Saw: Spiral

Der Jigsaw-Killer John Kramer ist für den neuesten „Saw“-Film SAW: SPIRAL zwar nicht von den Toten auferstanden, doch auch der Trittbrettfahrer, den Chris Rock und sein Partner vergeblich zu fangen versuchen, sorgt in der Wiederbelebung einer längst totgerittenen Reihe für Grauen und Gänsehaut. Mit Erfolg. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Spiral: From the Book of Saw (CAN/USA 2021)

Der Plot

Der abgebrühte Detective Ezekiel „Zeke“ Banks (Chris Rock) und sein noch unerfahrener Partner William Schenk (Max Minghella) untersuchen eine Anzahl abscheulicher Morde, die auf unheimliche Weise an die grausame Vergangenheit der Stadt erinnern. Unterstützt werden die beiden Detectives von Marcus Banks (Samuel L. Jackson), einem angesehenen Polizeiveteranen und Vater von Zeke. Ohne es zu ahnen, wird Zeke immer tiefer in das mörderische Geheimnis hineingezogen und findet sich plötzlich im Zentrum des morbiden Spiels eines bestialischen Killers wieder.

Kritik

Seit „Saw: Spiral“ in den USA (bislang) rund 27 Millionen Dollar eingespielt hat, gehört das nunmehr neun Teile umfassende „Saw“-Franchise zu den erfolgreichsten Horrorfilmreihen aller Zeiten. Eine Milliarde Dollar haben die das Subgenre des Torture Porn begründeten Filme bis heute eingespielt. Das ist im Horrorkino bisher nur vier weiteren Reihen gelungen: „Alien“, „Resident Evil“, der „Es“-Neuauflage, die zudem den aktuell erfolgreichsten Horror-Einzelfilm der Kinogeschichte stellt, und James Wans „Conjuring“-Reihe. Der im Original ein wenig kryptischer „Spiral: From the Book of Saw“ betitelte Film lieferte sich in den Vereinigten Staaten, wo der Film immerhin drei Wochen exklusiv in die Lichtspielhäuser kam, bevor er nun auch als Premium-VOD-Titel zum Download erhältlich ist, ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem nur wenige Tage später erschienenen, neuesten Teil der „The Fast & The Furious“-Saga. Und die Tatsache, dass es dem Folterfilm gelingen konnte, sich trotz dieser Konkurrenz an der Spitze der Kinocharts zu platzieren, zeigt: Offenbar war die Idee, der Reihe einen neuen Anstrich zu verpassen, genau richtig, denn die Menschen haben noch immer Bock darauf. Nach dem völlig missratenen „Jigsaw“, mit dem man bereits 2017 versuchte, das nach sieben Teilen (eigentlich) totgerittene Franchise noch einmal wiederzubeleben, wagte sich der normalerweise eher für seine lustigen Rollen bekannte Comedian und bekennender „Saw“-Fan Chris Rock („Dolemite is my Name“) gemeinsam mit dem „Saw“-erprobten Regisseur Darren Lynn Bousman (inszenierte bereits den zweiten, dritten und vierten Teil der Reihe) daran, das Franchise aus seiner Versenkung herauszuholen. War „Jigsaw“ vor allem deshalb so schlecht, weil der Wunsch nach einer Neuausrichtung zwar durchschien, aber offenbar keine am Projekt beteiligte Person so richtig wusste, wie ebendiese eigentlich aussehen soll, stellt Rock die Weichen sichtbar um und macht aus der dreckigen, mit B-Movie-Attitüde versehenen Filmreihe einen Horrorfilm mit deutlich hochwertigerem Production-Value und Thriller-Schwerpunkt, ohne dabei außer Acht zu lassen, weswegen sich die Reihe ihren berühmt-berüchtigten Kultstatus verdiente: durch ausgeklügelte, faszinierend-widerwärtige Folterfallen.

Detective Zeke Banks (Chris Rock, links) und Detective William Schenk (Max Minghella, rechts) am blutigen Tatort.

