Die Reste meines Lebens

Stell Dir vor, Deine große Liebe stirbt, Du bist von einem Tag auf den anderen allein – und verliebst Dich schon zwei Wochen später neu. Darfst Du das? Dieser Frage geht die bittersüße Tragikomödie DIE RESTE MEINES LEBENS nach. Ob gelungen oder nicht, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Schimon (Christoph Letkowski) ist ein Glückskind. In San Francisco hat er die Liebe seines Lebens gefunden und seine Leidenschaft für die Welt der Töne zum Beruf gemacht. Er ist überzeugt, dass es das Schicksal gut mit ihm meint. „Es kommt immer so, wie es kommen soll.“ – hat ihm schon sein Großvater prophezeit. Doch als er zurück nach Deutschland zieht, verliert er alles. Trotzdem hält er an seiner positiven Lebenseinstellung fest und kämpft statt zu resignieren. Er scheint Recht zu behalten. Als er der lebensfrohe Milena (Luise Heyer) begegnet, verliebt er sich Hals über Kopf und ist bereit für einen Neuanfang. In einer Achterbahnfahrt der Gefühle muss er herausfinden, ob es das Schicksal wirklich gut mit ihm meint.

Kritik

Zufall oder Schicksal – das ist eine Glaubensfrage. Ist alles im Leben vorherbestimmt und kann von uns nicht beeinflusst werden, oder sind wir ganz allein für das verantwortlich, was uns von der Geburt bis zum Tode widerfährt? Eines ist sicher: Wer daran glaubt, dass unser Lebensweg vorgezeichnet ist, lebt ein Stückweit entspannter. Wenn wir nicht aktiv in den Lauf der Dinge eingreifen können, weshalb es dann überhaupt erst versuchen? Doch diese „Alles hat seinen Sinn!“-Mentalität hat auch ihre Nachteile: Wer sich auf ihr ausruht, läuft Gefahr, seinen eigenen Antrieb zu verlieren. Auf den ersten Blick lohnt es sich also, nach dem realistischer anmutenden „Jeder ist seines Glückes Schmied!“-Gedanken zu leben, doch geschieht erst einmal etwas, dessen Sinn man sich so gar nicht erklären kann, ist es für den Moment vielleicht doch ratsam, darauf zu vertrauen, dass irgendeine höhere Macht dahinter stecken könnte, die in diesem oder jenem Ereignis einen Zweck sieht. Mit genau dieser „Zufall oder Schicksal?“-Frage setzt sich auch Jens Wischnewski in seinem Regiedebüt „Die Reste meines Lebens“ auseinander und geht dabei sogar noch einen Schritt weiter. Darf man seinen Glauben an eine Vorherbestimmung über die Rationalität stellen? Was verkopft klingt, inszeniert der Autorenfilmer als tragikomische Studie über das Scheitern – und lässt dabei einen glaubwürdigen Silberstreif am Horizont zurück.

Der junge Schimon auf dem Schoß seines Opas (Christian Grashof)

Wischnewskis Protagonist Schimon ist ein Optimist, wie er im Buche steht – und damit eine Hauptfigur, an dessen Seite man sich für eineinhalb Filmstunden sehr gern begibt. Trotz der ganz schön niederschmetternden Filmprämisse (schon in den ersten zehn Minuten erfahren Schimon und das Publikum vom tödlichen Unfall seiner Ehefrau Jella) ist „Die Reste meines Lebens“ bis zum Schluss von einem positiven Grundton geprägt, ohne dabei die Gefühle der gleichwohl von Trauer und Leiden zerfressenen Charaktere zu vernachlässigen. Wischnewski räumt seinen Figuren immer wieder Phasen der Melancholie ein, doch mit der Konzentration auf den auf das Schicksal vertrauenden Schimon erhält der Zuschauer einen emotionalen Anker, mit dessen Hilfe er den tragischen Ereignissen einen Sinn abgewinnen kann. Der von Wischnewski und seiner Co-Autorin Julia C. Kaiser („Die Hannas“) kreierte Schimon ist kein gefühlskalter Realist, sondern ein Träumer, was sie immer wieder mithilfe von mitunter an die Verspieltheit aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnernden Rückblenden betonen. Mit der Zeit liefert „Die Reste meines Lebens“ ein allumfassendes Profil seines Protagonisten ab, arbeitet ein differenziertes Bild seiner Gefühlswelt heraus und verdeutlicht so, weshalb bei dem jungen Mann das Streben nach Neuanfang und die Rückbesinnung auf die schöne Zeit mit seiner Frau Hand in Hand gehen können.

