Macbeth

Über neunzig verschiedene Filmadaptionen gibt es von William Shakespeares MACBETH. Justin Kurzel liefert jetzt eine weitere, eine noch größere, pompösere und bösere Variante des weltberühmten Kriegsdramas ab und orientiert sich bei seiner Inszenierung ganz nah an der Vorlage. Doch braucht es das? Ich verrate es in meiner Kritik.Macbeth

Der Plot

Schottland im Mittelalter. Nach einer siegreichen Schlacht beginnt der unaufhaltsame Aufstieg des machthungrigen Heerführers Macbeth (Michael Fassbender). Verführt von einer mysteriösen Prophezeiung und angetrieben von seiner ehrgeizigen Frau (Marion Cotillard), ermordet Macbeth seinen König Duncan (David Thewlis) um selbst den Thron von Schottland zu besteigen. Sogar seinen treuen Freund und Mitwisser Banquo (Paddy Considine) lässt er beseitigen. Doch je brutaler seine Schreckensherrschaft wird, desto mehr plagen Macbeth und seine Frau die Dämonen ihrer Schuld. Als sich Duncans Sohn Malcolm (Jack Reynor) mit Macbeths größtem Widersacher Macduff (Sean Harris) verbündet und eine Armee gegen den Tyrannen versammelt, wendet sich das Blatt.

Kritik

Die Werke von William Shakespeare gehören zu den meistadaptieren der Film- und Theatergeschichte. Allein „Macbeth“, der Inbegriff des Dramas, wurde über 90 Mal für die Flimmerkiste und Leinwand filmisch aufbereitet. Zu Zeiten, in welchen Serien wie „Game of Thrones“ den seriellen Zeitgeist bestimmen, ist eine Neuverfilmung des harten Stoffes nur konsequent. Das wusste auch Justin Kurzel („Snowtown“), der darüber hinaus direkt die angesagtesten Hollywoodstars für seine blutroten Gewaltexzesse verpflichtete. In der Hauptrolle des Königsmörders gibt sich Michael Fassbender („12 Years a Slave“) die Ehre. An seiner Seite mimt Marion Cotillard („Der Geschmack von Rost und Knochen“) dessen machtgierige Ehefrau. Um die Aussagekraft des Originalstoffes hervorzuheben, orientiert sich das Skript von Michael Lesslie („Assassin‘s Creed“), Jacob Koskoff und Todd Louiso („The Marc Peace Experience“) ganz nah an der Vorlage und lässt den Text mit Ausnahme eines eingeschobenen Subplots um Macbeth‘ Sohn weitestgehend unverändert. Liebhaber des Ausgangsstoffes sehen in dieser Umgangsweise vermutlich die einzig richtige. Andere Zuschauer wiederum werden mit sich mit seiner Kenntnis vermutlich wünschen, Kurzel hätte einen interessanteren Ansatz gefunden, als lediglich die Vorlage den momentan vorherrschenden Sehgewohnheiten des Publikums anzugleichen. „Macbeth“ ist das klassische Drama, aufbereitet für die Generation „Game of Thrones“. Und damit ist an dieser Stelle eigentlich fast schon alles Wichtige gesagt.

Macbeth

Das Beeindruckendste an „Macbeth“ ist erwartungsgemäß die berauschende Optik. Kameramann Adam Arkapaw, der schon für das gehypte Crime-Format „True Detective“ für die beklemmend surrealistische Atmosphäre sorgte, kreiert Schlachtfelder epischen Ausmaßes und geht in den emotionalen Momenten doch ganz nah ran an seine Figuren. In den blassen Farben der nebelgetränkten Felder stechen lediglich vereinzelt die Massen an Blut hervor, weshalb wir an dieser Stelle bemerken möchten, dass wir uns die FSK-Freigabe ab 12 Jahren beim besten Willen nicht erklären können. „Macbeth“ ist laut, rau und brutal. Inmitten der Schwertkämpfe werden keine Kompromisse gemacht und auch der zum Dreh- und Angelpunkt der Story werdende Königsmord findet nicht etwa beiläufig statt, sondern wird detailliert und in all seiner Brutalität direkt vor der Kameralinse eingefangen. Doch nicht nur die Bildsprache entbehrt jedweder Sanftheit, auch die anhand vom Sounddesign und von der Sprache ausgehende Durchschlagkraft hüllt „Macbeth“ in ein durchgehend kaltherziges Setting. Für den Zuschauer ergibt sich das Bild einer ebenso trost- wie hoffnungslosen Szenerie. Selbst Momente des Zweifels erfüllen lediglich den Zweck, den Zuschauer selbst mit seinen Moralvorstellungen zu konfrontieren, nicht aber jenen, die Figuren mit ihren Fehlschlägen in Verbindung zu bringen.

