Dark Places: Gefährliche Erinnerung

Mit „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ gelang der Romanautorin nicht nur ein Weltbestseller, sondern auch die Grundlage für den gleichnamigen, herausragenden Thriller von David Fincher, der im vergangenen Jahr zum Kassenschlager wurde. Nun kommt mit DARK PLACES: GEFÄHRLICHE ERINNERUNG der zweite, auf einem Roman von Flynn basierende Film in die Kinos und erweist sich als ambivalentes Unterfangen. Meine Kritik lest Ihr hier.Dark Places - Gefährliche Erinnerung

Der Plot

Libby Day (CharlizeTheron) war erst acht Jahre alt, als der grauenvolle Übergriff auf Ihre Familie stattfand. Als ihre Mutter Patty (Christina Hendricks) und ihre beiden Schwestern dabei umgebracht wurden. Als ihre Zeugenaussage ihren Bruder Ben (Corey Stoll) hinter Gitter brachte. Jetzt, knapp 30 Jahre später, ist aus Libby Day eine selbstbestimmte Frau geworden, deren Leben seinen eigenen Regeln folgt. Doch inzwischen gibt es eine Gruppe von Menschen, die an der Schuld ihres Bruders zweifeln. Libby muss noch einmal ihre Vergangenheit aufrollen: Was hat sie in jener verhängnisvollen Nacht wirklich gesehen? Ihre Erinnerungen bringen sie in Lebensgefahr – so wie damals.

Kritik

Was muss bloß für ein Druck auf den Schultern eines jemanden lassen, der mit seinem Debüt einschlägt wie eine Bombe und diesen Erfolg im Anschluss daran mindestens wiederholen muss, um von der Presse nicht als One-Hit-Wonder bezeichnet zu werden. Zugegeben: „Gone Girl“ stellte für die Schriftstellerin Gillian Flynn wahrlich kein Debüt dar; im Gegenteil. Der im vergangenen Jahr von Regievirtuose David Fincher für die Leinwand adaptierte Thrillerroman war bereits das vierte (von bislang vier) Werken aus der Feder der 1971 geborenen Missourierin, doch ohne das Interesse an US-amerikanischer Crime-Literatur bekam man von Gillian Flynn bislang nur wenig mit. Dies änderte sich mit „Gone Girl – Das perfekte Opfer“, einem Thriller, dem sich ohne Weiteres das Prädikat „einzigartig“ aufdrücken ließ und der Presse und Zuschauer weltweit begeisterte. Flynn lieferte für diesen Erfolg – bei 61 Millionen US-Dollar Budget spielte der Film allein in den USA über 160 Millionen wieder ein – nicht nur die Romanvorlage ab, sondern schrieb auch direkt am Drehbuch mit.

Libby Day (Charlize Theron) besucht ihren Bruder Ben (Corey Stoll) im Gefängns, um die Wahrheit herauszufinden.

Genau dasselbe Prozedere ging auch für „Dark Places“ vonstatten. Auch hier beteiligte sich Flynn am Skript, um den komplexen Inhalt ihres Romans an die Leinwandverhältnisse anzupassen. Doch Gilles Paquet-Brenner („Sarahs Schlüssel“) ist leider kein David Fincher. Der hierzulande bislang relativ unbekannte Franzose ist Genrefans vielleicht durch seinen ambivalent aufgefassten Survival-Horror „Walled In“ bekannt. Dass es sich bei diesem Film jedoch auch um Paquet-Brenners bislang einzige Referenz in diesem Segment handelt, ist seiner übervorsichtigen Inszenierung von „Dark Places“ anzumerken. Sein erster, für den internationalen Markt gedrehter Spielfilm schaut sich wie ein Trainingslauf zu etwas, was noch kommt und offenbart das Potenzial für mehr. Für den Zuschauer bedeutet das allerdings auch, dass er mit „Dark Places“ vor eine echte Geduldsprobe gestellt wird.

