They Want Me Dead

Wenn einer der gefragtesten Thriller-Autoren seiner Generation mit einem neuen Film um die Ecke kommt, wird man automatisch hellhörig. Doch Taylor Sheridans Adaption des Romans THEY WANT ME DEAD hat nicht nur das große Problem einer unglaubwürdigen Hauptdarstellerin, sondern ist auch sonst weit von seinen bisherigen Arbeiten entfernt. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Those Who Wish Me Dead (CAN/USA 2021)

Der Plot

Hannah (Angelina Jolie) gehört einer auf Waldbrände spezialisierten Feuerwehreinheit an. Sie leidet noch immer unter dem Verlust dreier Menschenleben, die sie vor einiger Zeit nicht aus einem Feuer retten konnte. Eine Art Trost im Schmerz findet sie in der sich selbst auferlegten Isolation ihres Wachturms, hoch über der Wildnis von Montana. Als jedoch Connor (Finn Little) – ein scheuer Junge, der blutverschmiert und anscheinend traumatisiert zu sein scheint – in ihrem Gebiet auftaucht, müssen sie sich gemeinsam auf den Weg machen, um die kilometerlangen dichten Wälder zu durchqueren. Sie trotzen tödlichen Gewitterstürmen, die selbst Hannah mit ihren ausgefeilten Überlebensfähigkeiten an ihre Grenze bringen, und sind sich dabei der wirklichen Gefahren nicht bewusst: zwei erbarmungslose Killer (Aiden Gillen und Nicholas Hoult), die Connor aus einer Richtung jagen, während ein gewaltiges Feuer direkt auf sie zukommt und dabei alles auf seinem Weg vernichtet. Wird Hannah, gefangen zwischen zwei Übeln, sie lange genug am Leben halten können, um Connor zu retten und sich damit auch selbst endlich vergeben zu können?

Kritik

Taylor Sheridan gehört aktuell zu den gefragtesten Thriller-Autoren seiner Zeit. Sein Debütwerk „Sicario“ wurde auf Anhieb für drei Oscars nominiert (Beste Kameraarbeit, Bester Score und Bester Tonschnitt), sein zweiter Film, der Neo-Western „Hell or High Water“, sogleich für vier, darunter auch für Sheridans Skript. Für seine dritte Arbeit „Wind River“, die zwar nicht für den Academy Award, dafür für zahlreiche andere Filmpreise vorgeschlagen wurde, begab sich Sheridan zum zweiten Mal auf den Regiestuhl (nach seinem Einstand „Pain“ aus dem Jahr 2011), dafür sollte es das erste Mal sein, dass Sheridan seine eigene Geschichte selbst inszeniert. Nach „Sicario 2“ und ein paar Folgen für die TV-Serie „Tom Clancy’s Gnadenlos“ widmet sich der gebürtige Texaner nun ein weiteres Mal der Arbeit auf dem Regiestuhl; Und wohl seiner ersten eines Fremdwerks, die jetzt, nachdem sich Sheridan einen Namen gemacht hat, für Aufmerksamkeit sorgt. Der Vorteil daran, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, ist, dass man sich weitestgehend unbeachtet ausprobieren kann, wie vor rund zehn Jahren bei dem Horrorthriller „Pain“ geschehen. Mit „They Want Me Dead“ geht das nicht mehr so leicht. Und dann ist da ja auch noch die Megastarbesetzung von Hollywood-Schönheit Angelina Jolie („Maleficent – Die dunkle Fee“), die sich sogleich als größtes Problem des Films entpuppt. Denn eine raubeinige Feuerwehrfrau, die in der Hitze der Flammen Tag für Tag ihr Leben riskiert und zwischen den Einsätzen mit ihren prolligen Kollegen herumalbert, nimmt man der Schauspielerin beim besten Willen nicht (mehr) ab.

Hannah (Angelina Jolie) gehört zu den sogenannten „Feuerspringern“ – einer auf Waldbrände spezialisierten Feuerwehreinheit.

