The Diary of a Teenage Girl

Mit der äußerst freizügigen Tragikomödie THE DIARY OF A TEENAGE GIRL begibt sich die Regiedebütantin Marielle Heller ersten Urteilen zufolge direkt auf Oscar-Kurs. Doch die Geschichte über eine angehende Nymphomanin, die ihr Verlangen nach menschlicher Wärme ausschließlich in Sex zu finden glaubt, ist mit ihren plakativen Figuren nicht unbedingt der Stoff für die ganz großen Filmpreise. Mehr dazu in meiner Kritik.The Diary of a Teenage Girl

Der Plot

Es ist das Jahr 1976. Wir befinden in San Francisco, am Scheidepunkt der ausklingenden Hippie- und aufkommenden Punkt-Bewegung. Wie andere Teenager auch sucht Minnie Goetze (Bel Powley) nach Liebe, Akzeptanz und den Sinn in ihrem Leben. Sie beginnt eine Affäre mit Monroe Rutherford (Alexander Skarsgard), “dem bestaussehendsten Mann der Welt” und Freund ihrer Mutter (Kristen Wiig). Die junge Frau befindet sich in der drogengeladenen Stadt, in der ihr Wunsch nach Rebellion mit dem erwachsenen Verantwortungsbewusstsein zusammen prallt. Ihre partyfeiernde Mutter und das Fehlen eines Vaters haben Minnie führungslos werden lassen. Findet sie anfangs noch Trost in Monroes verführerischem Lächeln, sind es  später die dunklen Gassen der Stadt, die dem trotzigen Mädchen das Gefühl von Selbstbestimmung geben. Was folgt ist eine überspitzte, witzige und provokante Beschreibung ihrer aufkommenden Sexualität und künstlerischen Fähigkeiten. So ergibt sich ein tiefer und ehrlicher Einblick in das, was sich nur auf den Seiten des Tagebuches eines Teenagers finden lässt.

Kritik

Marielle Hellers Regiedebüt „The Diary of a Teenage Girl“ schaut sich wie das Paradebeispiel eines Sundance-Filmfestival-Hits. Angesiedelt in den späten Siebzigerjahren dominieren Sepiafarben das von der Hippie-Bewegung geprägte Zeitgeschehen, während eine junge Frau, die alles andere als das Schönheitsideal erfüllt, via Voice Over zugibt, gerade zum ersten Mal Sex gehabt zu haben, um das Publikum fortan auf eine Reise in ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – Innerstes mitzunehmen. Besetzt ist die Verfilmung einer gleichnamigen Graphic Novel obendrein mit dem Who-is-Who der Indie-Szene, darunter Kristen Wiig („Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) sowie Alexander Skarsgard („Disconnect“) in den Rollen der beiden wichtigsten Figuren neben Newcomerin Bel Powley. Und wie sollte es anders sein: Tatsächlich hat „The Diary of a Teenage“ Girl auch genau dort sein Publikumsdebüt gefeiert – beim Sundance Filmfestival 2015. Anschließend entschied man sich für weitere Vorführungen vor ausgewählten Zuschauergruppen, etwa bei der Berlinale, dem Edinburgh Filmfestival oder in Melbourne. Gelobt wurde Marielle Heller, die ihren Film vorab bereits auf die Theaterbühne brachte, von vielen Seiten. Obendrein hagelte es Nominierungen und Filmpreise für das Ensemble, die Produktion selbst sowie die Regisseurin. Sogar etwaige Oscar-Chancen könnte sich die unkonventionelle Tragikomödie wohl ausrechnen, sollten die Verantwortlichen genug Geld in eine aussagekräftige Award-Kampagne investieren. Doch bis es soweit ist, kommen nun erst einmal die deutschen Zuschauer in den zweifelhaften Genuss einer Geschichte, die viel riskiert, viel verliert und am Ende das Gefühl gibt, viel zu wenig von dem vorhandenen Potenzial tatsächlich genutzt zu haben.

The Diary of a Teenage Girl

In „The Diary of a Teenage Girl“ steht keine typische Jugendliche im Mittelpunkt. Die 23-jährige Newcomerin Bel Powley feiert mit ihrer Hauptrolle in diesem Independentfilm ihr erstes internationales Leinwandengagement und ist für jene Art Film, die Marielle Hellers hier abzuliefern versucht, ein Geschenk. Mit ihrer unbedarften Art setzt Powley, die vorab in TV-Projekten wie „Benidorm“ oder „Murderland“ zu sehen war, ein Statement hinter die Aussage, dass es in der Schauspielerei mehr um Ausdrucksstärke denn um das Erfüllen eines Schönheitsideals geht. Powley spielt gewitzt mit ihrem Image des grauen Mäuschens, lässt durch ihre Selbstsicherheit jedoch nie die Frage aufkommen, weshalb ihr die Männer nach und nach verfallen. Die optisch so unscheinbare Brünette besitzt eine Präsenz, die den Zuschauer umhaut. Selbst ihre erwachsenen Kollegen spielt Powley mithilfe ihrer unbedarften Attitüde an die Wand und beweist in den sensiblen Momenten zugleich eine ungeheure Zerbrechlichkeit. Dass sich die naive Weltfremdheit mit den zum Großteil sehr reifen Gedanken der Teenagerin beißt, ist im Skript verankert. Heller, die nicht nur auf dem Regiestuhl platznahm, sondern auch das Drehbuch schrieb, ist unschlüssig ob der geistigen Reife ihrer Protagonistin. Das ließe sich im Anbetracht ihres pubertär bedingten Wankelmutes zwar durchaus erklären, doch die Fallhöhe zwischen dem Wissen, was falsch ist und dem trotzigen Sich-darüber-Hinwegsetzen ist in vielen Momenten einfach viel zu groß, um innerhalb von Minnies Charakters eine nachvollziehbare Authentizität zu waren. So bleibt Minnie, ebenso wie sämtliche Nebenfiguren, merkwürdig unnahbar.

