Wind River

Mit seiner ersten international in den Kinos erscheinenden Regiearbeit WIND RIVER inszeniert Thriller-Experte Taylor Sheridan einen im wahrsten Sinne des Wortes eiskalten Film über Menschen, ihre inneren Dämonen und was sie dazu bewegt, Furchtbares zu tun. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Auf der Jagd nach Pumas findet Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) in der schroffen Wildnis des vereisten Indianer-Reservats „Wind River“ die Leiche einer jungen Frau. Sofort fühlt er sich an seine eigene Tochter erinnert, die drei Jahre zuvor unter ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist. Zur Ermittlung schickt die Bundespolizei Jane Banner (Elizabeth Olsen) an den Tatort, eine junge, noch unerfahrene Agentin aus Florida. Weil sie weder mit der unwirtlichen Witterung noch den Regeln des Reservats vertraut ist, engagiert sie Lambert als Führer, um ihr bei den Ermittlungen zu helfen. Je näher Jane und Cory der Auflösung des Falls kommen, desto mehr wird ihnen bewusst, dass sie es mit einem Gegenspieler zu tun haben, der vor nichts zurückschreckt, um seine Haut zu retten…

Kritik

Für Taylor Sheridan ist „Wind River“ erst die zweite Arbeit als Regisseur. Nachdem von seinem Debüt „Pain“, einem hierzulande lediglich im Heimkino erschienenen B-Klasse-Horrorreißer, kaum einer Notiz genommen hat (respektive im Anbetracht der beschränkten Vermarktung überhaupt Notiz nehmen konnte), wendete sich der gebürtige US-Amerikaner erst einmal dem Schreiben verschiedener Drehbücher zu. Aus seiner Feder stammen die Skripte zu den Hochklassethrillern „Sicario“ sowie „Hell or High Water“; und für Letzteren wurde er sogar für einen Oscar nominiert. Als Autor, der dafür bekannt ist, den Prozess der Dreharbeiten zu seinen Arbeiten immer sehr akribisch mitzuverfolgen, hatte er somit Gelegenheit, sich Einiges für sein nächstes Regieprojekt abzuschauen. Bevor im Spätsommer dieses Jahres also der ebenfalls von ihm geschriebene „Sicario 2: Soldado“ erscheint, kann sich das weltweite Filmpublikum nun erst einmal davon überzeugen, dass Taylor Sheridan auch als Regisseur weit mehr drauf hat, als sowas wie „Pain“. Sein – im wahrsten Sinne des Wortes – eiskalter Thriller „Wind River“ ist kühnes, abgeklärtes Whodunit-Kino; reichlich schnörkellos aber bis zur letzten Sekunde spannend. Und als klassischer Thriller hat Sheridans Film derzeit ohnehin so gut wie keine richtige Konkurrenz zu fürchten.

Gemeinsam machen sich Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) und Cory (Jeremy Lambert) auf die Suche nach dem Mörder von Natalie.

Dass in einem Thriller einfach nur ein Kriminalfall aufgelöst wird, ist man heutzutage ja eigentlich kaum noch gewohnt. Schaut man sich ein wenig im Genre der letzten Jahre um, zauberten die Regisseure immer auch noch mindestens einen Twist aus dem Hut; so ganz ohne Überraschungseffekt scheint man als Filmemacher ohnehin kaum noch etwas zu reißen. Zumal man viel zu schnell in die reine Krimisparte gesteckt wird, sofern man sich wirklich nur damit befasst, wer wen wann und warum ermordet hat. Die Geschichten von Taylor Sheridan haben sich auf der einen Seite nie über irgendwelche erzählerischen Turnarounds definiert, funktionierten auf der anderen Seite aber insbesondere als Studie über eine bestimmte Gesellschaftsschicht, ein besonderes Milieu oder dergleichen. Da wundert es nicht, dass auch „Wind River“ in dieselbe Kerbe schlägt. Im Zentrum seines 11 Millionen US-Dollar teuren Thrillers steht zwar die Suche nach der Todesursache eines jungen Mädchens, doch vor allem porträtiert Sheridan – der für seinen Film natürlich keinen Drehbuchautoren anheuerte, sondern die Arbeit am Skript auch direkt selbst übernahm – darin das Leben in der trostlosen Einöde von Wyoming, die nur zwei Arten von Menschen zutage zu fördern scheint: die Guten, die so schnell wie möglich die Flucht in größere Städte ergreifen. Und die, die dort bleiben, in Ermangelung an Zukunftsperspektiven jedoch schnell drohen, ins kriminelle Milieu abzudriften.

