Boy Missing

Diesmal greift Spaniens Vorzeige-Gehirnverdreher Oriol Paulo nicht selbst zum Regiezepter, sondern überlässt die Verfilmung seines Crime-Dramas BOY MISSING einer Newcomerin. Wie das Ergebnis geworden ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Das Leben der erfolgreichen Anwältin Patricia de Lucas (Blanca Portillo) wird schlagartig zum Alptraum, als ihr Sohn Víctor spurlos von der Schule verschwindet. Doch einige Stunden später taucht Víctor (Marc Domènech) bereits wieder auf: Ziellos und weitgehend unverletzt umherirrend wird er auf offener Straße gefunden. Mit Hilfe seiner Mutter berichtet der taubstumme Junge, dass er von einem Unbekannten entführt wurde und ihm die Flucht gelungen ist. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass manche Dinge nicht so sind wie sie scheinen. Patricia droht allmählich die Kontrolle zu verlieren, denn der Fall nimmt unerwartete und zunehmend gefährliche Wendungen…

Kritik

Regisseur und Drehbuchautor Oriol Paulo hat sich in den letzten Jahren einen Namen als der neue Mindfuck-Regisseur des Genrekinos erarbeitet. Anlässlich seines Horrorthrillers „The Body“ rief sogar der Kinobetreiber eines Filmfestivals zu einer Wette mit dem Saalpublikum auf: Wer den finalen Twist vor Ablauf der Auflösung errät, erhält ein Bier aufs Haus. Auch das im deutschen Heimkino zu einem großen Erfolg avancierte Kammerspiel „Der unsichtbare Gast“ blieb den meisten Zuschauern vor allem aufgrund seiner spektakulären Wendung im Finale in Erinnerung, sodass sich mit dem Namen des in Deutschland vor wenigen Jahren noch völlig unbekannten Filmemachers mittlerweile gut werben lässt. Doch schon M. Night Shyamalan wusste, dass es mit der Zeit immer schwieriger wird, den Zuschauer zu überraschen, wenn ebenjener die Überraschung wiederum erwartet. Da ist es nur konsequent, dass Paulo die Inszenierung seines Entführungskrimis „Boy Missing“ nicht bloß in fremde Hände übergeben hat, sondern in Sachen Mindfuck und Twist außerdem einen Gang zurückschaltet. Seine Geschichte über einen gekidnappten Jungen, der schon wenige Stunden nach seiner Entführung zurückkehrt und dessen Aussagen sich mit der Zeit immer hanebüchener widersprechen, kommt zwar ähnlich seiner bisherigen Filme mit einigen unvorhersehbaren Wendungen daher, doch so richtig in Fahrt kommt sein chronologisch gesehen viertes Werk nicht.

Bei der Polizei muss Víctor (Marc Domènech) den Ermittlern Rede und Antwort stehen.

