deutsche zu werden. Sie sind unzertrennlich und unbesiegbar, gehen zusammen zur Schule, rebellieren mal mehr und mal weniger und mixen sich in der Pause ihr Lieblingsgetränk auf dem Klo: Tigermilch, eine köstliche Mischung aus Milch, Maracujasaft und Mariacron. In den nächsten Wochen soll über den Einbürgerungsantrag von Jameelah und ihrer Mutter (Narges Rashidi) entschieden werden. Aber erst mal ist Sommer in Berlin und bald Ferienbeginn. Die Mädchen streifen durch die Stadt, verlieben sich im Freibad und spielen Wörter knacken: Nachtschicht/Nacktschicht, Luftschutz/Lustschutz. In diesem Sommer soll „es“ passieren und sie üben für den Ernstfall „auf der Kurfürsten“, da, wo die Professionellen stehen. Als sie eines Nachts auf dem Spielplatz der Siedlung einen Liebeszauber veranstalten, werden sie Zeugen eines Mordes. Und plötzlich steht alles still – ihre Pläne, ihre Zukunft, ihr Leben.

Kritik

Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns an dieser Stelle darüber mokieren, dass sich ein Filmemacher der rebellischen Jugend in Deutschlands hipper Hauptstadt Berlin annimmt. Aber es ist nun mal auch nicht das erste Mal, dass uns exakt das als Filmprämisse verkauft wird. Allein in diesem Jahr erschienen mit „Tiger Girl“ und „Axolotl Overkill“ zwei Coming-of-Age-Storys, in denen Heranwachsende am Rad drehen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und beide Male wurde das pulsierende Großstadtflair Berlins zum Setting erklärt. Will Jemand hingegen so aufwachsen, wie es vermutlich 99 Prozent der deutschen Young Adults tatsächlich tut, dann darf er scheinbar gar nicht erst aus Berlin kommen, wie es Helena Hufnagel in ihrer berührend-geerdeten Tragikomödie „Einmal bitte alles“ bewiesen hat. Blicken wir also auf „Tigermilch“, Ute Wielands Verfilmung von Stefanie de Velascos gleichnamigem Jugendroman: Im Anbetracht der Kulisse können wir mutmaßen, was uns hier in den kommenden 106 Minuten erwartet. Tatsächlich geht die Geschichte über zwei aufbegehrende Teenager-Ladies ein wenig tiefer als die Gewalt und Selbsthass zelebrierenden Beispiele „Tiger Girl“ und „Axolotl Overkill“, doch an den gleichen Problemen krankt „Tigermilch“ trotzdem und hat obendrein das Problem, den vermeintlichen Anspruch äußerst unbedarft in die Handlung einzuflechten. Am Ende ist ausgerechnet der ambitionierteste der drei Berliner-Jugend-Portraits aus diesem Jahr der misslungenste.

Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche) beschließen, sich in den Sommerferien entjungfern zu lassen.

Nini und Jameelah sind beste Freundinnen und das – so viel kann verraten werden – ist zumindest der Interaktion der beiden Mädchen anzumerken. Für die ihnen in den Mund gelegten, mitunter hanebüchenen Dialoge können sie nichts (allein das Konzept ihres permanent zelebrierten Spiels „Wörter knacken“ ist so skurril, dass es eigentlich gar keines ist), doch immerhin mühen sich Flora Li Thiemann („Nellys Abenteuer“) und Emily Kusche („Das kleine Gespenst“) darin ab, die Chemie zwischen den beiden so natürlich wie möglich erscheinen zu lassen. So richtig gelingen, tut ihnen das nur in wenigen Fällen. Ihnen in den Weg stellen sich so wohl die allzu konstruierten Texte, als auch das Unvermögen der eigentlich so fähigen Regisseurin (ihre Tragikomödie „Besser als nix“ ging damals völlig zu Unrecht an den Kinokassen unter), aus ihren beiden Protagonistinnen mehr herauszukitzeln, als das Aufsagen der auswendig gelernten Skriptzeilen. Wenn Nini und Jameelah etwa beschließen, sich in den Sommerferien entjungfern zu lassen, dann entlockt diese Aussage in ihrer bemühten Provokation allenfalls Fremdscham beim Zuschauer. Dieses Authentizitätsproblem bezieht sich jedoch nicht bloß auf die zwei Hauptdarstellerinnen. Auch der Rest des Ensembles schafft es nicht, die in der Theorie spannende Geschichte in ein realistisches Umfeld einzubetten. So besitzt „Tigermilch“ den Charme eines Hörbuchs und die Inszenierung kann hieran leider auch nichts ändern.

