Mein Leben als Zucchini

Nominiert für einen Oscar: Die französisch-schweizerische Koproduktion MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI lässt Kinderaugen eine traurige Welt entdecken, ohne in Melancholie zu baden. Mehr zu diesem besonderen Film lest Ihr in meiner Kritik.Mein Leben als Zucchini

Der Plot

Zucchini – so lautet der Spitzname eines kleinen, neunjährigen Jungen, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter mit einem neuen Leben konfrontiert wird. Der fürsorgliche Polizist Raymond bringt ihn ins Heim zu Madame Papineau, wo er fortan mit anderen Kindern aufwächst und seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach, denn auch der freche Simon, die besorgte Béatrice, die schüchterne Alice, der etwas zerzauste Jujube und der verträumte Ahmed haben bereits viel erlebt. Aber sie raufen sich zusammen und geben einander Halt auf dem Weg, ihr Leben in ruhigere Bahnen zu lenken. Eines Tages stößt die mutige Camille zu ihnen, und Zucchini ist zum ersten Mal im Leben ein bisschen verliebt: Camille ist einfach wunderbar! Doch ihre Tante plant, die kleine Gruppe auseinander zu reißen und Camille zu sich zu holen. Können Zucchini und seine Freunde dies verhindern?

Kritik

Claude Barras‘ Stop-Motion-Animationsfilm „Mein Leben als Zucchini“ markiert einen historischen Punkt in der 89-jährigen Geschichte der Academy Awards. Seine auf dem Roman „Autobiographie einer Pflaume“ des französischen Autoren Gilles Paris basierende Tragikomödie ist in ein und demselben Jahr zeitgleich für den Oscar in der Kategorie „Bester Animationsfilm“ und „Bester fremdsprachiger Film“ vorgeschlagen worden; ins Rennen geschickt von der Schweiz. Gereicht hat es für die Nominierung in letztgenannter Kategorie leider nicht. Dabei wäre es nicht einmal verwunderlich gewesen, hätte er auch noch die Königskategorie „Bester Film“ geentert, denn „Mein Leben als Zucchini“ gelingt etwas Einmaliges in der jüngeren Animationsfilmhistorie: Auf Augenhöhe mit den jüngsten Zuschauern erzählt Langfilm-Debütant Claude Barras aus den düstersten Kapiteln geschundener Kinderseelen. Er streift Themen wie sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung infolge von Drogen- und Alkoholkonsum und blickt aus Kinderaugen auf das Leid der Welt. Das ist zwar mitunter regelrecht herzzerreißend, hat aber einen Vorteil: Kinder haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch lange nicht aufgegeben, weshalb „Mein Leben als Zucchini“ alles andere als trist geraten ist.

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Der neunjährige Zucchini ist sich selbst genug. Er liebt seine Mutter, die sich nicht um ihn kümmert und spielt meist allein mit seinem geliebten Drachen.

Hauptfigur Zucchini hat einen riesigen Kopf, große Kulleraugen und blaue Haare. Damit wirkt er schon in der recht düsteren Anfangssequenz ein wenig fehl am Platz; in melancholischen Grautönen sehen wir den in subtilen Gesten sehr lebensfroh dargestellten Neunjährigen, wie er die vielen Bierdosen seiner ständig Alkohol trinkenden Mutter aufsammelt, um anschließend einen Turm aus ihnen zu bauen. Das bereitet ihm größte Freude. Ebenso, wie sein selbst gebauter und angemalter Drachen, der seinen irgendwann verschwundenen Vater und ein Huhn zeigt („Mama hat gesagt, er mochte junge Hühner!“). In anderen Filmen wären Details wie diese Bestandteil ausladender Gags geworden. Hier muss man sie bewusst selbst entdecken, um sich ein Bild davon zu machen, wie die für uns nicht sichtbare Vergangenheit den kleinen Titelhelden wohl geformt haben mag. Den ausgerechnet durch Zucchini selbst ausgelösten Unfalltod seiner Mutter inszeniert Claude Barras anschließend ebenso beiläufig und spart sich jedwede Form des Kommentars. Im Mittelpunkt steht einzig und allein das, was der fortan als Waise groß werdende Junge im Heim erlebt. Ihren Schatten werfen die Ereignisse trotzdem auf das insgesamt recht harmonische Zusammenleben. Doch wo Machtspiele und gegenseitige Neckereien normalerweise ausschließlich auf das Alter der Heranwachsenden zurückzuführen sind, haben wir es hier mit echten Spleens zu tun – hervorgerufen davon, dass eine der jungen Mitbewohnerinnen missbraucht wurde, oder jemand Anderes mit ansehen musste, wie der Vater die eigene Mutter umbringt.

