Thor: Tag der Entscheidung

Der neuseeländische Filmemacher Taika Waititi ist für seinen verschrobenen, einzigartig-albernen Humor bekannt. Nun durfte er bei THOR: TAG DER ENTSCHEIDUNG unter dem wachsamen Auge von Marvel Regie führen. Ob da nur zwei Welten kollidieren, oder ob dabei etwas Einzigartiges entstanden ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Durch unglückliche Umstände ist Donnergott Thor (Chris Hemsworth) auf der anderen Seite des Universums in Gefangenschaft gelandet. Ohne seinen legendären Hammer, der ihm übermenschliche Kräfte verleiht, muss er in einem Wettlauf gegen die Zeit versuchen, nach Asgard zurückzukehren. Denn seine Heimat wird von der skrupellosen, allmächtigen Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) bedroht, die Asgard und seine Hochkultur vernichten will. Um Ragnarök, die Götterdämmerung, zu verhindern, muss Thor über sich hinauswachsen, zunächst einmal aber seinen nächsten Kampf überleben. In einer Gladiatorenarena auf dem Planeten Sakaar trifft er unter den Augen seines Bruders Loki (Tom Hiddleston) und dem wahnwitzigen Herrscher Grandmaster (Jeff Goldblum) auf seinen früheren Verbündeten aus dem Avengers-Team: den wütenden Hulk (Mark Ruffalo).

Kritik

Sämtliche bisherigen Solo-Filme der Marvel-Superhelden unterlagen allesamt einer ganz eigenen Genre-Handschrift. Das Cinematic Universe beinhaltet kühle Politthriller („The Return of the First Avenger“), beschwingte Heist-Komödien („Ant-Man“) und seit Anfang dieses Jahres auch Coming-of-Age-Comedys („Spider-Man: Homecoming“). Kundige Kinogänger wussten bei der Nachricht, Taika Waititi würde die Regie des neuesten „Thor“-Abenteuers übernehmen, von Anfang an, in was für Gefilde der Comickonzern diesmal vorstoßen wollte. Der Macher von „Fünf Zimmer, Küche, Sarg“ und „Wo die wilden Menschen jagen“ ist für seinen verschroben-überdrehten, bisweilen albernen, aber immer herzlichen Humor bekannt, was sich eigentlich mit den ersten beiden Filmen rund um den Donnergott beißt. Der Auftakt sowie die Fortsetzung „The Dark Kingdom“ machten das „Dark“ im Titel zum Programm, zumal die Comicvorlage des nächsten Sequels, „Ragnarok“ nämlich, zu den düstersten Marvelplots überhaupt gehört. Übersetzt bedeutet „Ragnarok“ nämlich Götterdämmerung – also den ultimativen (End-)Kampf zwischen allen Göttern. Dass der Titel aus Rechtegründen hierzulande in das wenig aussagekräftige „Tag der Entscheidung“ umbenannt wurde, ist daher ausnahmsweise mal angebracht, um die Erwartungen ein wenig in die richtige Richtung zu lenken. „Thor: Tag der Entscheidung“ ist nämlich kein herb-melancholischer Fantasy-Kriegsfilm, sondern eine überdrehte, knallbunte Kalauerparade auf den Spuren von „Guardians of the Galaxy“, die abseits der bislang höchsten Gagdichte innerhalb eines Marvelfilms jedoch nicht allzu viel zu bieten hat.

In der Arena stehen sich Thor (Chris Hemsworth) und der unglaubliche Hulk (Mark Ruffalo) gegenüber.

