The Ritual

Auf dem Streamingportal Netflix versteckt sich seit einiger Zeit ein kleiner smarter Horrorfilm, der frischen Wind in das altbekannte „der Schrecken lauert im Wald“-Motiv bringt. Weshalb THE RITUAL trotz eines schwachen Finals einen Blick wert ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Nachdem ihr Kumpel Rob (Paul Reid) bei einem Supermarktüberfall auf tragische Weise sein Leben verliert, beschließen die vier Freunde Luke (Rafe Spall), Hutch (Robert James-Collier), Phil (Arsher Ali) und Dom (Sam Troughton), in seinem Sinne eine Wanderung zu unternehmen, an der auch Rob ursprünglich teilnehmen wollte. Die Stimmung ist angespannt, doch in der skandinavischen Wildnis sollen sich die Nerven allmählich beruhigen. Anfänglich gelingt das auch, doch je tiefer die Männer ins Dickicht der Wälder vordringen, desto negativer wird die Stimmung in der Gruppe. Als sie dann auch noch einem ausgeweideten Elch begegnen, sind sich die Freunde sicher, dass in der Einöde etwas Unheimliches vor sich geht. Im strömenden Regen suchen sie schließlich Zuflucht in einer einsamen Waldhütte. Dass das ein Fehler war, kündigt sich an, als eines Nachts plötzlich einer aus der Gruppe schlafwandelt eine unsichtbare Gottheit anbetet. Es ist der Auftakt, ebenso haarsträubender wie tödlicher Ereignisse…

Kritik

Hätte es vor fünf Jahren nicht das knallharte Remake zu Sam Raimis „Tanz der Teufel“ gegeben, wäre in der berühmt berüchtigten Hütte im Wald vermutlich nie wieder der blanke Horror eingekehrt. Immerhin hatte Joss Whedon ein Jahr davor das (Sub-)Genre einmal komplett auf links gedreht und mit seiner Satire „The Cabin in the Woods“ die Mechanismen solcher Schocker kongenial entlarvt. Für seine hierzulande lediglich beim Streamingdienst Netflix zu sehende Produktion „The Ritual“ begab sich Regisseur David Bruckner („The Signal“) ebenfalls ins unwegsame Dickicht der Natur und schickt dort eine Gruppe aus vier Freunden durch die Hölle. Der Titel seines Films verrät fast schon zu deutlich, worauf seine Geschichte hinauswill. Genau diese Auflösung erweist sich für den lange Zeit gerade durch seine Bodenständigkeit überzeugenden Gruseler als größter Schwachpunkt. „The Ritual“ ist so lange richtig gut, bis sich die Ursache für den ganzen Spuk offenbart. Das gleichermaßen hysterische wie allzu offensichtliche Finale schmälert zwar den Gesamteindruck, doch allein aufgrund der 80 Minuten davor lässt sich der Film durchaus als Geheimtipp betiteln und all jenen empfehlen, die einen Wald als Setting für einen Horrorfilm immer noch als gruselig empfinden.

Luke (Rafe Spall) und seine Freunde bahnen sich ihren Weg durch das Dickicht des Waldes.

Obwohl die Grundidee von „The Ritual“ dazu einlädt, den Film als Found-Footage-Projekt zu aufzuziehen, entschloss sich David Bruckner für eine ganz reguläre Inszenierung. Trotzdem nutzt er ein wesentliches Merkmal der Wackelkamera-Filme auch für seine Produktion: Mit seiner größtmöglichen Konzentration auf die vier Figuren vor gewaltiger Kulisse ist er immer ganz nah dran an den Protagonisten und gibt intime Einblicke in deren Gedankenwelt preis. Darüber hinaus begibt sich Kameramann Andrew Shulkind („The Safe – Niemand wird verschont“) grundsätzlich auf die sich abwechselnde Augenhöhe einzelner Charaktere und erzählt zum Großteil aus dem Blickwinkel der verschiedenen Figuren. Nur selten zeigt er das Geschehen aus der Ferne oder gibt einen Überblick über die gesamte Szenerie, was nicht zuletzt dafür sorgt, dass die sukzessive ansteigende Anspannung in der Gruppe immer greifbarer wird. Geschickt montiert er anschließend die unterschiedlichen Sichtweisen der vier Hauptfiguren ineinander und platziert obendrein Rückblenden, die nach und nach die tragischen Umstände preisgeben, die dafür sorgten, dass Luke, Hutch, Phil und Dom nur noch zu viert unterwegs sind, anstatt, wie ursprünglich geplant, zu fünft.

