On the Beach at Night Alone

Die deutsch-koreanische Koproduktion ON THE BEACH AT NIGHT ALONE verfolgt eine von Liebeskummer geplagte Schauspielerin auf ihrer Sinnsuche durch Hamburg und Korea. Das Ergebnis ist ein gleichermaßen flatterhaftes wie melancholisches Leinwandgemälde, das viel für seine Zuschauer bereithält.

Der Plot

Die junge, aufstrebende Schauspielerin Younghee (Kim Min-Hee) hat gerade die Affäre zu einem verheirateten Mann beendet. In Hamburg, fern von ihrer Heimat Seoul, nimmt sie sich Zeit für sich selbst, um über die Liebe nachzudenken. Bei Spaziergängen in der Hafenstadt fragt sie sich, ob ihr ehemaliger Geliebter noch etwas für sie empfindet und was sie wirklich vom Leben erwartet. Zurück in Korea besucht Younghee die Küstenstadt Gangneung und trifft dort auf alte Freunde. Je weiter der Abend voranschreitet und je mehr Alkohol die Anwesenden zu sich nehmen, desto mehr wandeln sich ihre Gespräche. Anfangs sind es noch gehaltvolle Diskussionen, doch die Nichtigkeiten nehmen überhand. Younghee verlässt das Hotel und flüchtet an einen einsamen Strand…

Kritik

Im vergangenen Jahr gewann die 35-jährige Schauspielerin Kim Min-Hee („Die Taschendiebin“) den Darstellerpreis bei den 67. Filmfestspielen von Berlin. Eine große Ehre, obwohl die vor allem in ihrem Heimatland beliebte Mimin im dazugehörigen Film „On the Beach at Night Alone“ auf den ersten Blick gar nicht so viel zu tun hat. Die Ausgangslage – eine Schauspielerin hatte mit ihrem Regisseur eine Affäre und muss das Scheitern derselben nun verarbeiten – ist von wahren Ereignissen inspiriert, schließlich wurde dem Filmemacher Hong Sang-Soo („Right Now, Wrong Then“) tatsächlich eine Affäre mit der Schauspielerin nachgesagt, die nun in „On the Beach at Night Alone“ die Hauptrolle spielt. Und da der Regisseur seinen Darstellerinnen und Darstellern ohnehin nur kurze Szenenfragmente an die Hand gibt, um die herum er sein Team schließlich improvisieren lässt, steckt in dem Drama vermutlich eine ganze Menge an Verarbeitung von tatsächlich Erlebtem; zumindest kann sich Min-Hee in gewisser Weise in ihre Rolle hineindenken. So wirkt „On the Beach at Night Alone“ über die meiste Zeit auch gar nicht unbedingt wie ein Spielfilm, sondern eher wie eine observierende Dokumentation, wenn sich Hong Sang-Soo wie ein Voyeur an die Fersen seiner Figuren heftet und ihnen beim Philosophieren über die Schulter blickt. Von einem klassischen Schauspiel bekommt man da wenig mit. Doch genau das macht auch einen Großteil vom Reiz dieses Films aus.

Younghee (Kim Min-Hee) kehrt nach ihrem Urlaubstrip nach Hamburg zurück in ihre Heimat Korea.

Man fühlt sich zeitweise durchaus ein wenig an Terrence Malick („Song to Song“) erinnert – nur ohne das mitunter penetrante Voice-Over. In „On the Beach at Night Alone“ folgt der Zuschauer zwar beständig einer Figur und muss im Gegensatz zu den Filmen des Kollegen keine größeren Interpretationen anstellen, um überhaupt etwas mit der Bild-Wort-Komposition anzufangen. Dennoch fällt auch „On the Beach at Night Alone“ letztlich ziemlich assoziativ aus, was im Klartext bedeutet: Wer für sich absolut gar nichts findet, wovon er sich im Laufe der 100 Minuten Lauflänge – im wahrsten Sinne des Wortes – angesprochen fühlt, für den kann dieser Hamburg-Korea-Trip wahrlich ermüdend ausfallen. Denn seien wir einmal ehrlich: Auf den ersten Blick passiert hier nämlich kaum etwas. So muss man entweder direkt zu Beginn mit der Ausgangslage connecten, oder im weiteren Verlauf mindestens einen Gedankengang für sich entdecken, um der Szenerie nicht bloß als nüchterner visueller Betrachter beizuwohnen, sondern die Dialoge und Anstöße direkt für sich in etwas umzuwandeln, was sich auf sich selbst übertragen lässt. Glücklicherweise liefert Hong Sang-Soo kein überhöhtes Szenario, sondern mehr oder minder den Auszug aus mehreren Tagen des ganz normalen Lebens einer von Liebeskummer geplagten, jungen Frau. Und die Gedanken, die diese sich macht, dürften so ziemlich jedem in Abwandlung bekannt vorkommen.