Explizit über die Schicksalsschläge gesprochen wird in „Mein Leben als Zucchini“ nie. Stattdessen thematisieren die jungen Hauptfiguren die Ereignisse auf ihre ganz eigene, naive und lebensechte Art und Weise. Wenn Sorgenkind Simon Heimneuling Zucchini erzählt, weshalb die anderen Bewohner an diesem Ort sind, umschreibt er die Dinge so, dass jeder weiß, was gemeint ist, ohne dass es die kleinen Zuschauer verstören würde. „Ihr Vater hat Dinge mit ihr gemacht, die man als Vater nicht tut.“, sagt er über Béatrice – das Wort Missbrauch braucht hier gar nicht fallen, trotzdem versteht jeder, wie diese Beschreibung zu deuten ist. Auch abseits von den vielen Erklärungen, weshalb die Kinder hier nun mal so sind, wie sie sind, bleiben sich Claude Barras respektive Drehbuchautorin Céline Sciamma („Tomboy“) ihrer sehr kindlichen (nicht kindischen!) Sichtweise auf die Welt treu. Sie lassen die Kinder Dinge wie den Geschlechtsakt beschreiben und über ihren Platz auf der Welt sinnieren – ganz so, als wäre es das Normalste der Welt. Und doch entdecken die Macher in „Mein Leben als Zucchini“ immer das Besondere im Alltäglichen. Wer noch einmal die Welt aus Kinderaugen sehen will, der muss diesen Film sehen!

Jedes der Heimkinder hat seine ganz eigene, schicksalhafte Geschichte.

Ganz kleine Abstriche muss man bei der Betrachtung des Films dann allerdings doch machen: Da wäre zum einen die ungewöhnlich geringe Laufzeit von gerade einmal 66 Minuten. Zwar erzählt Claude Barras hier nicht mehr, als notwendig, Gleichwohl wäre es tatsächlich wünschenswert gewesen, auf mancherlei Dinge noch ein wenig expliziter einzugehen. So wirkt nicht nur das Ende ein wenig überhastet, auch die Lösung des Grundkonflikts rund um Camille und ihre herrische Tante fällt im Vergleich zur ansonsten so betont realitätsnahen Erzählung ab – am Ende verläuft nämlich doch alles einen Tick zu glatt, um wahr zu sein. Eine klassische Lauflänge von eineinhalb Stunden hätte „Mein Leben als Zucchini“ gut getan, um die einzelnen Beziehungsverflechtungen näher zu beleuchten und das Finale nicht allzu plötzlich erscheinen zu lassen. Für das Finale an sich findet der Regisseur trotzdem eine gute Balance zwischen dem melancholischen Eingeständnis, dass nicht jeder sein Happy End erleben darf und einer familienfilmtauglichen, optimistischen Kernaussage. „Mein Leben als Zucchini“ ist somit vielleicht nicht unbedingt etwas für die ganz kleinen Zuschauer; auch deshalb, weil sich der Humor in erster Linie den Zuschauern erschließt, die um die veränderten Sichtweisen von Kindern und Erwachsenen wissen. Ab einem gewissen Alter von schätzungsweise acht Jahren dürfte sich die Faszination dieses herzerwärmenden Films aber auch schon einem jüngeren Publikum erschließen.

Fazit: „Mein Leben als Zucchini“ ist ein ergreifendes Stop-Motion-Juwel, das schwermütige Themen aus der Sicht von Kinderaugen erzählt und ihnen dadurch im Vorbeigehen den größten Schrecken nimmt. Davon hätten wir gern mehr gesehen, als nur 66 Minuten.

„Mein Leben als Zucchini“ ist ab dem 16. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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