Dass Ute Wieland in „Tigermilch“ endlich mal andere Orte einfängt, als die uns längst überdrüssig gewordenen Hotspots der Hauptstadt, ist ihrem Film positiv anzurechnen. Doch für eine dreckige Milieustudie ist die Kameraarbeit von Felix Cramer („Die dunkle Seite des Mondes“) viel zu elegant und geleckt, während sich das Jugenddrama musikalisch daran orientiert, womit zuletzt sämtliche anderen Jugendfilme untermalt waren; moderner Indierock à la Kraftklub hindert „Tigermilch“ jetzt schon daran, noch in wenigen Monaten up to date zu sein. Dafür setzt die Story selbst auf eine Thematik, die das Zeitgeschehen schon wesentlich länger beschäftigt und beschäftigen wird. Im Kern steckt in „Tigermilch“ nämlich eine hochdramatische Geschichte über Abschiebewahn und bürokratische Willkür, doch um den Film damit gezielt inhaltlich zu unterfüttern, mangelt es den Machern an Konsequenz. Stattdessen befassen sie sich viel lieber mit den ausschweifenden Eskapaden ihrer beiden Protagonistinnen, die an der Kurfürstenstraße Freier abschleppen, sich betrinken, rauchen und sogar einen Mord beobachten, was letztlich ebenso Randnotiz bleibt, wie die lediglich in den letzten Filmminuten bis zum dramatischen Äußersten ausgereizt werdende Abschiebethematik, was nachholen soll, was an Emotionalität in den vergangenen eineinhalb Stunden schlicht nicht vorhanden war.

Die beiden Mädels feiern Tag und Nacht und vergessen darüber, dass sie sich eigentlich um etwas Wichtiges kümmern müssen.

Das wirklich Dramatische an „Tigermilch“ ist aber das offenkundige Desinteresse, das Ute Wieland ihren beiden Hauptfiguren entgegen bringt. Der Ansatz, über die Taten der beiden Mädels nicht zu urteilen, sondern einfach nur zu beobachten, ist per se interessant. Doch der Film hebt Nini und Jameelah zu zwei Alltagsheldinnen empor – und das ist gerade für die Zielgruppe leicht beeinflussbarer Pubertierender ein echtes Problem. Dass die beiden Mädels schon mit 14 Jahren ausschließlich Alkohol konsumieren (denn nichts Anderes ist die titelgebende Tigermilch), wie selbstverständlich rauchen sowie sogar Ahnungslose erst aufs Hotelzimmer locken und anschließend beklauen, lässt „Tigermilch“ einfach so stehen. Zwar mag man den Umstand, dass es die zwei über ihre Rebellion gegen alles und jeden versäumen, sich um Jameelahs Einbürgerung zu kümmern, für eine nachträgliche Lektion halten. Doch Ute Wieland bleibt viel zu vage darin, diese beiden Dinge gezielt miteinander zu verknüpfen. Auch ihr Jugendporträt skizziert nur einmal mehr eine heranwachsende Generation, die – schenken wir all diesen Filmen dieses und der letzten Jahre Glauben – unzufrieden ist und deshalb gegen den Status Quo rebelliert. Das Problem: All die hier porträtierten Teenager wissen überhaupt nicht, was genau sie so wütend macht; im Mittelpunkt steht einzig und allein das Aufbegehren gegen die Obrigkeit. Und wenn es nur der Gewalt wegen darum geht, Gewalt auszuüben, dann hoffen wir doch ganz stark, dass all das hier weiterhin nur Fiktion bleibt.

Fazit: In der Romanverfilmung „Tigermilch“ werden wir ein weiteres Mal Zeuge, wie Berliner Jugendliche rebellieren und dafür keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben. Ute Wielands Film hat – im Gegensatz zu diversen anderen dieses Genres – immerhin ein paar nette, tiefer gehende Erzählansätze, bleibt darin aber zu oberflächlich und lässt die Fallhöhe für das insgesamt gescheiterte Coming-of-Age-Drama nur noch größer werden.

„Tigermilch“ ist ab dem 17. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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