The Homesman

Neben seiner Tätigkeit als Schauspielikone hat sich Charaktermime Tommy Lee Jones mittlerweile auch eine beachtliche Zweitkarriere als Regisseur aufgebaut. Mit THE HOMESMAN nimmt der Schauspieler nicht nur auf dem Regiestuhl Platz, sondern besetzt zugleich auch die Rolle des männlichen Protagonisten. Ob das ein Geheimrezept zum ersten Regieoscar sein könnte? Ich verrate es in meiner Kritik.

The Homesman

Der Plot

Mitte des 19. Jahrhunderts: Die zierliche Farmerin Mary Bee Cuddy, von der mangelnden Zivilcourage der Männer ihres Dorfes enttäuscht, begibt sich auf eine abenteuerliche Reise. Mehrere Frauen der Umgebung haben nach familiären Schicksalsschlägen den Verstand verloren und sollen nun im Planwagen von Nebraska nach Iowa gebracht werden. Auf ihrer Reise durch die Prärie trifft die auf den Outlaw George Briggs (Tommy Lee Jones). Nachdem Mary Bee diesem das Leben rettet, bietet er sich an, die Dame auf der gefährlichen Kutschfahrt zu begleiten. Doch was sich für beide anfangs wie ein leichtes Unterfangen anhört, erweist sich in Anbetracht der unberechenbaren Fracht als äußerst gefährlich…

Kritik

Einer 76 Filmtitel umfassenden Karriere als Charaktermime steht bei Altmeister Tommy Lee Jones eine verhältnismäßig kurze Vita gegenüber, die lediglich vier Produktionen umfasst und in welcher der 68-jährige Texaner als strippenziehender Regisseur fungierte. Bereits sein erstes Leinwand-Projekt „Three Burials“ wurde 2006 in Cannes mit Lob und Preisen überschüttet. Nun folgt mit dem ähnlich gelagerten Mammutprojekt „The Homesman“ eine weitere Symbiose aus Western und Drama, die sich anschickt, auf internationalen Award-Fang zu gehen. Besonders in den Darsteller-Kategorien habe Jones‘ Werk – so glaubt man Insidern – die Chance, die eine oder andere Trophäe abzustauben. Und auch die Verfasserin dieser Zeilen möchte sich angesichts der passionierten Machart und der phänomenalen Bilder, die „The Homesman“ zu bieten hat, dem weltweiten Tenor anschließen.  Aufgrund der äußerst starken Konkurrenz wird sich Jones vermutlich nur wenig Chancen in den Hauptkategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ ausrechnen. Doch nicht nur Hilary Swank, die hier ihre beste Leistung seit „Million Dollar Baby“ abliefert, dürfte bei den Academy Awards ein Wörtchen mitzureden haben. Und da „The Homesman“ als Western ohnehin allein auf weiter Genre-Flur steht, sorgt Tommy Lee Jones ohnehin für frischen Wind im von Dramen und Biopics dominierten Awardfilm-Segment.

The Homesman

Die Kooperation aus Genre-Urgestein Tommy Lee Jones und Produzent Luc Besson, der zu weiten Teilen am Konzept der Verfilmung des gleichnamigen Romans beteiligt war, ist mit „The Homesman“ nicht nur visuell ein herausragendes Stück Western-Kino. Die Erzähldichte innerhalb des rund zweistündigen Filmes saugt das Publikum regelrecht auf und nimmt es mit auf eine Reise in menschliche Abgründe. Dass sich das Autorenteam dabei von einem, wie für solchen Stoff üblich, schwermütigen Erzählton wegbewegt und gar immer mal wieder schwarzen Humor hervorblitzen lässt, macht „The Homesman“ darüber hinaus zu einem Film, der sich ganz bewusst von jedweden Schubladenzuordnungen wegbewegt. Im Mittelpunkt steht ohnehin weniger die recht stringent erzählte Geschichte, sondern – wie sollte es bei einer Besson-Produktion anders sein – die von Hillary Swank heldinnengleich verkörperte Protagonistin. Jones sowie seine Co-Autoren Kieran Fitzgerald und Wesley A. Oliver zeichnen Mary Bee Cuddy als ebenso desillusionierte wie toughe Figur, die beide Züge famos in sich vereint. Cuddy zieht ihren Mut zur Tat nicht aus so etwas wie einer gefühlten Berufung. Es sind vielmehr die tragischen Umstände ihres Lebens sowie die Feigheit ihrer männlichen Kollegen, die sie dazu bringen, das Schicksal der wahnsinnig gewordenen Frauen selbst in die Hand zu nehmen. Gleichzeitig funktioniert die vermeintlich einsame Reise für sie wie ein Selbstfindungstrip, denn die ewige Junggesellin hat von ihrem Leben als Bäuerin schon lange – mit Verlaub – die Schnauze voll.