„On the Beach at Night Alone“ läuft nicht auf irgendeinen Höhepunkt zu. Genauso wenig gibt es in dieser im besten Sinne unaufgeregten Geschichte verschiedene Szenen, die sich als für sich stehende Highlights von den anderen abheben würden. Sicher: Da ist diese Mischung aus harmlosem Lunch und unbeholfenem Date, die Younghee in Korea über sich ergehen lassen muss. Oder die verschiedenen Streitgespräche, die die Schauspielerin und ihr Umfeld bei diversen Abendessen führen und in denen ausgiebig über den Sinn der Liebe und das Verlassenwerden sinniert wird. Ohne es gezielt darauf anzulegen, verlaufen sich in diese Diskussionen immer wieder ebenso komische wie tragische Akzente voller Lebensweisheit, die sich selbst ohne ein direktes Anwenden auf die eigene Lebenssituation als im Kontext unterhaltsam erweisen. In diesen Szenen ist es vor allem Kim Min-Hee, die es spielend leicht aussehen lässt, ihrer Figur eine natürliche Theatralik zu verleihen, sodass man selbst in aufbrausenden Momenten stets den Eindruck hat, all das hier sei keine fiktive Geschichte, sondern rein dokumentarisches Kino.

Bei einem Abendessen kommt es zu einem Streitgespräch über die Liebe und wer sie verdient hat.

Trotzdem gibt es Momente, die den authentischen Eindruck trüben. Vor allem bei der Wahl der Nebenfiguren wurde nicht zwingend auf Schauspieltalent geachtet, sondern vorwiegend nach Gefühl gecastet, ob diese sich vom Typ und Charisma in den Film fügen. Letzteres tun sie, doch die von ihnen gegebenen Sätze wirken nicht selten auswendig aufgesagt. Auch bei der Wahl des Settings kann man darüber streiten, ob man Hong Sang-Soo für seine Zurückhaltung beglückwünschen, oder das Potenzial für nicht ausgeschöpft befinden soll. Dass der gebürtig aus Seoul stammende Filmemacher und Drehbuchautor (sofern man ihn denn so nennen kann, bei seiner bevorzugt auf Improvisation bauenden Arbeitsweise) nicht die typischen Großstadt-Hot-Spots für seine Arbeit ausgesucht hat, verhilft „On the Beach at Night Alone“ zwar zu Herz und Seele, doch so ganz schöpft er die Besonderheiten seiner beiden völlig kontrastreichen Settings Deutschland und Korea nicht aus. Die Kluft zwischen den verschiedenen Kulturen ließe sich noch wesentlich deutlicher unterstreichen, hätte er sich auf beiden Kontinenten noch mehr ins Getümmel gestürzt. So aber bleibt der Fokus voll und ganz auf seiner Hauptfigur, die „On the Beach at Night Alone“ mühelos auf ihren Schultern trägt. Allein ihre natürliche Leichtigkeit für Eindreiviertel Stunden auf der Leinwand zu bewundern, ist den Kauf eines Kinotickets wert.

Fazit: Hong Sang-Soos von wahren Ereignissen inspiriertes Drama „On the Beach at Night Alone“ ist eine ebenso minimalistische wie melancholische Sinnsuche über die Liebe in all ihre Facetten, deren Highlight Kim Min-Lees Performance ist.

„On the Beach at Night Alone“ ist ab dem 25. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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