Jahrhundertfrauen

Ein Junge in den Wirren der Pubertät wächst in einem vollständig weiblichen Umfeld auf – da kann man sich als Mutter Ende der Siebzigerjahre schon mal Sorgen machen. JAHRHUNDERTFRAUEN ist ein Plädoyer für das weibliche Geschlecht einer ganzen Generation und ein rührender Einblick in eine unschuldige Jugendseele. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Kalifornien, Ende der 70er Jahre – eine wilde, inspirierende Zeit der kulturellen Umbrüche, Freiheit liegt in der Luft. Dorothea Fields (Annette Bening), eine energische und selbstbewusste Frau Mitte 50, erzieht ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) ohne den Vater, holt sich aber Unterstützung von zwei jungen Frauen: Abbie (Greta Gerwig), die freigeistige und kreative Mitbewohnerin, und Jamies beste Freundin Julie (Elle Fanning), ein gleichermaßen intelligentes wie provokatives Mädchen. So verschieden sie sind, alle vier stehen für einander ein – und es gelingt ihnen eine Bindung für das ganze Leben zu schaffen.

Kritik

Heutzutage wird jeder Film auf sein Geschlechterverständnis abgeklopft. Wie viele weibliche Figuren gibt es? Sind die Frauen den Männern in der Geschichte gleich gestellt? Wie dürfen sie sich kleiden? Worüber wird gesprochen? Wird ihre Weiblichkeit gezielt zum Thema gemacht? Regisseur Mike Mills hat mit „Jahrhundertfrauen“ – auch bekannt unter dem Titel „20th Century Women“ – nun einen Film gedreht, der sich auf den ersten Blick als Plädoyer auf die Frauen einer ganzen Generation verstehen lässt. Eine Liebeserklärung quasi. Wie auch schon Mills‘ letzter Film „Beginners“ eine solche an das Selbstverständnis gleichgeschlechtlicher Liebe war. Doch wenn man einmal genauer hinschaut, geht es in „Jahrhundertfrauen“ gar nicht darum, gezielt zu betonen, wie wichtig die Frauen sind; im Gegenteil. „Jahrhundertfrauen“ geht aus emanzipatorischer Sicht sogar noch einen Schritt weiter, indem er eine Geschichte erzählt, die überhaupt nicht davon abhängig ist, ob hier nun die Schicksale von Frauen, oder jene von Männern im Mittelpunkt stehen. Es geht um geschlechterübergreifende Gefühlswelten, Irrungen und Wirrungen, die ein jeder von uns durchmachen muss. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man nun mit, oder ohne Y-Chromosom auf die Welt gekommen ist.

Jamie (Lucas Jade Zumann) und seine Mutter Dorothea (Annette Bening)

Nichts ist schlimmer als erlebte Desillusion. Genau um dieses Thema geht es in „Jahrhundertfrauen“, denn die alleinerziehende Mutter Dorothea weiß selbst, wie sich dieses Gefühl auf das seelische Wohlbefinden auswirkt. Um ihren Sohn davor zu bewahren, will sie ihn so gut wie möglich aufs Leben vorbereiten und kann dafür auf eine ausgewählte Gruppe an Freundinnen und jungen Frauen zurück greifen; die Frage danach, ob es nicht eigentlich einen Mann braucht, um aus ihrem Sohn Jamie einen „richtigen Mann“ zu machen, stellt sich dabei ebenso, wie jene, ob Jamie nicht vielleicht sogar ein „besserer Mann“ wird, sofern er ausschließlich von Frauen aufgezogen wird. Die Frage nach Geschlechterrollen und Geschlechterverständnis ist also allgegenwertig und doch nutzt Regisseur und Autor Mike Mills diese nie, um zu urteilen. Mills hinterfragt zwar das im damaligen Jahrzehnt noch vorherrschende Rollenbild, bewertet es aber nicht, sondern lässt das Publikum sich sein eigenes Urteil bilden. Für ihn geht es nicht darum, zu ergründen, was einen Mann zum Mann macht, sondern wie ein solcher zu einem erfüllten Leben findet. Eine bessere Idee, sich für diese Frage auf Augenhöhe mit einem identitätssuchenden Teenager zu begeben, gibt es kaum. Sein Jamie ist altersentsprechend unsicher und hilfesuchend, nimmt, was und wen er kriegen kann, um dieser Unsicherheit zu entfliehen. Am Ende wird er vielfältig geprägt. Von Begegnungen, Ereignissen, Emotionen und dem Gefühl der ersten großen Liebe.