Ungeachtet der unwirtlichen Umstände, die Mary Bee auf ihrer Odyssee zu erwarten hat, kehren die Drehbuchautoren alsbald die aufbegehrenden Seiten ihrer eigentlich sehr starken Frauenfigur hervor und kreieren so einen interessanten Zwiespalt, der auch Hillary Swank immer wieder fordert. In ihr steckt eine gebrochene Frau, für die diese Reise wohl der letzte Weg ist, zu einer inneren Festigkeit zu finden. Somit lastet auf Swank eine enorme Bürde: Ohne ein glaubhaftes Spiel könnte ihr Charakter rasch von höchster Ambivalenz ins Beliebige und somit Lächerliche kippen. Doch wie es die zweifache Oscar-Gewinnerin (2000 für „Boys Don’t Cry“ und 2006 für das Boxer-Drama „Million Dollar Baby“) hinbekommt, mit kleinen Gesten tiefste Emotionen auszudrücken ist nicht nur ganz großes Kino, sondern schlicht pures Können. Swank taucht tief in ihre schwer zu handhabende Figur ein, vermittelt zu jeder Sekunde das Bild einer gebrandmarkten Frau und scheut dennoch nicht die große Geste, um den Aussagen ihrer Rolle ab und an Nachdruck zu verleihen; Und trifft Mary erst auf ihren Begleiter George, den Tommy Lee Jones mit viel mürrischem Sarkasmus verkörpern darf, heizen sich die beiden Gegenpole zusätzlich ein. Während Cuddy von Anfang an ihr nahezu komplettes Seelenleben preisgibt, erfährt man von George nur Bruchstücke aus seiner Vergangenheit. Interessant sind beide Figuren so vorzugsweise im Zusammenspiel – erst recht dann, wenn Cuddy George wenig vorteilhaft, stattdessen vielmehr verzweifelt umgarnt.

The Homesman

„The Homesman“ offenbart erst spät, dass das durch die Unberechenbarkeit der Frauen äußerst atmosphärische Abenteuer eine merkwürdige Romanze ummantelt. Dabei ist Jones‘ Werk keine Liebesgeschichte. Der Reiz der Handlung entsteht vielmehr aus den einzelnen, äußerst widersprüchlichen Storyfragmenten. Das Charakterdrama um Mary Bee trifft auf einen Egotrip, in dessen Mittelpunkt George steht. Hinzu kommt das Spiel mit der Anziehung der beiden Protagonisten und über allem schwebt die teils gar thrillerartig ausformulierte Frage, wie gestört die zu transportierenden Frauen sind, die in den Szenen ihrer Einführung offenbaren, welche unbändige, körperliche Kraft in ihnen steckt. Vor allem Miranda Otto („I, Frankenstein“) und Sonja Richter („When Animals Dream“) sind in ihrer manischen Darstellung bisweilen äußerst angsteinflößend.  Das ist viel Stoff für einen Film von zweistündiger Lauflänge, der dadurch bisweilen eine Spur zu überladen daherkommt. Doch der Schlussakt, in welchem die Grande Dame Meryl Streep („Im August in Osage County“) einen sehr würdevollen, bewegenden Kurzauftritt hat, lässt sämtliche Fäden schlussendlich stimmig zusammenlaufen. Mehr noch: Am Ende von „The Homesman“ hat der Zuschauer fast das Gefühl, die anstrengende Reise am eigenen Leib erfahren zu haben. Nur dass die Figuren im Film nie die Gelegenheit hatten, die episch-weitläufigen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Rodrigo Pieto („The Wolf of Wall Street“) so aufzusaugen, wie es dem Publikum möglich war.

Fazit: Mit herausragenden Darstellerleistungen, einer unberechenbaren Geschichte, die unter die Haut geht und viel Gefühl für menschliche Zwischentöne hat Tommy Lee Jones mit „The Homesman“ ein echtes Meisterwerk geschaffen!

„The Homesman“ ist ab dem 18. Dezember bundesweit in den Kinos zu sehen!

4 Kommentare

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