Dieser komplexe Umgang mit dem mannigfaltigen Thema Trauer und Trauerbewältigung erinnert an Filme wie „Sieben Minuten nach Mitternacht“ oder, noch deutlich stärker, das unterschätzte Indie-Drama „Demolition – Lieben und Leben“. Schon diese beiden Filme betonen auf differenzierte Weise, dass es keinen Masterplan dafür gibt, über den Verlust eines geliebten Menschen hinweg zu kommen. „Die Reste meines Lebens“ stellt diese Thematik jedoch auch in den Zusammenhang mit der Ausgangsfrage, ob alles im Leben einen Sinn haben muss. Eine Antwort darauf liefert Jens Wischnewski nicht – und das ist auch gut so! Der Regisseur verlässt sich bei seiner Tragikomödie auf eine gehörige Portion Rationalität und hinterfragt die Gedankengänge seines Protagonisten immer wieder aktiv; wenn Schimon an einer Ampel steht und eine wichtige Entscheidung davon abhängig macht, ob diese innerhalb der nächsten zehn Sekunden von Rot auf Grün springt, unterläuft er den damit einhergehenden Glauben an das Übernatürliche, indem er Schimon zunächst Stoßgebete zum Himmel schicken lässt, die Ampel möge doch bitte rot bleiben, und ihn wenig später ohnehin seine eigene Entscheidung treffen lässt. Der sinnsuchende Touch von „Die Reste meines Lebens“ ist vielmehr ein hübsches, dabei immer um Realismus bemühtes Gimmick, das vor allem den Charakter der Hauptfigur genauer beschreibt, anstatt die Handlung in eine esoterische Richtung zu ziehen.

Milena (Luise Heyer) und Schimon (Schristoph Letkowski) treffen sich auf dem Krankenhausflur…

Damit das nicht passiert, kreiert Jens Wischnewski ein abwechslungsreiches Umfeld für seinen Protagonisten. Vor allem der Kontrast zwischen dem verträumt-optimistischen Schimon und der rational-engstirnigen, jedoch keinesfalls leidenschaftslosen Jella stellt Zuschauer und Hauptfigur vor eine echte Herausforderung: Ziehen sich Gegensätze nun an, oder stoßen sie sich entgegengesetzt des Sprichwortes doch eher voneinander ab? Die Andeutung, dass das Paar durch den frühen Tod der jungen Frau vor einer glücklosen Zukunft bewahrt wird, die Schimon schon länger hat kommen sehen, tangiert Wischnewski leider nur kurz (und vermutlich auch eher aus Zufall denn gewollt); die in den Flashbacks fokussierte Faszination Schimons für seine Freundin bleibt glücklicherweise einer der Hauptaspekte von „Die Reste meines Lebens“ und erhöht gleichsam die Fallhöhe für seine spätere Partnerin Milena, die so ganz anders ist, als ihre Vorgängerin. Die schon in „Auf einmal“ so überragende Luise Heyer spielt die lebensfrohe Milena voller Elan und schafft es konsequent, ihre charakterliche Differenziertheit zu betonen, während Karoline Bär („Die letzte Reise“) in den wenigen Momenten ihres Auftretens leider nicht allzu viel zu tun bekommt. Der Star des Films ist jedoch unbestreitbar Christoph Letkowski („Feuchtgebiete“). Wie schon in so vielen Projekten zuvor, beweist der demnächst auch in „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ zu sehende Mime sein riesiges darstellerisches Spektrum, das emotionale Extremsituationen ganz selbstverständlich erscheinen lässt. Sein niemals angestrengt wirkendes, ganz und gar intuitives Spiel bereichert „Die Reste meines Lebens“ so sehr, dass es schon ein Unding ist, dass dem 34-Jährigen der ganz große Durchbruch bislang verwehrt blieb.

Fazit: „Die Reste meines Lebens“ ist ein kleiner, weiser Film über Zufall und Schicksal. Regiedebütant Jens Wischnewski liebt seine Figuren und mit ihm das Publikum. Am Ende fühlt man sich besser – doch eine Frage bleibt: Warum zum Teufel ist Christoph Letkowski noch kein Megastar?

„Die Reste meines Lebens“ ist ab dem 25. Mai in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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