No Other Choice

Eine radikal-überdrehte Anklage an die Leistungsgesellschaft: Park Chan-Wook verfolgt mit NO OTHER CHOICE einen klaren und leider auch recht plumpen Plan. Doch leider dahinter muss das Gefühl zurückstecken, es in der bitteren Satire mit echten Menschen in einer echten Welt zu tun zu haben.

OT: Eojjeolsuga eobsda (KR 2025)

Darum geht’s

Man-su (Lee Byung-hun) arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich in einer Papierfabrik und führt ein scheinbar glückliches Leben mit seiner Ehefrau Mi-ri (Son Ye-jin) und ihren beiden Kindern. Das ehemalige Elternhaus hat er zum Zuhause für seine eigene Familie gemacht, finanziell lebt er abgesichert und findet Ausgleich in seiner Leidenschaft für Bonsai-Pflanzen. Diese Stabilität bricht jedoch abrupt zusammen, als das Unternehmen von einem amerikanischen Konzern aufgekauft und Man-su nach 25 Dienstjahren entlassen wird. Da er seine Arbeit als Grundlage seiner Existenz und seines Selbstwertgefühls betrachtet, stürzt ihn der Jobverlust in eine schwere Krise. Auch die Familie muss ihren Lebensstandard senken, die Belastung durch den Hauskredit wächst, und alle Bewerbungen bleiben erfolglos. Mit zunehmender Verzweiflung erkennt Man-su, dass nicht nur die wenigen freien Stellen das Problem sind, sondern vor allem die große Zahl an Mitbewerbern. In einem verhängnisvollen Gedankengang kommt er zu dem Schluss, dass er nur dann wieder eine Anstellung finden kann, wenn seine Konkurrenz verschwindet…

Kritik

Das südkoreanische Kino hat sich seit den frühen Zweitausenderjahren als eine der innovativsten und international anerkanntesten Filmkulturen etabliert. Mit seiner Mischung aus gesellschaftskritischen Themen, stilistischer Radikalität und genreübergreifendem Erzählen hebt es sich deutlich von westlichen Erzähltraditionen ab. Regisseure wie Bong Joon-ho, Lee Chang-dong („Burning“) und insbesondere Park Chan-wook („Die Taschendiebin“) haben das Bild des koreanischen Films nachhaltig geprägt. Während etwa Bong Joon-hos „Parasite“ soziale Ungleichheit in der Form einer bitteren Tragikomödie verhandelt, zeichnet sich Park Chan-wooks Schaffen durch eine noch stärkere ästhetische Zuspitzung und moralische Ambivalenz aus. Seine Filme verbinden visuelle Eleganz mit düsteren Geschichten über Schuld, Rache und menschliche Abgründe. Auch „No Other Choice“ steht in dieser Tradition und lässt sich sowohl als Fortführung von Joon-Jos unverkennbarem Regiestil als auch als neuer Kommentar zur koreanischen Gesellschaft lesen. Wenngleich sich in diesem auch die symptomatisch für all diese Filme stehende Plakativität wiederfindet, was hier allerdings mehr stört als unterhält.

Man-su (Lee Byung-hun), seine Ehefrau Mi-ri (Son Ye-jin) und ihre beiden Kinder ahnen noch nichts von der bevorstehenden Tragödie…

Das beginnt schon bei der Geschichte: „No Other Choice“ erzählt vom Schicksal des seinen Job über alles liebenden Mannes Man-su , der durch eine Verkettung äußerer Zwänge in eine moralische Extremsituation gerät. Er verliert seinen Job in einer Papierfabrik und einhergehend damit seine Berufung. Dieser Umstand führt ihn zu einem zweischneidigen Kampf: jenen mit sich selbst, während dessen zwischen Anpassung und Selbstzerstörung die Oberhand ausgefochten wird. Und jenen mit den harten Bandagen des Arbeitsumfelds, denn auf Jobs in einer so spezifischen Branche bewerben sich natürlich sämtliche geeignete Kandidaten, von denen manche eben einfach bessere Referenzen vorweisen können als Man-su. Dessen persönliches Schicksal steht exemplarisch für größere gesellschaftliche Mechanismen und macht den Film zu einem idealen Stoff für das südkoreanische Kino, das politische und soziale Konflikte häufig über individuelle Tragödien verhandelt. Insbesondere Fragen nach ökonomischem Druck und Machtstrukturen werden dabei zum Spiegel einer leistungsorientierten Gesellschaft. Diese politische Lesart ist wie gemacht für Park Chan-Wooks Vorliebe für formale Strenge, symbolische aufgeladene Bilder und emotionale Zuspitzung; Vor allem Letzteres wird sich im weiteren Verlauf von „No Other Choice“ noch stark in den Vordergrund drängen. Denn gerade, weil sich der Film einen solch hohen Deutungsanspruch auflädt, greift der Regisseur bei seiner Inszenierung lieber auf Drastik und deutliche Motive zurück, statt auf ruhige (Zwischen-)Töne, was bis hin zu den grellen Schauspielleistungen durchdringt.