Taika Waititi ist nicht das erste Mal an einem Superheldenfilm beteiligt. 2011 spielte er eine kleine Rolle in „Green Lantern“ – bis heute ein absolutes Negativbeispiel für eine Comicverfilmung jüngerer Vergangenheit. So viel kann zur Beruhigung der Marvel-Fans bereits verraten werden: Obwohl „Thor 3“ gerade im Vergleich zu den letzten MCU-Filmen deutlich abfällt, ist er immer noch meilenweit von Rohrkrepierern der Marke „Green Lantern“ entfernt. Ein gewisses Grundniveau fahren die seit 2009 zur Walt Disney Company gehörenden Marvel Studios immer auf, sodass sich die 131 Filmminuten schon mal nicht vorwerfen lassen müssen, zu langweilen. Taika Waititi  und seine Drehbuchautoren Eric Pearson („Marvel’s Agent Carter“), Craig Kyle („Logan“) und Christopher Yost („Thor: The Dark Kingdom“) brennen auf der Leinwand – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Feuerwerk an Slapstick ab, garnieren es mit einer Prise süffisantem Wortwitz und verpassen ihm zu guter Letzt einen ordentlichen Knalleffekt. Auch der Kampf zwischen Gut und Böse kommt nicht zu kurz: Mit Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett („Carol“) haben die Verantwortlichen eine gute Wahl getroffen. Trotz austauschbarer Motivation – wieder einmal fühlt sich ein Mitglied von Thors Familie zurückgestellt und sinnt daher auf Rache und allgegenwärtige Zerstörung – ist Blanchetts Präsenz einschüchternd und ihre zynisch-schwarzhumorige Ader fügt der ohnehin so einschüchternde Attitüde der Todesgöttin noch eine gute Portion Wahnwitz bei. Für eine in ihrem Auftreten so starke Antagonistin bekommt der Zuschauer Hela dann allerdings erstaunlich selten zu Gesicht; stattdessen konzentriert sich „Thor: Tag der Entscheidung“ vornehmlich auf den Kleinkrieg zwischen Thor und seinem Bruder Loki sowie die Kabbeleien unter dem Donnergott und seinem wiedergefundenen, verschollenen Kollegen Bruce Banner. Das Gefühl für die Bedrohung durch Hela gerät da immer wieder in Vergessenheit, wenngleich Waititi immerhin im Schlussakt mit beachtlicher Konsequenz voranschreitet.

Trotzdem steht gerade das lediglich von CGI-Gewitter und Gags lebende Finale symptomatisch für die Probleme, die „Thor: Tag der Entscheidung“ sowohl auf der optischen, als auch auf der erzählerischen Ebene mit sich bringt. So pointiert geschrieben die Witze auch sein, und so passioniert und von perfektem Timing die Hauptdarsteller diese auch vortragen mögen, so sehr gerät die emotionale Komponente ins Hintertreffen. Trotz der totalen Zerstörung, bei der schließlich nicht weniger als die Existenz eines ganzen Planeten im Fokus steht, bleibt die emotionale Fallhöhe gering. Das Skript widmet sich nur marginal den persönlichen Entwicklungen seiner Charaktere und konzentriert sich stattdessen lieber auf die flotten Sprüche und coolen One-Liner seiner Helden, sodass selbst in gefühligen Momenten zwischen den Figuren kein Platz dafür ist, das Geschehen zu reflektieren. Fast ohne eine handfeste Bedrohung spielt sich vor den Augen des Zuschauers eine 130-minütige Slapstick-Parade ab, die zwar einen enormen Unterhaltungswert besitzt, allerdings jeden noch so kleinen Funken von Menschlichkeit zu Gunsten einer knackigen Pointe verheizt. Die Figur des Bruce Banner alias Hulk bekommt davon am meisten zu spüren. Das seit den Ereignissen von „Age of Ultron“ verschollene Wutmonster taucht nicht bloß ganz beiläufig wieder auf (dass Marvel sein Vorkommen in „Thor: Tag der Entscheidung“ lange vorab ankündigte, nimmt seiner Rückkehr ins MCU zusätzlich an Aha-Effekt), seine Ängste und Sorgen bezüglich einer eventuellen Rückverwandlung in den Hulk, die ihn dazu zwingen würde, für immer in dieser Gestalt zu verbleiben, ist lediglich eine Randnotiz. Schon wenig später kehrt dieser nämlich als Hulk zurück, um einen Planeten zu retten, der für ihn – anders als für Thor – keinerlei persönliche Relevanz besitzt.