Die Buchvorlage „Macbeth“ war nie ein Stück der positiven Töne. Die Geschichte um das wohl berühmteste Tyrannenpaar der Weltliteratur ist starker Tobak. Doch braucht es nach über neunzig verschiedenen Adaptionen noch eine? Vermutlich ja, denn jede Generation sollte doch die Chance bekommen, sich auf dem möglichst einfachsten Wege mit derartigen Klassikern befassen zu können. „Macbeth 2015“ erweist sich da als ideale Einstiegsdroge für jene Zuschauer, die den einzigartigen Stil William Shakespeares zu schätzen wissen und zu einer modernen Inszenierung dennoch nicht nein sagen möchten. Insbesondere die Darstellerleistungen heben den Film auf ein Niveau, das durchaus Oscar-Chancen haben könnte, wenngleich sich Michael Fassbender in vielen Momenten auf seinen gewohnten Duktus verlässt und sich nicht vollends in die klassische Szenerie fügen mag. Wenn er sich davon loslöst (Stichwort: Mord), erweist sich sein Spiel als derart manisch paralysierend, dass wir den Goldjungen schon von weitem winken sehen können. Marion Cottilards Darbietung erinnert derweil vor allem an jene von Anne Hathaway in „Les Misérables“; Hathaway hatte 2013 das Glück, innerhalb ihre äußerst kurzen Screentime eine besonders intensive Solo-Gesangsdarbietung abzuliefern, der ihr schließlich den Academy Award als Beste weibliche Nebendarstellerin einbrachte. Bei Cottilard ist es ähnlich, wenngleich nicht musikalisch. Die französische Edelmimin überzeugt besonders in einer stark geschriebenen Monologszene, in der sie ihr Dasein als momentan fähigste Charakterdarstellerin der Welt unterstreicht. Doch leider bleibt der Fokus bei all dem Pomp und visuellen Exzess nur in solchen Momenten auf Seiten der Darsteller.

Macbeth

„Macbeth“ ist eine Art Arthousefilm im Blockbustergewandt, der mehr Wert auf die Optik denn auf den Inhalt legt. Sprechchöre, die im Gleichklang „Hail Macbeth!“-Schlachtrufe von sich gaben, sorgen zwar zwangsläufig für Gänsehaut beim Publikum, sind auf den Inhalt heruntergebrochen jedoch nicht mehr als Augenwischerei. Es geht Justin Kurzel nicht darum, dem Zuschauer die interessanten Hauptcharaktere nahezubringen. Es geht ihm vielmehr um die Schauwerte von Krieg und Leiden. Das ist als eigener Filmansatz vollkommen in Ordnung, wird der Vorlage jedoch nur in Teilen gerecht. Der epische Score von Jed Kurzel („Der Babadook“) kleidet „Macbeth“ in phänomenales Klangkleid, das nicht bloß die Ausmaße der Geschichte unterstreicht, sondern vor allem die Akribie innerhalb der technischen Gestaltung hervorhebt. Dass für die Konzeption des Filmes lediglich 4 Millionen US-Dollar ausgegeben wurden, ist angesichts der beeindruckenden Schlachtsequenzen und der peniblen Kampf-Choreographien kaum zu glauben. Gleichsam besteht „Macbeth“ eben vorzugsweise aus einem Getümmel aus Schwertkämpfen und legt wenig Sorgfalt in die Momente der Ruhe.

Fazit: Wer William Shakespeares „Macbeth“ bereits in irgendeiner Form gesehen hat, wird in der neuen Verfilmung kaum Neues entdecken. Alles ist größer, düsterer, spektakulärer. Doch ist es deswegen auch besser? Wir sagen jein, denn bei aller technischen Perfektion bleiben die so wichtigen Charaktere über kurz oder lang auf der Strecke.

„Macbeth“ ist ab dem 29. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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