So schleicht „Jahrhundertfrauen“ mehr dahin, als dass er dramaturgisch wirksam voranschreitet. Ein wenig zynischer würde man sagen, er plätschert dahin. Gleichwohl geht es Mike Mills in seinem nunmehr dritten Spielfilm nicht um das Ausbreiten großer Konflikte. Vielmehr versteht er „Jahrhundertfrauen“ als rund zweistündige Momentaufnahme. Gespickt wird diese mit einer Handvoll amüsanter Einzelszenen; ein aus dem Ruder laufendes Abendessen, das in einer ausgiebigen Diskussion über die weibliche Menstruation endet, ist eine solche. Ebenso wie der zarte Subplot um die amouröse Beziehung zwischen Jade und der verführerischen Julie, die in Jade leider nicht mehr als ihren besten (platonischen) Freund sieht. Abbie wiederum liebt die körperliche Liebe, ihren Beruf als Künstlerin und birgt tief im Inneren ein trauriges Geheimnis; all diese Dinge nach und nach zu ergründen, offenbart eine tiefe Faszination für die Figuren, die nie den Anschein erwecken, gezielt für diesen Film geschrieben worden zu sein. Dazu trägt auch die absolut natürliche Interaktion der Darstellerinnen bei. „Jahrhundertfrauen“ ist das Paradebeispiel für einen durch und durch authentischen Film, der von seinen unaufgesetzten Ver- und Entwicklungen lebt. Das führt zu viel Dialog, zu manch redundanter Erkenntnis und zu wenig Spektakel, aber auch zu einem allgegenwärtigen Gefühl von Echtheit.

Für Jamie ist es die erste große Liebe, für die wunderschöne Julie (Elle Fanning) nur Freundschaft.

Annette Bening („American Beauty“) wurde für ihre Performance in „Jahrhundertfrauen“ für einen Golden Globe nominiert, ebenso wie der Film einst die Chance auf einen Goldenen Globus als beste Komödie hatte. Das Drehbuch von Mike Mills wurde indes sogar bei den Oscars berücksichtigt, musste sich allerdings von Konkurrent „Manchester by the Sea“ geschlagen geben. Unbegründet ist beides nicht; mit seinen unprätentiösen, im Detail weisen Dialogen ist das Skript zu „Jahrhundertfrauen“ wie gemacht für die großen Filmpreise dieser Welt, wenngleich ihnen leider das letzte i-Tüpfelchen fehlt. Mike Mills inszeniert bisweilen derart zurückhaltend, dass die geistige Abwesenheit für Sekundenbruchteile dafür sorgt, essentielle Erkenntnisse zu verpassen. Eine solche Subtilität kann gleichermaßen faszinierend wie ermüdend sein. Im Zweifelsfall lässt der Regisseur aber ohnehin seine Darstellerinnen und Darsteller für sich sprechen. Bening führt das Ensemble an, ihre Mitstreiterinnen Greta Gerwig („Maggies Plan“), Elle Fanning („The Neon Demon“) und nicht zuletzt Lucas Jade Zuman („Sinister 2“) komplettieren den bestens aufeinander eingespielten Cast, der auch damit punktet, nicht auf die aller größten Namen zu setzen. Fernab großen Hollywood-Glamours erzählt Mike Mills einfach nur aus dem Leben eines jungen Mannes, geprägt von den vielen äußeren Einflüssen, mit denen sich jeder von uns auseinander setzen muss. Die Möglichkeit, sich damit zu identifizieren, gibt uns der Regisseur dabei fast beiläufig.

Fazit: „Jahrhundertfrauen“ ist so zart inszeniert und zurückhaltend erzählt, dass man es den Figuren zu jedem Zeitpunkt abnimmt, gerade mit den großen und kleinen Dramen des Lebens konfrontiert zu werden. Ein durch und durch authentischer Film, der darüber hinaus spielend mit der allzu dominanten Genderdiskussion umgeht.

„Jahrhundertfrauen“ ist ab dem 18. Mai in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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