Dark Places: Gefährliche Erinnerung

Der Name ist Programm: „Dark Places“ definiert sich tatsächlich vorzugsweise über die sehr düsteren Settings, die den Film in ein melancholisches, bisweilen jedoch auch behäbiges Gewand kleiden. Die Geschichte um Libby und den in ihrer Familie einst stattgefundenen Mordfall ist nicht unspannend. Wie man es von Gillian Flynns Büchern kennt, stecken sie voller Twists und doppelter Böden. Das weiß auch der Regisseur, der den Roman zwar nicht 1:1 auf die Leinwand bringt, auf die wichtigen Turn-Arounds innerhalb des Plots jedoch nicht verzichtet. Er weiß – und das sei an dieser Stelle betont, um bei aller Kritik an der Ausführung die Fähigkeit des Regisseurs nicht infrage zu stellen – ganz genau um die Einzigartigkeit der Geschichte und darum, was es wann und wie hervorzuheben gilt. Doch es ist auch spürbar, dass sich Paquet-Brenner nicht so viel Exzentrik zutraut, wie es etwa David Fincher tat. Während Finchers „Gone Girl“ so wirkte, als hätte er seinen Film filigran um den entscheidenden Wendepunkt herum gebaut (und damit riskiert, dass er seine Wucht auch tatsächlich nur bei erstmaliger Sichtung entfaltet), erweckt „Dark Places“ den Eindruck, sich nicht so recht auf den inhaltlichen Effekt jener Twists verlassen zu wollen. Fast schon zaghaft schreitet das Skript über seine 113 Minuten voran, als müsse es Tretminen fürchten. Der Regisseur, der Flynn beim Drehbuch unter die Arme griff, legt das Hauptaugenmerk folglich auf Interaktion seiner Figuren und viel, viel Dialog. Ganz so, als müsse er sich für die Handlung rechtfertigen.

Für den Zuschauer bedeutet dies, dass sich auf der Leinwand selbst nur wenig abspielt. „Dark Places: Gefährliche Erinnerung“ ist kein Film großer Schauwerte und damit erst recht keiner, der im Kino genossen werden muss. Die meiste Zeit über hängt Barry Ackroyds („Captain Phillips“) Kamera an den Lippen der Protagonisten. Diese gehen von A nach B, vollziehen typische „Krimi-Arbeit“ und gehen bei ihren Ermittlungen überraschend konventionell vor. Das ergibt einen für das Publikum leider recht überraschungsfreien Film, denn trotz interessanter Figuren erweist sich die Szenerie stets als schwer zugänglich. Charlize Theron beweist nach ihrer Performance in „Monster“ ein weiteres Mal Mut zur Hässlichkeit und verkörpert ihre Libby Day als gebrochene Frau ohne den Drang, sich mit ihrem Umfeld zu arrangieren. Das bekommt auch der Zuschauer zu spüren: Es fällt nicht leicht, sich auf die abweisende Frau als Identifikationsfigur einzulassen. Gleichzeitig lässt es sich ihr nicht absprechen, dass ihr Typus als solcher fasziniert. Nicholas Hoult („Mad Max: Fury Road“) erweist sich da als wesentlich einfacher zu durchschauen, bleibt im Gegensatz zu seiner Kollegen allerdings auch deutlich blasser. Als besonders stark erweisen sich sämtliche Szenen mit „House of Cards“-Star Corey Stoll, der den im Gefängnis sitzenden Bruder von Libby verkörpert und eine einnehmende, unnahbare Aura versprüht, von welcher der Film zehrt. Ohne ihn würde es „Dark Places“ vermutlich an jenem Biss fehlen, der das Publikum bei aller Lethargie immer noch dazu animiert, das Geschehen zu verfolgen.

Dark Places: Gefährliche Erinnerung

Auf der Zielgeraden erweist sich „Dark Places: Gefährliche Erinnerung“ somit als ein Film, der sich in wenigen Jahren möglicherweise nur im Zusammenhang mit der Vita des Regisseurs erschließt. Für Gilles Paquet-Brenner könnte sich dieses Experiment eventuell als das erweisen, was vor über 17 Jahren „Following“ für Christopher Nolan war – aus heutiger Sicht eine Randnotiz. Der französische Regisseur hat mit seinem ersten „richtigen“ Thriller viel riskiert und dabei doch nicht genug. Das ist schade, denn in Ansätzen blitzt durch, dass Gillian Flynn auch als Drehbuchautorin weiß Gott keine Eintagsfliege ist. Es bleibt zu hoffen, dass Publikum und Kritiker „Dark Places“ richtig einzuordnen wissen und die noch junge Kino-Karriere der Schriftstellerin nicht beenden, bevor sie richtig angefangen hat. Und Gilles Paquet-Brenner ist es zu gönnen, dass er sich beim nächsten Mal ebenso wenig um Konventionen schert, wie David Fincher und Co.

Fazit: Thrillerfreunde auf der Suche nach dem schnellen Schock sind mit „Dark Places: Gefährliche Erinnerung“ alles andere als gut bedient. Wer jedoch auf der Suche nach einem Regisseur ist, bei dem sich erahnen lässt, was dieser Mann für eine Zukunft vor sich hat, der sollte sich den Film, ob im Kino oder in ein paar Monaten Zuhause, nicht entgehen lassen. Wir sagen: Habt den Mut, über den Tellerrand hinaus zu blicken und diesem Film eine Chance zu geben!

„Dark Places: Gefährliche Erinnerung“ ist ab dem 10. Dezember in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

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