Dass sich Angelina Jolie nicht zu Unrecht ihren Status als eine der begehrtesten Hollywoodschauspielerinnen erarbeitet hat, stellte sie bis heute in zahlreichen Filmprojekten unter Beweis. Seit ihrem aller ersten Auftritt vor der Kamera im Jahr 1982 machte sie nicht nur mit ihrem skandalträchtigen Leben Schlagzeilen, bevor sich ihr öffentliches Image von der unzähmbaren Rebellin hin zur Botschafterin diverser humanitärer Institutionen wandelte. Sie wurde darüber hinaus für zwei Oscars nominiert, von dem sie jenen für ihre Nebenrolle in „Girl, Interrupted“ aus dem Jahr 2000 sogar gewinnen konnte, bevor sie vier Jahre später für die Hauptrolle in „Der fremde Sohn“ ein weiteres Mal vorgeschlagen wurde. Auch wenn sie sich diesmal von einer Kollegin geschlagen geben musste, hat Jolie (nicht nur) mit diesen Beispielen bewiesen, dass sie völlig zu Recht für ihre Arbeit als Aktrice bekannt wurde – und weniger durch ihre Ehe mit Brad Pitt. Doch während man ihr die liebende Mutter, die auf cartooneske Weise wunderschön-düstere Zauberin Malefiz und auf den ersten bewegten Bildern zu „Marvel’s Eternals“ auch eine gottähnliche Superheldin abkauft, ist sie als traumatisierte Feuerwehrfrau in „They Want Me Dead“ schlicht und ergreifend fehlbesetzt. Da kann sie noch so prominent ihre nicht-manikürten Fingernägel ins Bild halten und sich mit ihren allesamt männlichen Kollegen darin überbieten, den Feuerwehr-Nachwuchs mit prolligen Trinksprüchen einzuschüchtern. Spätestens wenn sie bei einem waghalsigen Stunt von einem fahrenden Auto springt und anschließend wie wild von einem Fallschirm durch die Gegend geschleudert wird, wird man das Gefühl nicht los, Jolies Spiel entspräche hier vielmehr einem gequälten Beweis. Jenem, dass die 45-jährige Kalifornierin auch „sowas“ spielen kann. Doch genau das raubt ihrer Performance die Leichtigkeit – und ihrer Rolle der einsamen, traumatisierten Hannah fehlt es bis zuletzt an Authentizität.

„Während man Angelina Jolie die liebende Mutter, die auf cartooneske Weise wunderschön-düstere Zauberin Malefiz und auf den ersten bewegten Bildern zu „Marvel’s Eternals“ auch eine gottähnliche Superheldin abkauft, ist sie als traumatisierte Feuerwehrfrau in „They Want Me Dead“ schlicht und ergreifend fehlbesetzt.“

Das ändert sich auch nicht, als ihre Figur nach etwa der Hälfte des Films auf den durch ihren Wald flüchtenden Jungen Connor trifft, der noch vor wenigen Stunden mitansehen musste, wie zwei bis an die Zähne bewaffnete Bösewichte seinen Vater ermordeten. Den Grund dafür schildert Sheridan in seinem von zwei Seiten aufgezäumten Skript auf schnörkellose Weise und sorgt mit seiner zweigeteilten Struktur für ein hohes Tempo. „They Want Me Dead“ etabliert zunächst die Killer und ihre brutalen Machenschaften, anschließend gewährt uns der Film einen kurzen Einblick in das Zusammenleben zwischen Connor und seinem Vater, bis sich die Situation rasch zuspitzt und Connor einsam und verlassen im von Hannah beobachteten Waldgebiet landet. Beide Erzählstränge sind inszenatorisch derart unterschiedlich, dass man sie glatt von zwei verschiedenen Regisseuren inszeniert vermuten würde. Dass Taylor Sheridan sich allzu sehr auf seine reduziert-naturalistische Handschrift verließe, lässt sich ihm daher kaum vorwerfen. Es ist letztlich sein Verdienst, dass der pulpig-überzeichnete Erzählstrang rund um Connor und seine Verfolger sowie die weitestgehend ungekünstelt wirkende Episode rund um Hannah und ihre Feuerwehreinheit halbwegs organisch zueinanderfinden; Doch ab dann wird auch Sheridan diesen beiden vollkommen konträren Erzähl- und Inszenierungsstilen nicht mehr Herr und lässt „They Want Me Dead“ blindlinks Galopp laufen. Ganz so, als wäre Sheridan selbst gespannt, wo die Geschichte am Ende herauskommt.

Finn Little schlüpft in die Rolle des von Killern gejagten Connor.

