Tron: Ares
Über vierzig Jahre nach dem bahnbrechenden Original kehrt Disney mit TRON: ARES erneut ins digitale Reich zurück – größer, lauter und glänzender als je zuvor. Doch während die Bildschirme heller leuchten und die Bässe härter wummern, stellt sich schnell die Frage: Reicht Hochglanz allein, um der Kultreihe neues Leben einzuhauchen?
Darum geht’s
Dem ehrgeizigen Entwickler Julian Dillinger (Evan Peters) ist es gelungen, Programme in Menschengestalt von der virtuellen in die reale Welt zu transferieren. Hier haben sie zwar nur eine Lebensdauer von einer halben Stunde, trotzdem könnte man sie für verschiedene Zwecke einsetzen. An anderer Stelle werkelt die Wissenschaftlerin Eve Kim (Greta Lee) gemeinsam mit ihrem Freund und Kollegen Seth (Arturo Castro) am sogenannten „Permanent Code“, der es ermöglichen soll, ebenjene virtuelle Objekte dauerhaft ins echte Leben zu holen. Es würde die Welt für immer verändern. Als Dillinger davon Wind bekommt, dass Eve und Seth ein entscheidender Fortschritt gelungen ist, macht er mithilfe einer virtuellen Armee – angeführt von dem Programm Ares (Jared Leto) – Jagd auf Kim. Und schon bald realisiert auch Ares, dass eine lebenslange Existenz deutlich reizvoller ist, als nur eine 30-minütige…
Kritik
Obwohl der erste „Tron“-Film seinerzeit kein großer Kassenerfolg war (bei einem Budget von rund 17 Millionen US-Dollar spielte er gerade einmal 33 Millionen wieder ein), ging das Franchise in vielerlei Punkten trotzdem in die Filmgeschichte ein. Allen voran aufgrund der visuellen Ästhetik, denn Anfang der Achtzigerjahre steckte die CGI-Effekte-Industrie noch in den Kinderschuhen. Trotzdem setzte Regisseur Steven Lisberger auf umfangreichen Computertrick, um die Verschmelzung von virtueller Technologie und haptischen Sets möglichst kreativ umzusetzen. Das beeinflusste später zahlreiche weitere Produktionen: „Matrix“, „Ready Player One“ oder auch „Ralph reicht’s“ seien da nur stellvertretend genannt. Darüber hinaus hat sich um „Tron“ eine kleine, aber eingeschworene Fangemeinde gebildet. Sogar ein eigenes „Tron“-LEGO-Set gibt es, das mittlerweile zu horrenden Preisen im Internet verkauft wird. Als Disney fast drei Jahrzehnte später mit „Tron: Legacy“ eine Fortsetzung in die Kinos brachte, war das Publikum dato schon weitaus mehr CGI-Spektakel gewohnt. Insofern ist es nur konsequent, dass den noch größeren Eindruck – neben der modernen Hochglanzoptik in Kombination mit Nostalgieeinflüssen – der Soundtrack des französischen Electro-Duos Daft Punk hinterließ. Mit 400 Millionen US-Dollar wurde aus „Tron: Legacy“ zwar kein Blockbuster im Marvel-Maßstab, aber ein sehr solides Comeback. Und jetzt – wieder 15 Jahre und eine von der Kritik sehr wohlwollend aufgenommene Animationsserie später – erhebt sich die Reihe erneut und sucht verzweifelt nach einer eigenen Identität.
Es ist schon kurios, dass „Tron“ aller Pionierarbeit zum Trotz einst nicht für den Effekte-Oscar nominiert wurde. Damals betrachtete die Academy den Einsatz von Computern als „Cheating“. Heutzutage kommt kaum mehr ein Film ohne CGI aus, was es einem Film wie „Tron: Ares“ deutlich schwerer macht, sich im visuell ohnehin oft überladenden Blockbusterkino hervorzutun. Und auch die Idee, sich mit Avataren in einer virtuellen Welt zu bewegen – überhaupt die Ausgestaltung einer virtuellen Welt als eigener „Lebensraum“ – ist heutzutage einfach nicht mehr neu. Audiovisuell muss der Film also schon richtig was reißen, um Eindruck zu hinterlassen. Und tatsächlich liegen die größten Argumente für einen Ticketkauf für „Tron: Ares“ bei Optik und Sound. Daft Punk wurden von Nine Inch Nails beerbt, deren Gründer, Sänger, Songwriter und Produzenten Trent Reznor und Atticus Ross („Gone Girl – Das perfekte Opfer“) sich längst in der Filmbranche etabliert haben. Für „Tron: Ares“ wandeln sie auf den Spuren ihrer französischen Vorgänger und lassen die Lautsprecher im Kinosaal ordentlich scheppern. Kaum eine Filmszene kommt ohne die wummernden Bässe und zweifelsohne eingängigen Melodien der beiden Komponisten aus, was maßgeblich zur Filmatmosphäre und zum Tempo beiträgt. „Tron: Ares“ könnte ebenso gut ein zweistündiges Musikvideo sein; Auch die durchgestylte Optik zahlt auf diesen Eindruck ein.