„‚No Other Choice‘ seziert den emotionalen Ab- und moralischen Verfall seiner Hauptfigur auf der einen Seite, versteht sich auf der anderen Seite aber auch als kritischer Kommentar auf die südkoreanische Arbeitswelt.“

Die spürbare inhaltliche Überfrachtung speist sich vor allem aus der Erzählweise: „No Other Choice“ seziert den emotionalen Ab- und moralischen Verfall seiner Hauptfigur auf der einen Seite, versteht sich auf der anderen Seite aber auch als kritischer Kommentar auf die südkoreanische Arbeitswelt, was sich, wenn wir einmal ehrlich sind, auf so ziemlich jedes Land mit Leistungsgesellschaft beziehen lässt. Schon jeder Part für sich würde einen eigenen Film hergeben. So muss Park Chan-Wook beides in gerade mal 140 Minuten unterbringen. Um ihren Stoff entsprechend darzulegen, springt die Story nahezu atemlos hin und her. Es gibt kaum eine Szene, in der nichts passiert, was für den weiteren Handlungsverlauf nicht von enormer Wichtigkeit wäre. Und da ist sie wieder: die Überfrachtung. Hinzu kommt, dass Park Chan-Wook viele Szenen unnötig in die Länge zieht. In der Regel mit dem sichtbaren Ziel, aus diesen jenen bitteren Humor zu ziehen, der bei den meisten Filmen dieser Couleur den besonderen Reiz ausmacht. Doch im Falle von „No Other Choice“ kippt dieses Vorhaben allzu häufig in Banalitäten und Albernheiten. Stellvertretend dafür steht eine Rangelei zwischen dem Protagonisten und einem potenziellen Mordopfer, die Chan-Wook bis aufs Äußerste ausreizt, ohne auf eine gezielte Pointe abzuzielen. Auch ein von Man-su beobachtetes Telefonat zieht immer wieder Schleife um Schleife, lässt aber die erwartete Zuspitzung vermissen. Insgesamt wirkt „No Other Choice“ auf dem Papier (der Film basiert übrigens tatsächlich auf einem Roman) deutlich lustiger als es ihm in der Umsetzung gelingt, zu sein.

…die Man-su auf seine Weise abzuwenden versucht.

Auch die eingangs bereits erwähnen, grellen Schauspielleistungen fügen sich konsequent in die insgesamt überzeichnete Inszenierung des Films ein. Anstelle zurückhaltender, nuancierter Darstellungen dominieren laute Gesten, stark betonte Mimik und emotional aufgeladene Ausbrüche. Diese Spielweise wirkt weniger psychologisch fein ausgearbeitet als vielmehr symbolisch und exemplarisch. So erscheinen die Figuren nicht als komplexe Individuen, sondern als Träger einer politischen und moralischen Aussage. Damit unterstützt das Schauspiel Park Chan-wooks stilistische Entscheidung für eine plumpere, demonstrative Bildsprache, verstärkt jedoch zugleich den Eindruck der Überinszenierung. „No Other Choice“ sucht nicht die leisen Zwischentöne, sondern die direkte Konfrontation – sowohl visuell als auch darstellerisch. Was als bewusste Stilisierung gedacht ist, schlägt dadurch stellenweise in Übertreibung um und lässt emotionale Tiefe zugunsten einer lauten, fast theatralischen Wirkung zurücktreten. Dazu passt zu guter Letzt auch die Inszenierung selbst. Die Bildsprache (Kim Woo-hyung, „Assassination“) ist stark stilisiert, die musikalische Untermalung (Cho Young-wuk, „Oldboy“) dominant. Klare Kompositionen, harte Kontraste und viele symbolisch aufgeladene Motive verleihen den Bildern eine künstliche, fast tableauartige Wirkung, die weniger auf Realismus als auf Bedeutung abzielt. Auch die Musik dient nicht der Zurückhaltung, sondern verstärkt die emotionale Zuspitzung der Szenen und lenkt die Wahrnehmung des Publikums in eine eindeutige Richtung. Statt atmosphärischer Offenheit entsteht so eine Inszenierung, die permanent interpretiert und kommentiert. In Verbindung mit der grellen Darstellung und der demonstrativen Schauspielweise verdichtet sich der Eindruck, Park Chan-Wook wolle seine Themen nicht einfach nur andeuten, sondern gezielt ausstellen. Zweifelsohne bleibt er damit auch in seiner eigenen Tradition verhaftet, doch all das fühlte sich bei ihm schon deutlich weniger schwerfällig und gezwungen an als im Falle von „No Other Choice“.

„‚No Other Choice‘ sucht nicht die leisen Zwischentöne, sondern die direkte Konfrontation. Was als bewusste Stilisierung gedacht ist, schlägt dadurch stellenweise in Übertreibung um und lässt emotionale Tiefe zugunsten einer lauten, fast theatralischen Wirkung zurücktreten.“

Fazit: Ja, Park Chan-Wook will in „No Other Choice“ nicht einfach nur die Geschichte eines Mannes erzählen, der im harten Arbeitskampf zu rabiaten Methoden greift. Sein Film will auch deutliche Anklage an die Leistungsgesellschaft sein. Um das zu verdeutlichen, setzt der Regisseur auf Radikalität bis hin zu völligen Überdrehung. Das ist laut und drastisch, aber längst nicht so spitzfindig, wie man es von Chan-Wook sonst gewohnt ist.

„No Other Choice“ ist ab dem 5. Februar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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