Ganz vorsichtig und präzise streut Bruckner schließlich kleine Spuren unbehaglicher Anwesenheit eines unbekannten Etwas. Mit einem aufgehängten verstümmelten Elch und merkwürdigen, offenkundig rituellen Symbolen in einer Hütte, gepaart mit unheimlichen Geräuschen, die gleichermaßen von einem Mensch, Tier, aber auch einfach von Mutter Natur stammen könnten (in so einem Wald rauscht und knackt es nun mal immer und überall), verdichten sich nach und nach die Anzeichen, dass hier irgendetwas nicht stimmen könnte. Was genau das ist, halten die Macher lange in der Schwebe – und genau hier liegt die größte Stärke von „The Ritual“. Ganz ohne irgendeinen unheimlichen Fluch, das Wissen um die Existenz einer bösen Hexe (Stichwort: „Blair Witch“), böse Redneck-Folterer oder anderweitige Horror-Klischees und -Stereotypen, entfaltet sich die Spannung hier ganz allein aus der Natur der Sache. Es ist einfach irre unheimlich, sich als Mensch in einem riesengroßen Wald zu verirren und Dinge zu sehen, die sich im ersten Moment nicht zuordnen lassen, die gleichermaßen vollkommen harmlos, aber eben auch das genaue Gegenteil sein könnten. Hinzu kommt, dass sich die von vier charakterstarken Schauspielern verkörperten Hauptfiguren weitestgehend logisch verhalten. Und so verfolgt man eben lange Zeit, was Menschen wie Du und ich in einer solch uneinschätzbaren Situation tun würden.

Kann Luke der Gefahr entkommen?

Doch es scheint fast so, als würden die Macher den Stärken ihrer bis dahin so minimalistisch aufgezogenen Geschichte nicht vertrauen. Drehbuchautor Joe Barton („iBoy“), der die Romanvorlage von Adam Nevill für die Leinwand adaptierte, folgt der Vorlage und das bedeutet, dass sich im letzten Drittel nicht nur der Filmtitel effektvoll offenbart, sondern auch, dass es mit der ruhigen Inszenierung vorbei ist. Die Auflösung des ganzen Spuks mag zwar durchaus innovativ sein – wer hier in den skandinavischen Wäldern sein Unwesen treibt, verraten wir an dieser Stelle zwar nicht, aber es ist immerhin etwas (oder Jemand), den oder das wir zuvor noch nie gesehen haben. Gleichzeitig mündet der letzte Akt von „The Ritual“ in Horrorfilm-typische Hysterie, die auch nicht mehr zu bieten hat, als ein Großteil ähnlich gepolter Genrefilme. Dass man hier nicht komplett abschaltet – im Anbetracht der Netflix-Veröffentlichung ist das sogar wortwörtlich zu verstehen – liegt zum Einen an den weiterhin routinierten Darstellerleistungen und zum Anderen daran, dass man die vier Charaktere aufgrund ihrer ausgereiften Profilzeichnungen und dem Mut, den Freunden auch diverse Schwächen zuzugestehen, zuvor so sehr in sein Herz schließt, dass man bis zuletzt immerhin noch wissen möchte, wer aus dieser ganzen Sache am Ende heile davon kommt.

Fazit: „The Ritual“ ist ein solider Horrorthriller mit sympathischen Figuren, der seine Spannung sehr lange daraus zieht, dass die allgegenwärtige Gefahr nicht greifbar ist. Wie sich der Spuk schließlich aufklärt, ist dann allerdings Usus im Genre.

„The Ritual“ ist ab sofort auf Netflix streambar. 

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