„Für ‚Tron: Ares‘ wandeln Nine Inch Nails auf den Spuren von Daft Punk und lassen die Lautsprecher im Kinosaal ordentlich scheppern. Kaum eine Filmszene kommt ohne die Bässe und eingängigen Melodien der beiden Komponisten aus, was maßgeblich zur Filmatmosphäre und zum Tempo beiträgt.“
Kameramann Jeff Cronenweth („Verblendung“) gelingt es gut, die durch und durch digitale Ästhetik des Films auch in die reale Welt zu übertragen. Ein Großteil von „Tron: Ares“ spielt nämlich nicht in der virtuellen Realität, sondern im Hier und Jetzt. Immer wieder kommt es an echten Sets zu Verschmelzungen virtueller und haptischer Elemente. Etwa wenn die mittlerweile legendären Lightcycles – die im Film zu sehenden Fahrzeuge sind extra angefertigte Modelle, die später mit CGI-Layern überzogen wurden – durch die Straßen von Vancouver brettern. Gerade in Kombination mit der Musik ist das hier ohne Zweifel die stärkste Szene des Films. Insbesondere weil sie auch komplett für sich allein funktioniert. Die Regeln sind klar definiert: Zwei (vermeintlich) Böse jagen die Gute, die mit einem ganz normalen Motorrad vor ihren Verfolger:innen flieht und sich dabei manch cleverem Trick bedient, um ebenjene auszuschalten. Darüber hinaus haben die Widersacher die Zeit im Nacken, denn die aus der virtuellen Welt in die Realität transferierten Programme haben nur eine Lebensdauer von einer halben Stunde. In solchen (selbsterklärenden) Szenen ist „Tron: Ares“ beeindruckend – und am besten. Doch leider hat der stilsichere Regisseur Joachim Rønning („Pirates of the Carribean – Salazars Rache“) nicht das beste Skript auf seiner Seite.

Das Programm Ares (Jared Leto) sucht nach einer Möglichkeit, als permanentes Wesen in der Realität zu existieren.
Drehbuchautor Jesse Wigutow („Daredevil: Born Again“) schafft es kaum, „Tron: Ares“ auch abseits seiner Style over Substance-Mentalität zu einem überzeugenden Unterfangen zu machen. Dabei ist die Prämisse so simpel, dass man sich eigentlich schon wieder drauf einlassen könnte: Das titelgebende Programm Ares begibt sich in der realen Welt auf die Suche nach einer Möglichkeit, fortan nicht mehr nur eine 30-minütige Lebensdauer zu besitzen, sondern permanent in der Realität zu existieren. Ein Wunsch, dem diverse weitere Programme hinterher sind, vor allem aber der größenwahnsinnige Entwickler Julian Dillinger, der es auf den von der Wissenschaftlerin Eve Kim entwickelten „Permanent Code“ abgesehen hat. Das Objekt der Begierde ist somit klar definiert. Ebenso die einzelnen Allianzen. Doch dem visuellen Rausch muss die Substanz in der Geschichte hintenanstehen, denn für die Belange der Figuren interessiert man sich hier kaum. Dass Jared Letos („Suicide Squad“) Ares als weitestgehend emotionslos bleibendes Programm abseits seiner praktisch veranlagten Motivation keine eigene Identität hat, ist noch verschmerzbar. Doch leider bleiben auch die Menschen in „Tron: Ares“ allein auf ihre Funktionalität beschränkt. Etwas, was auch die allesamt soliden, aber nie über das Nötigste hinausgehenden Schauspielleistungen widerspiegeln.
„So völlig ohne emotionale Tiefe werden dann auch die viel zu langen 119 Filmminuten irgendwann zur Geduldsprobe. Erst recht, wenn es im finalen Drittel dann doch mal ruhiger wird, also auch der Sound nicht mehr so ballert, wie man es zuvor noch so genießen konnte.“
Emotional involviert ist man in „Tron: Ares“ nie. Stattdessen rauscht das Geschehen – im wahrsten Sinne des Wortes – einfach weitestgehend gefühllos an einem vorbei. So völlig ohne emotionale Tiefe werden dann auch die viel zu langen 119 Filmminuten irgendwann zur Geduldsprobe. Erst recht, wenn es im finalen Drittel dann doch mal ruhiger wird, also auch der Sound nicht mehr so ballert, wie man es zuvor noch so genießen konnte. Immerhin unternimmt das Skript mit diversen Expositionsdialogen alles, damit man als Zuschauer:in bloß nie Gefahr läuft, dem Geschehen nicht mehr folgen zu können. Eine Unart des modernen Kinos; Erst recht, weil es im Falle von „Tron: Ares“ aufgrund seiner klaren Erzähllinie nie wirklich nötig ist. Der Schlussfight überzeugt dann immerhin wieder mit der Reduktion auf das Notwendigste. Und auch Nostalgie-Sucker kommen bei einem kurzen Auftritt von Jeff Bridges als Kevin Flynn nochmal auf ihre Kosten. Doch all das genügt nicht, um „Tron: Ares“ einen ähnlichen Stellenwert in der Filmgeschichte zuzutrauen, wie dem ersten Film aus den Achtzigerjahren. Immerhin der Soundtrack, der dürfte man manch einem nach dem Kinobesuch rauf- und runterlaufen.
Fazit: „Tron: Ares“ führt die Sci-Fi-Reihe mit viel Stil, aber wenig Seele fort. Der Film beeindruckt mit spektakulären Bildern, dynamischen Actionszenen und einem wuchtigen Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross. Hinter der glänzenden Oberfläche fehlt jedoch jede emotionale Tiefe – die Figuren bleiben blass, das Drehbuch austauschbar.
„Tron: Ares“ ist ab dem 9. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



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