So unkonventionell die Erzählweise des immer wieder von Comiczeichnungen aufgepeppten Realfilms auch sein mag, so anstrengend ist der beliebige Umgang mit den Figuren. „The Diary of a Teenage Girl“ bemüht sich sichtlich, keinerlei Hollywood-Klischee vom reumütigen Fremdgänger, von der freizügigen Nymphomanin oder der immer jung bleiben wollenden Hippie-Mutter zu bedienen, entfernt sich damit jedoch erst recht von sympathischen Charakteren. Die Handlungen sämtlicher Figuren in „The Diary of a Teenage Girl“ sind zwar durchweg nachvollziehbar, besitzen jedoch keinerlei Bodenhaftung. Menschen trennen sich, wenn es ihnen passt, verzeihen, wenn ihnen danach ist und sind mal kindisch, mal erwachsen, aber immer darum bemüht, nur nicht vorhersehbar zu sein. Diesen inszenatorischen Ansatz kann man mögen; erstrecht dann, wenn man die standardisierte Machart gängiger Hollywood-Tragikomödien verabscheut. Doch vollkommen losgelöst von jedweden Charakteristika sind Figuren eben nicht lebensnaher, sondern schlicht und ergreifend auf Krampf gegen den Strich gebürstet. Und blickt man auf die Moral, die hinter „The Diary of a Teenage Girl“ steckt, so lässt sich auch erahnen, weshalb Marielle Heller in ihrer Erzählung so genau ungenau vorgeht.

The Diary of a Teenage Girl

Wie ließe sich die Botschaft „Nur, wenn du dich selbst liebst, kann man auch dich lieben!“ besser unter den Kinozuschauer bringen, als mithilfe einer jungen Sexliebhaberin, die regelmäßig wechselnde Bettgefährten mit Liebe verwechselt? „The Diary of a Teenage Girl“ arbeitet von vornherein auf ebenjene Moral hin und blickt dabei so stur geradeaus, dass für etwaige Variationen dieser Themen kein Platz bleibt. Marielle Hellers zeichnet mit ihrem Film ein von Freizügigkeit und Rausch geprägtes Lebensgefühl, das sich augenscheinlich nicht mit einer sesshaften Lebensweise in Einklang bringen lässt. Dass diese durchschimmernde Botschaft möglicherweise gar nicht gewollt ist, macht der zwischenzeitlich an den Tag gelegte Inszenierungsstil klar, der auf Selbstbestimmung pocht, das Künstlertum feiert und Minnie als unangepasste Rebellin in den Himmel hebt. Wann immer „The Diary of a Teenage Girl“ sich also davon lossagt, die Botschaft um Selbstliebe und gegenseitige Akzeptanz auf Biegen und Brechen durchzudrücken, entwickelt der Film eine berührende Intimität. Dann stimmt für einen Moment alles, denn auch das Casting von Kristen Wiig (die der jungen Bel Powley im Profil täuschend ähnlich sieht) und Alexander Skarsgard als von erfrischender Unbekümmertheit gezeichneter Lebemann ist auf den Punkt. Doch bis zuletzt wird man das Gefühl nicht los, dass innerhalb der Geschichte viel mehr im Argen liegt, als es die Regisseurin in ihren rund 100 Minuten auf die Leinwand bringen konnte.

Fazit: „The Diary of a Teenage Girl“ findet dank einer unkonventionellen Heldin innovative und authentische Ansätze, um dem Publikum das Innenleben einer pubertierenden Jugendlichen näherzubringen. Leider schafft es das freizügige Skript nicht, die Hauptfigur mit genug Tiefgang zu versehen, um zu vermitteln, dass die Entscheidungen der Protagonistin nicht bloß naiv, sondern von weitreichender Bedeutung sind. Die tragikomische Geschichte kratzt lediglich oberflächlich frei, was wirklich unter der rauen Schale von Minnie vorgeht. So zeichnet „The Diary of a Teenage Girl“ die von Bel Poweley faszinierend verkörperte Protagonistin als heranwachsende Nymphomanin, lässt die emotionalen Regungen der Figur jedoch vollkommen außer Acht und gibt sich bei der Charakterisierung und der Schlussmoral mit Allgemeinplätzen zufrieden. Das wird weder der eigentlich so komplexen Charakterstudie, noch Minnies Charakter selbst gerecht.

„The Diary of a Teenage Girl“ ist ab dem 19. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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