Während Taylor Sheridan fast im Vorbeigehen anhand von Gesprächen und Momentaufnahmen ergründet, was in diesem gefühlskalten Outback alles im Argen liegt, treibt die im Mittelpunkt stehende Ermittlung rund um den Tod der jungen Natalie die Story permanent an. Auf dieser Ebene ist „Wind River“ ein klassischer Krimi: Der ortskundige Fährtenleser Cory Lambert und die engagierte Polizistin Jane Banner ergründen zunächst die dramatische Todesursache, gehen schließlich verschiedenen Spuren nach und führen die einzelnen Puzzleteile nach und nach zu einem großen Ganzen zusammen. Dabei hält sich Taylor Sheridan mit dem Zeigen expliziter Gewalt zurück; viel detaillierter geht er dagegen auf akustischer Ebene ins Detail, wenn Menschen mehrmals akribisch genau vereinzelte Verletzungs- und Tathergänge rekonstruieren. Schon die Schilderung, woran Natalie wirklich gestorben ist, ist nichts für zarte Gemüter und je weiter „Wind River“ voranschreitet, desto drastischer wird die Auseinandersetzung mit dem Thema Körperliche Gewalt – auch ein exzellent inszenierter, äußerst üppig ausfallender Shootout kommt weitaus blutiger daher, als Standard-Krimiware. Die FSK-Freigabe ab 16 hat sich der Film dannoch weniger durch seinen hohen Blutgehalt verdient, als vielmehr dadurch, wie selbstverständlich hier über Verletzungen, Missbrauch und andere Brutalitäten gefachsimpelt wird.

Cory verspricht seinem Freund Martin Hanson (Gil Birmingham), dass er bei der Suche nach dem Mörder seiner Tochter helfen wird.

Um in so einer kalten Atmosphäre die Hoffnung auf emotionale Verarmung nicht zu verlieren, bestückt Taylor Sheridan seinen Film mit zwei kantigen Protagonisten. Jeremy Renner („Kill the Messenger“) mimt den gleichermaßen gebrochenen wie unnachgiebig nach Gerechtigkeit strebenden Cory Lambert als ambivalenten Zeitgenossen, der sich zu keinem Zeitpunkt an das Publikum anbiedert, sondern als Figur ernst genommen und entdeckt werden will. Elizabeth Olsen („The First Avenger: Civil War“) mutet dagegen ein wenig zerbrechlicher und warmherziger an, steht ihrem wortkargen Kumpan in Sachen Verbissenheit allerdings in Nichts nach. Die beiden Schauspieler harmonieren hervorragend. Darüber hinaus verzichtet das Skript dankenswerterweise auf eine ebenso generische wie verwässernde Lovestory. Das würde im Anbetracht der minimalistischen Inszenierung ohnehin fehl am Platz wirken. Eine Reduktion, die sich in der technischen Ausstattung widerspiegelt. Ganz ohne aufwändige Kamerafahrten, besondere Farbfilter oder spektakuläre Musik, sind die von Kameramann Ben Richardson („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) auf das Notwendigste reduziert. Das Publikum wird zum absolut nüchternen Betrachter der Ereignisse; erst im letzten Drittel werden die zuvor so starren Bilder ein wenig lebendiger, während sich das Leben aus den Figuren mehr und mehr verabschiedet.

Fazit: In ein Gewand aus eiskalten Bildern gehüllt, ist „Wind River“ ein im besten Sinne schnörkelloser Thriller, der nicht bloß das brutale Verbrechen an einem jungen Mädchen in den Fokus rückt, sondern sich auch intensiv mit verschiedenen sozialen Milieus auseinandersetzt. Jeremy Renner und Elizabeth Olsen verhelfen der Geschichte bei all ihrer Tristesse außerdem zu einer guten Portion Menschlichkeit und harmonieren bestens als Ermittlerduo wider Willen.

„Wind River“ ist ab dem 8. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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