Text

Um weitaus mehr Relevanz bemüht sich Taika Waititi in der visuellen Gestaltung; „Thor: Tag der Entscheidung“ besitzt definitiv seinen ganz eigenen Look. Die Macher setzen zu einem Großteil auf Effekte aus dem Computer, während sie ihre Figuren in Sets agieren lassen, denen man ihr Set-Dasein schon von Weitem ansieht. An „Thor 3“ fühlt sich nichts echt an; selbst wenn zu Beginn des Films noch suggeriert werden soll, Thor, Loki und ihr Vater Odin (Anthony Hopkins) befänden sich im norwegischen Bergen, gehört die hier stattfindende Verwendung des Greenscreen zu den schlimmsten Trickeffekten des diesjährigen Kinojahres. Davon mag gewiss vieles gewollt sein. Taika Watiti gab an, sich mit seinem Film bewusst am Comiclook des Sechzigerjahre-Zeichners Jack Kirby orientieren zu wollen (die Musik dagegen ist eine Mischung aus einem mehrfach verwendeten Siebzigerjahre-Evergreen sowie einem 80s-Synthiescore), doch an dieser bewusst überhöhten Stilistik, in denen die menschlichen Charaktere zunächst wie fehl am Platz wirken, muss man sich als Zuschauer erst einmal gewöhnen; zumal auch ein „Guardians of the Galaxy“ fremde Galaxien und Welten aus dem Computer auffährt, diese allerdings allesamt deutlich wertiger aussehen. Hinzu setzen gerade im letzten Drittel die Computereffekte eine so markante Duftmarke, dass sich Marvel erstmals einen Vergleich mit den CGI-Orgien eines Zack Snyder gefallen lassen muss. In „Thor: Tag der Entscheidung“ kommen so viele Einflüsse zusammen, dass man sich von der technischen Unwucht des Gezeigten schnell erschlagen fühlen kann. Und so richtig zur Ruhe lässt Waititi seinen Film leider auch nie kommen.

Doch obwohl man den Eindruck bekommt, das MCU bräuchte „Thor: Tag der Entscheidung“ nicht unbedingt, um in sich voranzuschreiten, macht das Wiedersehen mit alten Bekannten wahrlich Laune. Dazu gehören nicht bloß die am Set sichtbar improvisierenden Chris Hemsworth („Ghostbusters“), Mark Buffalo („Foxcatcher“) und Tom Hiddleston („Kong: Skull Island“), sondern vor allem die Neuzugänge. Cate Blanchett gefällt sich spürbar in der überdrehten Rolle der Superschurkin und Tessa Thompson („Creed“) ist als permanent an der Flasche hängende, abgefuckte Valkyrie eine echte Bereicherung für die Crew, die sich in einem sehr witzigen Moment selbst als „The Revengers“ formiert. Ein weiteres Highlight bildet Jeff Goldblum („Independence Day: Wiederkehr“) als exzentrischer Grandmaster, der vollkommen jenseits von Gut und Böse agiert und in seiner manisch-entfesselten Attitüde begeistert. Die Figureninteraktion ist entsprechend makellos und unter diesem Vorwand lässt sich „Thor 3“ dann auch am besten genießen. Gleichermaßen haben andere Filme – von denen eine ihrer Hauptfiguren einen schmucken Cameoauftritt in „Tag der Entscheidung“ absolvieren darf – es einfach schon wesentlich besser hinbekommen, das Spektakel mit den Emotionen zu verbinden.

Jeff Goldblum gibt in „Thor: Tag der Entscheidung“ eine wahrhaft verrückte Performance zum Besten.

Fazit: „Thor: Tag der Entscheidung“ irritiert mit seinem Look und hat deutliche Probleme innerhalb der Geschichte. Um große Emotionen scheint es Taika Waititi nicht zu gehen, weshalb er einfach jeden Anflug davon direkt im Keim erstickt. Dafür setzt der Regisseur einmal mehr sein Gespür für Pointen und Timing unter Beweis. „Thor 3“ ist definitiv der lustigste Marvel-Film innerhalb des Cinematic Universe.

„Thor: Tag der Entscheidung“ ist ab dem 31. Oktober bundesweit in den Kinos zu sehen – auch in 3D!

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