Es ist kein Geheimnis, dass das Erfolgskonzept des 2004 erschienenen „Saw“-Auftakts, basierend auf James Wans gleichnamigem Kurzfilm, ursprünglich gar nicht so viel mit dem zu tun hatte, zu dem sich die Reihe über die Jahre entwickelte. Der gerade einmal 1,2 Millionen (!) US-Dollar teure Film punktete mit einer minimalistischen Prämisse, die in ihrer Perfidität an David Finchers „Sieben“ zu erinnern wusste: Zwei mit Eisenketten an die Wände gekettete Männer erwachen in einem versifften Badezimmer, in ihrer Mitte liegt eine Leiche. Sie können sich nur aus dieser misslichen Lage befreien, wenn sie sich mit einer rostigen Säge ihren eigenen Fuß abtrennen. Parallel zu diesem Kammerspielszenario erzählte „Saw“ außerdem in Rückblenden die Leben der beiden Hauptfiguren und die Beweggründe dafür nach, weshalb der später als „Jigsaw-Killer“ bekannte John Kramer seine Opfer lieber in (in der Realität vermutlich extrem teuren) Folterapparaturen zu Tode foltert respektive ihnen einen schier unmöglichen Ausweg ermöglicht, indem sich seine Opfer selbst verstümmeln, anstatt sie einfach zu erschießen. In den Teilen zwei bis sieben rückte die per se ziemlich niederschmetternde Geschichte rund um John Kramer zunehmend in den Hintergrund, während seine Todesapparaturen zum Markenzeichen der Reihe wurden. Man ging nicht (mehr) ins Kino, um einem ausgeklügelten Crime-Plot zu folgen, sondern um sich anzuschauen, was sich die Regisseure – von James Wan über Darren Lynn Bousman bis hin zu David Hackl – denn diesmal für perverse Ideen ausgedacht haben, um ihre Schauspielerinnen und Schauspieler möglichst effektvoll zu quälen. So viel sei verraten: Für die Folter-Purist:innen gibt’s in „Saw: Spiral“ auch wieder Einiges zu entdecken. Die Liebhaber:innen der ursprünglichen Filmausrichtung kommen derweil ebenfalls auf ihre Kosten, auch wenn die Atmosphäre diesmal eine gänzlich andere ist.

„Für die Folter-Purist:innen gibt’s in „Saw: Spiral“ auch wieder Einiges zu entdecken. Die Liebhaber:innen der ursprünglichen Filmausrichtung kommen derweil ebenfalls auf ihre Kosten, auch wenn die Atmosphäre diesmal eine gänzlich andere ist.“

Sorgen um eine Verharmlosung des Ganzen muss man sich derweil nicht machen. Zwar schlüpfte Chris Rock nicht bloß in die Rolle des Produzenten und schrieb am Skript mit, sondern verkörpert auch – im positiven Sinne an der Grenze zur Karikatur – die Hauptfigur des wie wahnsinnig nach dem Jigsaw-Trittbrettfahrer suchenden Detectives Zeke Banks. Auch die im Vorfeld durch den (Trailer-)Auftritt von Samuel L. Jackson („Avengers: Endgame“) angeheizte Vermutung, „Saw: Spiral“ käme mit einem verwässernden Augenzwinkern daher, bestätigt das Endergebnis nicht. Trotzdem verlassen die Drehbuchautoren Josh Stolberg und Pete Goldfinger (schrieben schon das Skript zu „Jigsaw“) das grimmig-pessimistische Thriller-Terrain à la „Sieben“ und setzen stattdessen auf eine weitaus weniger bedeutungsschwangere (und dadurch nicht selten sogar kurzweiligere) Atmosphäre. In „Saw: Spiral“ wird viel geflucht und gepöbelt; Und das – ausnahmsweise – mal nicht von Samuel L. Jackson, sondern in erster Linie von Chris Rock, dessen eiserner Wille, den Killer zu finden, maßgeblich für das hohe Filmtempo verantwortlich ist. Rocks Zeke verliert während der Ermittlungen keine Zeit. Fast jede Szene offenbart irgendeinen neuen Ansatz oder Hinweis. Wenn nicht gerade ein weiteres „Geschenk“ des Killers auf dem Revier eintrifft, sehen wir, wie eine andere Person dem Folterer – im wahrsten Sinne des Wortes – in die Falle tappt. All das hat zur Folge, dass „Saw: Spiral“ völlig ohne Leerlauf daherkommt. Gleichwohl ist das (ohne Abspann) noch nicht einmal 90 Minuten lange Happening aber auch bis oben hin vollgestopft mit Eindrücken; Zwischendurch wünscht man sich fast, einfach mal für ein paar Minuten durchschnaufen zu können, um die vielen Indizien zu sortieren. Und doch benötigt man sie eigentlich nicht, denn auch ohne die Möglichkeit, seine Gedanken zu ordnen, liegt die Auflösung hinter „Saw: Spiral“ nach rund der Hälfte des Films klar auf der Hand, da die Autoren ebendiese ein wenig zu offensichtlich vorbereiten. Vorteil: Die Beweggründe des Killers lassen sich so überraschend klar nachvollziehen, die Auflösung kommt somit nicht völlig aus dem Nichts oder wirkt an den Haaren herbeigezogen (das Problem vieler „Saw“-Vorgänger). Der offensichtliche Nachteil: der Twist-Effekt bleibt aus.

Eindeutige Hinweise für Detective Zeke Banks und seine Kolleg:innen.