Auch wenn „Boy Missing“ hierzulande erst nach „The Body“ und „Der unsichtbare Gast“ in die Heimkinos kommt, stellte ihn Regisseurin Mar Targarona („Mor, vida meva“) genau zwischen der Entstehung dieser beiden Ausnahmethriller fertig. Im Anbetracht dessen, dass es sich bei „Boy Missing“ um den mit Abstand unspektakulärsten der drei Genrevrtreter handelt, ist die Veröffentlichungsreihenfolge zumindest aus Marketingsicht verständlich; mittlerweile erhalten die Arbeiten Oriol Paulos (der übrigens auch für den weitaus bekannteren Gruselthriller „Julias Eyes“ verantwortlich zeichnete) einige Vorschusslorbeeren. Doch an „Boy Missing“ ist nicht nur inhaltlich so Einiges nicht so, wie es von außen scheint. Das fängt schon beim Titel an. Im Spanischen wurde der Film unter dem Namen „Secuestro“ vertrieben, was im Deutschen soviel wie „Entführung“ bedeutet. Das Interessante: Die eigentliche Entführung findet im Film überhaupt nicht statt, denn bereits in der aller ersten Einstellung ist das Opfer Víctor seinen Kidnappern bereits entkommen. Die Geschichte setzt erst ein, als er an einer Straße von einem jungen Mann aufgegabelt wird, der ihn wieder nach Hause bringt. Im Fokus steht also vor allem die (definitiv spannende) anschließende Ermittlungsarbeit, die sich vor allem aus der Aussagenaufnahme Víctors zusammensetzt. Als dieser seinen Entführer anhand eines Phantombildes sehr schnell identifizieren kann, ist gerade einmal eine halbe Stunde des Films vergangen und die „Whodunit“-Ausgangslage weicht einem neuen erzählerischen Fokus, der aus Spoilergründen an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Auch wenn die Erkenntnis, in welche erzählerische Richtung „Boy Missing“ noch gehen wird, durchaus unvorhergesehen eintritt, hat der Film seinen dramaturgischen Höhepunkt bereits nach rund 40 Minuten erreicht. Dies liegt auch daran, dass Oriol Paulo seine Geschichte dieses Mal zwar weitaus weniger effekthascherisch anlegt, sich dafür aber auch Längen einschleichen, die sich in seinen bisherigen Filmen nicht ausmachen ließen. Damit mag „Boy Missing“ jenen Zuschauern zwar mehr zusagen, die sich bisher an den durchaus reißerischen Auflösungen seiner Storys störten; seine Storys sind zwar immer spannend, überraschend und enden spektakulär, doch es ist nicht zu leugnen, dass da auch reichlich Konstruktion hinter steckt. Doch genau diesen Wiedererkennungswert der High-Concept-Inszenierung (also einer erzählerischen Ausgangslage, auf die man sich völlig fern jedweder Logik eben einfach einlassen muss) besitzt „Boy Missing“ eben nicht – und dürfte damit all jene enttäuschen, die von dem Entführungsthriller genau das erwarten, was sie auch mit „The Body“ oder „Der unsichtbare Gast“ erhielten. Damit ist Paulo diesmal nur ein ordentlicher Krimi gelungen, nicht aber das nächste überbordende Mindfuck-Erlebnis; auch wenn Regisseurin Mar Targarona inszenatorisch alles gibt, um ihren Film ähnlich undurchsichtig zu gestalten, wie der Drehbuchautor selbst.

Víctors Mutter Patricia (Blanca Portillo) sucht Hilfe bei ihrem Exfreund.

Gedeckte Farben, viele verschiedene Schauplätze, unnahbare Figuren und ein unheilvoller Score, den Komponist Marc Vaíllo („Paranormal Experience“) leider ein paar Mal zu oft bedrohlich anschwellen lässt, bilden das atmosphärische Gewand eines Films, der leider immer einen Tick zu steril ist, um im Detail das Non-plus-Ultra an Spannung zu erzeugen. Darüber hinaus ist Targarona in entscheidenden Momenten zu offensichtlich – während Paulos Geschichten bislang vor allem ausmachte, dass ihr Ausgang wie aus dem Nichts kam, weist die Regisseurin hier immer wieder zu offensichtlich darauf hin, worauf „Boy Missing“ letztlich hinausläuft. Das bedeutet nicht, dass ihr Film zeitweise immer noch ziemlich gut funktioniert. Dazu tragen nicht bloß ausgewählte Setpieces wie eine Untergrund-Hundekampfarena bei, sondern auch, dass sich hier letztlich jedes wichtige Puzzleteil nachvollziehbar an die richtige Stelle setzen lässt. Auch die Darsteller machen einen soliden Job; angeführt nicht etwa von Blanca Portillo („Zerrissene Umarmungen“), der man die ganz große Emotion nicht immer abnimmt, sondern von Newcomer Marc Domènech, der hier seine aller erste Filmrolle überhaupt spielt. Auch, wenn es erzählerisch überhaupt keine Rolle spielt, dass seine Figur so gut wie taubstumm ist, ermöglicht ihm diese Einschränkung eine umso intensivere Darbietung des verwirrten, unsicheren Entführungsopfers. Eine Performance, von der wir in naher Zukunft gern noch mehr sehen würden.

Fazit: „Boy Missing“ ist ein guter Krimi mit einigen unerwarteten Wendungen und einer zum Teil recht intensiven Atmosphäre. Gemessen an den bisherigen Werken des Drehbuchautors Oriol Paulo, der mit „The Body“ und „Der unsichtbare Gast“ unsere Gehirnwindungen überstrapazierte, ist der fast schon konventionell erzählte Thriller jedoch eher eine Enttäuschung.

„Boy Missing“ ist ab dem 22. März auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich.

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