Das ist zwar alles andere als langweilig; im Gegenteil. „They Want Me Dead“ eröffnet erzählerisch gleich mehrere Brandherde und inkludiert mal mehr, mal weniger glaubwürdige Nebencharaktere, sodass auf der Leinwand (oder via Premium-Stream zuhause auf dem Fernsehschirm) immer etwas passiert. Doch viele Szenen verlangen ihrem Publikum enorm viel Gutwillen ab, um selbst innerhalb dieses sukzessive einen gewissen B-Movie-Charme annehmenden Thrillers zu funktionieren. Eine aufgrund ihrer Qualität derart negativ hervorstechende und daher sogar zum Meme taugende Gewittersequenz leidet nicht bloß unter ihren grottigen CGI-Effekten, sondern auch unter ihrer inhaltlichen Konstruiertheit. Dem gegenüber stehen indes die teils martialisch anmutenden Szenen, in denen die Feuerwehreinheit bei ihrer Arbeit zu sehen sind. Denn das leider kaum Chemie aufbauende Duo aus Jolies Hannah und dem von Newcomer Finn Little („Angel of Mine“) stark gespielten Connor wird nicht nur von den karikaturesk anmutenden Killern verfolgt, sondern stößt auf ihrer Flucht alsbald auf eine riesige Flammenwand. Spätestens jetzt lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, weshalb „They Want Me Dead“ insgesamt so zerfasert wirkt. Taylor Sheridans Bemühen um einen lebensechten Survival-Thriller steht die Drehbuchvorlage gegenüber, die er, gemeinsam mit Michael Koryta und Charles Leavitt („Im Herzen der See“),  zwar für die Leinwand zurechtrückte, die tonal jedoch ganz andere Publikumsgelüste bedient. Aus dem im Original „Those Who Wish Me Dead“ betitelten Pulp-Roman, der seine Geschichte betont reißerisch und aberwitzig vorträgt, versucht Sheridan, die wenigen lebensechten Elemente zu filtern, und daraus einen neuen zu kreieren. Etwas, was nicht gelungen ist.

„Taylor Sheridans Bemühen um einen lebensechten Survival-Thriller steht die Drehbuchvorlage gegenüber, die er, gemeinsam mit Michael Koryta und Charles Leavitt zwar für die Leinwand zurechtrückte, die tonal jedoch ganz andere Publikumsgelüste bedient.“

Trotzdem machen diese Schwachpunkte auch ein Stückweit den Reiz von „They Want Me Dead“ aus. Wenngleich man das Gefühl nicht loswird, zwei unvereinbaren Einzelfilmen dabei zuzuschauen, wie sie auf Biegen und Brechen zusammengehalten werden, sind weder der eine noch der andere Erzählstrang völlig verkorkst; im Gegenteil. Der Film ist von hohem Tempo und setzt in seinen wenigen Actionszenen auf eine angenehme Haptik. Die wenigen Computereffekte dagegen wirken stets wie Fremdkörper. Der bereits mit Sheridans Stil vertraute Kameramann Ben Richardson („Wind River“) passt sich der zweigeteilten Filmattitüde an und legt ebenfalls unterschiedliche Variationen seiner Arbeit vor. Auf Hochglanz polierten Bildern stehen reduziert-unverfälschte Aufnahmen gegenüber, bis sich die Optiken in der zweiten Hälfte schließlich langsam angleichen.

Fazit: „They Want Me Dead“ fühlt sich an, als hätten hier zwei verschiedene Filme und ihre Stile auf Biegen und Brechen zu einem werden sollen. Es ist spannend, dabei zuzusehen, wie Taylor Sheridan diesen Spagat holprig aber nicht völlig reizlos gewuppt bekommt. Die von Angelina Jolie verkörperte Protagonistin hätte die Geschichte zusätzlich zusammenhalten können. Doch leider ist ihre Person ein klassisches Beispiel für eine Fehlbesetzung. Schlussendlich lässt einen der Film nie gelangweilt zurück, aber seine Schwächen sind allzu offensichtlich. „They Want Me Dead“ ist zwar keine Vollkatastrophe, als „gerade noch solider“ Film indes mit Abstand Sheridans bisher schlechteste Arbeit.

„They Want Me Dead“ ist ab dem 3. Juni als Premium-VOD-Titel kostenpflichtig streambar.

Ein Kommentar

  • dervideothekar

    Jolie gewann den Oscar für Girl, Interupted.
    Bitte korrigieren, soll aber auch kein reines Klugscheissen sein.
    Artikel ist gut zu lesen.

Schreibe eine Antwort zu dervideothekar Antwort abbrechen