Um auch auf inszenatorischer Ebene zu verhindern, dass „Saw: Spiral“ allzu sehr wie ein verweichlichter Krimi daherkommt, setzt Darren Lynn Bousman immer wieder auf altbewährte „Saw“-Mechanismen. Zwar spielt sich ein Großteil der Handlung im Hellen ab; das Polizeirevier ist stets massiv ausgeleuchtet, nur selten erinnert die Visualität von „Saw: Spiral“ daran, dass wir es hier eigentlich mit einem knallharten Horrorthriller zu tun haben. Doch die insgesamt vier Todesfallen erhalten dennoch ihre dem Franchise entsprechende Würdigung. Wenngleich alles insgesamt ein wenig hochwertiger ausschaut, sorgen der Kameramann Jordan Oram, Editor Dev Singh (arbeiteten beide bereits an „Cinema of Sleep“ zusammen) und Komponist Charlie Clouser (Schöpfer des legendären „Saw“-Themes „Hello Zepp“) hier für den typisch „‘Saw‘-Look“. In einem irren Tempo und unter einer kreischenden Tonspur wechseln sich Close-Ups von der detaillierten Fallenfunktion, Aufnahmen des „Gesamtkunstwerks“ und Bilder von den angst- und schmerzverzerrten Gesichtern der Opfer ab. Und nach der bekannten „Ich möchte ein Spiel spielen!“-Anleitung geht’s los. Da werden Finger abgerissen und bei lebendigem Leib Zungen entfernt. Doch die makaberste Szene ist überraschenderweise eine, bei der ein sich vor Schmerzen windender Körper sowie die dazugehörigen Qualschreie fehlen. Es genügen die sich in den Kopf einbrennenden Überreste der Leiche sowie die Sekundenbruchteile von Flashbacks, in denen wir sehen, was zuvor mit genau dieser angestellt wurde, um für noch mehr Unbehagen zu sorgen als die zweifelsohne originellen Fallen, die wir in Aktion erleben dürfen. Trotz alledem hinterlässt der verstärkte Einsatz von Computereffekten einen leicht faden Beigeschmack: So effektiv das Blut und die Eingeweide spritzen und in Nahaufnahme Gliedmaßen abgetrennt werden (die FSK-Freigabe ab 18 ist hier genau richtig!): Die ausschließlich haptischen Todesfallen der Vorgänger hatten einfach ein wenig mehr Charme, sodass die Schmerzen ihrer Opfer beim Zuschauen noch mehr durch Mark und Bein gingen.

„Nur selten erinnert die Visualität von „Saw: Spiral“ daran, dass wir es hier eigentlich mit einem knallharten Horrorthriller zu tun haben. Doch die insgesamt vier Todesfallen erhalten dennoch ihre dem Franchise entsprechende Würdigung.“

Aller Vorhersehbarkeit der Auflösung zum Trotz: Sehr wohl durch Mark und Bein geht der Schlussakkord. Die zuvor immer wieder angedeutete Gesellschaftskritik, die sich allen voran mit den (rassistischen) Strukturen der US-amerikanischen Polizei befasst, findet hier zu ihrer Formvollendung. Subtil ist das nicht, aber es verleiht dem Anliegen der Filmemacher einen ungeheuren Nachdruck; Erst recht, weil „Saw: Spiral“ – getreu den Vorgängern – auf eine Katharsis verzichtet. Der neueste „Saw“-Film hinterlässt sein Publikum angemessen frustriert. Und das passt einfach derart gut zur Gesamtthematik, dass man aller Qualität zum Trotz nur hoffen kann, dass es keine Fortsetzung geben wird, die den Knalleffekt der Schlusssequenz zunichtemachen könnte.

Fazit: Darren Lynn Bousman zeigt, wie die Neuausrichtung einer Reihe funktioniert: Sein „Saw: Spiral“ besitzt genügend Anleihen an den Ursprung des Franchises, um klar als „Saw“-Film zu funktionieren, verhindert durch seinen tonal längst nicht mehr so pessimistischen, dennoch nicht verweichlichten Tonfall jedoch das Gefühl vom „More of the Same“. Der vorherrschende Digitallook und die brutalen Mechanismen der Folterfallen passen nicht immer zusammen. Bislang überzeugte die Reihe vor allem aufgrund ihrer dreckigen Abartigkeit. Doch im Großen und Ganzen ist dieses inhaltlich recht vorhersehbare Comeback geglückt. Nicht nur aufgrund von Chris Rocks dem Film angemessener Over-the-Top-Performance, sondern auch dank des starken Schlussakkords.

„Saw: Spiral“ ist ab dem 9. September in den deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

  • Michael Füting

    Was mir auffällt: ca. 2/3 aller Filme, die das geschätzte WESSELS-Portal bespricht, sind Horror-, Action-& Thriller-Filme. In diesen Zeiten der allgemeinen Ängste! Wie phantasielos & dumm sind die Produzenten der großen Companies in ihrer Gier eigentlich? Wären jetzt nicht doch mal andere Genres angesagt? Z.B. realistische Dramen und tiefer gehende Komödien im Shakespeare-Sinne? Ich finde auch Filmkritiker könnten sich mal allgemein zur, wie nennen wir’s, Filmpolitik äußern…

  • Chris Rock ist ein ganz schlechter Schauspieler er hat jedenfalls für mich sogar die Fargo Reihe an die Wand gefahren.In Spiral ist es nicht besser und seine Deutsche Stimme kann ich auch nicht ab

Und was sagst Du dazu?